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PORTRÄTS

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Winfried H. Müller-Seyfarth:
Mainländer


Zur Biographie

Philipp Mainländer wurde am 5. Oktober 1841 in Offenbach am Main als jüngstes von fünf Geschwistern in die Unternehmerfamilie Batz geboren. Nach dem Besuch der Realschule in Offenbach setzte er – auf den Rat von Karl Gutzkow, der mit der Familie befreundet war – von 1856 bis 1858 seine Ausbildung auf einer Handelsschule in Dresden fort. Unter dem Einfluss von Gutzkow und seinem Pensionsvater Prof. Dr. Helbig, Oberlehrer an der Dresdner Kreuzschule (die übrigens auch Franz Overbeck bis 1856 besuchte), entdeckte Mainländer das „geistige Universum“:

Wie verehre ich das Walten des Schicksals, dass es mich zu diesem vortrefflichen Manne führte. Als er einen regen Wissensdrang in mir entdeckte, erfasste er mich mit seiner treuen Hand und führte mich nach durchdachtem Plane in das große geistige Universum. Er war kein Fluchlehrer, wie Jean Paul sagt, der den Trank früher giebt als den Durst. ... Er liess mich nicht vorzeitig mit unreifen Organen in das grosse Reich der Wahrheiten und Schönheiten treten und bereitete mir vorsichtig ein „grosses Jahr“.

Über Gutzkow berichtet Mainländer ebenso in seiner Autobiographie:

Ich verkehrte mit dem scharfnegierenden Geiste Gutzkows, dessen Stern damals am hellsten leuchtete. Ging ich auch nur selten hin, ... , so kehrte ich doch stets mit einer Summe von Anregungen und gepfefferten Reizen zurück.

Er hörte Vorlesungen über Kunst und Ästhetik und besuchte „fleissig“ Galerien und das Theater. Mainländer holte sich in Dresden „Gebiss und Sporn“ für seine Phantasie und „ein helles weitsehendes Auge“. In dieser Zeit verfasste Mainländer sein erstes Drama – das Melodram Tarik (Schriften IV). Er bezeichnete es später als „selbstverständlich ohne allen poetischen Wert“, jedoch spiegele es seine „frühzeitigen Kämpfe des Zweifels mit dem Glauben und seiner schon sehr alten Lessingschen Toleranz in Glaubenssachen“.

Obwohl Helbig Mainländers Vater bedrängte, seinen Sohn auf eine wissenschaftliche Ausbildung umsatteln zu lassen, ging der Vater nicht darauf ein und ermöglichte dadurch Mainländer einen fünfjährigen Aufenthalt in einem Handelshaus in Neapel. Später wird Mainländer diese Zeit als die schönste und fruchtbarste seines Lebens bezeichnen. Er lernte italienisch und neapolitanisch, studierte Dante, Petrarca, Boccaccio, Ariost, Tasso. Jedoch: „Am meisten zog mich Leopardi an.“ In dieser Zeit entstanden die meisten seiner Gedichte, meist Sonetten, die später von seiner Schwester übertragen wurden (Aus dem Tagebuch eines Dichters - 1858/63, Schriften IV).

Aufgrund einer halbjährigen Europareise im Auftrage seines neapolitanischen Arbeitgebers weilte er 1860 kurz in seiner Heimat. Hier hatte er dann sein philosophisches Initiationserlebnis. Zufällig entdeckte er in einer Buchhandlung Schopenhauers Hauptwerk:

Schopenhauer? Wer war Schopenhauer? Den Namen hatte ich noch nie gehört. ... Ich ergreife meinen Schatz und stürze wie ein Verrückter aus dem Laden nach Hause, wo ich den ersten Band in fieberhafter Hast aufschnitt und von vorne zu lesen anfing. Es war heller Tag, als ich aufhörte; ich hatte die ganze Nacht in einem fort gelesen.

