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Eva-Maria Engelen:
Was leisten Gefühle und Emotionen für das Denken?

Vertrauen als erkenntnistheoretische Grundlage

Das‚theoretisches Subjekt’ der Erkenntnistheorie ist eine Bedingung, die gegeben sein muss, damit Erkenntnis möglich ist. Bei Kant ist das das formale, logische Subjekt der Erkenntnis, das nichts Empirisches an sich haben darf, weil wir an allem Empirischen zweifeln könnten und damit eben gerade keine Erkenntnissicherheit gewährt werden könnte. Fragen nach Erkenntnisbedingungen oder Erkenntnisgrundlagen sind daher immer Fragen nach den unhintergehbaren Bedingungen und Voraussetzungen für die Möglichkeit von Erkenntnis und damit verbunden auch von Kritik. Ohne diese Grundlagen wären Denken und Erkennen gar nicht möglich. Dazu gehören an erster Stelle auch begriffliche Notwendigkeiten der Art „Wasser ist H2O“.

Der Skeptiker beginnt seine Arbeit damit, solche Grundlagen auf ihre Gültigkeit hin zu hinterfragen. Aber auch er benötigt gewisse Grundlagen, um skeptische Fragen stellen zu können. Genau diese Grundlagen, die er selbst benötigt, um seinen Zweifel zu äußern, kann er nicht seinerseits wieder hinterfragen. Er muss auf sie vertrauen, wenn er seine Zweifel überhaupt äußern können möchte. Das bedeutet, dass die Grundlagen, die der Skeptiker benötigt, um seine Skepsis zu äußern, zu den erkenntnistheoretischen Grundlagen des Subjekts gehören, die benötigt werden, damit Erkenntnis möglich ist – und das gehört eben auch das Vertrauen, das benötigt wird, um Zweifel sowie Kritik äußern zu können. (Wittgenstein 1990, Nr. 150; Engelen 2003, S. 140 ff. u. 184 ff.)

Welches sind die Grundlagen, auf die ein Skeptiker – der etwa an der Existenz der Welt zweifelt – vertrauen muss, damit er seinen Zweifel überhaupt formulieren kann? Er muss zum Beispiel darauf vertrauen, dass sich sein Zweifel verständlich formulieren lässt. Damit muss er auch darauf vertrauen, dass die Sprache, mit der er seinen Zweifel formuliert, Sinn oder Bedeutung hat. Ohne solche Annahmen kann er seinen Zweifel nicht formulieren und da er sie nicht weiter hinterfragen, bezweifeln oder begründen kann, muss er auf sie vertrauen. Aber auch um Sätze wie „Wasser ist H2O“ sinnvoll anzuzweifeln, bedürfte es mehr als eines bloßen Zweifels, nämlich einer anderen Theorie der Chemie, die es ermöglichte, den Zweifel daran, dass Wasser H2O ist, sinnvoll zu formulieren.

Man benötigt also Vertrauen, um den Prozess des Zweifelns, aber auch den des Begründens beginnen zu können. Und mit diesem ‚man’ ist auch das erkenntnistheoretische Subjekt als Teil des theoretischen Modells für Erkenntnismöglichkeit gemeint. Nun gehört Vertrauen aber nicht zur logischen Einheit oder Funktion als die das transzendentale Subjekt beispielsweise von Kant beschrieben wird. Ein solches Subjekt empfindet kein Vertrauen, es ist keine Instanz, die irgendetwas empfindet. Diese gefühlsmäßige oder emotive Haltung scheint allein ein empirisches Subjekt einnehmen zu können. Nun entspricht es aber der cartesischen Tradition, dass alles, was empirisch erfahren wird, auch angezweifelt werden kann, weil man sich darüber täuschen könnte.

Die von Descartes ein- und von Kant fortgeführte strikte Trennung zwischen den theoretischen Bedingungen des Erkennens und der irrtumsanfälligen empirischen Wirklichkeit ist hinsichtlich des erkennenden Subjektes daher partiell aufzuheben. Das Moment des empirischen, also der Erfahrung, erhält eine Bedeutung, die es in klassischen erkenntnistheoretischen Überlegungen nicht hat. Im Gegenteil, dort besteht das Bestreben genau darin, die Erkenntnisgrundlagen von empirischen Elementen rein zu halten, um Irrtumsquellen auszuschließen. Daher wird dort auch ausschließlich nach der Unausweichlichkeit der erkenntnistheoretischen Begriffe gefragt.

