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05 2012

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Peter Schulte :
Naturalismus: Perspektiven und Probleme

aus Heft 5/2012, S. 18-31


„Naturalismus oder Nicht-Naturalismus?“ Diese Frage stellten David Chalmers und David Bourget vor kurzem 931 professionellen Philosophinnen und Philosophen aus dem englischsprachigen Raum. Das Resultat: 49,8% der Befragten bekannten sich zum Naturalismus und 25,8% zum Nicht-Naturalismus; die übrigen Teilnehmer der Umfrage enthielten sich (vgl. http://philpapers. org/surveys/results.pl). Dieses Ergebnis zeigt zweierlei: Auf der einen Seite bestätigt es den Eindruck, dass der Naturalismus heute, zumindest an englischsprachigen Universitäten, das dominierende philosophische Weltbild ist; auf der anderen Seite macht es aber auch deutlich, dass nicht wenige zeitgenössische Philosophen dezidiert anti-naturalistische Positionen vertreten. Die Grundsatzdebatte um den Naturalismus, so scheint es, ist noch lange nicht entschieden. Ein Blick auf die verschiedenen Teilgebiete der Philosophie bestätigt diesen Eindruck. Insbesondere in der Philosophie des Geistes, der Metaethik, der Philosophie der Mathematik und der Erkenntnistheorie werden nach wie vor intensive Kontroversen über naturalistische und nicht-naturalistische Ansätze geführt. Doch was versteht man eigentlich unter „naturalistischen Ansätzen“? Welche Varianten des Naturalismus gibt es, und was spricht für oder gegen sie?

Methodologischer und ontologischer Naturalismus

Ein erster, grundlegender Unterschied besteht zwischen dem methodologischen und dem ontologischen (oder metaphysischen) Naturalismus. Der methodologische Naturalismus ist eine metaphilosophische These, die besagt, dass philosophische Fragen letztlich nur mittels empirischer Methoden (im weiten Sinn) zu beantworten sind, und dass die Philosophie sich daher stärker am Vorbild der Naturwissenschaften orientieren sollte. Damit wenden sich die methodologischen Naturalisten gegen das Projekt einer „ersten Philosophie“ – einer apriorischen Grundlegung der Naturwissenschaften –, aber auch gegen die Methode der Begriffsanalyse. Nach ihrer Auffassung geht es in der Philosophie nicht um die Klärung unserer Begriffe. Es geht vielmehr darum, die Phänomene selbst zu untersuchen und empirisch gestützte, synthetische Theorien zu entwickeln, die diese Phänomene adäquat beschreiben (vgl. [1], Abschnitt 2.1).

Ein Beispiel für die Umsetzung des methodologisch-naturalistischen Programms ist die naturalisierte Erkenntnistheorie (vgl. [4], [3], [2]). Anhänger dieses Ansatzes bestreiten, dass sich Fragen nach Wissen und Rechtfertigung mit traditionellen philosophischen Methoden, also z.B. durch Überprüfung und Systematisierung von begrifflichen Intuitionen, beantworten lassen. Sie halten Wissen und Rechtfertigung für natürliche Phänomene, deren konstitutive Eigenschaften, genau wie die konstitutiven Eigenschaften von Licht, Wasser oder Säugetierblut, nur auf empirischem Wege bestimmt werden können (vgl. [3], Kap. 2). Ob die Erkenntnistheorie damit zu einem Kapitel der deskriptiven Psychologie wird (vgl. [4], S. 83) oder ihren Status als eigenständige normative Disziplin behält (vgl. [3], S. 26), ist dabei unter Vertretern der naturalisierten Erkenntnistheorie umstritten.

Im Zentrum dieses Berichts soll allerdings nicht der methodologische, sondern der ontologische Naturalismus stehen. Hierbei handelt es sich um eine These über die Beschaffenheit der Welt, die von methodologischen Annahmen über Begriffsanalyse und A-priori-Wissen unabhängig ist, auch wenn sie oft zusammen mit methodologisch-naturalistischen Auffassungen vertreten wird.

Ontologischer Naturalismus: Was sind natürliche Entitäten?

Der ontologische Naturalist behauptet, dass alle Entitäten, die es gibt – alle Einzeldinge, Eigenschaften, Tatsachen und Ereignisse – natürliche Entitäten sind. Es existiert nichts jenseits der natürlichen Realität, nichts, das über die natürliche Realität hinausgeht. In dieser allgemeinen Form ist die Naturalismusthese allerdings zu unpräzise, um philosophisch interessant zu sein. Der Naturalist muss daher zusätzlich ein Natürlichkeitskriterium formulieren – eine Bedingung, die eine Entität erfüllen muss, um als „natürlich“ gelten zu können.

Viele Autoren versuchen die These des ontologischen Naturalismus zu präzisieren, indem sie „natürliche Entitäten“ als Gegenstände einer idealen naturwissenschaftlichen Theorie charakterisieren. So schreiben z.B. Paul Moser und David Yandell: „Ontological naturalism takes various forms. We will understand such naturalism in terms of this core view: every real entity either consists of or is somehow ontologically grounded in the objects countenanced by the hypothetically completed empirical sciences [...].“ ([28], S. 4; vgl. auch [13], S. 14) Der ontologische Naturalist lässt nach dieser Definition zwei Klassen von Entitäten zu: (i) die fundamentalen natürlichen Entitäten, die von der idealen (vollständigen und korrekten) naturwissenschaftlichen Theorie unserer Welt postuliert werden – also vermutlich Einzeldinge wie Elektronen, DNA-Moleküle und Schnabeltiere, Eigenschaften wie Masse, pH-Wert und Gesamtfitness, etc. –, und (ii) die derivativen natürlichen Entitäten, die aus den fundamentalen Entitäten zusammengesetzt sind oder, vorsichtiger formuliert, in einer ontologischen Abhängigkeitsbeziehung zu diesen Entitäten stehen. Die Gegenstände der zweiten Kategorie sind selbst keine Postulate der Naturwissenschaften, gelten aber als „natürlich“, weil sie nicht unabhängig von den fundamentalen natürlichen Entitäten existieren können. Ihre Existenz ist daher vereinbar mit der naturalistischen Grundidee, dass es nichts gibt, das jenseits der natürlichen Welt liegt oder über sie hinausgeht. Unkontroverse Beispiele für derivative natürliche Entitäten sind Büroklammern, Telefonzellen und Hochspannungsleitungen, sowie deren charakteristische Eigenschaften; ambitionierte Naturalisten rechnen außerdem Gegenstände wie Nationen, Symphonien und Wechselkurse zu dieser Kategorie.

