header


  

Vorträge

05.07.2016 Druckversion  |  Schrift: vergrößern verkleinern 

Karl Steinkogler: Zeilinger, Wittgenstein und die moderne Physik oder Wie „naiv“ war Wittgenstein?

Karl Steinkogler

 Ebensee, Österreich |karl_steinkogler@hotmail.com

 

Abstract

 

Der Beitrag, für den eine Aussage Anton Zeilingers den Anstoß gegeben hat,

behandelt die verbreitete Fehleinschätzung des Verhältnisses Wittgensteins zur Naturwissenschaft: Zeilinger kritisiert Wittgenstein auf Grundlage des ersten Satzes des Tractatus logico-philosophicus, „Die Welt ist alles, was der Fall ist“. Er nennt dies das „naive Weltbild“ eines „typischen Philosophen der klassischen Physik“ und möchte den Satz im Sinne der Quantentheorie um den Halbsatz „…und auch alles, was der Fall sein kann“ erweitert sehen. (Zeilinger 2003, 231)

 Es soll aber gezeigt werden, dass Wittgenstein mit der modernen Physik durchaus vertraut war.

 

 

 

„Ludwig Wittgenstein is a quantum (manifold) thinker.“

(Blum 2006, 176)

 

„Wittgenstein's 'facts' are potential, i.e., what we called phenomena.“

(Omnès 1994, 540)

 

„The idea that the world is composed of facts, not of things, was formulated in philosophy

before quantum mechanics. Namely, in 1918 Ludwig Wittgenstein wrote his famous theses:

 ' 1 The world is all that is the case.  1.1 The world is the totality of facts, not of things.' “

 

1. Das Vorurteil

 

Dass philosophisch unbewanderte und dennoch bedeutende Physiker wie Stephen Hawking oder Steven Weinberg, ja selbst ein für Philosophie so aufgeschlossener Physiker wie Anton Zeilinger Wittgenstein als physikfern und naturwissenschaftlich desinteressiert einstufen, überrascht wenig, wenn man bedenkt, dass diese Einschätzung sogar in philosophischen Fachpublikationen vorliegt:

 

„[…] if he had taken an interest in the monumental struggles taking place in contemporary science over quantum physics [...]“ (MacFarlane 2001)

 

„[…] vom Geist der modernen Naturwisssenschaften ist er nicht berührt.“

(Walter Schulz, zitiert nach: Adler 1976, 62)

 

„Offenbar hat er die moderne Physik nicht gekannt!“ (Fröhlich 2007, 98)

 

„Wittgenstein does not seem to have been impressed by relativity theory and      the beginnings of quantum mechanics […].“ (Baltas 2012, 254)

 

Dieses Vorurteil ist sicherlich eine Folge von Wittgensteins vehementer Ablehnung des Szientismus, die häufig offenbar mit einer Ablehnung der Naturwissenschaft als solcher gleichgesetzt wird, nicht zuletzt aufgrund der diffamierenden Kritik Wittgensteins durch Ernest Gellner. (Janik 2001, 147 ff.) Anderseits haben auch einseitige Darstellungen durch Wittgenstein-Verehrer dazu ihren Beitrag geleistet, wie z.B. Ray Monk in seiner mittlerweile klassischen Biographie.  Naturwissenschaftliches kommt bei Monk nicht vor und ihre Exponenten kaum, selbst wenn sie für Wittgenstein von größter Bedeutung waren (Boltzmann einmal, Hertz zweimal); und Schlick, philosophischer Propagator der Relativitätstheorie und aufmerksamer Kommentator des Entwicklungsgangs der Quantenphysik, wird mit moderner Physik mit keinem Wort in Verbindung gebracht. Das entsprechende Stichwort im Index lautet „science: L.W.‘s antagonism to“ (Monk 1991, 416) und nicht etwa „scientism“, obwohl es in den angeführten Belegen letztlich um „Wittgenstein‘s general attack on the idol-worship of science“ geht (Monk 1991, 416).

