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Oken: Gesammelte Werke in vier Bänden

Lorenz Oken:
Gesammelte Werke in vier Bänden


Der Naturphilosoph, Naturforscher, Zeitschriftenherausgeber, Wissenschaftspolitiker und Hochschullehrer Lorenz Oken ist eine der zentralen Gestalten der Kultur und Wissenschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts. Mit seinen naturphilosophischen Schriften steht er in direkter Nachfolge Schellings, von dessen Position er sich allerdings in der Durchführung weit entfernt. Mit seinen empirischen Arbeiten im Bereich der vergleichenden Physiologie und Anatomie sowie seinen naturgeschichtlichen Systematisierungsversuchen zielte er auf die methodischen und inhaltlichen Grundlagen einer beschreibendklassifizierenden Naturforschung. Mit der von ihm herausgegebenen enzyklopädischen Zeitschrift Isis schuf er ein einzigartiges, die Entwicklung von Naturforschung und Politik reflektierendes Organ für die kulturpolitisch interessierte Öffentlichkeit. Und mit der von ihm initiierten „Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte“ gründete er schließlich eine bis heute bestehende interdisziplinäre Dachorganisation für den Austausch wissenschaftlicher Forschungsergebnisse.

Eine in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts erschienene einbändige Ausgabe blieb bislang die einzige Edition einiger Schriften, kann nicht als repräsentativ für sein Schaffen angesehen werden. Wer sich mit Oken beschäftigen will, muss nach wie vor die Originalausgaben seiner Schriften einsehen, und die sind in kaum einer Bibliothek vollständig verfügbar.

Diesem Missstand will nun eine neue, auf vier Bände geplante Ausgabe „Gesammelte Werke“ abhelfen, die Thomas Bach, Olaf Breidbach und Dietrich von Engelhardt im Hermann Böhlau Verlag, Weimar, herausgeben. Es handelt sich dabei jedoch nicht um eine historischkritische Ausgabe: es werden keine Textverderbnisse angezeigt, Orthographie und Zeichensetzung des Erstdruckes werden unverändert übernommen. Dagegen bietet die Ausgabe einen korrekten bibliographischen Nachweis der von Oken zitierten Literatur.

Band 1, Frühe Schriften zur Naturphilosophie (510 S., kt., € 99.95, 2007), enthält sämt¬liche bis 1808 erschienenen einzelwissenschaftlichen Analysen und philosophischprogrammatische Schriften. Band 2, Schriften zur Naturphilosophie und Politik (400 S., Ln., € 99.95, 2007), präsentiert Okens zentrale systematische naturphilosophische Arbeit nach dem Text der Erstausgabe Jena 18091811. Der dritte Band, Schriften zur Naturforschung und Politik (400 S., Ln., € 99.95, 2008), enthält die UniversitätsProgramme sowie in chronologischer Reihenfolge eine Auswahl politischer Arbeiten, ergänzt um einige wichtige zeitgleich erschienene naturgeschichtliche und naturphilosophische Studien, nicht zuletzt aus der Iris. Der vierte Band, Naturgeschichte für Schulen (400 S., Ln. € 99.95, 2009), bietet das erste abgeschlossene System der Naturgeschichte, das Oken als Unterrichtswerk für das Gymnasium konzipierte und mit dem er versuchte, seine Naturgeschichte zu popularisieren.
Das fünfbändige „Lehrbuch der Naturgeschichte“ und die dreizehnbändige Allgemeine Naturgeschichte für alle Stände waren zu umfangreich und fanden deshalb keine Berücksichtigung.

Lorenz Oken (eigentlich Okenfuß) wurde am 1. August 1779 in der Nähe von Offenburg (Baden) geboren. In Freiburg studierte er Medizin. Bereits während seiner Studienzeit arbeitete er an einem Grundriss der Naturphilosophie. 1803 ließ er die Übersicht des Grundrisses des Sistems der Naturfilosofie drucken, in der Absicht, das Publikum bereits vor Erscheinen des Grundrisses mit seinem System bekannt zu machen. 1804 wechselte Oken zur Fortsetzung seiner Studien nach Würzburg. Dort hörte er die Vorlesungen des Physiologen Ignaz Döllinger über Physiologie und Mineralogie sowie die Vorlesungen Schellings über das „System der gesammten theoretischen (Natur) und praktischen Philosophie“. Noch in Würzburg schloss Oken seine entwicklungsgeschichtliche Schrift Die Zeugung ab. Auf Anregung Schellings, mit dem er sich in Würzburg angefreundet hatte, wechselte er 1805 nach Göttingen, wo er sich mit dieser Schrift habilitierte. Er nahm nun eine außerordentliche Professur für Medizin in Jena an. Seine Wirbeltheorie des Schädels führte zu einem Prioritätsstreit mit Goethe. 1812 erhielt Oken eine Honorarprofessur für Philosophie, die mit der Erlaubnis verbunden war, sich Professor der Naturgeschichte zu nennen. Neben kleineren Universitätsprogrammen erschienen nun die genannten Lehrbücher zur Naturgeschichte, ab 1817 gab Oken zudem die Zeitschrift Iris heraus. Die dort eingerückte Berichterstattung über die Geschehnisse auf dem Wartburgfest führten 1817 zum Verlust seiner Professur. Denn vor die Wahl gestellt, entweder seine Professur oder die Herausgabe der Iris niederzulegen, entschied sich Oken für die Fortführung seiner Zeitschrift. Es folgten nun Aufenthalte in München, Paris und Basel, wo Oken auch Vorlesungen hielt. Ab 1822 lebte Oken wieder in Jena als Privatgelehrter. 1833 wurde er als Professor für Allgemeine Naturgeschichte, Natur¬philosophie und Physiologie an die neugegründete Universität Zürich berufen. Am 11. August 1851 verstarb Oken in Zürich an einer Bauchfellentzündung.