Da ‚Vertrauen’ in die Grundlagen, die wir benötigen, um unsere Zweifel und Kritik formulieren zu können, weil wir sie nicht weiter hinterfragen können und daher auf sie vertrauen müssen, aber einen emotiven und keinen rein logischen Charakter hat, können die erkenntnistheoretischen Grundüberlegungen nicht auf der Ebene rein theoretischer Überlegungen und Annahmen stehen bleiben. Die strenge Dichotomie zwischen erkenntnistheoretischen und empirischen Grundlagen, und mithin zwischen erkenntnistheoretischem und empirischem Subjekt kann nicht aufrecht erhalten bleiben.

Denken und Rationalität beim empirischen Subjekt

Wenn wir uns dem empirischen Subjekt als denkendem, urteilenden und entscheidendem zuwenden, wird noch deutlicher, dass die menschliche Vernunft auf Emotionen, Gefühle und Affekte angewiesen ist. Neuere Forschung in der Philosophie, den Neurowissenschaften und der Psychologie zeigen, dass die Herrschaft der Vernunft auf eine funktionierende Emotionalität angewiesen ist. Entscheidungen kommen nicht rein rational zustande und Handlungen, welche rationalen Erwägungen folgen sollten, können ohne die motivierende und bewertende Kraft von Emotionen nicht umgesetzt werden. Wer nicht nur vernünftig denken sondern auch vernünftig handeln will, ist auf seine Emotionen und Gefühle angewiesen.

Diesen Einsichten steht eine lange philosophische Tradition entgegen, in der insbesondere Emotionen und Affekte als Gegenpol zur Verstand und Vernunft gesehen wurden. Die Diskussion über das Verhältnis von Gefühlen oder Emotionen und Rationalität hat verschiedene Etappen durchlaufen. Im Vordergrund standen etwa Überlegungen aus der Neurobiologie, dass Emotionen automatisch ablaufende Mechanismen seien, die einfach schneller sind als Überlegungen und Schlussfolgerungen. Diese evolutionäre Sicht auf das Verhältnis von Emotionen und Rationalität prägt in den Neurowissenschaften auch heute noch das Bild.

Demnach handelt es sich bei Emotionen um ein Warn- und Bewertungssystem, das für das Überleben grundsätzlich von weitaus größerer Bedeutung als das Denken war. Es funktionierte unmittelbarer und schneller, weil oft unbewusst. Das berühmteste Beispiel, um dieser Argumentation Plausibilität zu verleihen ist eines von Joseph LeDoux. Danach reagieren wir auf eine Schlange, die sich vor uns im Gras schlängelt, noch ehe wir die Schlange selbst wahrgenommen haben. Die unbewusst bleibende Angstreaktion setze vor der bewussten Wahrnehmung ein und führe zu einem Zurückweichen, noch ehe wir uns überlegen könnten, dass wir zurückweichen müssten, weil Schlangen gefährliche Tiere sein können. Dieser Angstreaktionsmechanismus bewahre uns davor, zu direkt mit der Schlange in Kontakt zu kommen, was wiederum die Wahrscheinlichkeit unseres Überlebens erhöhe. Darin bestehe der evolutionäre Vorteil dieses Mechanismus.

Im Verhältnis Emotion, Wahrnehmung, Reaktion und Überlegung ist damit allerdings in erster Linie darauf hingewiesen, dass unbewusste Reaktionsmechanismen schneller von statten gehen als solche, die auf bewussten Überlegungen beruhen und dass dies beim Überleben ein Vorteil sein könnte: Emotionale Reaktionen sind schneller als solche, die auf Nachdenken beruhen, sie sind daher nützlicher und führen rascher zu dem Verhalten, das in der fraglichen Situation vernünftig ist der in dem Zusammenhang von Rationali oder angemessen ist. Dieser letzte Gedanke tät oder Vernunft und Emotionen entscheidende. Emotionen sind demnach nützlich, weil sie schneller zu dem vernünftigen, d. h. richtigen Verhalten führen als es Überlegungen können.

