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PORTRÄTS

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Pascal

Jacques Attali: Blaise Pascal. 470 S., Ln., 2007, € 29.50, Fr. 49.80, Klett-Cotta, Stuttgart

Blaise Pascal wurde 1623 in eine unbedeutende Familie des kleinen französischen Provinzadels geboren. Sein Vater war zuerst ein vom König ernannter Landrat für den Kreis der Unteren Auvergne, dann wurde er zweiter Präsident des Steuergerichtshofs zu Montferrand. Später verkaufte er sein Amt und ließ sich in Paris nieder. Dort lebte er als Privatier und beschränkte sich auf die Erziehung seiner Kinder und auf seine Bemühungen, Einlass in die höchsten wissenschaftlichen Kreise der Hauptstadt zu finden.

Außerordentlich begabt

Frühzeitig fiel ihm auf, dass zumindest eines seiner Kinder außergewöhnlich begabt war. Er entschloss sich, ihn selbst zu unterrichten, damit ihm die Schule mit ihrer dogmatischen Fortschrittsfeindlichkeit erspart bliebe und er alle Mittel zum Anreiz und zur Befriedigung der Wissbegier erhalten konnte. Allerdings brachte die Ausbildung durch den Vater Pascal kaum in Kontakt mit Büchern, sie war ausschließlich mündlich und konzentrierte sich auf logisches Denken. Pascal wurde geübt darin, vor dem Auswendiglernen erst zu verstehen, beim Denken von übergreifenden Kategorien auszugehen, alles auf einfache Strukturen und allgemeine Probleme zurückzuführen, lieber alles wiederzuentdecken als stumpf zu wiederholen und für alles die Gründe zu suchen. Die Kehrseite war die Isolation: Blaise lernte wenig über zwischenmenschliche Beziehungen.

Als Blaise zwölf Jahre alt war, meinte sein Vater, er könne nun genügend Latein, um es auch anzuwenden. Seitdem sprachen Vater und Sohn zu Hause an vier Tagen der Woche ausschließlich Latein. Auch fragten Blaise und seine beiden Schwestern bei allen Gelegenheiten „Warum?“ und gewöhnten sich so an, den Dingen auf den Grund zu gehen. Über das Phänomen des kräftigen Klangs bei einem Schlag auf einen Steingutteller soll Blaise der Familienüberlieferung zufolge eine Abhandlung von den Klängen geschrieben haben. Als der Vater dieses große Interesse an wissenschaftlicher Forschung entdeckte, bat er Pater Mersenne, den Zwölfeinhalbjährigen zu den Sitzungen der Akademie mitnehmen zu dürfen, und amüsiert willigte dieser ein. So lernte Pascal bereits als Kind die berühmtesten Wissenschaftler Frankreichs kennen.

Pascal war bereits als Kleinkind schwer krank, er litt an heftigen Krämpfen und fiel zeitweise in Trance. Diesem Trauma entkam er nie, und er litt zeitlebens immer wieder an heftigen Kopfschmerzen. „Er hat uns zuweilen gesagt, er habe seit seinem achtzehnten Lebensjahr keinen Tag ohne Schmerzen zugebracht“, schrieb seine Schwester Jacqueline. Seine Leben beschränkte sich, umhegt von seinem Vater und seinen Schwestern, auf geistige Tätigkeit. Besonders innig war das Verhältnis zu seiner Schwester Jacqueline: Er konnte nicht ohne sie sein.

1640 stellte der Staat die Zinszahlungen ein, von denen Pascals Vater lebte. Dieser protestierte und musste darauf fliehen; in Clermont fand die Familie Unterkunft. Blaise vertiefte sich immer mehr in die Mathematik. Er entdeckte die Geometrie und arbeitete daran, jetzt allerdings ohne die Gelehrten der Akademie. Auch Gilbert, die andere Schwester, war begabt. Sie verfasste ein Gedicht, das Kardinal Richelieu bekannt wurde; er ließ Gilbert zu sich kommen und begnadigte auf ihre Bitte hin ihren Vater. Dieser wurde nun als königlicher Steuereinzieher in Rouen eingesetzt.