Wie die Herausgeber in der Einführung darstellen, verband Oken empirische Naturbeob¬achtung und deduktiv operierende Naturphilosophie mit den aus dem 18. Jahrhundert tradierten Ordnungsmustern der Naturforschung. Sein auf diese Weise entwickeltes Konzept einer naturphilosophisch fundierten Naturgeschichte wirkte in den Biowissenschaften bis in das 20. Jahrhundert fort. In seiner philosophischen Konzeption folgte Oken der Naturphilosophie Schellings. Aber anders als dieser entwickelte er ein ausgefeiltes Klassifikationssystem der Mineralogie, Botanik und Zoologie, das zwar auf Schellings Prinzipien beruhte, aber auch noch weiter zurückweichende Traditionen einer deduktiv verfahrenden Naturforschung sowie detaillierte empirische Naturbeobachtungen einbezog. Oken baute also nicht einfach den von Schelling vorgetragenen Schematismus einer Klassifikation des Naturalen aus, sondern er explizierte und konkretisierte die aus diesem Schematismus folgende Klassifikation im Bereich der Wissenschaften selbst. Oken steht damit für eine Synthese, welche die Naturphilosophie nicht als Spekulation außerhalb einer Naturforschung, sondern vielmehr als eine Wissenschaftswissenschaft begreift, die dem Naturforscher die Kriterien zur Systematisierung des Naturalen an die Hand gibt. Naturphilosophie ist für ihn folglich auch Naturwissenschaft; und Naturwissenschaft, die nicht nur Einzelfunde sammelt, sondern auch in einen Kontext setzen will, ist Naturphilosophie. Oken plädierte für eine stärkere Aufnahme der Naturwissenschaften in den schulischen Unterricht und einen naturwissenschaftlich bestimmten Bildungsbegriff. Seine Naturgeschichte war entsprechend nicht nur für den fachlichuniversitären Bereich bestimmt, sondern mit seiner Allgemeinen Naturgeschichte für alle Stände legte er ein explizit populär angelegtes Werk vor, in dessen Nachfolge noch Brehms in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erschienenes Thierleben steht. Dabei sind die mit der Einführung einer deutschen naturgeschichtlichen Nomenklatur verbundenen Sprachschöpfungen und Sprachadaptionen Okens (Quallen, Kerfe, Lurche u. a.) sichtbares Zeichen für sein Bemühen, die Naturgeschichte auch auf der Sprachebene zu präsentieren und zu popularisieren.

Oken interpretierte die Formvielfalt des Lebendigen als Stufen innerhalb einer umfassenden Naturmetamorphose. Diese unterschiedlichen Naturformen sind insofern realisierte Möglichkeiten der Natur, die in der Gestalt des Menschen ihre letztgültige Form gefunden hat. Die Anatomie des Menschen gibt die Richtlinien für die vergleichende Systematik der Natur, die verschiedenen Naturformen werden nicht als je eigene, sondern in Bezug auf die im Menschen zu einem Ganzen vereinten Organe verstanden: der Bau der Natur und der Bau des Menschen sind analog. Damit greift Oken auf das alte Konzept einer MikroMakrokosmosVorstellung zurück, der zufolge die Struktur der Welt in Analogie zu dem höchst denkbaren Prinzip des in ihr Möglichen zu beschreiben ist. Die Systematisierung der Formenvielfalt des Lebendigen beruht dabei auf einer Analyse von Symmetriemustern, in denen Oken Strukturwiederholungen zu erfassen sucht. Den Bau der einzelnen Organismen begreift er als Variation eben dieser Grundmuster. Methodischer Ansatz seiner Natursystematisierung ist somit die konsequente Analogisierung verschiedener Gestalten. Die zwischen ihnen bestehenden Analogien werden zunächst als Ähnlichkeiten dargestellt und dann als Ähnlichkeitsabstufungen identifiziert. Auf diese Weise werden Ähnlichkeitsreihen rekonstruiert, in denen sich für Oken der Metamorphoseprozess der Natur darstellt. Und dieser gibt Auskunft über die wahre Ordnung der Dinge. Die aufgefundenen Kriterien beschreiben die Natur also nicht bloß taxonomisch, sondern Oken erhebt den Anspruch, in der so gefundenen Ordnung der Natur eine substantielle Darstellung der Struktur des Naturalen selbst aufgewiesen zu haben. Die Vielfalt der Naturformen erscheint dabei ähnlich wie bei Schelling als Resultat eines sich fortlaufend aus sich heraus entfaltenden Prozesses.

An Okens Werk scheiden sich noch heute die Geister. Wie schon seine Biographie zeigt, stieß er schon bei Lebzeiten nicht nur auf Zustimmung, sondern auch auf Ablehnung. Begeistert von dem Werk war Carl Gustav Carus: „Mit großen gewaltigen Zügen wagte er es zuerst in die chaotische Mannichfaltigkeit von Natur, Formen und Thatsachen einen einzigen Mittelpunkt, ein einziges neues belebendes Princip einzuführen, und dies Princip war das genetische, das Princip der Entwicklung.“




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