Die Frage ist nur: Fängt die von Moser und Yandell formulierte These wirklich das ein, was Philosophen gewöhnlich unter Naturalismus verstehen? Nehmen wir einmal an, der interaktionistische Substanzdualismus sei wahr, und jeder Mensch sei ein nicht-räumliches cartesisches Subjekt, das handelt, indem es mit seinem Körper kausal interagiert. Unter diesen Umständen wäre es durchaus denkbar, dass Wissenschaftler empirische Belege für die Interaktion von Geist und Körper finden – etwa, indem sie nachweisen, dass im Gehirn regelmäßig Ereignisse auftreten, die keine hinreichende physikalische Ursache haben (also physikalisch indeterminiert sind), und dass unsere absichtlichen Körperbewegungen stets von neuronalen Ereignissen dieser Art hervorgerufen werden. Zusätzlich könnten Daten über außerkörperliche Erfahrungen („out-of-body experiences“) vorliegen, die bestätigen, dass Menschen, die solche Erfahrungen haben, tatsächlich ihren Körper verlassen – so z. B. Daten, die zeigen, dass Menschen nach außerkörperlichen Erfahrungen über Wissen verfügen, das sie nur durch Verlassen ihres Körpers erworben haben können. Für die Neurowissenschaftler wäre es unter diesen Umständen offensichtlich rational, eine substanzdualistische Theorie des Geistes zu akzeptieren ([34], S. 168; ähnliche Beispiele finden sich in [5], Abschnitt 1). Solche Überlegungen zeigen, dass die naturalistische These in der Formulierung von Moser und Yandell mit der Existenz nicht-körperlicher Seelen kompatibel ist – ein Resultat, dass konsequente Vertreter des ontologischen Naturalismus nicht akzeptieren können. Nicht-körperliche Seelen sind ein paradigmatisches Beispiel für Entitäten, die jenseits der natürlichen Welt existieren. Eine These, die den Namen „Naturalismus“ verdient, muss die Existenz solcher Entitäten daher ausschließen.

Allgemeiner ausgedrückt: Eine Formulierung der Naturalismusthese ist nur dann adäquat, wenn ihre Wahrheit mit der Existenz paradigmatischer nicht-natürlicher Entitäten unvereinbar ist. Zu diesen Entitäten zählen cartesische Subjekte, aber auch göttliche Wesen, ontologisch fundamentale Qualia (wie sie z.B. David Chalmers in [11] postuliert) und ontologisch fundamentale moralische Tatsachen (wie sie z. B. von G.E. Moore in [27] angenommen werden). Aus einer genuin naturalistischen These muss folgen, dass Entitäten dieser Art nicht existieren – darüber scheint unter zeitgenössischen Philosophen weitgehend Einigkeit zu bestehen.

Wie könnte eine adäquate Naturalismusthese also lauten? Eine zweite Formulierung, die prima facie aussichtsreicher ist als die erste, operiert mit dem Begriff der paradigmatischen natürlichen Entitäten. Darunter sind nicht die Postulate idealer naturwissenschaftlicher Theorien zu verstehen, sondern Entitäten, die de facto Gegenstand gegenwärtiger naturwissenschaftlicher Forschung sind. Als Beispiele lassen sich wiederum Einzeldinge wie Elektronen, DNA-Moleküle und Schnabeltiere anführen, sowie deren charakteristische physikalische, chemische und biologische Eigenschaften. Nach diesem zweiten Vorschlag gilt nun folgendes: Alle Entitäten, die es in unserer Welt gibt, gehören zur gleichen Art wie die paradigmatischen natürlichen Gegenstände (vgl. [6], S. 223f). Die Klausel (ii) der ersten Definition ist hier verzichtbar, da das Kriterium der Artgleichheit so interpretiert werden kann, dass auch derivative natürliche Entitäten – Büroklammern, Telefonzellen, Hochspannungsleitungen, usw. – dadurch mit erfasst werden.

Doch auch diese Formulierung der Naturalismusthese ist problematisch. Erstens bilden die paradigmatischen natürlichen Gegenstände eine sehr heterogene Klasse; daher bleibt es recht vage, welche Entitäten das Kriterium der Artgleichheit erfüllen und damit als „natürlich“ bezeichnet werden können. Zweitens, und das ist der entscheidende Punkt, handelt es sich bei dieser Version des Naturalismus um eine dialektisch instabile Position. Einerseits erlaubt die These, dass es nicht-physikalische Eigenschaften gibt, die ontologisch fundamental sind, also in keiner ontologischen Abhängigkeitsbeziehung zu den physikalischen Tatsachen stehen. (Solche Eigenschaften werden auch als „emergent“ bezeichnet.) Nehmen wir einmal an, bei der DNA-Replikation seien emergente biologische Eigenschaften im Spiel – Eigenschaften der DNA oder der beteiligten Enzyme, die nicht von den chemisch-physikalischen Eigenschaften dieser Moleküle (atomarer Struktur, Konformation, Polarisierung, usw.) abhängig sind, und daher auch nicht durch sie erklärt werden können. Die Existenz solcher Eigenschaften wäre mit der zweiten Variante der Naturalismusthese vereinbar, da biologische Eigenschaften zu den paradigmatischen natürlichen Entitäten zählen. Gleichzeitig müssen die Vertreter dieser Variante aber darauf bestehen, dass ihre These mit der Existenz emergenter psychologischer Eigenschaften unvereinbar ist – sonst wäre die oben entwickelte Adäquatheitsbedingung für Formulierungen der Naturalismusthese verletzt. Sie müssen also annehmen, dass psychologische Eigenschaften weder in die Liste der paradigmatischen natürlichen Entitäten aufgenommen werden dürfen, noch zur gleichen Art gerechnet werden können wie diejenigen Entitäten, die auf der Liste stehen. Dies ist jedoch keine stabile Position. Dieselben Argumente, die gegen emergente psychologische Eigenschaften sprechen, können auch gegen emergente chemische und biologische Eigenschaften ins Feld geführt werden – ein Punkt, der im Abschnitt Was spricht für den physikalistischen Naturalismus? noch einmal aufgegriffen und weiter ausgeführt wird.