Eine Rechenmaschine

Durch einige Manuskripte eines Mitglieds der Akademie, des Geometers Desargues, stieß Pascal auf Abbildungsprinzipien, durch die man räumliche Gegenstände auf einer Bildebene darstellen konnte. Er hat mit der Entdeckung dieser Prinzipien einen neuen mathematischen Zweig begründet: die projektive Geometrie. 200 Jahre lang begriff niemand, welche außerordentlichen Möglichkeiten sich damit eröffneten: das Zeichnen von Maschinenplänen. Die moderne Architektur und das industrielle Design bauen noch heute darauf auf. Immerhin sah Desargues, dass Pascals Vorstoß bedeutend war und lud den Jugendlichen ein, seine Arbeit vor der gesamten Akademie vorzutragen. In seinem Bericht über die Sitzung schrieb Mersenne, dass das Kind „alle an die Wand spielte, die das Thema je behandelt haben“. Mersenne informierte alle seine europäischen Briefpartner über das Wunderkind. Gereizt reagierte Descartes, glaubte er doch, dahinter stecke ein Plagiat.

Sein Vater hatte die Aufgabe, Ordnung in die Steuerblätter von 1800 Gemeinden zu bringen. Dazu war ein unablässiges und kompliziertes Rechnen notwendig. Den 18jährigen Pascal brachte dies darauf, über eine Rechenmaschine nachzudenken. Er kam auf die Idee, ein uhrwerkähnliches System zum Addieren und Subtrahieren, zur Regelung des Übertrages und zur Umwandlung der Multiplikation in eine Serie von Additionen zu verwenden. Ein mechanisches Teil, der sog. „Springer“, sollte jeweils eine Einheit auf die nächsthöhere Dezimalstelle übertragen. Pascal gelang das Kunststück, allerdings wurde die Maschine zunächst nur als Sehenswürdigkeit gefeiert. Er ließ jedoch über fünfzig Stück davon herstellen, bis er merkte, dass ein Uhrmacher in Rouen die Maschine kopierte und zu verkaufen versuchte. Pascal beschloss nun, sein Recht auf die Erfindung und auf die Vermarktung geltend zu machen. Er offerierte seine Erfindung in einem Werbeprospekt – dem ersten, von dem wir im Zusammenhang mit einem industriellen Produkt wissen. Allerdings war die Maschine zu schwer, zu teuer und zu fehleranfällig, um auch absatzmäßig ein Erfolg zu werden. Sie blieb lediglich eine Sehenswürdigkeit.

Die Frage nach dem Seelenheil

Neben seiner Beschäftigung mit der Mathematik las Pascal die wenigen religiösen Texte, die ihm in die Hand kamen. Durch Zufall stieß Pascal auf das Thema, das ihn nun den Rest seines Lebens beschäftigen sollte: die Frage nach dem Seelenheil und der Verantwortung, die ein jeder für seine eigenen Taten zu übernehmen hat. Ein Parlamentsrat aus Rouen hatte um Jacquelines Hand angehalten. Darauf wurde Pascal schwer krank: Er hatte Trancezustände, litt unter einer Lähmung der Beine und Ohnmachtsanfällen. Die Schwester pflegte ihn Tag und Nacht. Bei dieser Gelegenheit sprachen die beiden von dem, was noch über Gott zu lernen sei. Die Schwester gab darauf dem Rat einen Korb und blieb bei ihrem Bruder – vorerst.

Zu dieser Zeit behauptete ein Kapuziner namens Jacques Forton, ein wissenschaftliches Fundament des christlichen Glaubens gefunden zu haben und weigerte sich, die Autorität der Tradition anzuerkennen. Pascal hörte Fortons Vortrag; es kam zu einer Anklage, Pascal trat als Zeuge auf, und Forton widerrief. Dessen ungeachtet nahm Pascal einige Jahre später die Fragen Fortons wieder auf, mit dem gleichen Bestreben wie der angeklagte Mönch.

In diese Zeit fällt auch der Besuch von Descartes bei Pascal. Descartes war von dem jungen Mann so angetan, dass er den Besuch am folgenden Tag erwiderte. Pascal veröffentlichte nun seine umfangreichen Arbeiten über die Leere unter dem Titel Neue Versuche über die Leere. Darin widerlegte er nicht nur eine der einflussreichsten Hypothesen, die die Leere mit dem Nichts verwechselten, er versuchte auch zum ersten Mal eine nichtintuitive Hypothese durch ein Experiment zu bestätigen. Seine Experimente zogen die Aufmerksamkeit der europäischen Gelehrtenwelt auf sich: Pascal konnte beweisen, dass das Vakuum existiert. Damit war die gesamte auf die Negation der Leere gründende Physik widerlegt. Es genügte nun nicht mehr, einfach zu theoretisieren und über alles mögliche irgendwelche Hypothesen aufzustellen. Man musste Experimente durchführen, um die Theorien zu bestätigen oder zu widerlegen. Für die Forschung öffnete sich ein unendliches Feld – die Experimentalphysik war geboren.

