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01 2016

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Michael Hampes Kritik der gegenwärtigen akademischen Philosophie

aus: Heft 1/2016, S. 34-43
 
Die Philosophie hat es mit Erkenntnis zu tun, die sich in Behauptungen ausdrücken kann. Diese akkumuliert sich jedoch nicht einfach wie bei den Erfahrungswissenschaften in   einer sich ausdifferenzierenden Terminologie. Vielmehr beginnen viele der „großen“ doktrinären philosophischen Autoren begrifflich gleichsam von neuem. Die Auseinandersetzung mit einem philosophischen Werk, das bestimmte Innovationen des Denkens anstrebt, ist deshalb einem Erziehungsprozess vergleichbar. Wer sich zum ersten Mal mit Spinoza oder Whitehead auseinandersetzt, nachdem er schon Platon und Aristoteles oder Descartes und Kant studiert hat, muss umlernen. Ist dieses Umlernen erfolgreich, soll es dazu führen, dass anders über die Welt gesprochen, gedacht und vielleicht auch einmal anders in ihr gehandelt wird.
 
Über die jeweiligen Anfänge solchen philosophischen Denkens und Argumentierens, über begriffliche Grundentscheidungen, ist keine argumentative Auseinandersetzung mehr möglich. Aber, so der an der ETH Zürich lehrende Michael Hampe in seinem Buch
 
Hampe, Michael: Die Lehren der Philosophie. Eine Kritik. 456 S., Ln., € 24.95, 2014, Suhrkamp, Frankfurt,
 
man kann von ihnen erzählen. Es ist möglich, plausibel zu machen, wie eine Person zu ihren begrifflichen Grundentscheidungen gekommen ist. Solche narrativen Darstellungen stellen das individualistische Spiegelbild transzendentaler Untersuchungen dar. Sobald menschliche Subjektivität historisiert wird, wandeln sich viele transzendentale Argumente zu historischen Narrationen. Philosophie, die doktrinär und explanatorisch erfolgreich sein will, wird in Erfahrungswissenschaft übergehen. Philosophie, die die Beschreibung des Konkreten sucht, wird zur Literatur. So sind Wittgensteins späte Texte vor allem als Literatur so bedeutsam und nicht, weil sie vermeintlich die Vorversion der Doktrin einer inferentiellen Semantik bieten. Dass Dichtung die Philosophie darin übertrifft, die konkreten Individuen der Welt sprachlich zu thematisieren, dürfte unbestritten sein.
 
Aber welche Funktion kann die Philosophie haben, wenn sie einerseits nichts erklärt, andererseits gelingende Literatur in der Prägnanz der Explikation von Innenperspektiven nicht überbieten kann? Für Hampe bleibt ihr als ausreichendes Kriterium in dieser Gegenüberstellung nur die lehrende Haltung, die sie mit größerer Penetranz manifestiert als die Literatur. Die doktrinäre Philosophie, der, anders als der schönen Literatur, eine Lehrkanzel zur Verfügung steht, scheint die Sprache „top down“ durch ein System oder eine Theorie des Diskurses regulieren zu wollen. Das Versagen doktrinärer Vereinheitlichungsbemühungen, die Tatsache, dass philosophische Lehren außerhalb der Akademie kein Gehör finden, hat mit der Stärke der explanatorischen und narrativen Alternativen in Wissenschaft und Kunst zu tun.
 
Während die Vorsokratiker etwas behaupten und versucht haben, es zu begründen, ist Sokrates im Gegensatz dazu kein Behauptender im Sinne eines Vertreters einer Lehre, sondern nur jemand, der denen, die etwas behaupten, zur Seite steht, ihre Behauptungen untersucht und prüft. Das Aufhören des Behauptens kann also auch ein Ergebnis des philosophischen Denkens und Unterredens sein. Deshalb hält Sokrates keine Vorlesungen und schreibt keine Lehrbücher. Eine sokratische Philosophie unterscheidet sich grundsätzlich von einem Projekt der behauptenden und erklärenden Wissenschaften, das die Vorsokratiker in Gang gebracht haben. Dieses Projekt ist ungeheuer erfolgreich gewesen, kein anderes Projekt ist bekannt, das bessere Erklärungen liefert als die experimentell vorgehenden Erfahrungswissenschaften. In deren Schatten ist diejenige Philosophie, die nicht zur erklärenden Wissenschaft geworden, aber doktrinär geblieben ist, weitgehend in der kulturellen Bedeutungslosigkeit versunken und nur noch eine rein akademische Veranstaltung. Philosophische Erklärungen beziehen sich in der doktrinären Philosophie fast nur noch auf selbstgemachte akademische Fragen.
 
Hampe sieht in Aristoteles den Großvater dieser Vorgehensweise. Mit dessen Vorlesungsskripten hat sich eine monographische Darreichungsweise der Philosophie etabliert: Ein Text, der Vormeinungen und Behauptungen zu einem Thema sammelt, Argumente und Gegenargumente prüft und kritisiert und dann zu Behauptungen kommt, die eindeutig einem Verfasser als seine Theorie zu- zuordnen ist.
 
Doch seit Sokrates ist die Philosophie ja auch postdoktrinär. Ihre Vertreter üben Kritik an der herrschenden Moral, an den politischen Ideologien, am religiösen Aberglauben oder der wissenschaftlichen Weltauffassung. Sie treiben das voran, was als Projekt der  europäischen Aufklärung charakterisierbar ist. Ihre Vertreter heißen Montaigne und Lichtenberg, Nietzsche und Wittgenstein, Rorty und Feyerabend, und ihre Kritik ist ein von Sokrates bis in die Gegenwart nicht zu ersetzendes philosophisches Geschäft. Als Religions-, Wissenschafts- und allgemeine Kulturkritik betreffen die Fragen der nichtdoktrinären Philosophie auch Nichtphilosophen. Sie überhaupt stellen zu können, macht die Geistesfreiheit der europäischen Zivilisation aus. Die nichtdoktrinäre Philosophie versucht zu verhindern, dass Menschen durch religiösen, politischen, wirtschaftlichen oder wissenschaftlichen Dogmatismus unfrei werden.
 
Hampe sieht in der Philosophiegeschichte eine Pendelbewegung zwischen diesen beiden Arten von Philosophie. Sie findet sich als Kontrast von traditioneller und kritischer Philosophie bei Horkheimer, als Unterschied von systematischem und therapeutischem Denken bei Hegel und Kierkegaard oder Russell und Wittgenstein, von konstruktivem und skeptischem Denken bei Descartes und Montaigne oder Kant und Hume statt.
 
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