Mainländer traf nicht unvorbereitet auf philosophische Ideen. In Neapel las er vorher als Siebzehnjähriger Spinozas Werke, dessen Anschauung über Staat und Naturrecht im Tractatus politico-theologicus ihn faszinierte. Ebenso intensiv wirkte die Ethik, wobei er sich von Beginn an gegen Spinozas Pantheismus wehrte. Außerdem beschäftigte er sich mit dem damaligen vorherrschenden physiologischen Materialismus. Ludwig Büchners Kraft und Stoff und Oersteds Geist in der Natur waren Mainländer vertraut. Einem Freund, einem begeisterten Anhänger Hegels, versprach Mainländer die Anschaffung der Phänomenologie des Geistes. Schopenhauer war jedoch von nun an sein spiritus rector, seine philosophische Leitfigur, an der er seine Philosophie mit dem Anspruch entwickelte, jenen zu modifizieren und weiterzuentwickeln.

Mainländer kehrte 1863 nach Offenbach zurück, um die väterliche Unternehmung zu leiten. Rückblickend sah Mainländer in der kaufmännischen Ausbildung in Dresden und Neapel das Fundament, ähnlich seinem Meister Schopenhauer, das ihm seine weitere philosophische Entwicklung ermöglichte, ohne ein akademisches Studium absolvieren zu müssen:

Auf der besten Grundlage stehend habe ich mich später fortgebildet und mich weiter gebracht, als mich alle Universitäten der Welt hätten bringen können. Ich habe ferner als Kaufmann die Welt gesehen, einen umfas-senden weltmännischen Blick gewonnen und blieb verschont vom giftigen Hauch der Philosophieprofessoren und einem trockenem wurmartigen Gelehrtentum, der Vielwisserei, wie Heraklit verächtlich zu sagen pflegte.

In Offenbach setzte er dann seine philosophischen Studien fort und schrieb mit seiner Schwester Minna in Anlehnung an seine Zeit in Italien ein mehrhundertseitiges dramatisches Gedicht in drei Teilen: Die Letzten Hohenstaufen. Enzo-Manfred-Conradino (Schriften III). Parallel dazu dichtete er seine Komödie Die Macht der Motive (Schriften IV). Er schrieb in dieser Zeit bereits mit vollem Bewusstsein, dass ihm die Poesie nur Mittel für die Philosophie sei, eine andere Art sich auszudrücken. Seine Hohenstaufentrilogie galt ihm als poetische Geschichtsphilosophie, als ein Beweis des historischen Gesetzes, das alles im Leben wie das Leben selbst nur Mittel zu einem gewollten Zweck sei.

Die, für eine philosophische Abhandlung, ausdrucksstarke Sprache hat, so nicht an Schopenhauer geschult, sicher ihre Ursache auch in diesen literarischen Übungen. Doch die literarische Produktion täuscht: Mainländer erarbeitet sich konsequent im Selbststudium die philosophischen Klassiker, vor allem die Kritiken von Kant. Seine Philosophie nimmt durch die Auseinandersetzung mit Kant und Schopenhauer Konturen an. Sein besonderes Interesse galt in dieser Zeit auch den deutschen Mystikern des Mittelalters (Frankforter, Tauler, Silesius) und des Buddhismus. Er studierte Spence Hardys Manual of Buddhism und Eastern Monachism.

Nach dem Tod der Mutter und dem Verkauf der Fabrik durch den Vater war Mainländer frei von familiären Verpflichtungen und er nahm ab 1868 verschiedene Anstellungen als Bankangestellter in Berlin an (u. a. 1874 bei der Deutschen Bank). Hauptsächlich war er für die fremdsprachliche Korrespondenz der Bankhäuser verantwortlich (englisch, französisch, italienisch, russisch). Zurückgezogen arbeitete er weiter an seinem philosophischen Werk und versuchte parallel, seinem – uns bis heute unverständlichen – Trieb, Soldat zu werden, nachzugehen. Der deutsch-französische Krieg 1870/71 wirkte auf Mainländer gewaltig ein:

Die Gefühle, welche der Krieg in meiner Brust hervorrief, waren die Geburtswehen meiner Philosophie der Erlösung.

Ein Immediatgesuch an den Kaiser ermöglichte ihm dann dem lang gehegten Wunsch nachzugehen, als Freiwilliger bei den Halberstädter Kürassieren zu dienen. Zuvor beendete er in Offenbach den ersten Band seines philosophischen Werkes: Die Philosophie der Erlösung (Schriften I). Von 1874 bis Ende 1875 diente er dann den schweren Reiterdienst. In dieser Zeit konzipierte er den zweiten Band seiner Philosophie (Schriften II). Nach Ende der Militärzeit kehrte er nach Offenbach zurück, und es entstanden noch einige literarische Werke (Schriften IV) und umfangreiche Korrespondenzen.

