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REZENSIONEN

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Markus Wirtz: Mohamed Turki, Humanismus und Interkulturalität

Markus Wirtz

Mohamed Turki: Humanismus und Interkulturalität.
Ansätze zu einer Neubetrachtung des Menschen im Zeitalter der Globalisierung – eine Rezension

Angesichts der jüngsten politischen Umwälzungen in Tunesien dürften Veröffentlichungen tunesischer Philosophen derzeit auf eine erhöhte Aufmerksamkeit stoßen. Der Studie Humanismus und Interkulturalität des in Deutschland lebenden Philosophen Mohamed Turki wäre dies jedenfalls zu wünschen, da sie interessante Aspekte zu einer Fundierung humanistischer Konzeptionen aus einer arabischen Perspektive aufzeigt und diese mit den zentralen Stationen der Geschichte des europäischen Humanismus in Beziehung setzt.
In den letzten Jahren ist der Humanismusbegriff gelegentlich im Zusammenhang mit plakativen kirchenfeindlichen Aktionen diverser Organisationen wie etwa der „Humanistischen Union“ aufgetaucht und damit gewissermaßen von seinen philosophischen Wurzeln entfremdet worden. Die mediale Aufbereitung derartiger „neohumanistischer“, dezidiert antireligiöser Tendenzen läuft Gefahr, die komplexe, mit der Religionsgeschichte eng verzahnte Entwicklung der Humanismusidee allzusehr zu verkürzen und zu verzerren. Unter diesem Aspekt erscheint es mehr als nützlich, die vielfältigen Facetten des Humanismusbegriffs in seinen historischen und systematischen Dimensionen neu zu beleuchten und die Frage nach seiner Aktualisierungsfähigkeit angesichts gegenwärtiger Problemhorizonte aufzuwerfen. Eben dies leistet Turki in seiner Studie Humanismus und Interkulturalität, die vor dem historischen Hintergrund der klassischen humanistischen Konzeptionen von der Antike bis zur Aufklärung insbesondere nach den Gründen für die Krise des Humanismus in Moderne und Postmoderne fragt und zugleich nach interkulturell ausbaufähigen Wegen zu einer potentiellen Überwindung dieser Krise sucht. Dieser Problementfaltung sind die vier Hauptabschnitte des Buchs gewidmet: Nach einem allgemeinen Überblick über die Problematik, welche die Humanismusfrage in den Kontext drängender politischer Gegenwartsprobleme stellt – wobei den mit der Gentechnologie aufgeworfenen Fragen besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird – , werden im I. Teil „Der Humanismus: Genealogie eines Begriffs“ die Grundzüge der humanistischen Bildungskonzeption in der griechischen und römischen Antike, in der Renaissance sowie im Zeitalter der Aufklärung rekonstruiert. Teil II („Vom kritischen Humanismus zum Nihilismus“) beschäftigt sich mit der philosophischen Kritik am klassischen Humanismus, deren Entfaltung anhand der Positionen Kierkgaards, Marx’, Nietzsches und Heideggers nachvollzogen wird. Da sich Turki in diesem Teil seiner Abhandlung ausschließlich auf die Entwicklung kontinentaleuropäischer Philosophietraditionen wie Existenzphilosophie, Marxismus und Hermeneutik stützt, scheint die philosophische Kritik an den klassischen humanistischen Leitideen geradezu zwangsläufig in die poststrukturalistische Vernunftkritik der Moderne einzumünden, die im Ausgang von Nietzsche und Heidegger keine rationalen Auswege aus dem Nihilismus der Postmoderne mehr aufzuzeigen vermag. Angesichts dieser Sackgasse, in die sich die europäische Philosophie (zumindest in ihren kontinentalen Strömungen) als reflexives Medium der Zeitdiagnose offensichtlich hineinmanövriert hat, erscheint es nahe liegend, nach wie vor lebendige oder auch verschüttete humanistische Traditionen in außereuropäischen Kulturen aufzusuchen und deren