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Blumenberg: Briefwechsel mit Carl Schmitt

 

Der Briefwechsel zwischen Hans Blumenberg und Carl Schmitt

 

In seiner „Politischen Theologie“ vertrat Carl Schmitt die Ansicht, die politischen Begriffe gingen letztlich auf theologische Begriffe zurück. Mit Hans Blumenbergs Legitimität der Neuzeit (1966) trat ein Gegenentwurf auf, der Schmitt über Jahre beschäftigte. Umgekehrt kann die gedankliche Auseinandersetzung Blumenbergs mit Schmitt bis in dessen Nachlassschriften hinein verfolgt werden. Es war auch Blumenberg, der einen Briefwechsel mit Schmitt begann; dieser liegt nun in Buchform vorliegt, versehen mit ausführlichen, zum Verständnis notwendigen Materialien sowie einem Nachwort der Herausgeber:

 

Blumenberg, Hans/Schmitt, Carl: Briefwechsel 1971 – 1978 mit weiteren Materialien. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Alexander Schmitz und Marcel Lepper. 310 S. 1997, kt., Ln., € 26.80, Suhrkamp, Frankfurt

 

Blumenberg klagte in der Legitimität der Neuzeit, so ziemlich alles, was der Neuzeit ihr Profil gebe, werde als Säkularisat vorgestellt. Es werde etwa behauptet, die Grundvorstellungen unseres Strafrechts bewegten sich auf den Bahnen einer säkularisierten Theologie und implizierten einen aus dem Sakralverhältnis geborgten Schuldbegriff – eine pauschale Verurteilung von Schmitts Thesen, ohne dass dieser aber genannt würde.

 

1970 setzte sich Schmitt im Nachwort von Politische Theologie II explizit mit Blumenberg auseinander: In der Legitimität der Neuzeit habe Blumenberg eine wissenschaftliche Negierung jeder Politischen Theologie versucht, die in der Politik keinerlei Weiterwirkungen oder Umbesetzungen aus der Heilslehre einer sich absolut setzenden Religion sehe. Schmitt klagt, es handle sich dabei um eine pauschale Vermischung seiner Thesen mit religiösen, eschatologischen und politischen Vorstellungen. Bei ihm gehe es um den klassischen Fall einer Umbesetzung mit Hilfe spezieller Begriffe, die sich innerhalb der beiden höchstentwickelten Gefüge des „occidentalen Rationalismus“ ergeben – zwischen der katholischen Kirche und dem öffentlich-rechtlichen modernen Staat. Letzterem sei der größte rationale Fortschritt in der völkerrechtlichen Lehre vom Krieg gelungen, „nämlich die Unterscheidung von Feind und Verbrecher“ – und das gehöre für ihn zur Epochenwende der Neuzeit. Säkularisation sei für Blumenberg eine Kategorie des geschichtlichen Unrechts. Damit, dass er diesen Vorgang vom geschichtlich Neuen her als „Legitimität“ bezeichne, stelle er etwas auf den Kopf, denn Legitimität bedeute „historische Rechtfertigung aus der Vergangenheit“. Richtiger wäre es, diesen Vorgang als Legalität zu bezeichnen.

 

Hans Blumenberg hat, wie er Piet Tomissen gegenüber berichtet, Schmitts Kritik an seinem Buch sehr beschäftigt. Er ist es, der durch eine Vermittlung über Rainer Specht am 24. März 1971 den Briefwechsel aufnimmt. Dabei gibt Blumenberg Schmitt recht, er habe dessen Thesen mit allen möglichen Verwendungen des Ausdrucks Säkularisierung vermischt, und das sei ärgerlich. Was die Illegitimität betreffe, die in der Kategorie der Säkularisierung stecke, sei er nun zur Begrifflichkeit der „Umbesetzung“ gekommen, „die sich doch nur dann mit dem Gegenbegriff von ‚Legitimität‘ verträgt, wenn man ein in Ihrem Sinne ‚legales‘ Verfahren dafür angeben kann“. Den Unterschied zwischen ihm und Schmitt sehe er darin, dass sich die Deutlichkeit eines Befundes für ihn auf die Frage „Wie kann dies sich erhalten?“ ergebe, während es bei Schmitt die Frage „Wo liegt der extreme Zustand?“ sei.