Mainländer erlebte noch das Erscheinen des ersten Bandes Ende März 1876. Nun habe sein Leben keinen Zweck mehr, äußerte er – und nahm sich in der Nacht zum 1. April das Leben.

Zur Philosophie

Die biographische Skizze zeigt auf, welches Verhältnis zwischen Mainländers Leben und Schaffen besteht. Mainländer war kein Berufsintellektueller. Er verflüchtigt sich nicht hinter seiner Philosophie zu einem unpersönlichen Ideenmedium und Gedankenträger. Mainländer trifft zum Beispiel E.M. Ciorans Kritik an der Philosophie nicht. Dieser machte bekannterweise der Philosophie den Vorwurf, dass das Leben der meisten Philosophen gut ausgegangen sei. Mainländer durchlebte in seinen 34 Jahren alle Phasen seines Philosophierens und war sich über dessen Konsequenz durchaus bewusst.

Mainländers Kritik an Kant und Schopenhauer findet ihren Ausdruck in seiner Erkenntnistheorie. Sie stellt den Versuch dar, analog Schopenhauer, aus erkenntnistheoretischen Reflexionen und Ergebnissen, Aussagen in den anderen philosophischen Kerngebieten abzusichern. Es nimmt demzufolge eine zentrale Stelle im Hauptwerk ein (einschließlich des fast 300-seitigen Anhanges über die Kritik der Lehren Kants und Schopenhauers im ersten Band).

Im Unterschied zu Schopenhauer kommt Mainländer in seiner Erkenntnistheorie zu dem Schluss, dass das von Kant übernommene Ding an sich kein allgemeiner, überzeitlicher und somit nichtindividueller Wille zum Leben ist, sondern er bezeichnet das Ergebnis seiner erkenntnistheoretischen Überlegung als den allen Dingen zugrunde liegenden individuellen Willen zum Tode. Dieser individuelle Wille, der vermittels einer sogenannten Kraftsphäre mit den unzähligen anderen Individuen korrespondiert und interagiert, ist nach Mainländer Produkt eines Übergangs von einer transzendenten Einheit zu einer immanenten Vielheit, die zugleich eine Umwandlung des Wesens impliziert. Eine vorweltliche Einheit ging unter, und eine Vielheit – die Welt – entstand. Jeder individuelle Wille bekam demzufolge einen Impuls, der aus dem Innern (vorweltliche Einheit) entsprang. Dieser ersten Bewegung soll – so Mainländer – die Welt ihre Entstehung verdanken. Dem immanenten Gebiet entspricht danach die Welt der Vielheit, Bewegung und Notwendigkeit, dem transzendenten entsprechen einfache Einheit, Ruhe und Freiheit. Diesem vorweltlichen Zustand oder Gebiet mit seinen Modifikationen entspricht bei Mainländer der Begriff Gott.

Der Übergang der Transzendenz zur Immanenz wird von Mainländer als die erste und einzige Tat der vorgängigen einfachen Einheit gedacht. Diese Tat ist der Zerfall der vorweltlichen einfachen Einheit in die immanente Welt der Vielheit. Mainländers philosophische Bemühungen waren dadurch gekennzeichnet, dass er diesem Zerfall eine theoretische Begründung unterlegen wollte. Somit sind seine Erkenntnistheorie, Metaphysik, Naturphilosophie, Ästhetik und Ethik (incl. Geschichtsphilosophie) als eine deskriptive Theorie des Zerfalls (die er explizit nicht so benannte) zu verstehen, die diesen Zerfall in die Welt der Vielheit – als die Erlösung einer Transzendenz von sich selbst – beschreibt.

Und in diesem Sinne ist Mainländers Kernthese aus seiner Naturphilosophie zu verstehen, die dann durch Nietzsches Wiederholung seine Wirkung entfaltete: Gott ist gestorben, und sein Tod war das Leben der Welt.