 

In jüngerer Zeit wird zwar durchaus versucht, dies richtigzustellen – so nennt z. B. Stenlund „[…] resources for countering the still prevalent view that he [was] disconnected from the progress of serious science“ (Stenlund 2015, Abstract) –, doch die teils erstaunlichen Ergebnisse sind noch nicht ausreichend rezipiert worden. Vielmehr greift die diesbezügliche Einschätzung Wittgensteins weiterhin um sich, besonders angesichts des Urteils so prominenter Physiker wie der oben genannten. Dazu sei ein beispielhafter und einflussreicher Fall aus der jüngsten Zeit herausgegriffen – nämlich Zeilingers Bewertung von Wittgensteins Verhältnis zur modernen Physik.

 

2. Zeilingers Vorwurf

 

Zeilingers Bestseller „Einsteins Schleier“ (2003) endet mit einer sehr effizienten Pointe:

 

         „Wittgenstein beginnt seinen berühmten Tractatus Logico-Philosophicus mit     dem Satz:

'1.1 Die Welt ist alles, was der Fall ist.' [1]

 

Wir haben gesehen, dass dieser Blickpunkt zu beschränkt[2] ist. In der Quantenphysik können wir nicht nur Aussagen darüber treffen, was der Fall   ist, sondern auch Aussagen darüber, was der Fall sein kann. […].

         Daher ist die Welt mehr, als was Wittgenstein meinte. Die Welt ist alles, was        der Fall ist, und auch alles, was der Fall sein kann.“ [Anm.: Zeilingers          Hervorhebungen]

 

Am 9. November 2011 war in der Tageszeitung Der Standard über einSymposium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften zum 60.Todestag Wittgensteins u.a. Folgendes zu lesen:

 

„Naives Weltbild

Wittgensteins Welterklärung gleich im ersten Satz des 'Tractatus' […] hat der Wiener Experimentalphysiker Anton Zeilinger schon in seinem Buch 'Einsteins Schleier' kritisch gesehen. Zeilinger nennt dies ein 'naives Weltbild' eines       'typischen Philosophen der klassischen Physik.' Im Lichte der Quantenphysik, mit der sich Wittgenstein nie beschäftigt habe, hat Zeilinger vorgeschlagen, diesen Satz neu zu schreiben: […].“ [3]

 

Zeilingers Erweiterung hat, wie ein Blick ins Internet zeigt, unter Quantenphysikern durchaus Anklang gefunden, und das nicht nur in deutscher Sprache, ohne dass offenbar je hinterfragt wird, ob sein Diktum einer kritischen Betrachtung standhalten kann. Dies soll im Folgenden anhand des Tractatus und von Wittgensteins Biographie überprüft werden.

 

3. Was wusste Wittgenstein von moderner Physik – vor und nach dem Tractatus?

 

           „Topics will cover his early years in Boltzmann's Vienna, then his study in Planck's

           (and  then Einstein's) Berlin, then his move to Rutherford's Manchester and eventually his             arrival to join the cohort of great physicists in Cambridge in the 1930s and 1940s.“ 

  (Vorschau HAPP-Conference „Wittgenstein and Physics“, Oxford 2014)

 

Dass Wittgenstein seit den 1920er Jahren mit Einstein und seiner Relativitätstheorie völlig vertraut war, weisen z. B. Kusch (2011) und Penco (2010, Abstract) überzeugend nach: Dieser spricht von einer „profound connection between Wittgenstein and relativity theory“ und betont mit Bezug auf den Nachlass „that he was in tune with Relativity Theory“ (Penco 2010, 1 bzw. 360). Abschließend führt er einige Indizien an, die auf einen gewissen Einfluss der Relativitätstheorie schon im Tractatus hinweisen. Allein damit ist der Beweis bereits erbracht, dass Wittgenstein kein „naiver Philosoph der klassischen Physik“ war. Aufgrund der klaren Beweislage bezüglich der Relativitätstheorie ist eine weitere Diskussion dieser Frage nicht nötig und im gegebenen Rahmen auch nicht möglich.

