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02 2016

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Philosophische Kompetenzen?

 
aus: Heft 2/2016, S. 98-107
 
Fragen an Mathias Balliet, Klaus Blesenkemper, Kirsten Meyer und Anita Rösch
 
 
Philosophie, so hieß es lange Zeit, sei das einzige Fach, das den Zweck in sich trage, in dem es um den Inhalt und nicht um die Form geh, und das von Nützlichkeitserwägungen frei sein soll. Gilt das nicht mehr?
 
Matthias Ballet: Meiner Ansicht nach gilt nach wie vor, dass sich Inhalte, Verfahren und Anliegen des Fachs Philosophie grundsätzlich von den Programmatiken anderer Fächer unterscheiden. Das ist vor allem in den vielfältigen Aspekten eines umfassenden philosophischen Bildungsanspruchs (siehe Volker Steenblocks Konzept philosophischer Bildung) begründet, den die meisten Unterrichtenden in ihren Klassen und Kursen zur Resonanz bringen. Der Philosophieunterricht trägt also sehr wohl seinen Zweck in sich, sofern er die Lernenden zum Philosophieren anregt und nachhaltige philosophische Bildungsprozesse anstößt. Gleichwohl ist das Fach Philosophie, wie seine übrigen Mitstreiter im Fächerkanon, verbindlichen Bestimmungen und Erlassen verpflichtet, muss also nach curricularen Vorgaben unterrichtet werden. Hier kommen die in der Frage angesprochenen Nützlichkeitserwägungen ins Spiel; wie jeder Unterricht dient auch der Philosophieunterricht einem vorrangigen Zweck, und zwar der systematischen Weiterentwicklung der Lernenden mit Blick auf ihr Wissen und Können. Auch die Philosophie kann und soll sich dem flächendeckend realisierten bildungspolitischen Paradigmenwechsel nicht entziehen: Lehr-Lernprozesse sind nicht mehr vornehmlich input-, sondern vor allem outputorientiert anzulegen. In diesem Kurswechsel glauben viele Kritiker ein Verschwinden der Inhalte und des Wissens zu erkennen – und verkennen dabei einen zentralen Mechanismus: Kompetenzen entstehen keineswegs im luftleeren Raum, sondern nur im aktiven Umgang der Schülerinnen und Schüler mit neuem Wissen und relevanten Inhalten.
 
Kirsten Meyer: Ich denke zwar nicht, dass man das Unterrichtsfach Philosophie von Nützlichkeitserwägungen gänzlich frei halten muss, wenn es um dessen Rechtfertigung geht. Denn man lernt dort klar zu reden und klar zu denken, und das zahlt sich in vielerlei Hinsicht aus. Aber der Erwerb dieser Fähigkeiten ist nicht das Ziel desjenigen, der philosophiert. Stattdessen geht es darum, Antworten auf philosophische Fragen zu finden. Es ist daher wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler das Ziel des Philosophieunterrichts nicht nur in dem Erwerb bestimmter Kompetenzen sehen. Denn ansonsten, und das ist letztlich die Paradoxie eines kompetenzorientierten Unterrichts, kommt es gar nicht erst zum Kompetenzzuwachs.
 
Auch der Lehrperson selbst sollte es um philosophische Einsichten gehen, und sie sollte ihre Schülerinnen und Schüler als Dialogpartner auf dem Weg dorthin ernst nehmen. Dadurch macht sie den Philosophieunterricht zu einem Ort erfüllter Zeit. Denn das Philosophieren geht mit an sich wertvollen Erfahrungen einher, die sich nicht auf ihren instrumentellen Wert verkürzen lassen.
 
Anita Rösch: Wenn ich auf mein eigenes Philosophiestudium in den achtziger Jahren zurückblicke, erinnere ich mich an diverse Seminare, in denen einzelne philosophische Werke im Mittelpunkt der Seminararbeit standen. Es wurde am Semesterbeginn mit der Auslegung des ersten Satzes begonnen und mit Semesterende da aufgehört, wo man gerade stehen geblieben war. Das war mit Sicherheit zweckfrei, aber im Nachhinein betrachtet auch vollkommen sinnfrei. Dozenten und Studenten waren von dem befallen, was Herbert Schnädelbach den ‚morbus hermeneuticus‘ nennt. Wir haben uns mit Philosophiegeschichte und Textinterpretation befasst, aber nicht einen einzigen eigenen philosophischen Gedanken entwickelt. Diskutiert wurde über Textauslegungen, nicht über philosophische Positionen.
 
Nützlichkeit bedeutet ja nicht nur, dass etwas wirtschaftlich verwertbar ist und sich direkt auf dem Arbeitsmarkt bewährt. Nützlichkeit im Sinne des Schülers bedeutet für mich, dass ich aus der Beschäftigung mit und der Diskussion von philosophischen Fragestellungen und Positionen etwas für mich, für mein Leben, für meine Persönlichkeitsentwicklung, für meine Orientierung im Leben und der Gesellschaft mitnehme. Warum sollte es beispielsweise verwerflich sein, Kants Text Zum ewigen Frieden mit der Fragestellung zu lesen, was er uns über den Umgang mit Flüchtlingen in unserer Gesellschaft sagen kann? Das schmälert weder den Wert des Textes noch die Qualität der Auseinandersetzung mit ihm, aber es kann einen Beitrag dazu leisten, zur Beantwortung aktueller Fragen auf die Expertise vergangener Zeiten zurück zu greifen. Der Philosophieunterricht kann wie kaum ein anderes Fach Angebotezur Auseinandersetzung machen. Das verpflichtet ihn aus meiner Sicht aber auch geradezu, sich die Frage nach der oben charakterisierten Nützlichkeit bei der Auswahl von Themen und Texten zu stellen.
 
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