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Antike: Skepsis

Zu finden in: Heft 4/2010

Die antike Skepsis in neuer Sicht

Nach einer weitverbreiteten Überzeugung kennt die antike Philosophie weder ein Außenweltproblem im engeren Sinne noch einen Idealismus, der damit rechnet, dass es überhaupt keine Außenwelt – verstanden als raum-zeitlich ausgedehnte Totalität aller kausal miteinander verknüpften Einzeldinge – gebe.

Dem widerspricht Bonns jüngster Professor, der Philosoph Markus Gabriel in seiner Habilitationsschrift

Gabriel, Markus: Skeptizismus und Idealismus in der Antike. 326 S., kt., € 12.—, 2009, stw 1919, Suhrkamp, Frankfurt

und zeigt, dass nicht nur Sextus Empiricus das Außenweltproblem in das Zentrum seiner Argumentation gegen den Dogmatismus gerückt hat, sondern auch Plotin auf das Erkenntnisproblem der Skeptik mit einer idealistischen Wahrnehmungstheorie reagiert. Diese soll erklären, wie die Illusion einer materiellen Außenwelt durch die Tätigkeit einer strebenden Intentionalität namens „Seele“ zustande kommt. In diesem Zusammenhang entwickelt Plotin eine Theorie der Produktion der Außenwelt und ihres Scheins substantieller Materialität und antizipiert so Grundgedanken des neuzeitlichen Idealismus.

Insbesondere ist es der 1939 geborene englische Philosoph Myles F. Burnyeat, gegen den Gabriel zu Felde zieht. Dieser unterstellt der antiken Philosophie insgesamt im Unterschied zum neuzeitlichen Subjektivismus einen unhinterfragten Realismus und Objektivismus. Dieser sei in dem Sinne naiv, dass in seinem Horizont die Frage prinzipiell nicht aufkommen könne, ob es so etwas wie eine Welt unabhängig von den Vorstellungen gebe, durch deren Vermittlung wir allein Weltzustände repräsentieren können. Dabei stellt Burnyeat die These auf, kein antiker Philosoph habe je behauptet, der menschliche Geist sei vom Körper ontologisch in dem Sinne unterschieden, dass auch der je eigene Körper zur Außenwelt gerechnet werden muss. Diese Auffassung gehe vielmehr auf Descartes zurück.

Gabriel hält nun Burnyeat vor, Sextus Empiricus bediene sich unermüdlich der Opposition von „Außendingen“ und unseren „Eindrücken“ dieser Dinge, um eine Grenze zwischen Innen- und Außenwelt zu errichten, die durch keine Gewissheit überbrückt werden kann. Das weiß nun Burnyeat zwar auch, doch er versucht zu zeigen, dass Sextus’ „Außendinge“ nicht der neuzeitlichen „Außenwelt“ entsprechen – und das versucht Gabriel zu widerlegen.

Die propositionale Wahrheitstheorie, der zufolge Wahrnehmungen urteilsförmige Gebilde sind, wird erstmals in Platons Theaitetos vorbereitet und dann in Aristoteles De anima explizit formuliert. Diesem mentalen Repräsentationalismus stellt sich das Problem des Wahrheitskriteriums; das Problem, wie wir a priori, durch philosophische Argumente, sicherstellen können, dass ein hinreichend großer Teil unserer Überzeugungen robuste Welterkenntnis ist, obwohl wir prinzipiell nicht aus unseren Überzeugungen aussteigen können, um die Welt mit unseren Überzeugungen zu vergleichen. Denn wer seine Überzeugung verteidigt, muss imstande sein, prinzipiell zwischen wahren und falschen Überzeugungen zu unterscheiden und muss demnach damit rechnen, dass einige seiner Überzeugungen falsch oder unbegründet sein könnten.

Die antiken Skeptiker greifen diese minimalen Anforderungen an den Wissensbegriff bereitwillig auf, indem sie uns dazu auffordern, unsere wahren und falschen Überzeugungen voneinander zu unterscheiden. Dabei geraten wir in ein Dilemma: Da im Akt der Unterscheidung zwischen wahren und falschen Überzeugungen wiederum Überzeugungen im Spiel sind, wie wir jeweils wahre von den falschen Überzeugungen unterscheiden sollten, geraten wir in einen infiniten Regress. Dieser infinite Regress spielt insbesondere bei Sextus als eine der fünf Tropen des Agrippa eine zentrale Rolle. Sextus entwickelt eine Fülle von Argumenten, die erstens zeigen sollen, dass jede kausale und damit realistische Erkenntnistheorie wohl oder übel auf einen mentalen Repräsentationalismus verpflichtet ist. Zweitens zieht er daraus skeptische Konsequenzen, indem er den Begriff des Wahrheitskriteriums dekonstruiert, mit dessen Hilfe wahre von falschen Vorstellungen unterschieden werden können sollen, um so a priori einen gelingenden mentalen Weltzugang sicherzustellen. Der mentale Repräsentationalismus, der unumgänglich zu sein scheint, führt in Paradoxien, die Sextus gegen die Stoiker in der Form eines Außenweltproblems ausspielt.

