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PHILOSOPHISCHE PRAXIS Druckversion  |  Schrift: vergrößern verkleinern 

Gerd B. Achenbach :
Drei Jahrzehnte Philosophische Praxis


Zwar ist die vor nunmehr drei Jahrzehnten von mir ins Leben gerufene Philosophische Praxis – mit der nach einem Interim von zweitausend Jahren die Philosophie an ihre Ursprünge und ersten Interessen erinnert wurde, an die besonnene, wenn nicht weise, so doch um Vorbildlichkeit bemühte Lebensführung – einerseits eine mittlerweile internationale Erfolgsgeschichte, die u. a. durch zahlreiche wissenschaftliche, die Praxis der Philosophie reflektierende Kolloquien und außerdem durch insgesamt elf internationale Kongresse zur Philosophischen Praxis (u. a. in Vancouver, Amsterdam, New York, Bergisch Gladbach, Oslo, Kopenhagen, Sevilla, auf Sardinien und zuletzt in Seoul) dokumentiert wird; und sicherlich spricht für diese der Philosophie Tore zu zahlreichen, durchaus attraktiven beruflichen Möglichkeiten aufschließende innovative Profession auch die Tatsache, dass sich inzwischen in eigentlich allen Kulturnationen von Europa bis Japan, von Norwegen bis hinunter nach Südafrika, von Kanada bis nach Argentinien, Peru und Chile Gesellschaften zur Philosophischen Praxis gegründet haben, die auf ihre Weise die von uns ausgegangenen Anregungen aufnehmen und weiterentwickeln; auf der anderen Seite aber ist diese erfreuliche Entwicklung, die der Philosophie in der Öffentlichkeit teils ein neues, begrüßenswertes Interesse einträgt, auch eine Bedrohung für diese älteste, hoch angesehene Geschichte des Denkens, die für uns mit Namen wie Sokrates, Platon, Aristoteles, mit Kant, Hegel, Nietzsche, Wittgenstein und vielen anderen verbunden ist, da sich leider, wie die Erfahrung lehrt, so mancher, der an einer Universität Philosophie studiert hat, dadurch auch schon für befähigt hält, Menschen in Not und Bedrängnis zu helfen, Menschen in womöglich ausweglosen Lagen oder Menschen, die, vom Schicksal zerbrochen, verzweifelt und mutlos sind, manche verstrickt in verhedderten Geschichten, mit sich selber uneins, mit anderen im Hader, entzweit mit dem Weltlauf oder unversöhnt mit den Umständen, wie sie gegenwärtig herrschen, ohne Hoffnung und Zuversicht.

Was also die Freude über die schöne Resonanz, die der Auftritt der Philosophischen Praxis als Alternative zur Therapie einerseits findet, trübt, ist mithin die Sorge, dass im Hinblick auf solche Herausforderungen unqualifizierte Absolventen eines Studiums der Philosophie allzu wohlgemut ihre vermeintlichen Dienste anbieten und im Versagensfall, der dann nicht ausbleibt, nicht nur ihr eigenes Ansehen ruinieren, sondern dem soundso auf der Lauer liegenden Vorurteil, die Philosophie tauge eben nicht für das Leben, Auftrieb verschaffen.

Mit andern Worten: Die Reputation der Philosophie insgesamt steht auf dem Spiel, sobald sich solche selbsternannten „Vertreter des Fachs” (das ein Fach gar nicht ist und erst recht nicht in ein solches gehört) als „Philosophen” annoncieren, an die sich jedermann in praktischer Absicht wenden könne, sofern er bereit sei, dafür zu zahlen. Nun weiß ich, dass mancher Repräsentant der ordentlichen, sozusagen „amtlichen”, jedenfalls aber verbeamteten Hochschulphilosophie versucht sein könnte einzuwenden: Da sehe man ja, dass es mit der Einrichtung der Philosophischen Praxis ein Elend sei, das sich freilich nicht habe verhindern lassen. (In der Tat, sie ließ sich so wenig verhindern, wie sich nun unterbinden läßt, dass fragwürdige „Praktiker” „praktizieren” ...) Und dann mag er – etwa nach einem kurzen Rundblick durch einige Internet-Seiten, auf denen sich philosophische Praktiker präsentieren – entsetzt sein über das oftmals buntscheckige, manchmal kalenderspruchtriviale, nicht selten verschwiemelt esoterische oder mit vermeintlichen Weisheiten aufgepoppte Angebot, das sich da einer mutmaßlichen Nachfrage anhurt und so jeden Anspruch auf Seriosität oder auch nur auf intellektuellen Anstand verspielt; teils auch mag er sich amüsieren über die aufgeblasene Großsprecherei, die sich mit philosophischem Wortgepränge unter Laien Ansehen einzuheimsen hofft.


