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03 2016

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Johannes L. Brandl, Frank Esken:
Selbstbewusstsein in der gegenwärtigen Philosophie des Geistes

aus: Heft 3/2016, S. 18-29
 
 
Die aktuelle Diskussion zum Thema Selbstbewusstsein folgt dem allgemeinen Trend in der Philosophie des Geistes, philosophische und empirische Fragen interdisziplinär zu vernetzen. Der fruchtbare Austausch zwischen Philosophie, Verhaltensforschung und kognitiver Psychologie – insbesondere zu nennen ist hier die Entwicklungspsychologie –, hat bisher allerdings noch zu keinem Konsens darüber geführt, wie der Begriff des Selbstbewusstseins inhaltlich und umfangsmäßig zu bestimmen ist. Es kursieren in der Literatur mehrere grundlegend verschiedene Konzeptionen von Selbstbewusstsein, von denen im Folgenden drei kurz vorgestellt werden sollen, ohne dabei im Detail auf die Vorzüge und Nachteile der einzelnen Positionen eingehen zu können. Auch auf die historischen Hintergründe und metaphysischen Voraussetzungen einzelner Thesen kann hier nicht näher eingegangen werden.
 
1. Reflexives Selbstbewusstsein als anthropologische Differenz
 
Eine erste wichtige Position in der aktuellen Debatte ist die Auffassung, dass Selbstbewusstsein ein spezifisch menschliches Merkmal ist. Nur Menschen sind in der Lage, sich selbst unter verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Wir können uns als körperliche, empfindungsfähige, handlungsfähige, vernünftige und soziale Wesen betrachten, und wir können dabei zwischen verschiedenen Perspektiven wechseln. Nehmen wir die objektive Perspektive der Dritten Person ein, so sehen wir uns quasi mit den Augen eines anderen als eine Person unter vielen; nehmen wir dagegen die subjektive, erstpersonale Perspektive auf uns selbst ein, dann dreht sich die ganze Welt gleichsam um uns und wir sind das subjektive Zentrum eines Erlebnis- und Handlungsraums. Wir verstehen auch, dass andere Personen ebenfalls eine mentale subjektive Perspektive auf ihre Umwelt einnehmen, die je nach Wissens- und Erfahrungsstand sowie emotionalem Profil unterschiedlich ausfallen kann. Und nicht zuletzt wissen wir, dass Überzeugungen und Wahrnehmungen falsch sein können, d. h. wir verstehen den Unterschied zwischen subjektiven mentalen Einstellungen und einer von ihnen unabhängig bestehenden objektiven Realität. Über Selbstbewusstsein zu verfügen, bedeutet aus Sicht dieser Position, über all jene kognitiven Fähigkeiten zu verfügen, die erforderlich sind, um sich selbst sowohl unter einer subjektiven als auch einer objektiven Perspektive betrachten zu können.
 
Diese sehr anspruchsvolle Konzeption von Selbstbewusstsein steht in der Tradition von Kant, Strawson, Sellars und Davidson, und wird im deutschsprachigen Raum in verschiedenen Ausprägungen von Ernst Tugendhat(1, 2), Sebastian Rödl (3) und Frank Esken (4) vertreten. Deren wesentliches Merkmal ist, dass sie Selbstbewusstsein nicht nur an sprachlich basierte Selbstzuschreibungen der Form „Ich glaube, dass...“ gebunden sieht, sondern darüber hinaus das Verstehen des Erscheinungs-Realitäts-Unterschiedes, das Verstehen falscher Überzeugungen sowie ein Verständnis davon erfordert, dass verschiedene Personen ein und denselben Sachverhalt begrifflich unterschiedlich repräsentieren können. Vieles aus der Entwicklungspsychologie spricht dafür, dass Kinder diese Fähigkeiten erst im Alter zwischen vier und sechs Jahren ausbilden, z. B. Apperly (5) sowie Perner u.a. (6). Folgt man diesem Selbstbewusstseinsbegriff, so besitzen nichtmenschliche Tiere sowie Kinder unter vier Jahren kein Selbstbewusstsein.
 
 
Die anthropologischen Konsequenzen einer solchen Konzeption des Selbstbewusstseins werden explizit von Lynn Rudder Baker thematisiert. Sie vertritt die These „that self-consciousness is what distinguishes persons from everything else”, wobei sie betont „that self-consciousness makes an ontological difference” (7, S. 23). Diese These lässt zunächst noch offen, ob auch Mitglieder anderer Spezies über ein Selbstbewusstsein verfügen könnten – und dann auch als Personen gelten würden. Allerdings verweist Baker diese Überlegung in den Bereich der Spekulation, wenn sie hinzufügt: „We human persons are the only kind of thing that we know to be self-conscious.” (ibid.).
 
Die Argumentation von Baker ist primär ontologisch und begriffsanalytisch, schließt aber auch Kommentare zu empirischen Befunden ein. Eine wichtige Prämisse dabei ist, dass wir den Unterschied zwischen den Begriffen ‘Bewusstsein’ und ‘Selbstbewusstsein’ nicht aufgeben sollten. Baker trennt daher scharf zwischen dem phänomenalen Bewusstsein (wie etwa dem Sehen eines Baumes oder dem Schmecken einer bitteren Flüssigkeit), über das alle bewusstseinsfähigen Lebewesen verfügen, und einem Selbstbewusstsein, das nur Personen haben, die, wie sie es nennt, über eine ‘robuste Erste Person Perspektive’ verfügen, d. h. die sich reflexiv dessen bewusst sind, ein Subjekt mit einer subjektiven Perspektive zu sein (8).
 
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