Die akademische Skepsis, allen voran Arkesilaos und Karneades, wendet sich auf dieser Basis mit ihrem Prinzip der Aparallaxie (d.h. der Ununterscheidbarkeit) gegen die Möglichkeit einer erfassenden Vorstellung. Das Prinzip der Aparallaxie besagt, dass sich zu jeder ontologisch gehaltvollen Vorstellung eine phänomenal ununterscheidbare, aber objektiv leere Vorstellung finden lässt, die auf irgendeine andere als epistemisch verlässliche Weise zustande gekommen sein könnte und folglich nicht die nötigen Auflagen für eine erfassende Vorstellung erfüllt. Sextus führt dieses Argument gegen die Möglichkeit eines Wahrheitskriteriums für Vorstellungen ins Feld, d. h. eines Kriteriums, das a priori notwendige und hinreichende Bedingungen für veridische Wahrnehmungen spezifiziert und damit festlegt, was es heißt, dass eine sensorische Vorstellung ontologisch gehaltvoll ist.

In der zeitgenössischen Erkenntnistheorie beruft sich vor allem McDowell auf das Prinzip, dass eine Vorstellung nicht mit der Welt verglichen werden kann, ohne dass eine weitere Vorstellung ins Spiel kommt. Das bedeutet, dass ein „Blick von der Seite“, der uns eine Einsicht in die Relation von Geist und Welt verschaffen könnte, grundsätzlich ausgeschlossen ist. Wir können das Gelingen irgendeiner kognitiven Relation von Geist und Welt nicht sicherstellen, ohne dieses bereits in Anspruch zu nehmen. Er folgt damit Sextus, für den die Welt unter den Bedingungen des Repräsentationalismus schlechthin „verborgen“ ist. Das impliziert die Gefahr, dass das vorstellende Subjekt von der Welt abgeriegelt wird. Für Gabriel ist dieses skeptische Außenweltproblem gerade nicht dogmatisch verfasst, da es nicht auf einem Beweis der Nicht-Existenz der Außenwelt beruht, sondern nachweist, dass die Existenz der Außenwelt eine bloße Annahme ist. Wie später Kant macht Sextus darauf aufmerksam, dass der mentale Repräsentationalimus Bedingungen von Erkenntnis impliziert, die Erkenntnis auf der Basis von Wahrnehmungen unmöglich machen.

Sextus ist sich der Gefahr des Solipsismus wohl bewusst, der sich einstellt, sobald unser kognitiver Zugang zur Außenwelt problematisch wird, so dass gleichsam nur noch die mentale Innenansicht, d. h. der Zugriff auf unsere eigenen Vorstellungen übrig bleibt. Mithilfe seiner Tropen argumentiert Sextus für einen globalen Relativismus, dem zufolge wir zwischen verschiedenen doxastischen Systemen niemals begründet entscheiden können. Die fünf Tropen zeigen, dass alle doxastischen Systeme Hintergrundannahmen voraussetzen, die sie gegen mögliche Einwände prinzipiell nicht verteidigen können. Die Konsequenz daraus ist, dass letztlich alle Überzeugungen auf einem grundlosen Grund beruhen, der allerdings nicht universell oder gar transzendental ist, sondern von Gemeinschaft zu Gemeinschaft, bzw. von Individuum zu Individuum variieren mag. Sextus selbst kann keine dogmatische Position vertreten, denn der Skeptizismus kann nicht selbst wie ein doxastisches System verfasst sein, ohne Voraussetzungen zu machen, die sich seinen eigenen Prämissen zufolge nicht rechtfertigen lassen. Alle Prämissen, die er einführt, muss er deswegen der dogmatischen Position entnehmen, die er jeweils dekonstruiert. Aus diesem Grund bedient er sich der Methode der immanenten Widerlegung, an die Hegel später angeknüpft hat. Er vertritt mit seiner Dekonstruktion des Repräsentationalismus mithin keine philosophische Theorie, weil er nichts vertreten kann, ohne Wahrheitsansprüche zu erheben, die er aber aufgrund der Motivation seiner Theorie nicht einlösen könnte.