 

Auch bezüglich der Quantenphysik weist vieles auf gedankliche Zusammenhänge mit dem Tractatus hin, wobei der Nachweis naturgemäß schwieriger zu führen ist als für Wittgensteins spätere Jahre. Eines vorweg: Es ging Wittgenstein in den Sätzen zur physikalischen Beschreibung der Welt nicht darum, die „aktuell bessere Theorie zu preisen“ (Kokai 2005), sondern um den Nachweis des Netzwerkcharakters physikalischer Theorien; und außerdem ist die Welt des Tractatus mit der Welt der Physik nicht gleichzusetzen: Letztere betrifft nur das Universum, also eine „ontologische Provinz“ (Gabriel 2013, 51).Der Tractatus hingegen behandelt das menschliche Leben, „a constellation of Fragestellungen“ (Brock 2015, 10) von Logik bis zur Metaphysik, wobei „Wittgensteins Welt zwar als logische Form, nicht aber als im Reich reiner Ideen angesiedelte, von aller Materialität unberührte vorzustellen ist.“ (Goppelsröder 2007, 19)

 

4. Die (prä-)Tractatus-Jahre

 

1912 begann Wittgenstein mit der Arbeit an seiner Logisch-philosophischen Abhandlung, wenige Monate nach seiner Ankunft in Cambridge im Oktober 1911. Die Situation der modernen Physik war dort besser als in Wien, an dessen Universität noch 1910 vom Vorstand des Physikalischen Instituts, Ernst Lecher, das erste quantenmechanische Atommodell als „Faschingsscherz“ zurückgewiesen worden war, nämlich jenes von Arthur Erich Haas (Flamm 2001): Immerhin hieltsich Niels Bohr im Herbst 1911 vorübergehend in Cambridge auf. Doch „Quantum theory as we know it began with Bohr's formulation, around 1913 […]“ (McCrea 1985) – in Manchester!

 

Ein Hinweis, dass Wittgenstein sich mit Quantenphysik beschäftigte hatte, ließ sich für seine Jahre in Einsteins Berlin und in Rutherfords Manchester nicht finden, und außerdem ist zu bedenken: „Wittgenstein's Tractatus was written in the days of the old Quantum Theory. The new Quantum Theory, with its challenge to Newtonian Mechanics had not yet arrived.“ (Young 2004, 130)Und um nicht in eine ahistorische Darstellungsweise zu verfallen, muss auch betont werden, „daß die in den 20er Jahren weltbildschaffenden und revolutionären Theorien der Physik, die Relativitäts- und Quantentheorie, in ihrer Entstehungszeit eher Teil eines Konsolidierungsprogramms waren […]“ (Heidelberger 2002, 84). Noch 1911 stellt Einstein fest, dass es „eine wahre Theorie der Quantenprozesse noch nicht gebe“ (Heidelberger 2004, 85). Es wäre also fast ein Anachronismus, von einem Wiener Philosophen dieser Zeit tiefe Kenntnisse der (frühen) Quantentheorie zu verlangen.

 

Bemerkenswerterweise finden sich dennoch bereits im Tractatus gewissermaßen quantenphysikalische Gedankengänge, die offenbar unter dem Einfluss Boltzmanns entstanden: „Vor allem seine Methode, den physikalischen Zustand eines Systems durch seine Projektion auf einen multidimensionalen Darstellungsraum zu spezifizieren, dessen Koordinaten alle unabhängigen Variablen des Systems repräsentieren können, wurde in die Standarddarstellungen der modernen Quantentheorie übernommen.“ (Janik/Toulmin 1998, 174) Es lässt sich zeigen, „daß dieser Begriff eines 'Raumes der theoretischen Möglichkeiten', der die Schlüsselrolle in Boltzmanns Methode der Analyse spielt, mit den folgenden Worten aus Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus einigermaßen adäquat erläutert werden kann: […]“ (Janik/Toulmin 1998, 175 – siehe 1.2, 1.21, 2.1, 2.201, 3.4, 3.411.) „Es war kein Zufall, dass Wittgensteins Tractatus in Schlicks“ – dieses begeisterten Verfechters von Relativitätstheorie und Quantenphysik! – „Wiener Kreis philosophisch orientierter Naturwissenschaftler und naturwissenschaftlich orientierter Philosophen Pflichtlektüre war.“ (Yourgrau 2005, 50)

 

Es gibt auch beachtliche Arbeiten, die sich mit dem Wert von Wittgensteins Sprachphilosophie – auch der des Tractatus !– für die Beschreibung der Quantenphysik befassen und Konzepte Wittgensteins mit jenen Bohrs und Heisenbergs vergleichen. Nicht alle gehen dabei von korrekten Voraussetzungen aus: „[…] many of the features of Wittgenstein's later work could have been applied to quantum physics“ – aber: „[H]e did not know modern science“ (Stenholm 2011, 5).