Um diese Handlung erklären zu können, stellt Mainländer die Frage nach dem Wesen der vorweltlichen All-Einheit, denn nichts kann – so Mainländer – existieren, ohne über ein Wesen zu verfügen (essentia involvit existentia). Als Denker der Immanenz erhebt er dann den Anspruch, seine Denkkategorien keinesfalls auf das transzendente Gebiet zu übertragen, sie also nicht zu konstitutiven Prinzipien in der Transzendenz zu machen. Daher versucht Mainländer seine immanenten Erkenntnisprinzipien Wille und Geist nicht als konstitutive Erkenntnisvoraussetzungen zur Ermittlung der Begründung der Tat der vorweltlichen Einheit gelten zu lassen, sondern er benutzt sie als Regulativ in seiner spekulativen Fragestellung. Deshalb unternimmt er den Versuch, sich die Entstehung der Welt dadurch zu erklären, als ob sie ein Akt des Bewusstseins gewesen sei. Da es nach Mainländers Bestimmung der Transzendenz an einem Außen mangelte, kann das Motiv zu ihrer ersten und einzigen Tat nur ein Ergebnis ihrer Selbstreflexion gewesen sein. Damit werden regulative Prinzipien der Transzendenz unterstellt, und diese veranlassen sie zu diesem soteriologischen Akt.

Ähnlich fragt Mainländer nach dem Motiv der vorweltlichen einfachen Einheit. Er überträgt die beim Menschen beobachtete Anschauung, dass es für das Erkenntnissubjekt kein besseres und vollkommeneres Sein als das einer einfachen Einheit geben kann, auf die Transzendenz und leitet daraus die mögliche Entscheidung dieser ab, kein Anders-Sein anstreben zu können. Es blieb demzufolge nur die Wahl zwischen dem Verbleiben in der Transzendenz oder dem Verlassen dieser. Insofern wäre diese Handlung frei, weil sie ebenso hätte unterlassen werden können. Dieser möglichen Tat stand nach Mainländer nur das eigene Wesen der Transzendenz gegenüber, da ja nichts weiter als existierend angenommen wurde. Deshalb stellt sich der Zerfall in die Welt der Vielheit als die Entscheidung und Realisierung der Tat, nicht zu sein, dar und ist demzufolge Mittel zum Zweck des Nicht-Seins und zwar wird sie zum einzig möglichen Mittel zum Zweck.

Trotz des wesentlichen Ergebnisses der Fragestellung in seiner spekulativen Metaphysik leitet Mainländer das Ding an sich – den individuellen Willen zum Tode – aus der Reflexion in seiner transzendentalen Analyse her und gewinnt nicht wie Schopenhauer seinen Willensbegriff aus der Metaphysik. Mainländer bestimmt den individuellen Willen als Ausdruck einer Entwicklung, die sich als bewegender Wille zum Leben erfährt und welche wiederum frei von Materie ist. Die individuellen Willen sind also das Ding an sich und das Wahrnehmende ist ein Erkenntnissubjekt.

Mainländers besonderes Interesse an der Erkenntnistheorie im Anschluss an Kant und Schopenhauer hat seine Ursache darin, dass er nicht nur über eine metaphysische Spekulation eine vorweltliche All-Einheit konzipiert, ihrem Wesen ein Motiv unterstellt und im Zerfallen in die Welt der Immanenz mit ihrer Vielheit ihre Einheit auflösen sieht, sondern dieser Vorstellung den Anspruch der Stringenz der Erkenntnis gibt.

Nietzsche fand Mainländers Versuch, Religion durch Wissenschaft und nicht durch Kunst zu ersetzen ebenso plausibel. In seinen Nachlassnotizen stimmt er Mainländer in einem seiner wenigen Kommentare zu: „Ersatz der Religion ist nicht die Kunst, sondern die Erkenntniß.“

Der Zerfall dieser Transzendenz in die Immanenz kann dieser Theorie zufolge nicht unendlich sein und muss – so Mainländers metaphysische Spekulation – im Nicht-Sein enden.

Da die Welt eine endliche Kraftsphäre hat, bewirkt die Stärkung einer Idee durch Kraft die Schwächung einer anderen. Diese Schwächung ist jedoch nicht direkt zu beobachten, sondern sie drückt sich im organischen wie im anorganischen Gebiet durch eine Grundbewegung aus, die als Zerfall in die Vielheit als Ursache zum einen im Streit, Kampf und Krieg wirkt und die zum anderen die darauffolgende Schwächung der Kraft verursacht.