Emotionen, die in der soeben beschriebenen Weise funktionieren, könnten ein Problem lösen, mit dem sich Kognitionswissenschaftler und Philosophen bereits seit einiger Zeit beschäftigen: Emotionale Reaktionen implizieren die richtige und vernünftige Verhaltensweise. Es muss nicht erst über andere Möglichkeiten, die gar nichts zur Sache tun, nachgedacht werden. Emotionen stellen damit eine Form der gedanklichen Fokussierung her, die dazu führt, dass wir diejenigen Folgerungen, die sich als irrelevant für das zu lösende Problem erweisen, gar nicht erst ziehen. So sollte man, um darüber nachzudenken, wie man am besten von Hamburg nach Münster kommt, nicht auch darüber nachdenken, warum die Autoindustrie derzeit Absatzschwierigkeiten hat. Die Überlegungen zur Finanzkrise sind für die Lösung meines Reiseproblems nicht relevant.

Wie wir es in einem konkreten Problemzusammenhang schaffen, relevante von irrelevanten Informationen und Schlussfolgerungen zu unterscheiden, ist ein weitgehend ungelöstes Problem. Eine Theorie besagt, dass Emotionen und Gefühle uns dabei helfen. Ein Gedankenexperiment von Daniel Dennett erläutert das (Dennett 1978, S. 42). Dennett stellt sich vor, dass ein Roboter die Nachricht erhält, dass innerhalb der nächsten Minuten eine Bombe in seinem Schuppen explodieren wird. Der Roboter berechnet daraufhin, was zu tun ist und ist gerade damit fertig abzuleiten, dass das Entfernen aus dem Lager den Teepreis in China nicht verändern würde, als die Bombe explodiert. Einem lebendigen, empfindenden und fühlenden Menschen wäre indes bei der Nachricht, dass eine Bombe explodieren wird, die „Angst in die Glieder gefahren“, er hätte das Lager ohne weiter nachzudenken sofort verlassen. Die Angst hätte seine Aufmerksamkeit auf die für die weiteren Handlungen wichtigen, relevanten Gesichtspunkte gelenkt; die nicht relevanten wären erst gar nicht aufgetaucht. Das hätte den Vorteil gehabt, dass er zudem nicht erst hätte darüber nachdenken müssen, dass die nicht relevanten Aspekte in dieser Situation irrelevant sind. Letztendlich zeigt auch dieses Beispiel, dass Emotionen mit einem Zeitvorteil einhergehen. Aber nicht nur das. Es zeigt auch, dass Emotionen indirekt mit Bewertungen in Beziehung stehen – in diesem Fall mit Bewertungen, die für das Kognitionssystem Folgen hat, da es das Denken fokussiert. Man könnte nun meinen, dass sie das tun, weil sie, evolutionär bedingt, die richtige Antwort bzw. das richtige Verhalten favorisieren. Aber ganz so einfach ist es nicht, denn das Beispiel legt auch nahe, dass Folgerungsbeziehungen stets solche Formen der Bewertung implizieren müssen, damit sie nicht ins Endlose laufen. Diese Bewertungen könnten aber, um nicht ihrerseits in das Fokussierungsproblem zu geraten, keine rein kognitiven sein. Zu Ende gedacht, könnte das bedeuten, dass wir immer eine emotionale Beteiligung benötigen, um bei Schlussfolgerungen das Relevante vom Irrelevanten zu trennen.

Dass die Bewertungsrelevanz von Emotionen eine weitreichende ist, zeigen auch empirische Beobachtungen wie die des Neurowissenschaftlers Antonio Damasios. Sie weisen darauf hin, dass rein mathematisch basierte Computermodelle des Geistes grundlegenden Schwierigkeiten gegenüber stehen. Das Problem besteht darin, dass Logik allein nicht festlegen kann, was in einer Situation dringlich oder wesentlich ist, und was beachtet werden muss oder nicht. Um Roboter beziehungsweise Computer „entscheidungs- und handlungsfähig“ zu machen und nicht lediglich richtige mathematische Lösungen ausrechnen zu lassen, müssen sich in jüngster Zeit daher auch Kognitionswissenschaftler mit Emotionen und ihrer Simulation beschäftigen.