Vom Natürlichen zum Physikalischen

Zeitgenössische ontologische Naturalisten gehen aus diesem Grund oft einen Schritt weiter: Sie bestreiten, dass es auf irgendeiner Ebene der Realität emergente Eigenschaften – oder andere emergente Entitäten – gibt. Ontologisch fundamental, so ihre These, sind einzig und allein die physikalischen Entitäten. Der ontologische Naturalismus führt damit fast zwangsläufig zum physikalistischen Naturalismus oder Physikalismus.

Diese Variante des ontologischen Naturalismus besagt, dass es nur zwei Arten von Entitäten gibt, und zwar (i) die fundamentalen natürlichen Entitäten, die mit den physikalischen Entitäten gleichgesetzt werden können – Einzeldinge wie Elektronen, Quarks und Neutrinos, Eigenschaften wie Masse, Ladung und Spin, etc. –, und (ii) die derivativen natürlichen Entitäten, die in einer ontologischen Abhängigkeitsbeziehung zu den physikalischen Entitäten stehen. Zur zweiten Kategorie gehören in diesem Fall nicht nur Büroklammern, Telefonzellen und andere Artefakte, sondern auch sämtliche chemischen, biologischen und psychologischen Entitäten.

Diese Formulierung des Naturalismus wirft zunächst die Frage auf, wie die Bedeutung des Ausdrucks „physikalisch“ näher spezifiziert werden kann. Hier liegt es nahe, die Strategie anzuwenden, die andere Naturalisten zur Definition von „natürlich“ heranziehen, und als „physikalisch“ einfach diejenigen Entitäten zu charakterisieren, die zur gleichen Art gehören wie eine bestimmte Auswahl paradigmatischer physikalischer Gegenstände (Elektronen, Quarks, Neutrinos) und Eigenschaften (Masse, Ladung, Spin) (vgl. [16], S. 7; [29], S. 419f). Diese Auswahl ist weit weniger heterogen als die Klasse der paradigmatischen natürlichen Entitäten; es ist daher sehr viel klarer als im Fall der zweiten Naturalismusdefinition, welche Entitäten das Kriterium der Artgleichheit erfüllen, und welche nicht. Dass ein gewisser Grad an Vagheit bleibt, ist unbestreitbar. Doch das ist kein Problem für den physikalistischen Naturalisten, da die paradigmatischen nicht-natürlichen Entitäten, die oben genannt wurden (cartesische Seelen, ontologisch fundamentale moralische Eigenschaften, usw.), nach dem Kriterium der Artgleichheit ganz sicher nicht zu den physikalischen Entitäten zählen. (Ein Problem ergibt sich lediglich im Zusammenhang mit dem Proto-Panpsychismus – einer Theorie, nach der fundamentale physikalische Eigenschaften zugleich proto-mentale Eigenschaften sind. Dieser Ansatz sollte nicht als „naturalistisch“ klassifiziert werden, daher ist es streng genommen notwendig, die These des physikalistischen Naturalismus durch den Zusatz zu ergänzen, dass die fundamentalen physikalischen Entitäten nicht-mental sind; vgl. [30], S. 421 und [29], S. 25. Zur Vereinfachung der Darstellung soll dieser Zusatz im Folgenden jedoch ignoriert werden. Auch die Position des Proto-Panpsychismus wird nicht weiter diskutiert, da sie sich von allen anderen Varianten des Nicht-Naturalismus grundlegend unterscheidet und spezielle Probleme mit sich bringt; vgl. dazu die Beiträge in [37].)

Die zentrale Frage, die noch geklärt werden muss, betrifft die Klausel (ii) der neuen Definition: Wie lässt sich die „ontologische Abhängigkeitsbeziehung“ charakterisieren, von der hier (wie auch in der ersten Formulierung der Naturalismusthese) die Rede ist?

Der physikalistische Naturalismus als Supervenienzthese?

Dem physikalistischen Naturalismus zufolge müssen Entitäten höherer Ebenen in einer bestimmten Abhängigkeitsbeziehung zu den fundamentalen physikalischen Entitäten stehen, um als „natürlich“ gelten zu können. Ein offensichtlicher Kandidat für diese Beziehung ist die Relation der Supervenienz, die in den letzten Jahrzehnten intensiv diskutiert worden ist (vgl. [17], [25]). Wenn wir uns, um formale Komplikationen zu vermeiden, auf die ontologische Kategorie der Tatsachen konzentrieren, würde die naturalistische These demnach so lauten: Alle Tatsachen sind physikalisch oder supervenieren über den physikalischen Tatsachen. Da Tatsachen jeder Art trivialerweise über sich selbst supervenieren (wie die unten folgenden Erläuterungen des Supervenienzbegriffs deutlich machen), kann diese Formulierung noch vereinfacht werden: Alle Tatsachen supervenieren über den physikalischen Tatsachen. Dies ist eine prägnante These – aber ist sie auch tragfähig?