Mainländer vermeint darin die Ursache vom Universalgesetz des Leidens auszumachen: eine zentrale Aussage in Mainländers Theorie des Zerfalls oder – cum grano salis – Metaphysik der Entropie.

Ausgehend von seinen naturphilosophischen Studien, seiner transzendentalen Analyse und seiner spekulativen Metaphysik entwickelt Mainländer eine Ethik, in der das Problem der Freiheit (liberum arbitrium indifferentiae) nur theoretisch zu bestimmen ist. Schon der Versuch, in der realen Welt Belege für dessen Gültigkeit zu sammeln, muss nach Mainländer scheitern. Erhält doch nur die Erkenntnis ihre Bestätigung, dass in der Welt kein Platz ist für Freiheit. Es herrscht ebenso kausale Notwendigkeit im menschlichen Handeln, wie im organischen und anorganischen Gebiet. Mainländer interpretiert das nicht als Ausdruck von Mangel oder Zwang, sondern diese Konsequenz geht ja aus seiner metaphysischen und transzendentalen Explikation hervor. Danach geht unsere Welt mit ihren Individuen ja als Ergebnis aus einer Entscheidung respektive einer Tat der vorweltlichen einfachen Einheit hervor. In ihr – der Welt – realisieren alle Individuen über den vorgegebenen Impuls nur das, durch dessen Grundlage sie ihre Existenz erlangten. Deshalb stehen alle Individuationen, mithin alle Menschen, unter dem Gesetz der Notwendigkeit. Nur das unterlegt Mainländer der Ethik und seinen Reflexionen über praktisches Handeln; es gilt ihm als einziger Parameter in der Fragestellung nach dem Sinn der Welt.

Er findet danach in der Welt nur individuelle Willen mit dem Streben vor, sich im Dasein zu erhalten. Dieses Streben kann nur egoistisch sein, weil es ja nur sein eigenes Dasein will und dies mit den Mitteln, die die Glückseligkeit dem Individuum garantiert. Deshalb versteht Mainländer unter Ethik immer Eudämonismus, weil dem individuellen Willen zum Leben als einer bestimmten Bewegung der Egoismus (Glückseligkeitstrieb) immanent ist. Dieser Trieb äußert sich nach Mainländer in der ständigen Befriedigung von Wünschen. Der natürliche Egoismus offenbart sich demnach in immer neuen Hervorbringungen von Wünschen und deren permanenter Befriedigung, und es gibt für Mainländer keine andere Möglichkeit als über die Befriedigung der egoistischen Bedürfnisse zum Gefühl des wahren Glücks zu kommen.

Verstößt der Mensch bewusst gegen das vom Geist erkannte allgemeine Wohl (dies sei Bedingung der Möglichkeit einer individuellen und terrestrischen Erlösung), so seien Gewissensbisse, -angst und Reue als ethische Zustände des Willens die Folge, und damit die Unlust. Damit begründet Mainländer die grundsätzliche Unfreiheit in dieser Welt. Selbst wenn ein inneres Prinzip den Menschen befähigen sollte, gegen seinen Charakter zu handeln, so ist auch dieses mit Notwendigkeit entstanden und gehört zu seinem Wesen, es wirkt also auch mit Notwendigkeit. Die Entwicklung der Menschheit kann ein moralisch Handelnder also nur beschleunigen, nicht bestimmen. Mainländers Ethik ist also kein Imperativ des Sollens, sondern eine des eudämonistischen Wollens.

Im Unterschied zu Schopenhauers Grundlage der Ethik, der die Aufhebung der Gegensätze der nur in der Erscheinungswelt verschiedenen Individuen im Mitleid erkennt, ist aufgrund der Trennung der individuellen Willen bei Mainländer der natürliche Egoismus das Fundament der Moral. Dieser Verschiedenheit in der Begründung der Ethik entspricht der Unterschied in der Auffassung des Erlösungsvorgangs. Bei Schopenhauer ist es ein mystisch-transzendenter Akt der Willensverneinung. Gelingt es zum Beispiel einem einzigen Heiligen, den Willen zum Leben zu verneinen, so hat er nicht nur sich selbst, sondern gleichzeitig die Welt erlöst. Bei Mainländer ist es dagegen ein innerweltlicher Prozess: das Individuum, der sich in der Zeit bewegende Wille zum Leben, erlischt von selbst durch Zeitablauf – durch den Tod. Virginität und Suizid sind hilfreich, aber nicht notwendig. Wie das Individuum so bewegt sich auch die Welt in ihrer Gesamtheit von selbst dem Nicht-Sein entgegen.