Doch wer nun die Verantwortung dafür der jungen Philosophischen Praxis anlasten wollte, dem antworte ich: Obschon da in aller Öffentlichkeit unsere Reputation beschädigt wird, ist doch zu sagen: Diese Brut ist nicht in der Philosophischen Praxis ausgebrütet worden, sondern ist aus den Universitäten geschlüpft und von dort nicht selten mit akademischen Ehren entlassen worden. Ein Umstand, der Zweifel an der (Lehr-)Praxis unserer theoretisch-ordentlichen Philosophie rechtfertigt.

Es sind solche Sorgen, die mich bewogen haben, seit nunmehr sechs Jahren jeweils dreijährige Ausbildungsgänge anzubieten und durchzuführen – der vierte Kurs hat mittlerweile so vielversprechend begonnen, wie die Vorläuferkurse abgeschlossen wurden –, und zugleich die Bemühungen zu unterstützen, die in mehreren europäischen Ländern an den Hochschulen zur Einrichtung von Masterstudiengängen zur Vorbereitung auf die Philosophische Praxis geführt haben, so u. a. in Italien und in Spanien. Derzeit werden außerdem in Österreich Pläne erwogen, an der Universität Postgraduierten-Lehr-gänge mit vergleichbarem Ziel zu etablieren.
In Deutschland freilich, als dem Land, in dem der Philosophie die Philosophische Praxis in die Wiege gelegt wurde, scheint man sich bisher um die Bildung dieses jüngsten Kindes nicht kümmern zu wollen – wen wundert’s, wenn es (hier und da) verwahrlost?

Um einmal recht unverblümt zu formulieren: Ich denke, die amtliche Philosophie wird es mit den Grundsätzen verantwortlicher Bildung ihres akademischen Nachwuchses auf die Dauer nicht vereinbaren können, wenn sie den Studierenden die mannigfachen Möglichkeiten verschließt, die sich für Absolventen ihres Studienganges in beruflicher Hinsicht eröffneten, sofern sie die Chance erhielten, sich auf eine Praxis der Philosophie im Sinne der Philosophischen Praxis kompetent vorzubereiten.

Die Erfahrung zeigt, dass angemessen mit der Praxis vertraut gemachte Philosophen sowohl in der freien philosophischen Beratungspraxis, als auch in unternehmensorientierten Konsultationsformen oder in Einrichtungen anspruchsvoller Lebens- und Berufsberatung professionelle Wirkungsmöglichkeiten finden, ebenso in Krankenhäusern und Hospizen, in Einrichtungen der freien Wohlfahrtsverbände oder in Schulen, in denen die Philosophische Praxis inzwischen vereinzelt als Alternative (oder auch als Ergänzung) zum schulpsychologischen Dienst Fuß zu fassen beginnt.

Meine eigene Erfahrung zeigt aber ebenso und außerdem, dass ein großes Interesse beispielsweise an „philosophischen Reisen”, wie ich sie nenne, besteht, die etwa an die Wirkungsstätten bedeutender Philosophen führen, wo sich die Vertrautheit mit dem Werk sinnfällig ergänzen lässt. Zur Verdeutlichung verweise ich auf den Ort Kues an der Mosel, wo Nikolaus nach eigenen Vorgaben das Stift so erbauen ließ, dass Grundsätze seiner Philosophie – etwa die Harmonie des Individuellen – daran zur Anschauung kommen. Oder sich die „Docta ignorantia” im vertiefenden Gespräch mit anderen in jenem Zimmer zu vergegenwärtigen, in dem der Cusaner sie einst schrieb, fasziniert die Teilnehmer, denen auf diese Weise ein sonst bloß „musealer Ort” lebendig wird.