 

Anhand von drei unterschiedlichen Herangehensweisen sollen nun noch weitere Analogien zur Gedankenwelt der Quantenphysik gezeigt werden:

 

Für S. Brock beginnt die neue Ära der Physik mit Helmholtz, Hertz und Boltzmann: „I explain in my thesis [Niels Bohr's Philosophy of Quantum Physics in the Light of the Helmholtzian Tradition of Theoretical Physics, 2003], both early quantum theory made use of The Principle of Least Action [6.3211] in order to regulate the possible set of phase-spaces (logical spaces) available in the formation of a new theory. […] the author of the TLP did not view physics with 'classical eyes'. […] The TLP was indeed a radical work almost preceding what actually happened.“[4]

 

Bezerra (2015, 26 ff.) weist „concepts shared by Tractatus and quantum mechanics“ nach, indem er Zitate und Konzepte von Bohr, Dirac, Pauli, Feynman und Schrödinger („possibility, probability, the exclusion principle, quantum entanglement, the uncertainty principle …“) Sätzen aus dem Tractatus gegenüberstellt. Er sieht in diesen Gemeinsamkeiten geradezu eine sozusagen gedankliche Verschränkung („entanglement“) von Tractatus und Quantenmechanik. Für ihn ist das „not an amazing coincidence“, sondern dem Zeitgeist und dem wachen Intellekt des Genies Wittgenstein geschuldet: „Wittgenstein saw things that his colleagues didn't see.“[5](In „Was der Fall ist, der Tractatus“, 2014, sieht er ihn so wie Zemanek (1993, Kurzfassung 1f.) auch als Pionier der Informatik!)

 

Eine weitere Untersuchung führt wieder unmittelbar zu „Einsteins Schleier“, einem „im übrigen äußerst anregenden Buch“ (Czasny 2014, 8): Zeilingers Überlegungen steuern auf zwei im letzten Kapitel formulierte zentrale Aussagen über „Wirklichkeit“, (quantisierte) „Welt“ und (quantisierte) „Information“ (Zeilinger 2003, 225 f.) zu, nämlich „Wirklichkeit und Information sind dasselbe“, sowie – als Konsequenz daraus – auf die pointierte Neuformulierung von Tractatus 1. Doch die zu diesem Verdikt führende Argumentationskette ist problembehaftet: erstens wegen der widersprüchlichen Begriffsbestimmungen von „Information“ und deren Gleichsetzung mit „Wirklichkeit“ („Dies ist eine Hypothese, die zwar diese Entwicklung in kurzer Weise resümiert, aber kaum einer philosophischen Analyse standhält“ – Pirner 2003, 11), und zweitens wegen der unscharfen Verwendung des Begriffs der „Wirklichkeit“ („was immer das auch sein möge“ – Zeilinger 2003, 213). Eine präzisere Terminologie wäre hier sicher von Vorteil gewesen: „[…] in the quantum domain […] Leibniz' and Kant's distinction of reality and and actuality is helpful.“ (Falkenburg 2007, 20)

 