Indem Sextus die Behauptbarkeitsbedingungen philosophischer Theorien thematisiert, operiert er mit einem Problem zweiter Ordnung. Globale relativistische Positionen erster Ordnung sehen sich mit dem Problem konfrontiert, dass sie ihre eigene Position nicht behaupten können. Die Wahrheit des Relativismus relativiert sich selbst, indem sie einräumt, dass ein alternativer, nicht relativistischer Wahrheitsbegriff ebenso wahr für jemanden sein kann wie der relativistische Wahrheitsbegriff wahr für den Relativisten ist. Es ist dieses Problem der „Selbstanwendung“, das im Zentrum zahlreicher methodologischer Überlegungen von Sextus steht.

Eine Grundannahme der antiken Metaphysik ist, dass die wahre Wirklichkeit allein im Denken zugänglich ist und dass allein der Mensch als denkender Mensch Zugang zur wahren Wirklichkeit hat. Die antiken skeptischen Argumente beabsichtigen deshalb in ihren Anfängen nicht, das Denken zu attackieren, sondern richten sich ursprünglich (bei den Vorsokratikern) gegen die Vorstellung, dass uns die wahre Wirklichkeit durch die Sinne epistemisch zugänglich ist. Die Gehalte, die alles Denken notwendig voraussetzt, sind der antiken klassischen Philosophie zufolge demnach auch keine Außendinge, die sinnlich aufgefasst werden, sondern Denkinhalte, die zumindest für die Platoniker nicht außerhalb des Geistes als Dinge in einer Außenwelt existieren. Zwar bestreiten weder Platon noch Aristoteles, dass es eine wahre Wirklichkeit gibt. Sie denken sie aber, wie vor ihnen Parmenides nicht als etwas, dem der Geistcharakter abzusprechen ist, und demnach nicht im Sinne eines metaphysischen Realismus. Wenn man hingegen unter Antirealismus die These versteht, dass alles, was wirklich ist, potentiell gewusst werden kann, liegt Davidson richtig, der spätestens bei Parmenides und von Platon systematisch ausgeführt einen Antirealismus sieht.

Die Pyrrhonische Skepsis stellt ein Heilsversprechen in Aussicht. Ihr ganzes Konzept steuert auf einen Quietismus zu, der die Philosophie, mit den Worten Wittgensteins, zur Ruhe bringt. Der Pyrrhoniker bietet ein komplexes Rezept dafür an, wie man sich auf die Epoché vorbereiten kann. Diese stellt sich allerdings nur im Zuge angestrengter Erkenntnissuche und dann auch nur zufällig ein. Die Konstruktion eines Umschlags der Erkenntnissuche in die Epoché darf dabei keinerlei Prämissen importieren, die einen negativen Dogmatismus implizieren. Der Pyrrhoniker steuert also zwischen der Skylla einer unendlichen Beunruhigung durch Erkenntnissuche und der Charybdis eines negativen Dogmatismus hindurch, um auf diese Weise sein eigenes Heilsversprechen anbieten zu können, das sich von den dogmatischen Angeboten anderer hellenistischen Schulen erkennbar unterscheidet. Sextus vergleicht diese Ataraxie nach dem Sturm der Suche nach einer dogmatisch fixierten Wahrheit mit einer „Meeresstille“. Er strebt eine Ataraxie ohne begründete und begründbare Gewissheit an. Für Gabriel bringt dies Probleme eigener Art mit sich. Er weist nach, dass das skeptische Handlungskriterium sowie die Epoché als wiederholter Vollzug eine Inkonsistenz des skeptischen Heilsversprechens zutage fördern. Gabriels Folgerung: Man kann nicht ohne Umstände mit den Mitteln der Philosophie aus der Philosophie aussteigen.

Die Philosophie (und damit die Versuchung zum Dogmatismus) entspringt dem Leben und damit der Alltäglichkeit selbst. Die reflektierte Naivität, die der Skeptiker anstrebt, muss mit der Annahme kompatibel sein, dass auch der Alltag von der philosophischen Verwirrung infiziert ist, von der er durch skeptische Übungen gereinigt werden soll.

