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Ontologie: Die Tatsachenontologie von Frank Hofmann

Frank Hofmann entwickelt einen „wissenschaftlichen Atomismus“: eine dreiteilige Tatsachenontologie

 

Der in Tübingen lehrende Frank Hofmann entwickelt und verteidigt  in seinem Buch

 

Hofmann, Frank: Die Metaphysik der Tatsachen. 184 S., kt., € 32.—, 2008, Mentis, Paderborn.

 

eine Tatsachenontologie. Im 20. Jahrhundert hatten zwar  bereits Russell und Wittgenstein eine „Tatsachenontologie“ entwickelt. Hofmann hält aber ihren Weg nicht für den „bestmöglichen“ und präsentiert als Alternative einen von ihm so genannten „wissenschaftlichen Atomismus“. Seine Ontologie kennt drei grundlegende Kategorien: Substrate, Universalien und Tatsachen. Substrate und Tatsachen sind Einzeldinge, Universalien sind Entitäten, die instanziierbar sind. Hinzu kommt als wesentlicher Bestandteil das Wahrmacher-Prinzip: Wahrheiten erfordern einen Wahrmacher, eine Entität, die sie wahr macht. Hofmann nimmt Tatsachen als Wahrmacher für bestimmte kontingente Prädikationen an und entwickelt eine neue Konzeption des Wahrmachens, die er essenzialistische Konzeption nennt.  Zudem etabliert er Tatsachen als diejenige Kategorie von Entitäten, zu der Ursachen und Wirkungen gehören.

 

Wahr ist etwas genau dann, wenn die Welt sich so verhält, wie sie sich ihm gemäß verhält. Dieses „so-wie“ enthält im Grunde die ganze Idee der Wahrheit, und darin steckt auch die ganze Schwierigkeit. Als Wahrheitsträger nimmt Hofmann, wie es sich eingebürgert hat, Propositionen an. Die Pointe der essentialistischen Konzepts des Wahrmachens lautet: das, was eine Entität wahr macht, ist genau das, was „kraft ihrer Natur“ wahr ist. Wenn etwas in der Natur der Entität x liegt, ihr also nicht nur akzidentell zukommt, dann könnte x nicht existieren, ohne dass es vorliegt – was aber bedeutet, dass x alleine den Wahrheitswert der entsprechenden Position fixiert. Nichts anderes ist dazu mehr nötig. Die Essenz einer Entität und die Propositionen, die sie wahr macht, korrespondieren miteinander. Notwendige Wahrheiten sind nur kraft der Natur ganz bestimmter Entitäten wahr, aber nicht beliebige Entitäten. Zwei Bereiche, die in der Regel unabhängig voneinander behandelt werden, die Frage nach der Natur einer Entität und die Frage nach der Wahrmacher-Beziehung, werden in der essentialistischen Konzeption zusammengeführt. Die Pointe des Ansatzes: er liefert auf einen Schlag eine kombinierte Antwort auf beide Fragen.

 

Es muss nicht eine bestimmte Eigenschaft sein, die alle Dinge, die unter ein Prädikat gemeinsam aufweisen müssen. Es kann auch eine Ähnlichkeit sein. Damit sind wir nicht mehr gezwungen, für alle Eigenschaften     eigene Prädikate anzunehmen. Wie haben wir uns Eigenschaften vorzustellen? Für Hofmann sind sie Entitäten, die wir postulieren, um Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten sowie Verhaltensweisen zu erklären. Sie entsprechen gewissermaßen theoretischen Größen, die das beobachtbare Verhalten, die Dispositionen, erklären. Dabei sind es die Eigenschaften eines Dings insgesamt, die für seine Dispositionen verantwortlich sind. Diese sind das Zusammenspiel aller Eigenschaf-


ten. Ein Beispiel: Eine runde Kugel hat aufgrund ihrer Eigenschaft, rund zu sein, die Disposition zu rollen. Aber  eine runde Wolke hat nicht diese Disposition. Die Rundheit verleiht einem Ding also nur im Zusammenspiel mit geeigneten anderen Eigenschaften (wie etwa einer gewissen Festigkeit) die betreffende Disposition.

