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Heidegger, Martin: Die Korrespondenz mit Ludwig von Ficker

HEIDEGGER, Martin: Die Korrespondenz mit Ludwig von Ficker

Georg Stroomann, der Leiter des Kurhauses und Sanatoriums Bühlerhöhe bei Baden-Baden, organisierte von 1949 bis 1957 an den sog. „Mittwoch-Abenden“ Vorträge von bekannten Gelehrten, Künstlern und Politiker zu den großen Themen der Zeit - vor einem Publikum, das sich aus der Rentierprominenz Baden-Badens zusammensetzte. Heidegger hat dabei insgesamt viermal vorgetragen. Von Stroomann finden sich Aufzeichnungen über diese Vorträge. Danach hätten Heideggers Reden gewirkt „wie eine Feier, eine Durchglühung. Das Wort verstummt. Wenn sich aber Diskussion meldet, enthält dies höchste Verantwortung, aber auch letzte Gefahr“.

Am 4. und 5. Oktober 1952 fand auf der Bühlerhöhe ein Gedenkfeier zu Ehren des Dichters Georg Trakl statt. Eingeladen war dabei Ludwig von Ficker, der über vier Jahrzehnte alleinverantwortlich die berühmte Zeitschrift Der Brenner herausgegeben hatte. Hier waren vor dem Ersten Weltkrieg regelmäßig Gedichte von Trakl erschienen. Ficker hatte zu Trakl sowohl in künstlerischer wie auch menschlicher Hinsicht eine enge Beziehung. Er gewährte dem Künstler in seinem Haus Unterkunft und konnte dessen Schaffensvorgang unmittelbar mitverfolgen.

Heidegger hält bei diesem Anlass die Rede „Georg Trakl, eine Erörterung seines Gedichts“ und von Ficker berichtet von seiner Beziehung zu Trakl. Dabei kommt es zu einer persönlichen Begegnung zwischen Heidegger und dem damals 72jährigen von Ficker, aus der heraus sich eine Freundschaft entwickelt.
Matthias Flatscher hat den Briefwechsel zwischen den beiden kommentiert herausgegeben:

Martin Heidegger/Ludwig von Ficker: Briefwechsel 1952-1967. 176 S., Ln.,
2004, Klett-Cotta, Stuttgart.

Er beginnt mit einem Dank von Fickers an Heidegger für die würdige Feier zu Ehren Georg Trakls, „deren Seele und aufschlußbereiter Mund Sie gewesen sind“. Dabei passt sich von Ficker in Stil und Begrifflichkeit der Heideggerschen Sprechweise an, ja er übernimmt diese geradezu. Der ältere Ficker übernimmt aber auch die Rolle des Bewunderers von Heidegger. Er habe, so schreibt er, Heideggers „Ausführungen zum Aufspüren und Erhellen des Orts, an dem das Trakl’sche Gedicht west und seine Bedeutung enthüllt“, mit genügender Empfänglichkeit „für das Tiefbegründete Ihrer Darlegungen folgen können“. Heidegger wiederum war beeindruckt von Fickers Erinnerungen an Trakl: „Keiner der Anwesenden blieb unbetroffen von der durch Sie zum Scheinen gebrachten Gegenwart des Dichters“.

Von Ficker unterläuft das Versehen, Heideggers Texte „Feldweg“ und „Holzwege“ zu verwechseln. Er befürchtet, dadurch das Vertrauensverhältnis zu Heidegger leichtfertig aufs Spiel gesetzt zu haben. Heidegger reagiert großzügig: „Wie sollte sich mein Verhältnis zu Mitmenschen, und gar in Ihrem Fall darnach bemessen, ob sie eine oder mehrere oder gar keine meiner Schriften gelesen haben. Je mehr ich der unvergeßlichen Begegnung mit Ihnen nachdenke, umso dankbarer und staunender werde ich für die Gnade, die Ihnen geschenkt wurde, der entdeckende und helfende Freund dieses Dichters zu werden und zu bleiben“.

In von Fickers Briefen, so zurückhaltend diese inhaltlich auch sind, kommen immer auch seine religiösen Anschauungen zur Geltung. So schreibt er, er habe „das bestimmte Gefühl, daß Einweisungen im Herzen von Mitmenschen, die unterwegs einander notdürftig erkennen, den Geist der Suchenden noch immer auf die Fährte einer Wahrheit zu setzen vermögen, die in Wort und Schweigegehalt der göttlichen Offenbarung geborgen zeitweilig anziehend und beunruhigend gerade in ihrer vorläufigen, ihrer vorübergehenden Verhülltheit ist“. Von Ficker sendet Heidegger das Bild der Büste Trakls, das dieser auf seinem Schreibtisch aufstellt. Heidegger kommt nun in einem Brief, in dem er über den Blick Trakls spricht, auf Gott zu sprechen: „Ein echtes Glück ist es, diesem Blick, mit tastenden Schritten freilich, folgen zu dürfen in die Weite des Wesentlichen, aus der nur Gott spricht“.

Gemeinsam ist den beiden die Überzeugung, dass sich in der Dichtung Wahrheit, oder in den Worten von Fickers, dass sich „in deren abgründig Seherischem zwischen Himmel und Erde“ eine „zeitentrückte Wirklichkeitserfahrung“ zeigt. Für von Ficker ist dies dem „Tiefblick“ des Heideggerschen Einsehvermögens verwandt. Heideggers „konsequent gewagtes Denken“ gebe „erstaunliche Ausblicke“ auf Dichter wie Hölderlin und Trakl.
Beide fühlten sich wesensverwandt. „Es schien mir, er sei in manchen Wesenszügen mir so ähnlich, dass es mich beinah’ beunruhigte“, schreibt Ficker an einen Bekannten. In Heideggers Denken habe er etwas „behutsam exemplifiziert“ gefunden, „was er als erhoffte, doch vergebens angestrebte Klarsicht“ immer gesucht habe.

Auch Heidegger ist von der Beziehung sehr angetan: „Es gehört zu den schönsten Schickungen des vergangenen Jahrzeits, dass ich Ihnen und Ihrer Umwelt begegnen durfte“. Es ist eine lebenslang anhaltende Freundschaft entstanden. Heidegger besucht von Ficker und Trakls Grab in Innsbruck und von Ficker besucht später Heidegger in Freiburg. Dabei bleibt von Ficker zeitlebens in der Rolle des Verehrers: Er finde die Zuneigung, die Heidegger für ihn entgegenbringe „ja allein schon die Tatsache, daß Sie, ein weltberühmter Denker im Wirrsal unserer Zeit, meiner überhaupt gewahr wurden im unauffälligen Anspruch meiner Existenz“ als eine Wohltat, „der ich nur schwer einen Namen geben könnte“.

Man könne, schreibt Jürgen Busche in der „Süddeutschen Zeitung“, schwer sagen, was überwiege: die Emsigkeit, mit der sich die beiden gegenseitig ihre Hochachtung versichern, oder die Freundschaft, die in der allmählichen Veränderung der Anrede und in etlichen winzigen Details zum Ausdruck komme.



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