Nach einer scharfsinnigen Analyse der epistemologischen Probleme, Argumentationsmuster und Reflexionsdefizite der Quantenphysik konkretisiert Czasny seine Einwände schließlich – für die vorliegende Arbeit natürlich von besonderem Interesse – anhand dieses Buches: Er weist zunächst auf Zeilingers Schwanken „zwischen dem Materialismus in Gestalt einer Informationsontologie und deren subjektivistischer Gegenposition, einem Informationskonstruktivismus“ (Czasny 2014, 14) hin, analysiert dann das Verhältnis der beiden Begriffe „Wirklichkeit“ und „Realität“ und kommt zu dem Schluss, Realität sei der umfassendere Begriff: Er beinhalte nämlich neben dem, was für uns wirklich oder bloß möglich ist, „auch jene Aspekte des Objekts, die jenseits unserer Informationen von ihm bzw. unserer Interaktionen mit ihm liegen“ (Czasny 2014, 29). Aus Zeilingers Umformulierung von Tractatus 1 folgert Czasny sodann, „[d]ass Zeilinger diese beiden gerade für das Subjekt-Objekt-Verhältnis maßgeblichen Aspekte ausblendet und damit die Welt auf die Polarität zwischen dem durch unsere Beobachtungen bzw. Aussagen konstituierten subjektiv Wirklichen und dem im Lichte unserer Aussagen bloß Möglichen reduziert […]“ (Czasny 2014, 29, Fußnote 22), und kann schlüssig zeigen, dass Zeilingers Ergänzung von Tractatus 1 überflüssig ist: Er erläutert zunächst die Darstellung des Wirklichkeitsaspekts der Welt im Tractatus und dann den Möglichkeitsaspekt, der unter anderem in den Sätzen 2.0121, 2.0123, 2.0124 und 2.014 („Die Gegenstände enthalten die Möglichkeiten aller Sachlagen“) zur Sprache kommt. Er folgert:

 

„Da die Gegenstände einerseits zur wirklichen (= bestehenden) Welt gehören (ja sogar ihre Substanz bilden) und andererseits schon ihrer 'Natur' nach auch alle Möglichkeiten ihres Vorkommens enthalten, gehören für den Tractatus sämtliche mögliche Welten ebenso zur Welt wie die wirkliche Welt.“[6]

 

Ähnlich auch Goppelsröder (2008, 19): „Die Gegenstände sind über ihren Charakter als Koordinate im logischen Raum hinaus auch die 'Substanz von Welt' […].“ „[S]ie ist der von allen möglichen Sachverhalten freie Grund dafür, dass immer eine der vielen Potenzialitäten aktuell ist, die anderen möglich bleiben.“

 

5. Nach dem Tractatus

 

Ab 1927 stand Wittgenstein nicht nur in brieflichem, sondern auch in direktem Gedankenaustausch mit Moritz Schlick. „Schlicks Beschäftigung mit der Quantenphysik dürfte bereits Mitte der 1910er Jahre eingesetzt haben.“ (Schlick 2009, 394, Fußnote 99 des Herausgebers) Seine Allgemeine Erkenntnislehre von 1918 behandelte auch die Quantenphysik, die zweite Auflage 1925 erfuhr noch Erweiterungen.

 

Wittgensteins Bekanntschaft mit Dirac und Freeman Dyson in Cambridge blieb offenbar oberflächlich, doch freundete er sich mit dem Physiker W. H. Watson an, „who attended some of Wittgenstein's classes and met with him privately occasionally in the academic years 1929-30 and 1930-1.“ ( McGuinness 2012, 192)

 

1938 veröffentlichte Watson sein erstes Hauptwerk, On Understanding Physics, „making much use of Wittgenstein's teaching“ (McGuinness 2012, 192). Darin gab er auch der Quantenphysik breiten Raum. Es ist kaum denkbar, dass Wittgenstein weder mit Schlick – siehe z. B. Kusch 2014 – noch mit Watson über Quantenphysik gesprochen hat: „So here in that book by Watson BOTH the TLP and Wittgenstein's later work is associated with a view on how quantum mechanics grew from an analogy with classical electrodynamics.“ (Steen Brock)[7] Selbst für die zweite Auflage von 1963 (Understanding Physics Today, CUP) gilt noch immer diese „indebtedness to Wittgenstein“ (McGuinness, 2012, 192).

 

Dass Wittgenstein auch in den 1930er Jahren in Bezug auf die moderne Physik auf der Höhe der Zeit war, lässt sich durchaus belegen, und zwar durch einen erst vor Kurzem ausgewerteten Teil des Nachlasses, die sogenannte Hidden Revision (Wittgensteins Vorarbeiten zu den Philosophischen Bemerkungen) – sieheEdwards-McKie, 2014c: In ihrem Videovortrag erläutert sie Wittgensteins Konzepte von Raum, Zeit, Unendlichkeit, Fernwirkung, unendlicher Teilbarkeit usw. sowie seine „precursor ideas to entanglement as an indeterminate system“ und weist auf seinen Aufsatz „Some Remarks on Logical Form“ (1929) hin: „[It] sets the stage for the entanglement idea.“ Man müsse Wittgenstein nicht nur als bedeutenden Philosophen der Mathematik, sondern auch der Physik sehen: „At a deep level – seen through the Hidden Revision – the Philosophical Investigations have far more to say about mathematics and physics than has hitherto been thought.“ (Edwards-McKie, 2014c) Und weiter: „[I]n a projected book [Wittgensteinian approaches to the quantum level] for Cambridge University Press, I argue for a reappraisal of Wittgenstein's philosophy of physics.“ (Edwards-McKie 2015, Abstract)