Der zweite Band der Philosophie der Erlösung mit den Zwölf philosophischen Essays (Schriften II) – von seiner Schwester Minna (1838-1891) postum herausgegeben – versucht dann mit religions- und ideengeschichtlichen Kompilationen den Kontext von Religion und Utopie auszuleuchten. Mit Ausnahme des letzten Essays (Kritik der Hartmannschen Philosophie des Unbewussten), in dem er vehement gegen Eduard von Hartmanns „evolutionären Optimismus“ und dessen Metaphysik, die sich aus dem Begriff des Unbewussten speist, argumentiert und, mit Schopenhauer, auf die Unvereinbarkeit von Wille und Psyche beharrt, also mit Ausnahme dieses Essays sind die sozialutopischen und religionsphilosophischen Reflexionen zwar unter dem Einfluss der Philosophie aus dem ersten Band von Mainländer geschrieben, aber sie weisen nicht dessen analytische Schärfe und methodische Reinheit auf und erfuhren demzufolge auch nicht die Rezeption, die dem ersten Band zuteil wurde.
Zu unrecht – denn wie kein zweites philosophisches Werk bündelt der zweite Band die bekannten Erlösungslehren (Buddhismus-Christentum-Kommunismus) und subsumiert sie in die Philosophie der Erlösung.
Besonders ausgefallen wirkt Mainländers Interpretation des Kommunismus. Er ist nicht End-, sondern nur Durchgangsstadium zum absoluten Nichts. Mangels Erkenntnis des Zweckes muss die besitzlose Klasse erst durch Erfahrung klug werden und die Wertlosigkeit der angestrebten Genüsse erleben, um sich anschließend dem allgemeinen Ziel hinzugeben (für Mainländer war die Lösung der sozialen Frage untrennbar mit dem Bildungsgrad der Besitzlosen verbunden):

Es verzehren sich die Armen in Sehnsucht nach den Häusern, den Gärten, den Gütern, den Reitpferden, den Carossen, dem Champagner, den Brillanten und Töchtern der Reichen. Nun gebt ihnen all den Tand und sie werden wie aus den Wolken fallen.

Konsequent entwirft Mainländer dann in drei Reden an die deutschen Arbeiter den Weg zum idealen Staat, in dem alle so leidlos wie möglich sein werden. Jedoch – die Not wird von der Langeweile abgelöst. Jene ist zwar „ein schreckliches Uebel, die Langeweile aber das schrecklichste von allen“.

Zur Rezeption

Das Erscheinen der Philosophie der Erlösung löste eine ambivalente Rezeption aus. Einer der ersten Rezipienten vereinnahmte Mainländer für die sozialistische Idee, weil Mainländer als erster das Individuum in seinem Verhältnis zur Gesellschaft reflektierte und die Versöhnung von Arbeit und Kapital proklamierte. Mit Hilfe Mainländers Philosophie fing „der Sozialismus…an seine Schrecken zu verlieren“. Anderen galt Mainländer als Opfer der Schopenhauerschen Philosophie, denn er sei als „ein begabter und genial veranlagter Geist das Opfer einer falschen Philosophie geworden“. Dritte sahen in ihr sowieso nur eine „Mythologie der Verwesung“. Das „jeder Mensch ein Stück Gottesaas“ sein soll, sei nicht hinzunehmen. Daher warnte jener Rezipient auch 1889 in den Bayreuther Blättern seine Leser und Wagnerianer vor Mainländers „Lockrufen“, denen „die Wagnergemeinde mit größtem Misstrauen“ zu begegnen habe.
Philosophiehistorisch wird und wurde Mainländer immer im Kontext von Kant und Schopenhauer ausgedeutet. Titel wie: „Ein individualistischer Pessimist“; „Zwei Individualisten der Schopenhauerschen Schule“ oder „Eine Trias von Willensmetaphysikern“ verdeutlichen den Tenor im 19. Jahrhundert. Systematisch tritt Mainländers Philosophie immer im Rahmen von philosophischem oder metaphysischem Pessimismus sowie Nihilismus als Protagonist hervor.