Supervenienz wird gewöhnlich als eine Abhängigkeitsrelation zwischen zwei ‚Ebenen’ oder ‚Stufen’ der Realität verstanden: Eine Ebene superveniert über einer anderen genau dann, wenn es auf der höheren („supervenierenden“) Ebene keine Unterschiede geben kann, ohne dass es auch auf der niedrigeren („subvenierenden“) Ebene Unterschiede gibt. Diese Grundidee lässt sich allerdings auf ganz unterschiedliche Weise präzisieren, was zu einer Vielzahl von Supervenienzdefinitionen geführt hat. Für unsere Diskussion ist die Relation der globalen Supervenienz entscheidend. Diese Relation besteht (grob gesagt) genau dann zwischen zwei Ebenen der Realität, wenn es keine mögliche Welt gibt, die hinsichtlich der subvenierenden Ebene vollkommen identisch mit unserer Welt ist, sich aber hinsichtlich der supervenierenden Ebene von unserer Welt unterscheidet. Mentale Tatsachen beispielsweise supervenieren genau dann global über physikalischen Tatsachen, wenn es in der Menge der möglichen Welten kein (minimales) physikalisches Duplikat unserer Welt gibt, das sich hinsichtlich der mentalen Tatsachen von unserer Welt unterscheidet (vgl. [16], S. 12).
Wenn die „ontologische Abhängigkeitsbeziehung“ in Klausel (ii) der Naturalismusdefinition als globale Supervenienzrelation verstanden wird, dann ist der ontologische Naturalismus also äquivalent mit der folgenden These:

(GSP) Alle Tatsachen supervenieren global über den physikalischen Tatsachen.

Doch kann (GSP) – die These der globalen Supervenienz aller Tatsachen auf dem Physikalischen – tatsächlich mit dem Naturalismus gleichgesetzt werden? Dies erscheint zunächst plausibel; doch bei genauerer Betrachtung stellt sich heraus, dass eine solche Gleichsetzung nicht haltbar ist. Die globale Supervenienzthese besagt schließlich nur, dass alle Tatsachen auf bestimmte Weise mit den physikalischen Tatsachen kovariieren; über den Charakter, die Natur der kovariierenden Tatsachen sagt sie nichts (vgl. [17], S. 148). Die Annahme, dass es paradigmatische nicht-natürliche Tatsachen gibt, die global über den physikalischen Tatsachen supervenieren, ist daher vollkommen kohärent (vgl. [15], S. 24f).

Dies lässt sich sehr gut am Beispiel des nicht-naturalistischen moralischen Realismus demonstrieren. Der nicht-naturalistische Realist postuliert primitive, nicht-natürliche moralische Tatsachen, behauptet aber gleichzeitig, dass diese Tatsachen über deskriptiven Fakten supervenieren. Wenn es einen moralischen Unterschied zwischen zwei Handlungen h und h* gibt, dann, so die plausible Annahme, müssen sich h und h* auch in einer nicht-moralischen Hinsicht unterscheiden: in ihren Folgen, ihren psychologischen Ursachen oder irgendeiner anderen deskriptiven Eigenschaft. Nun spricht aber prima facie nichts dagegen, dass die deskriptiven Fakten, über denen die moralischen Tatsachen supervenieren, vollständig natürlich sind. Wenn der nicht-naturalistische moralische Realist dies akzeptiert, ist seine Position mit (GSP) vereinbar. Doch es wäre falsch zu sagen, dass er damit zum Naturalisten wird.

Die These der globalen Supervenienz sollte also nicht dem Naturalismus identifiziert werden – die Wahrheit von (GSP) ist nur notwendig, aber nicht hinreichend für die Wahrheit der Naturalismusthese. Um seine Position adäquat formulieren zu können, muss der physikalistische Naturalist auf andere theoretische Ressourcen zurückgreifen.

Varianten des Naturalismus

Es stellt sich nun folgende Frage: Welche Bedingung müssen Tatsachen, die global über den physikalischen Fakten supervenieren, zusätzlich noch erfüllen, um als natürliche Tatsachen gelten zu können? In der gegenwärtigen Diskussion werden drei unterschiedliche Antworten auf diese Frage vertreten, und jede dieser Antworten bildet die Grundlage für eine eigenständige Variante der Naturalismusthese. In den nächsten Unterabschnitten sollen diese Varianten in ihren Grundzügen vorgestellt werden.

Der Analytische Naturalismus

Der Analytische Naturalismus ist auch unter den Bezeichnungen „Analytischer Physikalismus“ und „A-priori-Physikalismus“ bekannt; zu seinen Vertretern zählen unter anderem Frank Jackson, Terry Horgan, David Lewis und (mit Einschränkungen) David Chalmers (vgl. [12], [15], [16], [21]). Analytische Naturalisten sind der Ansicht, dass eine analytische Beziehung zwischen den höheren Beschreibungsebenen – der Alltagssprache, der Biologie, der Psychologie, etc. – und der basalen, mikrophysikalischen Beschreibungsebene besteht. Leicht vereinfacht lautet ihre zentrale These: Alle wahren Propositionen können im Prinzip aus einer vollständigen physikalischen Beschreibung der Welt a priori abgeleitet werden.

Ein oft zitiertes Beispiel ist die Aussage „Wasser = H2O“, die mit „Wasser“ einen Ausdruck enthält, der zu einer höheren Beschreibungsebene gehört. Nach Ansicht des Analytischen Naturalisten kann „Wasser = H2O“ aus einer vollständigen physikalischen Weltbeschreibung a priori abgeleitet werden, weil (i) die physikalische Beschreibung zahlreiche Aussagen über das Verhalten von H2O-Molekülen enthält („Ansammlungen von H2O-Molekülen sind flüssig, lichtdurchlässig, gefrieren bei 0° C, usw.“) und (ii) es eine analytische Wahrheit ist, dass Wasser sich auf eine bestimmte Art und Weise verhält („Wasser ist derjenige Stoff, der flüssig und lichtdurchlässig ist, bei Kälte gefriert, usw.“). Daraus folgt logisch, dass Wasser H2O ist. (Diese Darstellung der Ableitung ist stark vereinfacht; zu verschiedenen Komplikationen vgl. [12].)