Hier setzt die vor allem zwischen Michael Frede, Jonathan Barnes und Myles Burnyeat geführte Debatte um die Frage an, ob der Pyrrhonische Skeptizismus urban oder rustikal sei. Der urbane Skeptizismus (vertreten von Hallie, Frede, Rorty, Fogelin und Burnyeat) ist ein restringierter Skeptizismus, der damit vereinbar ist, dass der Skeptiker seine alltäglichen Überzeugungen aufrechterhält und lediglich die wissenschaftliche Erkenntnis unter dem Stichwort des Dogmatismus dekonstruiert. Der rustikale Skeptizismus (verteten von Barnes und Bailey) lässt keine Überzeugung unangetastet und greift daher auf den Alltag im Ganzen über. Gabriel will den Gegensatz auflösen, indem er zeigt, dass der Gegensatz zwischen Philosophie und Alltag, den die Distinktion in Anspruch nimmt, für Sextus gar nicht besteht. Er ist aber eine Folge des neuzeitlichen Skeptizismus, der als methodischer Skeptizismus wesentlich ein Projekt der Suche nach Gewissheit und gerade kein Streben nach Weisheit ist, wodurch er sich von der gesamten antiken Skepsis unterscheidet.

Gabriel sieht in der pyrrhonischen Skepsis eine unendliche Aufgabe, die immer wieder den dogmatischen Tendenzen im Leben selbst entgegentreten muss. Sie ist die Verlaufsform des Lebens eines Skeptikers. Das Ideal ist dabei die realisierte in Ritual und Gewohnheit übergegangene römische Sittlichkeit. Die Skepsis übt die Rolle einer diskursiven Kontrollinstanz aus, deren Funktion die Überprüfung von Dogmen auf die Dienlichkeit für das Leben ist.
Der Vollzug der Epoché ist nun das paradoxe Unterfangen, unablässig daran zu arbeiten, dass das Leben nicht dogmatisch zersetzt wird und mithin die Stabilität derjenigen Gemeinschaft indirekt zu garantieren, welcher der Skeptiker angehört, ohne damit selbst dogmatische Ansprüche auf den korrekten Sprachgebrauch oder die richtigen Überzeugungen zu iterieren. Dieser Vollzug ist deswegen paradox, weil er mit der Ataraxie konfligiert, die sich unablässig zur wiederholten Dekonstruktion der Dogmata herausfordern lässt. Der Skeptiker findet ja gar keine Seelenruhe, weil er unaufhörlich damit beschäftigt ist, die Rolle eines konservativen Kulturkritikers zu spielen. Und das bedeutet, dass er den Ursprung der Beunruhigung, die er zu therapieren verspricht, niemals aufheben kann, sondern immer wieder von neuem ins Leben importiert. Gabriel bezeichnet dies als „Problem des Quietismus“.

Der Idealismus Plotins

Plotin knüpft an die skeptische Dekonstruktion des mentalen Repräsentationalismus an, indem er den Skeptikern einräumt, dass das Denken sich selbst den Zugang zur Welt verstellt, wenn es die Welt als das raum-zeitlich ausgedehnte Andere von sich unterscheidet. Für Plotin gibt es keine Außenwelt im engeren Sinne einer Totalität von distinkten Objekten, die wir entweder adäquat repräsentieren oder kognitiv verfehlen können. Diese Verdoppelung der Welt ist für ihn lediglich ein Schein, das Resultat einer Entfremdung der unendlichen Subjektivität, der Seele, vom Nous. Die Außenwelt ist bei Plotin keine „substantia extensa“, sondern der Schein der Andersheit im Medium der Fremdreferenz, der Wahrnehmung. Plotin kennt nur eine Welt, eine Totalität. Die Philosophie nimmt den Standpunkt einer absoluten Kreativität ein, indem sie alles Seiende als Äußerung einer ursprünglichen Kreativität sieht. Das Seiende wird nicht als immer schon Gegebenes in Anspruch genommen, sondern als Hervorgebrachtes, als Manifestation einer Tätigkeit begriffen, die nicht selbst Seiendes ist. Damit erreicht Plotin Hegels Standpunkt der Reflexion: Alles Seiende wird in seinem Gesetztsein transparent gemacht. Plotin vertritt wie später unter anderem Salomon Maimon und Fichte einen Produktionsidealismus, der für Gabriel genau dadurch eine seriöse Theorieoption darstellt, dass er aus den Aporien des Repräsentationalismus abgeleitet werden kann und gleichzeitig aus diesen herausführt.




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