 

1933 – also zu einer Zeit, in der er sich vom Tractatus schon abgewandt hatte – erschien die Neuauflage der zweisprachigen Ausgabe, „von Wittgenstein korrigiert“. Bekanntlich verwarf er den Tractatus aus mehreren Gründen – aber nicht wegen etwaiger quantenphysikalischer Defizite!

 

Den Impuls zur vorliegenden Untersuchung gab Zeilingers kritische Gegenüberstellung von Tractatus 1 und seiner speziellen Version dieser Sentenz in „Einsteins Schleier“. Dazu abschließend ein schönes Gegenstück: Als Anhänger der Kopenhagener Interpretation der Quantenphysik stellt Zeilinger in seinem Buch fest, dass man verschränkten Teilchen keine vor der Beobachtung liegenden wohldefinierten Eigenschaften zuweisen könne, dass es also „sinnlos ist, über Dinge zu sprechen, die man im Prinzip nicht wissen kann“ (Zeilinger 2003, 167). Wittgenstein hat bekanntlich einen ganz ähnlichen Gedanken in einem tieferen Sinn bereits fast ein Jahrhundert davor geäußert.

 

6. Fazit

 

Wittgenstein war sowohl in der Relativitätstheorie als auch in der Quantenphysik sachkundig. Er sah offenbar keine diesbezüglichen Mängel im Tractatus. Zeilingers „Ergänzung“ von Tractatus 1 ist somit „keine Korrektur Wittgensteins, sondern bloß ein expliziter Hinweis auf etwas, das im Verlauf des Tractatus ohnehin gesagt wird.“ (Czasny)[8]

 

Hisaki Hashi hat dies mit Bezug auf Zeilinger konzilianter so formuliert:

 „Im Hinblick auf die Quantenphysik kann [meine Hervorhebung!] die bekannte Aussage Wittgensteins durch eine weiterePerspektive reflektiert werden: 'Die Welt ist alles, was der Fall ist, und auch alles, was der Fall sein kann.' “(Hashi 2010, 136)

 

 

 

 


Literaturverzeichnis

 

Adler, Leo 1976: Ludwig Wittgenstein: eine existenzielle Deutung, Basel und München: S.Karger

 

Baltas, Aristides 2012: Peeling Potatoes or Grinding Lenses. Spinoza and Young Wittgenstein Converse on Immanence and Its Logic, Pittsburgh: University of Pittsburgh Press

 

Bezerra, Paulo Cesar (2015): „The Entanglement Tractatus-Quantum Mechanics“, in: Beiträge des 38. Internationalen Wittgenstein Symposiums, Band XXIII

 

Bezerra, Paulo Cesar (2014): „Was der Fall ist, der Tractatus“, Beiträge des 37. Internationalen Wittgenstein Symposiums, Band XXII

 

Blum, Mark E. 2006: Continuity, Quantum, Continuum and Dialectics. The Foundational Logics of Western Historical Thinking, New York: Peter Lang

 

Brock, Steen i.E. 2015: „A conception of modern Life as 'the Awakening of the Human Spirit, revisited': Wittgenstein's early Remarks on Frazer as a Philosophy of Culture“, in: Lars Albinus, Joseph Rothaupt, A.Seery (eds.), Wittgenstein's Remarks on Frazer's Golden Bough: The Text and The Matter, Berlin: De Gruyter Publishers

 

Czasny, Karl 2014: Erkenntnistheoretische Grundlagen der klassischen Physik: Band I: Klassische Mechanik und Relativitätstheorie, Hamburg: disserta Verlag

 

Edwards-McKie, Susan 2014c: „Wittgenstein's Solution to Einstein's Problem: Calibration across Systems“. Paper presented at HAPP inaugural lectures, St Cross College, Oxford.