 

Als die Legitimität der Neuzeit 1974 in einer Taschenbuchausgabe erschien, schrieb

 

 

 

 

 

 

 

 

Carl Schmitt

 

Blumenberg den Teil über die Säkularisation ganz neu, berücksichtigte Schmitts Einwände und sandte diesem am 9. Oktober einen Band. Der 86jährige Schmitt antwortet umgehend: „Die Um-Strukturierung der Tektonik ihres Buches vom Jahr 1966 ist ihnen großartig gelungen“. Blumenberg antwortet: „Seit Sie in Politische Theologie II einen Dialog zwischen uns eröffnet haben, lässt sich für mich manches nicht mehr so schreiben, wie ich es zuvor geschrieben hätte.“

 

Anhand der Zusendung eines Textes Drei Möglichkeiten eines christlichen Geschichtsbildes von Schmitt versucht Blumenberg nun den Kernbestand der Differenzen herauszuarbeiten. Dieser liege in der Frage, „ob eschatologischer Glaube und Geschichtsbewusstsein miteinander verträglich“ seien. Er, Blumenberg, verneine dies, während Schmitt mit Berufung auf den 2. Thessalonicher-Brief eine Brücke sehe, „die in der Vorstellung einer Kraft liege, die das Ende und die ihm vorgelagerte böse Macht niederhalte“. Blumenberg fragt: „Ist nun diese mysteriöse Vorstellung vom Aufhalten des Endereignises und Niederhalten ihrer Mächte selbst eine eschatologische Vorstellung? Oder ist sie schon eine Deutung und Rechtfertigung für das Ausbleiben des Endes und seiner Verheißungen? Der wichtigste Übergang ist doch dieser, dass die Vorzeichen der Ereignisse des Endes der Welt in dem Masse negativer werden als die Erwartung auf dieses Ende sich enttäuscht sieht; und schon wird es zum Verdienst einer geheimnisvollen Macht, das Ende aufzuschieben und niederzuhalten“. Während die Urchristen das Ausbleiben des Endes theologisch auffangen, indem sie die Heilsgüter als schon verwirklicht ausgeben, wird, nachdem das Christentum mit der Reichsmacht identisch wurde und ihm damit ein reicher Schatz zufiel, die Eschatologie zu einem im Grunde überflüssigen Kapitel der Theologie.

 

MARXISMUS

 

Der orthodoxe Marxist Hans Heinz Holz attackiert Wolfgang Haug

 

Anlässlich des 100. Jahrestages des Erscheinens von Lenins Materialismus und Empiriokritizismus stellte der emeritierte Philosophieprofessor und orthodoxe Marxist Hans Heinz Holz in der marxistischen Tageszeitung Junge Welt am 14. Mai 2009 die Frage, wie die praxisleitende Theorie als Ganzes ihre innere Stimmigkeit behalten kann und warf dabei Wolfgang Fritz Haug und dem von ihm geleiteten Projekt des „Historisch-Kritischen Wörterbuchs des Marxismus“ in alter kommunistischer Manier eine „revisionistische Strategie“ vor, die „allgemeinen philosophischen-weltanschaulichen Voraussetzungen entspringe“ und letztlich auf eine „Sozialdemokratisierung des Kommunismus“ hinauslaufe. Lenins Verdienst sei es, auf die große Gefahr solcher Richtungen hingewiesen zu haben, die die richtige Lehre durch das Einschleusen von kantischem Gedankengut, für Holz „das größte Verhängnis der europäischen Philosophie“, auf Abwege gebracht haben. Was Holz der „Sozialdemokratisierung“ vorwirft: „Das Proletariat soll sich von der Ausbeutung durch die herrschende Klasse befreien (Kommunismus), indem es dies im Rahmen der Herrschaftsform der bürgerlichen Demokratie tut (Kompromiß), dann bleibt die Herrschaftsform der Bourgeoisie bestehen (Kapitalismus) und das System der Ausbeutung ist unangetastet.“

 

Haug antwortete Holz am 27. Mai, Kritik dieser Art sei lächerlich, Holz gehe es lediglich darum, einem Andersdenkenden die Rechtgläubigkeit abzusprechen. Der „ewig wissende Holz“ wolle den „ewig suchenden Haug eben dieses Suchens wegen aus dem Marxismus hinausbugiseren“ und setze dabei in einer Art Komödie „ganz auf die stalinistischen Kampfbegriffe“. Die Annahmen von Holz, Lenins Streitschrift von 1909 sei ein Schlüssel für die Situation im Jahr 2009, sei geradezu absurd.

 




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