 

Hofmann ist, was seine Ontologie betrifft, sparsam: Für viele Wahrheiten benötigen wir nur wenige Entitäten. Es ist die Wahrmachertheorie, die es erlaubt, eine solch sparsame Ontologie zu vertreten. So sind Dispositionen keine Entitäten. Auch kennt er nur eine Ebene von Universalien, nämlich die fundamentalen Eigenschaften (inklusive Relationen). Über die Instanziierung dieser     Universalien durch raumzeitliche Einzeldinge kommt es zu den gewöhnlichen Objekten, die wir aus dem Alltag kennen. Die letzten, primitiven Einzeldinge – die Substrate - sieht Hofmann in den Raumzeit-Punkten oder       -regionen. Sie instanziieren Universalien, d.h. es gibt entsprechende Tatsachen. Diese Tatsachen, gewissermaßen das Gesamt der Eigenschaftsinstanzen der Welt, sind die Wahrmacher für alle wahren Aussagen. Universalien sind die Wahrmacher für die Naturgesetze. Naturgesetzesaussagen versuchen, die Natur oder Essenz einer oder mehrerer Eigenschaften zu charakterisieren. Und danach wird in den Naturwissenschaften gesucht: Was ist die Natur der Ladung, von Masse oder von Spin? Naturgesetzesaussagen sind die Antworten auf diese Fragen, und die betreffenden Eigenschaften sind die dazugehörigen Wahrmacher. Diese Eigenschaften sind instanziierbar, aber sie müssen nicht instanziiert sein.

 

Zur Kategorie der Einzeldinge zählt Hofmann Substrate, Substanzen und individuelle Substanzen. Substrate sind primitive, nicht zusammengesetzte Einzeldinge, die weder Teile noch Konstituenten aufweisen. Sie haben keine innere Struktur und in ihrer ontologischen Analyse findet keine andere Entität Erwähnung.  Schwieriger ist die Frage nach den Substanzen, d.h. nach unabhängig exi­stierenden Einzeldingen. Es ist nicht sicher, ob es so etwas gibt. Ist es Substrat und zugleich Einzelding, existiert es also unabhängig selbständig, dann handelt es sich um eine Monade.

 

Was es hingegen gibt, sind individuelle Substanzen (d.h. zeitlich persistierende Einzeldinge).  Dazu gehören gewöhnliche Tische, Lebewesen und Moleküle. Aber sind persistierende Objekte unabhängige Einzeldinge? Wenn nicht, wären sie keine Substanzen im strikten Sinne. Denn die Idee einer Substanz ist im Kern die Idee einer Entität, die selbständig existiert. Sobald aber eine Einheit zusammengesetzt ist, haben wir es mit einer Vielheit von Entitäten zu tun. Diese Vielheit ist entweder nur eine „nackte“ Vielheit, wenn die Zusammensetzung rein mereologisch ist, oder aber eine Vielheit, die „zusammengebunden“ ist. Eine „nackte“ Vielheit ist aber letztlich keine eigene Entität, und daher kann sie auch gar keine unabhängige Entität sein. Nach einem plausiblen Verständnis des Zusammengesetztseins ist dieses letztlich immer ein mereologisches – auch wenn die Art der Entitäten, die mereologisch zusammengefasst werden, schwankt. Ein Zusammengesetztes ist nichts Eigenes oder Selbständiges, aber eine Substanz sollte das Paradigma eines Eigenen oder Selbständigen sein: Was kein Substrat ist, hat auch schlechte Aussichten darauf, eine Substanz zu sein.

 

Im Gegensatz dazu ist es relativ klar, dass die alltäglichen individuellen Substanzen keine Substrate sind. Die gewöhnlichen Objekte des Alltags sind schließlich aus Teilen aufgebaut, die wiederum zeitlich persistierende Objekte sind. Möbelstücke haben Bretter und Schraube als Teile, Lebewesen Organe und Zellen.

 

Wie sollen wir uns zeitlich persistierende Einzeldinge (Objekte) denken? Die mittlerweile klassische Auseinandersetzung kennt die beiden Positionen Endurantismus und Perdurantismus. Ein zeitlich persistierendes Einzelding existiert in irgendeiner Weise zu verschiedenen Zeiten. Nach dem Enduran-


tismus kann es dies dadurch, dass es voll und ganz zu verschiedenen Zeiten existiert. Es enduriert. Der Perdurantismus besagt dagegen, dass das persistierende Einzelding Zeitstadien hat, die eigene Einzeldinge sind und die jeweils nur zu einer Zeit voll und ganz existieren und zu keiner anderen. Es perduriert.

 

Der Endurantismus hat ein gravierendes Problem bei der Analyse von qualitativer Veränderung. Manche Dinge verändern sich qualitativ mit der Zeit, indem sie ihre intrinsischen Eigenschaften ändern. Der große Nachteil des Perdurantismus liegt dagegen in den Zeitstadien: es gibt danach zu jedem Zeitpunkt ein Zeitstadium etwa eines Tisches.

 

Hofmann stellt eine Alternative vor, die die Probleme umgehen soll: Danach gibt es weder ein endurierendes Einzelding, das zu allen Zeiten voll und ganz existiert, noch gibt es Zeitstadien. Wenn die Raumzeit-Punkten, die eine bestimmte Region in der Raumzeit ausmachen, gewisse materielle und elektromagnetische Eigenschaften instanziieren – ein gewisses Feld von Materie und Strahlung – dann liegt etwa ein Tisch in dieser Region vor – mehr bedarf es nicht, auch keiner Zeitstadien des Tisches. Welche Eigenschaften diese Raumzeit-Punkte instanziieren, das herauszufinden ist Aufgabe der Physik (nach heutiger Kenntnis dürfte es sich um quantenmechanische Größen handeln).

