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Soziale Naturwissenschaft

„Soziale Naturwissenschaft“ – Spurensuche zum 75. Geburtstag von Gernot Böhme

Grund zum Nachdenken bot das Institut für Philosophie dem Darmstädter Philosophen Gernot Böhme zum 75. Geburtstag. Der Ehrentag (3. Jan. 2012) war Anlass für einen Workshop (13. Jan. 2012, Darmstadt), der die maßgeblich von Böhme konzipierte Idee einer „sozialen Naturwissenschaft“ auf ihre Weiterentwicklung und Wirkung auf Wissenschaftsbetrieb und Gesellschaft befragte.

Überreicht wurde das „Geburtstagsgeschenk“ von Professor Alfred Nordmann, der auf die historisch-biographische Verquickung der „sozialen Naturwissenschaft“ mit der Person Böhmes und der TU Darmstadt wert legte. Hauptanliegen des Darmstädter Workshops sei eine Spurensuche und Bestandsaufnahme: Was wurde aus der programmatischen Idee einer „sozialen Naturwissenschaft“, die im Zuge der Sensibilisierung für die ‚ökologische Krise’ in den 1980er Jahren aufkam?

Gernot Böhme brachte die Idee seiner Arbeitsgruppe auf den Punkt: Als Wissenschaft von der sozial verfassten Natur erweitere die „soziale Naturwissenschaft“ das Konzept der klassischen Ökologie, die nur von menschenunberührten Naturstücken ausging und sich im Kern – seit der Definition durch den Biologen Ernst Haeckel (1866) – in der biologischen Untersuchung der „Beziehungen des Organismus zur umgebenden Außenwelt“ erschöpfte. Wenn jedoch die Bezeichnung „Natur“ nicht nur auf paradigmatische Fälle wie den einsamen Waldteich oder das Korallenriff, sondern auch auf den Park oder den angelegten Forst zutrifft, dann muss in die Betrachtung von ‚Öko-Systemen’ ihre sozial bedingte Definition durch Verwendungs- und Besitzverhältnisse einbezogen werden. Es ginge insgesamt darum, so Böhme, die ‚natürliche’ Umwelt stärker als menschliche und durch den Menschen konstituierte Umwelt zu begreifen, da es schlichtweg „heute auf dem Globus praktisch keine Natur mehr gibt, wie sie von sich aus ist, sondern alle vorliegende Natur“ bereits „gesellschaftlich konstituierte Natur“ sei (Böhme 1985, 128). In der Tat träte eine derartige „soziale Naturwissenschaft“ mit dem Anspruch auf, eine Art „integrative Weisheit“ zu sein, wie Wolfgang van den Daele bemerkte, insofern diese wissenschaftliche Haltung neben ihrer Forderung nach Interdisziplinarität sowie nach Überschreitung der ökonomisch-egoistischen Zweckrelativität jeglicher wissenschaftlichen Erkenntnisbemühung, auch ethische, ästhetische und phänomenologische Fragen an das ‚ökologische’ Mensch-Natur-Verhältnis heran trage (vgl. Böhme 1996, 1998, 2007).

Offensichtlich scheint die Verwendung des Wortes „sozial“ im Titel „soziale Naturwissenschaft“ mehrdeutig oder zumindest mehrdimensional zu sein. Wenn „sozial“ – umrisshaft ausgedrückt – etwa „gesellig“ oder „gemeinsam“ meint, dann lassen sich mindestens drei Bedeutungsfelder in Ansehung des programmatischen Konzepts der sozialen Naturwissenschaft benennen (vgl. Böhme/Grebe 1985, 34-38): (1.) Es geht um die gemeinsame Arbeit verschiedener Disziplinen (aus Natur-, Kultur-, Geistes- und Sozialwissenschaften), die nicht bloß im Sinne der nachträglichen Addition ihrer isoliert erworbenen Einsichten, sondern wirklich vereint forschen (neuer methodischer Zugriff auf den Gegenstand „Natur“). (2.) Die Forschungsziele der sozialen Naturwissenschaft sollen nicht egoistischen bzw. partial-ökonomischen Detailinteressen unterworfen sein, sondern das sozio-ökonomische Mensch-Natur-Verhältnis „im Ganzen“ in den Blick nehmen (Henning Bockhorn). Hier fungiert „sozial“ als politisch aufgeladener Begriff, der eine ethische Forderung impliziert. Ob ‚nicht-partiale Interessen’ überhaupt denkbar seien, wollte Christoph Hubig wissen und schlug vor, statt einer totalen Opposition gegen das von – z. B. ökonomischen – Interessen geleitete Forschen sollte das Ganze – als Ziel der Erkenntnis – besser als negativ erschlossene Größe behandelt werden. Aus der Identifikation partialer Interessen als nur partialer ließe sich normative Orientierung für die weitere Entwicklung der Forschung hin zum Ideal ‚vollständiger Erkenntnis’ gewinnen. (3.) Weiter verweist die Rede von sozialer Naturwissenschaft darauf, dass der Gegenstand „Natur“ nicht ohne ‚Imprägnierung’ durch Wertungen und Normen zu haben und im Grunde nur von der Sphäre des Sozialen her denkbar ist. Dabei ist unterstellt, dass die Naturwissenschaft die Natur eigentlich immer nur „als material angeeignete zum Thema“ machen könne (Böhme 1985, 124; 138).