Ein großer Vorteil des Analytischen Naturalismus besteht darin, dass seine Vertreter sehr gut plausibel machen können, warum ihre Position als naturalistisch anzusehen ist: Wenn die Existenz von Tatsachen höherer Ebenen begrifflich aus der Existenz fundamentaler physikalischer Tatsachen folgt, dann scheint klar zu sein, dass Tatsachen höherer Ebenen keinen Entitäten sind, die jenseits der natürlichen Realität existieren oder in irgend einer Weise über diese Realität hinausgehen.

Der Analytische Naturalist kann also mit Recht den Anspruch erheben, eine reduktive Erklärung für Tatsachen höherer Ebenen zu bieten. Er verpflichtet sich allerdings auch auf einige kontroverse Annahmen. Unter anderem setzt er voraus, dass alle Begriffe der höheren Beschreibungsebenen – wie etwa „Wasser“, „Wärme“ oder „Meinung“ – einen deskriptiven Gehalt besitzen. Deskriptiver Gehalt ist die Voraussetzung für die Existenz substantieller analytischer Wahrheiten, ohne die es nicht möglich wäre, Sätze höherer Beschreibungsebenen a priori aus einer vollständigen physikalischen Weltbeschreibung abzuleiten – wie das oben angeführte Beispiel der Ableitung von „Wasser = H2O“ zeigt. Diese deskriptivistische Konzeption von Begriffen ist umstritten. Insgesamt ist dennoch klar, dass der Analytische Naturalismus für Vertreter eines naturalistischen Weltbildes eine äußerst attraktive theoretische Option darstellt.

Der Synthetisch-reduktive Naturalismus

Viele Naturalisten glauben allerdings nicht, dass alle wahren Propositionen aus einer vollständigen physikalischen Weltbeschreibung abgeleitet werden können. Sie sind der Ansicht, dass zwischen physikalischen Tatsachen und Tatsachen höherer Ebenen keine analytische, sondern eine synthetische Beziehung besteht; daher kann ihre Position als „Synthetischer Naturalismus“ (oder „A-posteriori-Naturalismus“ / „A-posteriori-Physikalismus“) bezeichnet werden. Bekannte Vertreter dieser Auffassung sind Ned Block, Richard Boyd, Hilary Kornblith, William Lycan und Robert Stalnaker (vgl. [9], [10], [19], [24]).

Die wichtigste Herausforderung für Synthetische Naturalisten besteht darin, ein plausibles Natürlichkeitskriterium für Entitäten höherer Ebenen zu entwickeln – ein Kriterium, das mehr verlangt als bloße Supervenienz über dem Physikalischen, und weniger als begriffliche Ableitbarkeit aus der vollständigen physikalischen Weltbeschreibung. Die Reaktion der Synthetischen Naturalisten auf diese Herausforderung fällt uneinheitlich aus. Im Wesentlichen lassen sich zwei verschiedene Versionen des synthetischen Ansatzes unterscheiden – eine reduktive und eine nicht-reduktive Version.

Dem Synthetisch-reduktiven Naturalismus zufolge sind Entitäten höherer Ebenen genau dann natürlich, wenn sie mit physikalischen Entitäten identisch sind. Da die Rede von „Entitäten höherer Ebenen“ in diesem Zusammenhang irreführend ist, kann man diesen Vorschlag auch so formulieren: Begriffe höherer Beschreibungsebenen sind dann akzeptabel, wenn sie sich auf (eventuell relativ komplexe) physikalische Entitäten beziehen. So ist z.B. die Existenz von Wasser mit der synthetisch-reduktiven These vereinbar, da „Wasser“ sich auf H2O bezieht.

Wie kann es aber sein, dass „Wasser“ auf H2O Bezug nimmt, obwohl Propositionen über Wasser nicht a priori aus Propositionen über H2O ableitbar sind? Synthetisch-reduktive Naturalisten beantworten diese Frage in der Regel dadurch, dass sie auf die kausale Theorie der Referenz verweisen (vgl. [20], [32]). Nach dieser Theorie referieren Eigennamen und Begriffe für natürliche Arten (wie z.B. „Wasser“) nicht deshalb, weil sie einen bestimmten deskriptiven Gehalt haben, sondern weil sie in einer bestimmten kausalen Relation zu ihrem Referenten stehen (vgl. [10]) oder weil sie über eine kausale Kette von Kommunikationsakten mit einem „Taufakt“ verbunden sind, mit dem die Referenz des Ausdrucks festlegt wurde (vgl. [20], S. 91-97). Auf Grundlage dieser semantischen Theorie kann der Synthetische Naturalist die Identitätsthese aufrechterhalten und gleichzeitig bestreiten, dass diejenigen analytischen Beziehungen bestehen, die für eine A-priori-Ableitbarkeit von Sätzen höherer Ebenen notwendig sind.

Der Synthetisch-nichreduktive Naturalismus

Gegen den Synthetisch-reduktiven Naturalismus ist allerdings ein gravierender Einwand vorgebracht worden: der Einwand von der Multirealisierbarkeit der Eigenschaften höherer Ebenen. Dieser Einwand besagt, in aller Kürze, dass biologische, psychologische und soziologische Eigenschaften nicht mit physikalischen Eigenschaften identifiziert werden können, weil sie multirealisierbar sind, d. h. weil die einzelnen Instanzen dieser Eigenschaften von ganz unterschiedlichen physikalischen Eigenschaften realisiert (oder konstituiert) werden. So sind z. B. Schmerzzustände bei verschiedenen Menschen durch verschiedene neuronale Zustände realisiert; und noch weitaus größere Unterschiede bestehen zwischen den Schmerz-Realisierern von Menschen, Reptilien und Tintenfischen. In physikalischer Hinsicht, so scheint es, haben diese Zustände nicht sehr viel gemeinsam; eine Identifikation der Schmerztatsachen mit physikalischen Tatsachen ist damit prima facie ausgeschlossen. Zwar gibt es auch Kritiker dieser Argumentation (vgl. [18], [35]), doch die meisten zeitgenössischen Philosophen halten den Multirealisierbarkeits-Einwand für schlagend.