Ebenso werden in Beiträgen – nach Erscheinen des ersten und zehn Jahre später des zweiten Bandes – Leben und Werk in den meisten philosophischen Rezensionsperiodika verspleißt. Dabei kommt immer die Frage auf, ob Mainländer nun durch seinen Freitod seine Lehre besiegelt habe oder nicht. Je nach persönlichem ideologischen Standort des Verfassers wird die Frage verneint oder bejaht.

Friedrich Nietzsche war einer der wenigen Denker von Rang, die Mainländer rezipierten. Er beschäftigte sich schon einige Wochen nach Erscheinen des ersten Bandes 1876 mit Mainländers Werk. Seine Nachlassnotizen legen beredt Zeugnis über seine Mainländerlektüre bis kurz vor seinem Kollaps ab. 1888 stellte Nietzsche im Nachlassfragment „Die modernen Pessimisten als décadents“ eine Art Charts des philosophischen Pessimismus aus dem 19. Jahrhundert auf: „Schopenhauer, Leopardi, Baudelaire, Mainländer, Goncourt, Dostoiewski“.
Alfred Kubin verfasste seinen einzigen Roman Die andere Seite unter dem Einfluss der Philosophie Mainländers. Auch seine ,buddhistische Krise‘ begründete er mit Mainländers Philosophie. In einem Brief an Salomon Friedländer stellte Kubin 1916 „Buddha, Schopenhauer, Mainländer“ in eine systematische Reihe.

E.M. Cioran kam zwangsläufig mit Mainländer in Berührung. Sein Studium der Schule Schopenhauers führte ihn zur Philosophie der Erlösung. In seiner Erinnerung an seine Mainländer-Lektüre formulierte Cioran 1976 einen Eindruck, dem jeder unterliegt, der, zufällig oder nicht, auf einen Mainländerrezipient stößt: Dem elitären Gefühl, wohl der einzige zu sein, der sich noch mit Mainländer beschäftigt, weicht eine freudige Verblüffung darüber, Mainländers Spuren im Denken eines weiteren Mainländer-Lesers zu entdecken.

Einen vorläufigen Höhepunkt erfährt die Mainländerrezeption durch Ulrich Horstmanns anthropofugales Denken. Obwohl Autor der Konturen einer Philosophie der Menschenflucht, ist der Kleist-Preisträger ebenso „literarischer Schwarzarbeit“ erlegen.
Seine beiden Mainländer-Auswahlbände sind maßgebliche Multiplikatoren der gegenwärtigen Mainländerrezeption. Er sieht im „Poetosophen und Remythisierer Mainländer“ einen „philosophischen Dekomponist“ am Werk, dem sich die Welt als „ein makelloses Kunstwerk, ein Gedicht an Autodestruktion“ darstellt.
Das Mainländer-Symposium 2001 in Offenbach a. M., der Essay-Wettbewerb 2004 (zu Mainländers Begriff der Erlösung und seine mögliche, gegenwärtige Relevanz), die Homepage www.mainlaender.de sowie ein Mainländer-Studienplatz im Stadtarchiv Offenbach spiegeln das Engagement von Mainländers Geburts- und Sterbestadt.


LITERATUR ZUM THEMA

Schriften Mainländers

Unser Autor, W.H. Müller-Seyfarth, hat im Olms-Verlag eine vierbändige Reprint-Ausgabe mit je einem Vorwort von Mainländers Schriften herausgegeben:

Band I - Die Philosophie der Erlösung. XI, 632 S., 1996, € 91.—.
Band II - Die Philosophie der Erlösung. Zweiter Band. Zwölf philosophische Essays. IX, 668 S., 1996, € 91.—.
Band III - Die Letzten Hohenstaufen. Ein dramatisches Gedicht in drei Theilen: Enzo-Manfred-Conradino, 345 S., 1997, € 65.45.
Band IV - Die Macht der Motive. Literarischer Nachlaß von 1857 bis 1875. Hildesheim, 1991, € 81.—.