Damasio und seine Forscherkollegen haben bei Patienten, bei denen ein Teil des Gehirns geschädigt war, das für emotionale Verarbeitung zuständig ist, Experimente zu diesem Problemkomplex angestellt. Patienten, bei denen der für das Entstehen und Verarbeiten von Emotionen zuständige Teil des Gehirns durch einen Unfall oder eine Operation geschädigt war, wurde eine Mordgeschichte erzählt, in der das geblümte Kleid des Opfers genau geschildert wurde. Bei der Wiedergabe der Geschichte war für einige dieser Patienten die Schilderung des Kleides bei der anschließend von ihnen erbetenen Nacherzählung ungleich wichtiger als das Mordgeschehen. Daran mag man ersehen, dass die Bedeutung von Emotionen für das Denken nicht nur darin liegt, dass das mit ihnen verbundene Bewertungssystem schneller funktioniert, als das des Verstandes. Emotionen helfen auch die Bedeutung einer Information zu gewichten und zu bewerten.

Während seiner Tätigkeit als Neurologe hat Damasio zudem beobachtet, dass es Patienten mit Hirnschädigungen gibt, die zwar durchaus noch zu rationalen Überlegungen fähig sind, aber sowohl in ihrem emotionalen Empfinden, als auch in ihrer Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, gestört sind. So war der Patient Elliot etwa durchaus noch zu Schlussfolgerungen in der Lage, aber er konnte sich nicht entscheiden, wenn er es musste: „Elliot vermochte sich nicht wirksam, gar nicht oder nur schlecht zu entscheiden. Er (...) verlor seine Aufgabe oft aus dem Auge und beschäftigte sich stundenlang mit Nebensächlichkeiten. Wenn wir uns vor eine Aufgabe gestellt sehen, eröffnen sich uns eine Reihe von Möglichkeiten, unter denen wir den richtigen Weg auswählen müssen (...) Elliot war nicht mehr in der Lage, diesen Weg auszuwählen.“ (Damasio 1997, S. 84) Dieses Beispiel mag zeigen, dass emotionale Empfindungsfähigkeit, Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit gekoppelt sind. Es reicht nicht aus, zu dem richtigen Schluss zu gelangen, um das Angemessene oder Vernünftige auch zu tun. Und selbst bei der Frage, was für einen Schluss relevant ist, können Emotionen eine Rolle spielen.

Die Bewertungs- oder Evaluationskomponente von Emotionen versucht man zunehmend auch in philosophischen Theorien genauer zu analysieren. Denn auch hier haben Überlegungen dazu geführt, eine Verbindung zwischen Entscheidungsfähigkeit, der Bewertung und Relevanzauswahl von Tatsachen für Schlussfolgerungen und Emotionen oder Gefühlen anzunehmen. Im Mittelpunkt steht auch hier, wie bei Damasio, die Frage, inwiefern Emotionen und Empfindungen an rationalen Entscheidungen beteiligt sind. Denn ist eine Entscheidung nur dann rational, wenn gute Gründe für sie geltend gemacht werden können? In einem Teil der neueren Literatur wird dies verneint und darauf verwiesen, dass funktionierende Rationalität auf die Beteiligung von Empfindungen oder Emotionen angewiesen ist, weil Emotionen die Prioritäten anzeigen, die (rationalen) Entscheidungen und Handlungen zu Grunde zu legen sind. Eine emotionslose Person verfügt über kein Warn- oder Leitsystem, das die Bewertung und die Einordnung der Wichtigkeit von Entscheidungen und Situationen ermöglicht.

Man kann sich die Frage stellen, ob Emotionen also lediglich Lücken im kognitiven Denk- und Rationalitätsnetz schließen, indem sie eine Funktion als Warn- oder Leitsignal im Entscheidungsfindungsprozess füllen. Dass dies nicht der Fall ist, wurde bereits angedeutet, als es darum ging mittels Daniel Dennetts Gedankenexperiment plausibel zu machen, dass Emotionen auch die Aufmerksamkeit auf die relevanten Gesichtspunkte in einer Situation lenken, was rein rationale Überlegungen nicht leisten könnten, weil nicht abzusehen wäre, wo und wann die Hinzunahmen von Überlegungen für eine Schlussfolgerung abzubrechen wären.