Die recht verstandene Philosophische Praxis fördert ebenso die geistige, weltumgangstaugliche Geschicklichkeit, literarische Werke philosophisch zur Sprache zu bringen, insofern uns die Praxis lehrt, nicht etwa Philosopheme in belehrender Absicht in den Alltag hinauszuposaunen, sondern umgekehrt konkrete Ereignisse und Verwicklungen – wie sie die große Literatur entfaltet – zum Anlass philosophisch gehaltvollen Nachdenkens zu nehmen. Dieser Vorzug lässt sich dann, wie ich dies seit nunmehr drei Jahrzehnten unternehme, in Form von anderen Reisen konkretisieren, etwa an die Wirkungsstätten beachtenswerter Schriftsteller. So wird uns die diesjährige „Philosophisch-literarische Sommerakademie” nach Husum bringen, wo wir, in philosophischem Interesse, „Auf den Spuren des Theodor Storm” sein werden.

Wenn in der Institution, in der vor nunmehr 31 Jahren die Philosophische Praxis in Bergisch Gladbach gegründet wurde, seither – also nun seit mehr als drei Jahrzehnten – freitags die sogenannten „Freitag-Vorträge” stattfinden, die regelmäßig von ca. 20 bis (manchmal) 40 Teilnehmern besucht werden, so könnte auf den ersten Blick eingewandt werden, dabei handele es sich schließlich um nichts anderes als den gewohnten philosophischen Bildungsbetrieb. Doch der erste Blick täuschte auch hier: Tatsächlich ist es ein Ausdruck der zu sich selbst kommenden Philosophischen Praxis, dass sie sich, über die im engen Verständnis primär- oder rein-philosophischen Fragen hinaus, auf ihre Weise für alles interessiert, was auch sonst Menschen in ihrem Alltag und als nachdenkliche Zeitgenossen beschäftigt. Das gestattet nun, was mir hier möglich war, über einen so langen Zeitraum hinweg nicht ein Mal ein Thema zu wiederholen, sondern in jeder Woche aufs neue philosophische Nachdenklichkeit beispielsweise an sonst geführte öffentliche Diskurse anzuschließen. So stand am vergangenen Freitag in der hiesigen Praxis ein Abend zur Debatte über die religiös motivierte Beschneidungspraxis auf dem Programm, der auf zahlreiches Interesse stieß.

Wer es versteht, in solchem Sinne eine praktisch sich bewährende Philosophie gleich auf mehrere Standbeine zu stellen, vermag in ihr und mit ihr als Philosoph nicht nur ein ansehnliches Auskommen zu finden, sondern eine berufliche Tätigkeit, die an Vielseitigkeit, Freiheit und Ansehen, die sie einträgt, ihresgleichen sucht. Auch dies ist dann ein Stück „gelingenden Lebens”: eine Profession zu betreiben, in der man – wie mein verehrter Lehrer Odo Marquard einmal sinngemäß sagte – tut, was man auch dann täte, wenn man sie nicht als Beruf ausübte.

Ich greife in der Wortwahl wahrlich nicht zu hoch, wenn ich anfüge, dass sich auf diesem nun freigelegten und vorausgegangenen Weg ein erfülltes Leben finden lässt, das sich nicht scheuen muss, sich selbst als glücklich zu bekennen. Während akademisch, wie bekannt, allzu oft nur höchst „theoretisch” vom Glück gehandelt wird.
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Literaturempfehlung zur Ergänzung:

Gerd B. Achenbach, Zur Einführung der Philosophischen Praxis. Vorträge, Aufsätze, Gespräche und Essays, mit denen sich die Philosophische Praxis in den Jahren 1981 bis 2009 vorstellte, Schriftenreihe zur Philosophischen Praxis Bd. V, Köln 2010.

Außerdem zahlreiche Texte auf der Internetseite: www.achenbach-pp.de




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