Pascals Schwester wandte sich mehr und mehr der Religion zu. Die Theologie wurde zum einzigen Thema, über das sie mit ihrem Bruder zu reden bereit war. Blaise fügte sich bereitwillig, zum einen aus theoretischen Interesse, zum anderen, um das immer brüchiger werdende Band zu ihr nicht abreißen zu lassen. Allerdings konnte er die Isolation, die das Leben mit einem sterbenden Vater und einer frömmelnden Schwester prägte, nicht mehr aushalten: Er gab sich in den folgenden drei Jahren einem zügellosen Leben mit Ausschweifungen aller Art hin, eine Zeit, die fromme Biographen Pascals gerne übergehen.
Gleichzeitig arbeitete er aber auch an seiner Abhandlung über die Leere, in der er aus einigen seiner Experimente eine allgemeine Theorie ableiten wollte. Dabei gelang ihm erneut die Entwicklung einer neuen Disziplin, diesmal der Wahrscheinlichkeitsrechnung.

Nach dem Tod des Vaters beschloss Jacqueline, ohne sich vom Bruder zu verabschieden, ins Kloster Port Royal einzutreten. Und wieder erlitt Pascal einen Anfall mit Schmerzen, Krämpfen und Lähmungserscheinungen. Nun griff er zu einer Art Erpressung: Wenn Jacqueline ins Kloster eintrete, bevor der Nachlass des Vaters geregelt sei, verliere sie ihren Erbanteil, galt eine Nonne doch als zivilrechtlich tot. Jacqueline schrieb ihm darauf vom Kloster aus mehrere Briefe, doch er antwortete nicht. Völlig erschüttert erkrankte Jacqueline. Doch Pascal hielt es nicht lange ohne seine Schwester aus: Er besuchte sie nun jeden Tag im Kloster, auch wenn sie mit ihm nur durch ein Gitter sprechen durfte. Die Oberinnen des Klosters wiederum sahen darin eine Möglichkeit, einen berühmten Gelehrten an ihr Kloster zu binden. Pascal sprach zu seiner Schwester davon, eine „große Verachtung vor der Welt und fast unerträglichen Ekel vor allen Leuten, die in ihr sind“, zu empfinden und dass er nur ihr Wesen liebe. Er erlebte nun, 31 Jahre alt, eine Art Bekehrung.

Kampf um Port Royal

Das Kloster von Port Royal war dem Jansenismus verpflichtet. Nach dieser auf Jansenius (1585-1638) zurückgehenden Doktrin kann niemand auch nur das Geringste gegen die göttlichen Dekrete ausrichten. Gott steht es frei zu retten, wen immer er will. Die Gewissenslenkung kann aber jedem Menschen helfen, sich sowohl seines Verfalls bewusst zu werden als auch zu verstehen, so er denn ein Gerechter ist, dass er die Gnade empfangen und wie er diese anzunehmen hat. Je verlorener man sich weiß, desto größer sind die Chancen auf Rettung, denn umso mehr wird man sich in den Zustand versetzen wollen, die Gnade zu empfangen. Der Mensch muss sich darauf vorbereiten, diese Gnade zu empfangen. Diese Doktrin traf auf den schärfsten Widerspruch seitens der Jesuiten. 1650 brach der Kampf in aller Öffentlichkeit aus, und das Kloster Port-Royal stand an vorderster Front auf Seiten der Jansenisten. Die Jesuiten wiederum konnten auf die Unterstützung des Königs zählen. Die Sache schien entschieden, als im März 1652 der Papst eine Bulle unterzeichnete, in der die „Auslegung des Jansenius“ als ketzerisch verdammt wurde.

In der Zwischenzeit war Pascal in ein Landgut beim Kloster Port Royal gezogen, wo er von den dortigen Gelehrten herzlich empfangen wurde. Insbesondere zu Antoine Arnauld, dem berühmtesten Theologen der damaligen Zeit, der sich auch für Mathematik und Wahrscheinlichkeitsrechnung interessierte, entstand bald eine intensive, aber auch konfliktreiche Freundschaft. Pascals Gesundheitszustand besserte sich, er begann wieder zu schreiben, in dieser Zeit entstand der Text Jesus-Mysterium, ein Abriss des Lebens Jesu sowie ein Vergleich zwischen den Christen der ersten Zeit und denen von heute. In diesen Texten spürt man Pascals Hass auf die Welt und seine Verachtung derer, die sich Christen nennen und doch nur Heuchler sind. Doch Pascal hatte bald genug von Port Royal, er sah sich nicht für ein Kloster geschaffen.