Video: http://www.stx.ox.ac.uk/wittgenstein-and-physics-susan-edwards-mckie

 

Edwards-McKie, Susan 2015: "How to Find a Solution to the Word Problem for an Encoding System: the Entscheidungsproblem Revisited through Wittgensteinian Constructivism", Beiträge des 38. Internationalen Wittgenstein Symposiums, Band XXIII

 

Falkenburg, Brigitte 2007: Participle Metaphysics: A Critical Account of Subatomic Reality, Berlin: Springer

 

Flamm, Dieter 2001: Österreich und die Geschichte der Quantenphysik,

http://www.cpg.univie.ac.at/2001/AV_Flamm.html

 

 

Fröhlich, Jürg 2007: „Reise durch die Physik an ihre Grenzen“, in: Walde, Peter und Kraus, Franta (eds.): An den Grenzen des Wissens, Zürich: vdf Hochschulverlag AG

 

Gabriel, Markus 2013: Warum es die Welt nicht gibt, Ullstein: Berlin

 

Goppelsröder, Fabian 2007: Zwischen Sagen und Zeigen: Wittgensteins Weg von der literarischen zur dichtenden Philosophie, Bielefeld: transcript

 

Hashi, Hisaki 2010: Naturphilosophie und Naturwissenschaft: Tangente und Emergenz im interdisziplinären Spannungsfeld, Münster: LIT Verlag

 

Heidelberger, Michael 2002: „Weltbildveränderungen in der modernen Physik vor dem Ersten Weltkrieg“, in: Rüdiger vom Bruch und Brigitte Kaderas (eds.), Wissenschaften und Wissenschaftspolitik. Bestandsaufnahmen zu Formationen, Brüchen und Kontinuitäten im Deutschland des 20. Jahrhunderts, Stuttgart: Steiner, 84-96

http://www.unituebingen.de/fileadmin/Uni_Tuebingen/Fakultaeten/PhiloGeschichte/Dokumente/

Downloads/ver%C3%B6ffentlichungen/heidelberger/weltbildveraenderungen.pdf

 

Ingarden, R.S. 2000: „Modal Interpretations of Quantum Mechanics and Classical Physical Theories“, in: Borowiec, Andrzej et al. (eds.), Theoretical Physics Fin de Siecle. Proceedings of the XII Max Born Symposium, Wroclaw, Poland, 1998, Springer: Berlin Heidelberg

 

Janik, Allan 2001: Wittgenstein's Vienna Revisited, New Brunswick & London: Transaction Publishers

 

Janik, Allan und Toulmin, Stephen 1998: Wittgensteins Wien, Wien: Döcker

 

Kokai, Karoly 2005: „Wittgenstein's Tractatus im Lichte der Linguistic und der Pictorial Turns“, in: Beiträge des 28. Internationalen Wittgenstein Symposiums, Band XIII

 

Kusch, Martin 2011: „Wittgenstein and Einstein's Clocks“, in: E.Ramharter (ed.), Ungesellige Geselligkeiten/ Unsocial Sociabilities, Berlin: Parerga

http://www.academia.edu/219312/Wittgenstein_and_Einsteins_Clocks

 

Kusch, Martin 2014: Teamarbeit ist der Philosophie nicht abträglich, Interview Klaus Taschwer, Der Standard 22.April 2014

http://derstandard.at/1397521288533/Teamarbeit-ist-der-Philosophie-nicht-abtraeglich

 

 

Mac Farlaine, Alistair: „Brief Lives – Ludwig Wittgenstein (1889 – 1951)“, in: Philosophy Now, Issue 87, Nov./Dec.2011, https://philosophynow.org/issues/87/Ludwig_Wittgenstein_1889-1951

McCrea, William: „How quantum physics came to Cambridge“, in: New Scientist, 17th Oct. 1985

https://inis.iaea.org/search/search.aspx?orig_q=RN:17010474

 

McGuinness, Brian (ed.) 2012: Wittgenstein in Cambridge: Letters and Documents 1911-1951, 4th Edition, Wiley-Blackwell

 

Monk, Ray 1991: Ludwig Wittgenstein: The Duty of Genius, London: Vintage

 