Dies gilt auch für zahlreiche Anhänger des synthetisch-naturalistischen Ansatzes, die aus diesem Grund eine synthetisch-nichtreduktive Version des Naturalismus verteidigen. Synthetisch-nichtreduktive Naturalisten lehnen – wie die Reduktionisten – die These der A-priori-Ableitbarkeit ab, und begründen dies ebenfalls mit der kausalen Theorie der Referenz. Sie bestreiten aber, dass sich Begriffe höherer Ebenen auf physikalische Entitäten beziehen, und behaupten stattdessen, dass solche Begriffe (oft) auf irreduzible Entitäten höherer Ebenen Bezug nehmen – auf Entitäten, die zwar über den mikrophysikalischen Tatsachen supervenieren, aber nicht mit ihnen identifiziert werden können.

Die Frage ist nun: Was spricht dafür, diese Position als Variante des Naturalismus aufzufassen? Was macht die irreduziblen Entitäten höherer Ebenen zu „natürlichen“ Entitäten? Der Synthetisch-nichtreduktive Naturalist wird zunächst antworten, dass die von ihm postulierten Entitäten, im Gegensatz etwa zu den Qualia des Eigenschaftsdualisten oder den moralischen Tatsachen des nicht-naturalistischen Realisten, nicht ontologisch fundamental sind, sondern von physikalischen Entitäten realisiert werden. Doch diese Antwort ist nur dann wirklich befriedigend, wenn sie durch eine Analyse der Realisierungsbeziehung ergänzt wird – oder zumindest durch eine informelle Explikation dieser Beziehung.

Diese Ergänzung stellt synthetisch-nichtreduktive Naturalisten vor erhebliche Probleme. Immerhin gibt es einige interessante Explikationsvorschläge, wie z. B. die (skizzenhafte) Charakterisierung der Realisierungsrelation, die Derk Pereboom und Hilary Kornblith entwickelt haben (vgl. [19], S. 130ff). Danach sind Eigenschaften höherer Ebenen durch physikalische Eigenschaften realisiert, wenn wir für jeden einzelnen Fall einer Erklärung auf der höheren Ebene, wie z.B. „Er schreit, weil er Schmerzen hat“, eine „konstitutive Erklärung“ auf der physikalischen Ebene geben können – eine Erklärung, die beschreibt, auf welche Weise der physikalische Realisierer von Schmerz unter den gegebenen Bedingungen den physikalischen Realisierer des ‚Schreiverhaltens’ verursacht. Diese Erklärung stellt, so Pereboom und Kornblith, keine Gefahr für den Nichtreduktionismus dar, da sie nicht verallgemeinerbar ist (jeder Einzelfall erfordert eine neue „konstitutive Erklärung“), aber sie verankert Eigenschaften und Prozesse der höheren Ebenen in der physikalischen Welt und macht sie dadurch naturalistisch akzeptabel.

Zusammenfassend lässt sich daher sagen, dass auch der synthetische Naturalismus trotz der Schwierigkeiten, mit denen er zweifellos zu kämpfen hat, zu den diskussionswürdigen Optionen des Naturalisten zählt.

Was spricht für den Naturalismus?

Alle Varianten des physikalistischen Naturalismus sind genuine naturalistische Thesen – Thesen, die mit der Existenz paradigmatischer nicht-natürlicher Entitäten unvereinbar sind. Die entscheidende Frage ist nun aber, ob es gute Argumente dafür gibt, eine dieser Thesen zu akzeptieren. Warum sollten wir glauben, dass es keine nicht-natürlichen Entitäten gibt? Was spricht für die Annahme, dass keine Tatsachen existieren, die weder in einer begrifflichen Ableitbarkeitsbeziehung, noch in der Identitäts- oder Realisierungsrelation zu den physikalischen Tatsachen stehen?

In diesem Abschnitt soll ein allgemeines Argument gegen nicht-natürliche Tatsachen skizziert werden (vgl. [34]; spezielle Versionen dieses Arguments finden sich in [7], [14], S. 3-10, [36], S. 33-38). Es soll gezeigt werden, dass jede Form des Nicht-Naturalismus mit einem kaum lösbaren Dilemma konfrontiert ist – dem Interaktionsdilemma. Dieses Dilemma entsteht, weil der Nicht-Naturalist die Frage beantworten muss, ob die von ihm postulierten nicht-natürlichen Tatsachen (a) auf physikalische Tatsachen einwirken oder (b) keine physikalischen Effekte haben. Jede der beiden Optionen zieht, wie sich zeigen wird, gravierende Probleme nach sich.

Betrachten wir zunächst das erste Horn des Dilemmas. Aus Annahme (a) folgt, dass physikalische Ereignisse existieren, die nicht-natürliche und ipso facto nicht-physikalische Ursachen haben. (Diese Ereignisse werden im Folgenden als „Anknüpfungsereignisse“ bezeichnet.) Nun wäre es zweifellos absurd anzunehmen, dass jedes Anknüpfungsereignis zusätzlich zu seiner nicht-natürlichen Ursache eine hinreichende physikalische Ursache besitzt. Dies würde bedeuten, dass eine große Klasse von Ereignissen systematisch überdeterminiert ist, und zwar in jedem Fall durch zwei gänzliche verschiedene, ontologisch unabhängige Ursachen. Ein unerklärter Parallelismus dieser Art muss aus methodologischen Gründen ausgeschlossen werden (vgl. [34], S. 182). Daher ist der Nicht-Naturalist, der Horn (a) wählt, auf die These verpflichtet, dass es sich bei den Anknüpfungsereignissen um physikalische Ereignisse handelt, deren Auftreten – oder genauer, deren Auftretenswahrscheinlichkeit – nicht allein durch physikalische Bedingungen bestimmt wird. Er muss also die Position vertreten, dass das Prinzip von der kausalen Geschlossenheit der Physik falsch ist (für eine präzise Formulierung dieses Prinzips vgl. [31], S. 59f).