 

Hofmann nennt seinen Ansatz „wissenschaftlichen Atomismus“. Danach existieren Raum und Zeit in Form von Raumzeit-Punkten und diese Raumzeit-Punkte sind die konkreten Substrate unserer Welt. „Atomismus“ deshalb, weil er von primitiven Einzeldingen, den Substraten, ausgeht. Sie sind im wörtlichen Sinn atomar: sie sind unteilbar, sie haben keine Teile. Zu den Substraten kommen noch die Eigenschaften und das Instanziieren von Eigenschaften hinzu. Die Eigenschaften können dabei als Universalien gedacht werden, und das Instanziieren von Eigenschaften durch Substrate als – atomare – Tatsachen. Damit liegt eine dreiteilige Ontologie vor, die Substrate, Eigenschaften (Universalien) und Tatsachen umfasst.

 

Hinzu kommt die „Wahrmacher-Methode“: Die Logik und Semantik unserer Sätze kann uns letztlich nicht die entscheidenden Hinweise für die ontologische Kategorisierung geben. Stattdessen müssen wir „direkt“ an die Aussagen herangehen, die nach heutigem Kenntnisstand als wahr anzusehen sind, und durch direkte ontologische Überlegungen diejenigen Entitäten ausfindig machen, die wir als Wahrmacher für sie benötigen. Einen wichtigen Grundsatz stellt dabei die Annahme der Supervenienz nichtfundamentaler Wahrheiten dar. Damit ist gemeint, dass wir nicht für jede wahre Aussage einen eigenen Wahrheitsfinder ausfindig machen müssen. Denn die Wahrheit mancher Aussagen ergibt sich schon aus der Wahrheit anderer, grundlegender Wahrheiten. Wenn wir für eine grundlegende wahre physikalische Beschreibung der Raumzeit und des durch sie instanziierten Eigenschaftsmusters Wahrmacher haben, dann machen diese auch alle anderen wahren Aussagen wahr, die sprachlich gesehen den anderen, „höheren Ebenen“ der Spezialwissenschaften und des Alltags angehören. Es bedarf keiner zusätzlichen Entitäten als weiterer Wahrmacher.

 

Tatsachen sollen so etwas sein wie das Aufweisen oder Instanziieren einer Eigenschaft durch ein Einzelding (oder einer Relation durch mehrere Einzeldinge). Unter den Philosophen herrscht Streit darüber, ob es Tatsachen gibt. Wie soll man sich eine Tatsache vorstellen? Russell postulierte Tatsachen als Wahrmacher für bestimmte Aussagen. Die Aussage, dass a ein bestimmtes Einzelding a noch eine bestimmte Eigenschaft F kontingenterweise aufweist, wird aber weder von a noch von F wahr gemacht. Nach dem Wahrmacherprinzip benötigen wir eine weitere Entität, die diese Wahrheit wahr macht, und das ist nach Russell die Tatsache, dass a F ist. Allerdings stellt sich die Frage, wie man sich diese neue Entität „die Tatsache, dass a F ist“, zu denken hat. Russell meint, dass sie „Konstituenten der Tatsache, dass a F ist“ sind. So bekannte zeitgenössische Ontologen wie David Armstrong und Hugh Mellor folgen ihm darin. Und Wittgenstein sprach davon, dass die Tatsache (bzw. der Sachverhalt) „eine Verbindung von Gegenständen“ (Sachen, Dingen) sei. 

 

Für Hofmann sind Tatsachen Entitäten, die wahre (kontingente) Prädikationen wahr machen können und die Einzeldinge und Eigenschaften verbinden. Für Tatsachen spielen bestimmte Eigenschaften und Einzeldinge eine besondere Rolle. Der Unterschied, der in der Rolle der Eigenschaft einerseits und des Einzeldinges andererseits gegenüber der Tatsache besteht, wird durch das Wahrmachen erfasst; was die blo0e existentielle ontologische Abhängigkeit betrifft, gibt es dagegen keinen Unterschied.

 

Naturgesetze sind für Hofmann keine Regularitäten, die durch einen allgemeinen Satz zum Ausdruck gebracht werden, sondern sie haben den Status einer gewissen Notwendigkeit.  Naturgesetze und alles, was dazu gehört (also die Eigenschaften, die Kausalität), sind durch und durch modal und zudem metaphysisch notwendig. Auch diese modalen Wahrheiten bedürfen eines Wahrmachers oder „Seinsgrundes“.

 




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