Die Rede von einer „sozialen Naturwissenschaft“ kann demnach als Vorschlag einer grundlegenden Perspektivänderung aufgefasst werden, wodurch u. a. die „einseitige Fixierung der Naturwissenschaften auf die Natur und die der Sozialwissenschaften auf die Gesellschaft“ überwunden werden kann (Stehr/von Storch 1998, 10). Die ‚klassische’ „Naturwissenschaft“ wäre dann nur noch „ein Moment im Prozess materialer Naturaneignung“ durch den Menschen (Böhme 1985, 123). Unter dieser Voraussetzung ließen sich Phänomene als Forschungsgegenstände behandeln, bevor sie „disziplinär vereinnahmt“ sind (Stehr/von Storch 1998, 9). Letzteres sei gerade in Ansehung der Klimadebatte relevant, wie Nico Stehr und Hans von Storch in Anlehnung an Böhmes Konzept der sozialen Naturwissenschaft ausführen. „Praktisch verwendbares Wissen“ zur Lösung des „Klimaproblems“ ließe sich nicht aus der physikalischen Beschreibung der Natur (z. B. Temperaturerhöhungsraten) und dem bloßen „Nachschalten“ anderer Modelle (z. B. von Ökosystemen oder aus der Ökonomie) gewinnen (Stehr/von Storch 1998, 10). Ein transdisziplinärer Begriff von Klima würde z. B. subjektive Erfahrungen extremer Temperaturwerte und -Schwankungen mitberücksichtigen.

Obgleich also Gernot Böhme abschließend erklärte, die Idee der sozialen Naturwissenschaft sei zwar eine gute Sache, „aber wir sind damit gescheitert“, insofern die Arbeitsgruppe ihre Projekte einer ökologischen Geschichte Europas sowie der Untersuchung des Zusammenhangs von ökonomischer und natürlicher Wasserwirtschaft im hessischen Ried nicht verwirklichen konnte, erweist sich die Idee doch als anschlussfähig für aktuelle Debatten. So führen Stehr/von Storch – in Nutzung des Potenzials der Idee Böhmes – aus, dass in Anbetracht des ‚Klimaproblems’ unter veränderter Perspektive nicht mehr von einer „ökologischen Krise oder Störung der Natur“ gesprochen werden müsste, sondern nur von einer „als krisenhaft empfundenen Phase der Vergesellschaftung der Umwelt“ (Stehr/von Storch 1998, 11). Das Klimaproblem könnte dann – ganz im Sinne Böhmes – als Fall des Stoffwechsels Mensch-Natur verstanden werden, wobei dieser Grundbegriff der sozialen Naturwissenschaft einerseits „klassisch naturwissenschaftlich zu beschreiben ist, auf der anderen Seite gesellschaftlichen Regelungen unterliegt“ (Böhme 1985, 138; vgl. auch Böhme/Grebe 1985, 29f.). Entsprechend kann Böhme resümieren: „Damit halten normative Konzepte Einzug in die Naturwissenschaft.“ Daran schließt sich die Frage, welche „Natur wir wollen“ – und dabei handelt es sich letztlich um ein politisches Thema (Böhme 1985, 138).

Philipp Richter




Literatur

Böhme, Gernot (1985): Die Frage nach einem neuen Naturverständnis, in: Böhme, Gernot/Schramm, Engelbert (Hg.): Soziale Naturwissenschaft. Wege zur Erweiterung der Ökologie, Frankfurt a. M., S. 123-139.

Böhme, Gernot/Grebe, Joachim (1985): Soziale Naturwissenschaft. Über die wissenschaftliche Bearbeitung der Soffwechselbeziehung Mensch-Natur, in: Böhme, Gernot/Schramm, Engelbert (Hg.): Soziale Naturwissenschaft. Wege zur Erweiterung der Ökologie, Frankfurt a. M., S. 19-41.

Böhme, Gernot (1996): Ästhetische Erkenntnis der Natur, in: Gloy, Karen (Hg.): Natur- und Technikbegriffe, Bonn, S. 118-145.

Böhme, Gernot (1998): Phänomenologie der Natur. Eine Perspektive, in: Matussek, Peter (Hg.): Goethe und die Verzeitlichung der Natur, München, S. 436-461.

Böhme, Gernot (2007): „Mir läuft ein Schauer übern ganzen Leib“ – das Wetter, die
Witterungslehre und die Sprache der Gefühle, in: Goethe-Jahrbuch 124, Göttingen, S. 133-141.

Stehr, Nico/von Storch, Hans (1998): Soziale Naturwissenschaft oder: Die Zukunft der Wissenschaftskulturen, in: Vorgänge 142.2, S. 8-12.




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