noch unerschlossene Potentiale in den gegenwärtigen Humanismusdiskurs einzuspeisen. In dieser Einbeziehung außereuropäischer Konzeptionen des Humanismus liegt sicherlich einer der wichtigen Impulse, die Turkis Schrift der Debatte über ein zeitgemäßes Bild des Menschen zu liefern vermag. Der III. Teil „Der Humanismus aus einer außereuropäischen Perspektive“ konzentriert sich dabei ganz auf Beispiele islamischer Humanismuskonzepte vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Herausgestellt werden hier insbesondere die Beiträge von Autoren des 10. und 11. Jahrhunderts wie Ibn Sina (lat. Avicenna), Miskawyh und Tawhidi, die in ,westlichen‘ Diskussionen über den Humanismus praktisch keine Beachtung finden. Das Bild eines hochmittelalterlichen ,Humanismus‘ in der arabischen bzw. islamischen Welt wird ergänzt durch Verweise auf die in der Umbruchsphase zwischen Spätmittelalter und Renaissance entwickelte Geschichtsphilosophie Ibn Khalduns, dessen zyklische Kulturbetrachtung eine Reihe von modern anmutenden Faktoren in die historische Analyse eingeführt hat, die wir heute als ,soziologisch‘ bezeichnen würden. Ferner nimmt Turki Bezug auf die im Zuge der ,arabischen Renaissance‘ Mitte des 19. Jahrhunderts aufgekommene Nahda-Bewegung, die sich zum Ziel gesetzt hatte, islamische Tradition und wissenschaftlichen Fortschritt miteinander zu verbinden, und vor allem in Ägypten und Syrien einflussreich wurde. In diesem Zusammenhang geht Turki auch auf die bis heute nicht abgeschlossene Turath-Debatte ein, in der die Entwicklung einer ,eigenen‘ islamischen Moderne auf der Basis des traditionellen religiös-kulturellen Erbes diskutiert wird. Die Skizzierung der diesbezüglichen gegenwärtigen Diskussionlage in der islamischen Welt, die am Ende dieses Kapitels geboten wird, ist instruktiv und macht deutlich, dass zwischen den extremen Polen einer vollständig säkularisierten bzw. laizistischen Gesellschaft und dem islamischen Gottesstaat zahlreiche differenzierte Positionen zu einer humanistischen Moderne innerhalb des islamischen Kulturraums entwickelt worden sind; als deren Repräsentanten nennt Turki exemplarisch Muhammad Arkoun, Sadik Djalal al-Azm, Fuad Zakkariya, den unlängst verstorbenen marrokanischen Philosophen Muhammad Abid al-Jabri, Hasan Hanafi und Nasr Hamid Abu Zaid.
Der abschließende IV. Teil „Trans- und interkultureller Humanismus“ zieht einerseits eine Bilanz aus den vorausgegangenen Darlegungen bezüglich der Humanismusproblematik – wobei die zentrale These einer umfassenden ,Krise des Humanismus‘ im postmodernen Zeitalter im Vordergrund steht – und bemüht sich andererseits darum, die Konturen eines interkulturell differenzierten, den gewandelten Bedingungen des Globalisierungszeitalters Rechnung tragenden Humanismusbegriffs aufzuzeigen. Für diesen abwägenden Neuansatz eines trans- bzw. interkulturellen Humanismus stehen in philosophischer Hinsicht die Positionen von Emmanuel Levinas und Bernhard Waldenfels Pate, die – in je verschiedener Weise – eine Phänomenologie des Anderen bzw. des Fremden entwickelt haben. Darüber hinaus wird im Schlusskapitel des Buchs auch die demokratische Humanismuskonzeption Edward Saids herangezogen, in welcher der Philologie eine methodologisch bedeutsame Rolle bei der Überwindung einer eurozentrischen Geschichtsauffassung zugewiesen wird.