Omnès, Roland 1994: The Interpretation of Quantum Mechanics, Princeton: Princeton University Press

 

Penco, Carlo 2010: „The influence of Einstein on Wittgenstein's philosophy“, in: Philosophical Investigations, Volume 33, Issue 4, 360-379

http://www.dif.unige.it/epi/hp/penco/pub/einsteinwitt.pdf

 

Pirner, Hans J. 2003: „Weltbilder der Physik zu Beginn des 21.Jahrhunderts“, in: Hans Gebhardt und Helmut Kiesel (eds.), Weltbilder, Heidelberger Jahrbücher 2003/47, 435 ff.

www.thphys.uni-heidelberg.de/~pir/Weltbilder.pdf

 

Schlick, Moritz (eds. Hans Jürgen Wendel und Fynn Ole Engler) 2009: Allgemeine Erkenntnislehre. Abteilung I/ Band 1, Wien: Springer

 

Stenholm, Stig 2011: The Quest for Reality: Bohr and Wittgenstein – Two complemetary views, Oxford & New York: Oxford University Press

 

Stenlund, Sören: „On the Origin of symbolic mathematics and its significance for Wittgenstein's thought“ (Abstract), in: Nordic Wittgenstein Review, Volume 4/Number 1 (July 2015)

http://www.nordicwittgensteinreview.com/article/view/3302/pdf

 

Wittgenstein, Ludwig 1984: Tractatus Logico-Philosophicus, Tagebücher, Philosophische Untersuchungen, Frankfurt a.M.: Suhrkamp

 

Young. R.A. 2004: „Wittgenstein's Tractatus Project as Philosophy of Information“, in: Minds and Machines. Journal for Artificial Intelligence, Philosophy and Cognitive Science 14 (1): 119-132

http://www.cse.buffalo.edu/~rapaport/510/mm-young.pdf

http://philpapers.org/rec/YOUWTP

 

Yourgrau, Palle 2005: Gödel, Einstein und die Folgen: Vermächtnis einer ungewöhnlichen Freundschaft, C.H.Beck: München

 

Zeilinger, Anton 2003: Einsteins Schleier. Die neue Welt der Quantenphysik, München: Goldmann

 

 Zemanek, Heinz 1993: „Philosophische Wurzeln der Informatik im Wiener Kreis“,

in: P.Schefe, H.Hasted, Y.Dittrich, G.Keil (eds.): Informatik und Philosophie. Mannheim: BI-Wissenschaftsverlag 1993, 85-117

(Kurzfassung: „Tractatus“, Informatik, Datenbanken #BD#

http://philo.at/wiki/index.php/%22Tractatus%22,_Informatik,_Datenbanken_(BD)

 

Eine erweiterte und vertiefte Fassung auf Englisch ist  bei philpapers  ( http://philpapers.org/rec/STEWMP-3 )  nachzulesen :  "Wittgenstein, Modern Physics and Zeilinger's Pronouncement, or How Naive Was Wittgenstein" ).


[1]
             Anm.: Korrekt wäre 1 statt 1.1!

[2]          Zeilingers „zu beschränkt“ erinnert frappant an Heisenbergs „too narrow“ in dem bekannten Interview über Quantentheorie und Sprache http://www.fdavidpeat.com/interviews/heisenberg.htm: „In the Tractatus, which I thought too narrow, he always thought that words have a well-defined meaning.“ Doch auch Heisenberg irrt: Schon im Tractatus gilt für normale Sprache eine „Gebrauchstheorie der Bedeutung“ (3.261 f., 3.3, 3.326, 3.314, 3.326, 3.328 ...)

[3]          Nicht namentlich gezeichneter Artikel; http://derstandard.at/1319182381584/Wittgenstein-Memorial-Symposium-zum-60-Todestag-des-Philosophen

[4]    Private Mitteilung: Mail vom 13. August 2015

[5]    Private Mitteilung: Mail vom 17. August 2015

[6]    Private Mitteilung: Mail vom 18. August 2015

[7]    Private Mitteilung: Mail vom 13. August 2015

[8]    Private Mitteilung: Mail vom 18. August 2015







© Information Philosophie     Impressum     Kontakt