Arnauld, der Kopf der Jansenisten, wehrte sich gegen seine Feinde und veröffentlichte ein Pamphlet, einen Brief an einen Widersacher. Doch der neue Beichtvater des Königs antwortete persönlich: Arnauld müsse widerrufen, ansonsten drohe ihm die Exkommunikation und dem berühmten Kloster Port Royal die Auflösung. Arnaud hatte nur noch eine einzige Möglichkeit: Er musste beweisen, dass die jansenistische Lehre nicht ketzerisch sei, sondern direkt aus der Theologie des heiligen Augustinus hervorgehe. Dabei unterstützte ihn nun Pascal: Die beiden trafen sich, um die Verteidigung vorzubereiten. Pascal arbeitete zum einen daran, Augustinus zu verstehen, um die Texte der Jesuiten zu zerpflücken, dabei betete und fastete er auch intensiv, gleichzeitig arbeitete er weiter an mathematischen Problemen, insbesondere dem der Gewinnaufteilung.

Als erste Publikation Pascals im theologischen Kampf erschien anonym ein Brief an einen aus der Provinz. Darin legte er schwierige theologische Fragen, die bis dahin ausschließlich von unverständlichen Theologien behandelt wurden, in allgemeinverständlicher Form dar. Gleichzeitig machte er aber auch die Jesuiten lächerlich. Da der Brief die Zensur umgehen musste, beschränkte sich der Text auf eine Druckseite, wurde schnell produziert und verteilt. Der anonyme Text wurde rasch ein Erfolg. Sechs Tage später folgte über die gleichen Kanäle ein zweiter Text. Doch das gewünschte Resultat blieb aus: Die Sorbonne entzog Arnauld seinen Doktortitel. Doch Pascal und Arnauld beschlossen, weiter zu machen, dabei versteckte sich Pascal sicherheitshalber. Der dritte Brief erschien in einer Auflage von 6000 Exemplaren, mehrere hundert Personen waren in das Unternehmen verwickelt. Die Polizei begann mit Hausdurchsuchungen, und die Einsiedler von Port Royal wurden vertrieben. Man traf sich nun bei geheimen Zusammenkünften in den Gärten von Paris.
So rasch Pascal diese Provinzbriefe verfasst hatte, so fühlte er nun das Verlangen, auch theoretisch über die Gnade nachzudenken. Er verfasste die Schriften über die Gnade, in denen er die logische Überlegenheit des Jansenismus über den Calvinismus und die jesuitischen Positionen darlegte.

Nun verbreitete sich in Paris das Gerücht, in Port-Royal habe ein Wunder, eine Heilung, stattgefunden. Man schickte Chirurgen zur Untersuchung, und diese kamen zu dem Schluss, diese Heilung könnte nur ein Werk Gottes sein. Darauf befahl der König, die Verfolgung des Jansenismus einzustellen. Die katholische Kirche betrachtet übrigens diese Heilung noch heute als ein Wunder.

Durch die unerwartete göttliche Hilfe gerieten die Jesuiten in die Defensive. Sie warfen nun dem Autor der Briefe vor, falsch zu zitieren und heilige Dinge ins Gespött zu bringen. Pascal veröffentlichte nun weitere Briefe, in denen er die Jesuiten scharf angriff und sogar behauptete, sie seien vom Teufel nicht zu unterscheiden. Der Vorwurf fand Interesse, die Briefe verkauften sich immer besser, selbst Pfarrer in den Provinzen lasen sie auf der Kanzel vor. Man schätzte die Zahl der Personen, die die insgesamt elf Briefe gelesen hatten, auf 200'000. Selbst der König ließ sie sich vorlesen. 1656 verlangte die Pfarrversammlung von Paris, dass die darin erhobenen Anklagen geprüft würden. Nun waren es die Jesuiten, denen Gefahr drohte, wenn die Pfarrer, die Beichtväter der einfachen Leute, auf die Seite der Jansenisten schwenkten. Noch immer war es nicht gelungen, den Verfasser der Briefe nam- und dingfest zu machen.