Diese Position ist allerdings empirisch unplausibel. Alle Spezialwissenschaften, von der Chemie über die Biologie bis hin zu Psychologie und Soziologie, arbeiten heute mit der Grundannahme, dass auch in ihrem Untersuchungsbereich die physikalischen Gesetze ausnahmslos gelten, und bis jetzt wurden keine Phänomene entdeckt, die diese Annahme grundsätzlich in Frage stellen (vgl. [26], S. 160ff; [31], S. 55ff). Wer das Prinzip der kausalen Geschlossenheit ablehnt, widerspricht damit einer gut etablierten These der empirischen Wissenschaften. Dies ist kein zwingender, aber dennoch ein sehr starker Einwand gegen Horn (a) – insbesondere, da viele Nicht-Naturalisten behaupten, ihre Argumentation richte sich nur gegen den Naturalismus, nicht aber gegen die Naturwissenschaften.

Damit kommen wir zu Option (b), dem zweiten Horn des Dilemmas. Ein Nicht-Naturalist, der das Prinzip der kausalen Geschlossenheit der Physik nicht aufgeben will, kann bestreiten, dass nicht-natürliche Tatsachen physikalische Effekte haben. Das heißt: Er kann entweder einen Epiphänomenalismus vertreten und behaupten, dass die von ihm postulierten nicht-natürlichen Tatsachen zwar durch physikalische Ereignisse hervorgebracht werden, aber nicht auf die physikalische Realität zurückwirken, oder er kann eine isolationistische Position verteidigen, nach der die fraglichen nicht-natürlichen Tatsachen weder physikalische Ursachen noch physikalische Wirkungen haben. In Bezug auf Qualia bevorzugen die meisten Nicht-Naturalisten die erste Option, in Bezug auf normative und mathematische Tatsachen die zweite.

Dass Positionen dieser Art zu Problemen führen, ist bekannt. Betrachten wir exemplarisch den Qualia-Epiphänomenalismus, für den David Chalmers in The Conscious Mind argumentiert. Wie Chalmers selbst ausdrücklich zugesteht, ist seine Theorie mit einer fundamentalen Schwierigkeit konfrontiert: dem Problem der explanatorischen Irrelevanz (vgl. [11], S. 172-209). Wenn der Qualia-Epiphänomenalismus wahr ist, dann sind Qualia offensichtlich irrelevant für die Erklärung physikalischer Ereignisse. Dies gilt auch für diejenigen physikalischen Ereignisse, über denen unsere Meinungen und sprachlichen Äußerungen supervenieren. Daraus scheint zu folgen, dass Qualia explanatorisch irrelevant für unsere Äußerungen und Meinungen sind – auch für unsere Äußerungen und Meinungen über Qualia. Meine Äußerung „Ich spüre stechende Schmerzen in meiner linken Hand“ kann vollständig durch natürliche – und damit letztlich physikalische – Ursachen erklärt werden, und ebenso meine Meinung, dass ich jetzt gerade eine Rotwahrnehmung habe. Qualia spielen für das Zustandekommen dieser Sachverhalte keine Rolle. Dies klingt äußerst merkwürdig, und es stellen sich sofort (mindestens) drei Fragen: (1) Wie können wir in Worten und Gedanken erfolgreich auf Qualia Bezug nehmen, wenn Qualia in keiner kausalen oder explanatorischen Beziehung zu diesen Worten und Gedanken stehen? Wie ist insbesondere eine direkte Bezugnahme auf Qualia („So fühlt es sich also an, rot zu sehen“) möglich? (2) Wie können wir Wissen oder gerechtfertigte Überzeugungen über Qualia haben, wenn Qualia explanatorisch irrelevant für diese Überzeugungen sind? (3) Wie lässt angesichts der explanatorischen Irrelevanz von Qualia erklären, warum wir so viele wahre Meinungen über sie haben? Auf alle diese Fragen scheint der Qualia-Epiphänomenalist keine plausiblen Antworten zu haben.

Doch mit solchen Fragen ist jeder Nicht-Naturalist konfrontiert, der Option (b) wählt. Nicht-natürliche Tatsachen ohne physikalische Effekte sind zwangsläufig explanatorisch irrelevant für unsere Meinungen und Äußerungen über sie; dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um mentale, normative oder mathematische Tatsachen handelt (vgl. [7] zu mathematischen und [14], S. 3-10, zu moralischen Tatsachen). Das zweite Horn des Dilemmas führt also in jedem Fall zum Problem der explanatorischen Irrelevanz.

Gegen diese Kritik epiphänomenalistischer und isolationistischer Positionen wird oft eingewendet, sie setze unzulässiger Weise kausale Theorien der Referenz, des Wissens oder der Rechtfertigung voraus (vgl. [33], [22], S. 108-115, [11], S. 193-196). Dies ist aus zwei Gründen unzutreffend. Erstens wird in den Fragen (1) und (2) lediglich eine Erklärung dafür gefordert, wie Referenz auf bzw. Wissen über explanatorisch irrelevante Entitäten möglich ist. Dieser Forderung kann man nicht einfach dadurch entgehen, dass man kausale Theorien des Wissens und der Referenz ablehnt. (Eine simple Analogie: Jemand, der behauptet, detailliertes Wissen über Vorgänge auf fernen extrasolaren Planeten zu besitzen, kann auf die Frage „Woher kannst du das alles wissen, ohne kausalen Kontakt zu diesen Planeten zu haben?“ nicht einfach antworten: „Da ich die kausale Theorie des Wissens ablehne, ist diese Frage unberechtigt“.) Zweitens ist es bei Frage (3) – in der es nicht um Referenz, Wissen oder Rechtfertigung, sondern um Wahrheit geht – ganz offensichtlich, dass keine illegitimen Voraussetzungen gemacht werden (vgl. [23], S. 71).