In dem abschließenden „Ausblick“ kommt Turki zu dem Ergebnis, dass angesichts der immer bedrohlicheren Eingriffsmöglichkeiten des Menschen in seine Umwelt sowie in seine genetische Struktur eine zweite Renaissance des Humanismus unabdingbar geworden sei. Allerdings unterscheide sich dieser ,neue‘ Humanismus – der eben nicht mit sogenannten ,neohumanistischen‘ Tendenzen zu verwechseln ist – von älteren Humanismen insbesondere der europäischen Denktradition darin, dass er sein Prinzip nicht im vereinzelten Subjekt finde, sondern immer schon den/die/das Andere (etwa als Mitmensch oder umgebendes Ökosystem) mit einschließe. Der Mensch könne, so Turkis politisch durchaus pointiertes Resümee, solange nicht bei sich sein, wie der Andere noch keine Heimstatt gefunden habe. Insofern steht die in der Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen proklamierte Würde des Menschen im Mittelpunkt des von Turki anvisierten Humanismusbegriffs, der letztlich auf den Menschen als Weltbürger abzielt. Dieser Status verlangt allerdings, soll er nicht auf der Ebene des abstrakten Postulats stehen bleiben, zum einen politische Institutionen auf globaler Ebene, welche legitimiert und fähig wären, die drängendsten Menschheitsprobleme zu bearbeiten und zu lösen, und zum anderen eine interkulturelle Erweiterung seines Bedeutungsgehalts, um der kulturellen Vielfalt des Humanen gerecht werden zu können. Auch wenn es bis zur konkreten Ausgestaltung einer solchen humanistischen Weltbürger-Identität noch ein sehr weiter Weg sein mag, so appelliert Turki im letzten Satz seines Buches gleichwohl an das Blochsche Prinzip Hoffnung, das die Aussicht auf die „Verwirklichung eines globalen und interkulturellen Humanismus“ (S. 153) legitimiert.
In den Grundlinien ist Turkis interkulturell fundierter Ansatz einer Neubestimmung des Humanismusbegriffs ohne Zweifel plausibel. Die zahlreichen Ausblicke und Verweise auf aktuelle ethische und politische Debatten, die Turkis Studie durchziehen, machen zudem deutlich, dass der Humanismusdiskurs keine abstrakte geisteswissenschaftliche Beschäftigung darstellt, sondern unmittelbar die drängendenden Zukunftsfragen der Menschheit betrifft. Vor deren Hintergrund relativiert sich auch die scheinbar unüberbrückbare Kluft, die humanismusskeptische Denker wie Heidegger und Derrida von der humanistischen Tradition trennt; geht es doch im Kern nicht um einen zustimmenden oder ablehnenden Wortgebrauch, sondern um die grundsätzlichen Verhaltensweisen des Menschen gegenüber seinen eigenen Möglichkeiten und Gefahren. Jürgen Habermas hat dies in einem der Ethik Derridas gewidmeten Vortrag so ausgedrückt: „Es ist nicht viel daran gelegen, ob wir einen affirmativen oder einen pejorativen Gebrauch von dem Ausdruck ,Humanismus‘ machen. Es geht um die Sache selbst (...).“ (J. Habermas: „Wie die ethische Frage zu beantworten ist. Derrida und die Religion“. In: Ders.: Ach, Europa. Frankfurt a.M. 2008, S. 42.) In diesem Kontext gewichtet Turki die antimetaphysischen und plakativ antihumanistischen Stoßrichtungen von Strukturalismus und Poststrukturalismus möglicherweise etwas zu einseitig negativ; denn was in der postmodernen Vernunftkritik tatsächlich ,verabschiedet‘ wurde, war der genuin europäisch-abendländische Begriff des Subjekts (mit allen ontotheologischen Implikationen einer Metaphysik der Präsenz, die dieser Begriff bis in die Moderne hinein mit sich führte), demgegenüber anders akzentierte Bestimmungen des Menschen und Menschseins ins Spiel gebracht werden können – wie dies ja gerade die Auseinandersetzung mit der arabisch-islamischen Philosophie beweist, die Turki in seinem Buch liefert. Dieses eignet sich damit sowohl als Überblick über die Begriffsgeschichte des europäischen Humanismus wie auch als Einführung in islamisch-arabische Traditionen des Humanismus, aber nicht zuletzt auch als Lieferant für zukunftsweisende Denkanstöße.



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