Gefühle, die mit einem selbstreflektierenden Bewusstsein einhergehen

Der amerikanische Philosoph Harry Frankfurt geht so weit zu sagen, dass die Welt durch die Liebe überhaupt erst eine Bedeutung für uns erhält (Frankfurt 2005, S. 58ff.). Damit spricht er von Gefühlen, die mit einem selbstreflektierenden Bewusstsein einhergehen. So sagt er, dass nur, wenn wir jemanden (oder etwas) gern haben, er uns wichtig ist. Nur dann erhalten die daraus folgenden Handlungen Bedeutung. Die Wahrnehmung der Umwelt durch eine Person ist ohne die Zuweisung von Wertigkeit durch ein Gefühl wie das der Liebe flach: alles erscheint gleich wichtig oder unwichtig.
Was Frankfurt in Bezug auf das Verhältnis von bewusster Wahrnehmung und Liebe schreibt, trifft allerdings keineswegs nur auf die Liebe als motivierende und Bedeutung verleihende Kraft zu, sondern auf Gefühle und Emotionen insgesamt. Auf einer anderen Stufe als der von Frankfurt bedachten, trifft es also auch auf Emotionen zu, die nicht unbedingt mit einem reflektierenden Selbstverständnis einhergehen. Denn letztlich wird das Leben durch alle Gefühle und Emotionen lebendiger und sie alle schärfen die bewusste Wahrnehmung für das uns Umgebende, für unsere Wünsche, Absichten und Pläne. Und ob der affektive Zustand der Langeweile, der für Frankfurt in Anschluss an Heidegger eine so wichtige Rolle spielt, ein Gefühl oder eine Emotion zu nennen ist, wäre noch zu diskutieren. Für Frankfurt handelt es sich beim Vermeiden von Langeweile nicht nur um ein Phänomen der Selbsterhaltung, das der Mensch mit anderen Lebewesen teilt, sondern um die Erhaltung des Selbst und nicht lediglich des Organismus. Das Selbst muss seinen Handlungen, Planungen und Absichten einen Wert zuschreiben, das bedeutet, einen Sinn zumessen. Diese Wertzuschreibung beginnt nicht erst auf der Ebene der bewussten Reflexion auf das gesamte Leben, sondern auch in Bezug auf einzelne Handlungsabschnitte und Situationen. Es geht um das Leben eines Individuums und dessen positive Werte. Die Pläne, Absichten und Vorstellungen, die es für sein Leben hegt und in Bezug zu seiner Lebenssituation setzt, setzen voraus, dass es Wertigkeiten gibt, an denen es die Pläne und Absichten ausrichtet. Und es gehört zum Konzept des Selbst und der praktischen Rationalität dazu, solche Pläne, Wünsche und Absichten zu haben, denen eine Wertigkeit zu Grunde liegt.

Praktische Rationalität besteht darin, effektive Mittel für unsere Ziele und Interessen zu ermitteln. Dafür muss man aber solche Ziele und Interessen haben. Wer seinem eigenen Leben keine Bedeutung und Interessen zumisst, hat solche Ziele nicht, er handelt im Sinne einer praktischen Rationalität daher ohne Grund. Dieser fehlende Grund lässt unsere Handlungen und Vorstellungen dann letztlich unbefriedigend, vorläufig und unvollständig erscheinen. Einen Grund zu haben bedeutet aber auch, vernünftig zu sein.

UNSERE AUTORIN:

Eva-Maria Engelen ist Professorin für Philosophie der Universität Konstanz und Mitarbeiterin am Projekt „Kurt Gödel Philosopher” der Université de Provence.
Von der Redaktion gekürzter Text eines Vortrags in der Philosophisch-Politischen Akademie in Verbindung mit der Universität Münster.

Literaturnachweise: Antonio R. Damasio, Descartes Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn, München 1997.
Daniel Dennett, Cognitive Wheels. The Frame Problem in AI, in: Z.W. Pylyshyn (Hg.), The Robots Dilemma. The Frame Problem in Artificial Intelligence, Norwood/N.J., 1997, S. 41-64.
Eva-Maria Engelen, Erkenntnis und Liebe. Zur fundierenden Rolle des Gefühls bei den Leistungen der Vernunft, Göttingen 2003.
Harry G. Frankfurt, Über Liebe und ihre Gründe, in, ders., Gründe der Liebe, F. a. M. 2005, S. 39-75.
Ludwig Wittgenstein, Über Gewißheit, Frankfurt a. M. 1990.



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