Die Existenz Gottes

Im mathematischen Bereich gelangte Pascal ausgehend von Arbeiten über Glückspiele zur Theoretisierung des unendlich Großen und unendlich Kleinen. Er leitete daraus eine Methode ab, durch die sich die Bestimmung einer von einer Kurve einbeschriebenen Oberfläche ableiten lässt – einem Prinzip, in dem die gesamte Integralrechnung enthalten ist. Gleichzeitig versuchte er in dieser Zeit zu zeigen, dass die Vernunft nicht ausreichen kann, um das menschliche Dasein zu verstehen. Wer den Menschen einzig durch die Vernunft zu verstehen sucht und dabei vernachlässigt, was sich in ihm der Logik entziehen könnte, hat zuviel Angst, um den Menschen wirklich verstehen zu können. Trotzdem sah er ein, dass er die Vernunft nicht vollkommen beiseite lassen konnte, auch wenn er sie nur brauchte, um den Skeptikern zu zeigen, dass Gott sich nicht widerspricht. Pascal zufolge kann man sich von der Existenz Gottes nur durch Liebe überzeugen. Es nützt nichts, an Gott zu glauben, nur weil man glaubt, seine Existenz bewiesen zu haben. „Der Glaube unterscheidet sich vom Beweis: das eine ist menschlich, das andere ist Gottesgabe… Wir erkennen die Wahrheit nicht nur mit der Vernunft … sondern auch mit dem Herzen.“ Pascals Arbeit an einem Buch zu diesem Thema blieb unvollendet. Der Text erschien nach seinem Tod unter dem Namen Pensées und sorgte dafür, dass Pascal nicht in Vergessenheit geriet.

Seine Krankheit wurde mörderisch. Pascal litt wie ein Märtyrer und wurde so schwach, dass er nur noch Trinkbrühen und abstoßende, von den Ärzten verschriebene Gebräue zu sich nehmen konnte. Wenn er die Kraft hatte, das Haus zu verlassen, ging er in die Kirchen von Paris, um Reliquien aufzusuchen oder um an besonderen Messen teilzunehmen. Dennoch arbeitete er weiter an seinem Buch. Nach der Darstellung des Elends des gottlosen Menschen, seines Absturzes in die Ursünde, seiner Nichtigkeit, seines Scheiterns, seiner Schwächen und seiner Willenlosigkeit wollte er zeigen, dass in der Alten Welt nur das jüdische Volk die göttliche Offenbarung erfuhr und dass es als einziges Volk der Weltgeschichte von Gott auserwählt wurde, die Propheten zu empfangen, die ihm vom Kommen des Messias kündeten, der die Welt von den Folgen der Ursünde retten werde. Schließlich wollte er zeigen, wie der Mensch, sofern er lernt, sich selbst ausreichend zu verabscheuen, seinen Frieden in der Liebe zur göttlichen Botschaft findet.

Am 13. April befahl der König den Rücktritt der Oberen des Klosters Port Royal, die Polizei drang in die Abtei ein. Jacqueline, die Schwester Pascals, musste dem Jansenismus abschwören, kurz darauf wurde sie in ihrer Zelle tot aufgefunden. Pascal war nun nicht mehr er selbst, er fiel in sich zusammen. Auch dachte er darüber nach, mit der Kirche zu brechen.

Das Elend der Bevölkerung wuchs, die Ernten fielen schlecht aus, eine Hungersnot brach aus. Pascal beschloss, ein kapitalistisches Unternehmen zu gründen, um mit dem Gewinn den Armen zu helfen. Bei den Gängen zu den Kirchen kam ihm die Idee, ein Netzwerk von Kutschen zu errichten, damit die Leute schnell von einem zu einem anderen Ort gelangen konnten. Er erhielt die Erlaubnis, diesen ersten öffentlichen Nahverkehr in einer europäischen Großstadt einrichten zu dürfen, allerdings unter der Bedingung, dass „Soldaten, Pagen, Lakaien und andere Arbeiter die Kutschen nicht benutzen dürfen“. Pascal war wieder einmal enttäuscht: Damit hatte das Unternehmen seinen ideellen Sinn verloren. Dennoch wurde es finanziell ein Erfolg, und Pascal wurde, zumindest finanziell, reich.

Eine weitere Enttäuschung folgte: Arnauld wollte in dem Buch Logik – oder die Kunst des Denkens, ein Gemeinschaftswerk von Port Royal, das Kapitel von Pascal über die „Verringerung der Syllogismen“ streichen. Pascal argumentierte, verhandelte und entzweite sich schließlich gänzlich mit Arnauld. Am 19. August 1662 starb Pascal nach heftigen Krämpfen. Er war 39 Jahre und zwei Monate alt geworden.



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