Vom Verwesen der Welt und anderen Restposten. Eine Werkauswahl. Herausgegeben und eingeleitet von Ulrich Horstmann. 2. Auflage 2004, Manuscriptum Verlagsbuchhandlung, als Restauflage bei buch.de zu € 9.95. Diese Werkauswahl versucht den „mythopoetischen Kern der Philosophie der Erlösung“ kenntlich zu machen.

Wichtige Sekundärliteratur

Müller-Seyfarth, W.H. (Hg.): „Die modernen Pessimisten als décadents“. Von Nietzsche zu Horstmann. Texte zur Rezeptionsgeschichte von Philipp Mainländers Philosophie der Erlösung. 184 S., kt., 1993, € 25.—, Königshausen und Neumann, Würzburg. Textbeispiele u. a. von Eduard von Hartmann, Ludwig Marcuse, Theodor Lessing, Hans Carossa, J.L. Borges, L. Lütkehaus sowie von den oben genannten Denkern geben die heterogene Mainländerrezeption wieder.

Ders.: Metaphysik der Entropie. Philipp Mainländers transzendentale Analyse und ihre ethisch-metaphysische Relevanz. Mit einem Vorwort von Franco Volpi. 210 S., kt., € 20.—, Van Bremen. Analysiert zum einen Mainländers Modifikationen der Kantschen Transzendentalphilosophie und der Schopenhauerschen Willensmetaphysik. Weiter diskutiert sie das Verhältnis der Spinozistischen Substanz zu Mainländers Mythos atheos. Und letztlich wird das Verhältnis einer eudämonistischen Ethik zu seiner metaphysischen Grundlegung beleuchtet.

Ders. (Hg.): Was Philipp Mainländer ausmacht. Offenbacher Mainländer-Symposium 2001. 114 S., kt., € 19.50, 2002, Königshausen und Neumann, Würzburg. Diskutiert wird Mainländers Bedeutung für die Entstehung des europäischen philosophischen Pessimismus und Nihilismus, die Einbindung buddhistischen Denkens in sein Philosophieren, das Verhältnis von Philosophie zur Literatur in Mainländers Werk, sein Einfluss auf Nietzsche, Kubin und anderen sowie eine alternative „pathographische“ Analyse spiegelten das ganze Spektrum der gegenwärtigen Mainländerforschung.

Pauen, Michael: Dithyrambiker des Untergangs. Gnostizismus in Ästhetik und Philosophie der Moderne. 449 S., Ln., € 44.80, 1994, Akademie-Verlag, Berlin.

Ders.: Pessimismus. Geschichtsphilosophie, Metaphysik und Moderne von Nietzsche bis Spengler. 239 S., € 39.80, 1997, Akademie-Verlag. Michael Pauen sieht Mainländer in seinen Monographien als Protagonist einer Selbstbemächtigung des Subjekts. Der Einzelne relativiert nicht mehr sein eigenes Leid zugunsten eines hypothetischen Ganzen. Philosophischer oder metaphysischer Pessimismus begründet die Ablösung oder Säkularisierung von einer für alle zu geltenden Demut gegenüber der individuellen Leiderfahrung zu einem selbstbewussten anthropofugalen Denken.

Lütkehaus, Ludger: Nichts. Abschied vom Sein – Ende der Angst. 768 S., kt., 2004, € 9.90, Zweitausendeins. Ludger Lütkehaus‘ vielfältige Mainländerrezeption findet ihre Entsprechung im 6. Kapitel seines opus magnum. Er sieht in Mainländer, obwohl dessen Philosophie aus dem Geist einer Neurose geboren sei, den Entdecker des durch Freud bekannt gewordenen „Nirvanaprinzips“. Der unbewusste Wille zum Tode seien kosmisches und individuelles Gesetz: Basis der Metaphysik der Entropie.

Reschika, Richard: Philosophische Abenteurer. Elf Profile von der Renaissance bis zur Gegenwart, 2001, € 6.50, UTB. Richard Reschika subsumiert Mainländer unter Schopenhauers wilde Söhne (neben Eduard von Hartmann und Julius Bahnsen). Er sieht seine Philosophie als Antizipation von Lebensphilosophie und Existentialismus sowie Kritik am blinden Fortschrittsglauben.

UNSER AUTOR:

W.H. Müller-Seyfarth lebt als Privatgelehrter in Berlin.



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