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04 2015

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Rechtfertigung in der praktischen Philosophie

 

aus: Heft 4/2015, S. 20-27

 

Stellungnahmen von Rainer Forst, Bernward Gesang, Peter Stemmer und Héctor Wittwer

Was heißt es, Normen zu rechtfertigen?

 Rainer Forst: Zunächst muss man beachten, um welche Norm es sich genau handelt: Auf welchen Bereich des Lebens bezieht sie sich, und wie lautet der Geltungsanspruch, den sie erhebt? Handelt es sich um „sittliche“ bzw. konventionelle Vorstellungen des Wohlverhaltens, um Wertvorstellungen, die das „gute Leben“ ausmachen, um Rechtsnormen, grundlegende Gerechtigkeitsprinzipien oder um moralische Prinzipien, die universal zu gelten beanspruchen? Die praktische Vernunft ist in all diesen Kontexten gefragt, aber sie muss zunächst einmal dazu bemüht werden, den Kontext recht zu erkennen, in dem sich eine praktische Frage stellt. Und dann hat sie zwei weitere Aufgaben: Die dem jeweiligen Kontext angemessenen Standards zu identifizieren und diese – gegebenenfalls im Vergleich unterschiedlicher Normstandards – kritisch zu befragen. Etwa: Sind die Konventionen, denen zu folgen wir bemüht sind, moralisch fragwürdig? Kann meine Vorstellung des Guten verallgemeinert werden, und muss sie es, um für mich zu gelten? 

Peter Stemmer: Man rechtfertigt sich, wenn einem vorgeworfen wird oder wenn man in Verdacht steht, etwas Unrechtes getan zu haben. Sich zu rechtfertigen, heißt dann zu zeigen, dass man sich sehr wohl, gegen den anderslautenden Verdacht, moralisch oder rechtlich korrekt verhalten hat. Man kann einen solchen Verdacht institutionalisieren und damit vom faktischen Verdacht ablösen. So mussten im alten Athen und in anderen griechischen Stadtstaaten Bürger, die für ein Jahr eine politische oder administrative Funktion übernommen haben, vor allem wenn ihre Tätigkeit den Umgang mit öffentlichen Geldern einschloss, am Ende ihrer Amtszeit eine Abrechnung vorlegen (im Griechischen: lógon didónai) und damit darlegen, dass sie gegen keine rechtlichen Vorschriften verstoßen haben. Eine Rechtfertigung ist offenkundig ein defensiver Schritt, man verteidigt sich gegen den Verdacht eines Unrechts. Dabei wird von beiden Seiten eine Norm vorausgesetzt, relativ auf die der Verdacht des Normverstoßes entsteht und relativ auf die die Rechtfertigung erfolgt. Eine Rechtfertigung ist folglich nur in einer bereits moralisch und rechtlich organisierten Welt möglich, aber nicht in einem moralischen und rechtlichen Vakuum wie dem Naturzustand.

Es ist von elementarer Bedeutung, rechtfertigen und begründen zu unterscheiden. Etwas, was man getan hat, zu begründen, also zu zeigen, dass etwas dafür sprach, so zu handeln, (etwas, was ohne weiteres auch im Naturzustand möglich ist) und das Getane zu rechtfertigen, also zu zeigen, dass es nicht mit einer moralischen oder rechtlichen Norm kollidiert, sind zwei sehr verschiedene Dinge. Rechtfertigen bedeutet keineswegs: Gründe liefern. Wer beide Tätigkeiten ineinanderschiebt und, wie es häufig geschieht, das Begründen an das Rechtfertigen angleicht, moralisiert das Begründen. Es scheint, als fänden wir eine entsprechende Tendenz bereits in der platonischen Philosophie, wenn Platon die Dialektik des Fragens und Antwortens als lógon didónai kaì déchesthai beschreibt und sich dabei zweifellos der juridischen Bedeutung dieses Ausdrucks bewusst ist.

Wenn nicht von der Rechtfertigung von Handlungen, sondern von der von Normen die Rede ist, ist damit vorausgesetzt, dass eine Norm selbst gegen eine Norm verstoßen kann, dass man mit einer Norm, damit, dass man sie etabliert, sie zur Geltung bringt, ihre Einhaltung einfordert und durchsetzt, selbst etwas Unrechtes tun kann. Ohne dies hätte die Vorstellung einer Rechtfertigung von Normen gar keinen Sinn. Aber gegen den Verdacht welchen Unrechts müssen sich die, die eine Norm vertreten, verteidigen? 

Héctor Wittwer: Mir scheint, dass der Ausdruck „rechtfertigen“ in vielen Fällen als Übersetzung für das englische Verb „to justify“ gebraucht wird. Da dieses Verb aber sowohl „begründen“ als auch „rechtfertigen“ bedeuten kann, ist der Ausdruck zweideutig. Nach meinem Eindruck bedeutet die Rede von der Rechtfertigung von Normen häufig nichts weiter als „Normbegründung“. Ausnahmen sind die Fälle, in denen es darum geht, denjenigen, die von praktischen Normen betroffen sein werden, und zwar möglicherweise durch Verluste oder Beschränkungen, von der Legitimität dieser Normen zu überzeugen. Dies scheint mir auf Rainer Forsts Theorie zuzutreffen. In diesen Fällen wird ein spezieller Begriff der Rechtfertigung gebraucht, der dem alltagssprachlichen Begriff nahe kommt: Man muss nur die Handlungen oder Entscheidungen rechtfertigen, deren Legitimität fraglich ist. Meist sind aber die Ausdrücke „Rechtfertigung“ und „Begründung“ ohne Bedeutungsveränderung austauschbar. Übrigens war der Ausdruck „Rechtfertigung von Normen“ noch vor dreißig Jahren innerhalb der deutschsprachigen Philosophie kaum gebräuchlich. Er hat sich erst in den letzten Jahrzehnten aufgrund der zunehmenden Orientierung an der angelsächsischen Philosophie eingebürgert.

 

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