Der Nicht-Naturalist steht also vor einem echten Dilemma: Beide theoretischen Alternativen, die ihm zu Verfügung stehen – Annahme (a) und (b) –, sind gravierenden Einwänden ausgesetzt. Physikalistische Naturalisten dagegen stehen vor keinem analogen Problem. Sie gehen davon aus, dass zwischen höherstufigen und physikalischen Tatsachen eine enge Beziehung besteht – Realisierung, Identität oder A-priori-Ableitbarkeit –, daher können sie die kausal-explanatorische Relevanz dieser Tatsachen verteidigen, ohne das Prinzip der kausalen Geschlossenheit der Physik aufgeben zu müssen. (Nur bei nichtreduktiv-synthetischen Varianten treten in dieser Hinsicht gewisse Probleme auf, die aber nicht unlösbar sind; vgl. [8], S. 327f). Es gibt also gute Gründe, die für den physikalistischen Naturalismus sprechen.

Einwände gegen den Naturalismus

Im Lauf der Philosophiegeschichte sind aber auch zahlreiche Einwände gegen den Naturalismus formuliert worden. Die meisten dieser Einwände haben folgende allgemeine Form: „X ist ein offenkundig reales Phänomen; X steht in keinerlei ontolgischer Abhängigkeitsbeziehung zu den natürlichen Tatsachen und ist damit nicht ‚naturalisierbar’; also ist der Naturalismus falsch“. Kandidaten für X sind, unter anderem, (i) phänomenale Bewusstseinszustände oder Qualia, d.h. mentale Zustände, die sich „auf eine bestimmte Art und Weise anfühlen“, (ii) intentionale Zustände, d.h. mentale Zustände, die „von etwas handeln“ / einen repräsentationalen Inhalt haben, (iii) normative Tatsachen, wie z.B. Tatsachen der Rationalität und der Moral, (iv) modale Tatsachen, d.h. Tatsachen über Notwendigkeit und Möglichkeit, (v) Willensfreiheit und (vi) mathematische Tatsachen.

Um die These von der Nicht-Naturalisierbarkeit dieser Phänomene plausibel zu machen, haben Nicht-Naturalisten eine Reihe von komplexen Argumenten entwickelt, die im Rahmen dieses Berichts nicht behandelt werden können. Ganz allgemein lässt sich jedoch festhalten, dass jedes dieser Argumente kontrovers ist, und dass dem Naturalisten in jedem Fall mehrere Antwortoptionen zur Verfügung stehen. Erstens kann der Naturalist versuchen, eine Theorie zu entwickeln, die X als reales natürliches Phänomen behandelt – sei es in Form eines Analytischen, eines Synthetisch-reduktiven oder eines Synthetisch-nichtreduktiven Naturalismus. Um mit dieser Strategie erfolgreich zu sein, muss er allerdings die genannten Argumente der Nicht-Naturalisten entkräften. Zweitens kann er eine nonkognitivistische Theorie in Bezug auf X vertreten, nach der unsere Meinungen und Aussagen über X gar nicht die Funktion haben, die Realität zu beschreiben, sondern einen ganz anderen Zweck erfüllen. Beispiele für diesen Ansatz sind expressivistische Theorien der Moral oder quasi-realistische Theorien der Modalität. Vertreter dieser Theorien müssen jedoch unter anderem erklären, warum es uns gewöhnlich so scheint, als ob unsere Meinungen und Aussagen über X eine beschreibende Funktion hätten. Drittens hat der Naturalist die Option, eine Irrtumstheorie in Bezug auf X zu vertreten, d. h. eine Theorie, nach der X – entgegen unseren Alltagsüberzeugungen – kein reales Phänomen ist. Beispiele hierfür sind Irrtumstheorien der Moral, aber auch eliminativistische Ansätze in der Philosophie des Geistes, willensfreiheitsskeptische Positionen und fiktionalistische Theorien der Mathematik. Irrtumstheoretiker müssen jedoch starke Argumente für ihre Position formulieren, um die Zurückweisung des „common sense“ plausibel zu machen, und sie müssen zudem erklären, warum Irrtümer über die Existenz von X so hartnäckig und weit verbreitet sind.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Integration der Phänomene (i) bis (vi) zwar ein schwieriges, aber sicher kein aussichtsloses Unterfangen ist – zumal die Wissenschaftsgeschichte zeigt, dass sich einige scheinbar emergente Phänomene, wie z.B. die Eigenschaft des Lebendig-Seins, durchaus naturalisieren lassen.

Konklusion

Naturalismus oder Nicht-Naturalismus? Bereits ein kurzer Überblick über die Debatte macht deutlich, dass diese Frage heute mit beeindruckendem Scharfsinn und großer argumentativer Finesse diskutiert wird. Den meisten Diskussionsteilnehmern geht es dabei nicht um eine bloße Positionierung in einem der beiden Lager, sondern um eine kritische und konstruktive Auseinandersetzung mit dem philosophischen Gegner. Auch wenn ein Konsens noch lange nicht in Sicht ist, so sind die bisherigen Resultate der Debatte bereits von großem Wert für die Philosophie: Sie zeigen, welche grundlegend verschiedenen Konzeptionen der Welt und des Menschen möglich sind, und was für und gegen diese Konzeptionen spricht.

UNSER AUTOR;

Peter Schulte ist Assistent am Institut für Philosophie der Universität Erlangen-Nürnberg. Von ihm ist zum Thema erschienen: Plädoyer für einen physikalistischen Naturalismus, Zeitschrift für philosophische Forschung 64, 2010 und Zwecke und Mittel in einer natürlichen Welt. Instrumentelle Rationalität als Problem für den Naturalismus? Paderborn: mentis, 2010.

Literatur zum Thema

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[34] Schulte, Peter (2010): Plädoyer für einen physikalistischen Naturalismus, Zeitschrift für philosophische Forschung 64, S. 165-189.
[35] Shapiro, Lawrence (2000): Multiple Realizations, Journal of Philosophy 97, S. 635-654.
[36] Tye, Michael (2009): Consciousness Revisited, Cambridge, MA: MIT Press.
[37] Journal of Counsciousness Studies 13, Nr. 10-11, 2006.



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