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01 2017

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Praktische Philosophie: Rainer Forsts Konzeption der Rechtfertigung

Aus: Heft 1/2017, S. 54-65
 
 
Die Kritische Theorie sieht sich als eine Verbindung philosophischer und sozialwissenschaftlicher Reflexion mit emanzipatorischem Interesse, die nach der historisch möglichen und normativ geforderten, rationalen Form einer allgemein gerechtfertigten gesellschaftlichen Ordnung fragt. Zugleich fragt sie danach, weshalb eine solche Ordnung angesichts der Herrschaftsverhältnisse in einer Gesellschaft nicht entsteht. Es ist dies das Selbstverständnis der Kritischen Theorie, wie es der nach Habermas und Honneth prominenteste gegenwärtige Vertreter dieser Theorie, der in Frankfurt lehrende Rainer Forst, in seinem Sammelband
 
Forst, Rainer: Normativität und Macht. Zur Analyse sozialer Rechtfertigungsordnungen. 254 S., kt., € 16.—, 2015, stw 2132, Suhrkamp, Frankfurt
 
versteht. Für Forst dient der Begriff der Rechtfertigung dazu, eine hinreichend komplexe immanente Verbindung zwischen Philosophie, Gesellschaftstheorie und Gesellschaftskritik herzustellen. Im Zentrum steht dabei die Idee, dass die Kritische Theorie die Frage der Rechtfertigung zu einer theoretischen und praktischen macht und auf eine Analyse und Veränderung bestehender Rechtfertigungsordnungen bzw. Rechtfertigungsverhältnisse abzielt. Sie analysiert normative Ordnungen auf eine doppelte Weise: Sie nimmt Rechtfertigungen, die Normen, Institutionen und soziale Verhältnisse legitimieren und konstituieren, als „Material“ für ihre Untersuchung und nimmt dazu kritisch Stellung. Dabei hinterfragt sie die normative Qualität dieser Rechtfertigungen, die Weise, wie sie zustande kommen, und die durch sie begründeten Strukturen.
 
Den Begriff der Vernunft versteht Forst rechtfertigungstheoretisch. Vernunft ist für ihn das Vermögen, sich an Gründen bzw. Rechtfertigungen zu orientieren. Dieses Vermögen bestmöglich einzusetzen heißt zu wissen, wie welche Rechtfertigungen zu prüfen sind. So gilt allgemein als Vernunft- bzw. Rechtfertigungsprinzip, dass die Normen vernünftig sind, die ihren Geltungsanspruch auf die Weise einlösen können, die diesem Anspruch implizit ist. Damit meint Forst, dass etwa allgemein-reziproke Verbindlichkeit im Modus allgemein-reziproker Rechtfertigung eingelöst werden muss. Die Frage der Rechtfertigung stellt sich in konkreten Kontexten, weist aber über diese hinaus, indem sie eine Dynamik in Gang zu setzen vermag, die auch „sittlich vernünftige“ Standards der Rechtfertigung hinterfragt. So kann man eine praktische, normative Frage nach den eingelebten Sitten und Institutionen bestmöglich beantworten, man kann aber ebensogut diese eingelebten Sitten und Institutionen grundsätzlich in Frage stellen, immanent (erfüllen sie ihren Zweck?) oder radikal (welches ist ihr Zweck, und ist dieser ein geeigneter und allgemein gerechtfertigter?). Forst stellt an eine Begründung die Forderung nach reziprok-allgemeiner Begründung, und dies verwehrt den Rückgriff auf „vorgängige Sittlichkeit“.
 
Forst sieht im Rechtfertigungsprinzip das Prinzip der Vernunft und das Recht auf Rechtfertigung seiner moralischen Implikation – nicht mehr und nicht weniger. Wenn wir von moralischen Errungenschaften sprechen, meinen wir, es seien tatsächlich moralische Errungenschaften und verhalten uns dazu mit Gründen – und wissen selbstverständlich, dass weitere Lernprozesse uns korrigieren können. Vorreiter der Emanzipation können ihre heute als emanzipatorisch gefeierten Ansichten in einer Gesellschaft entwickelt haben, die diese als unmoralisch oder verrückt taxierte. Forst erinnert an Bayle, der die zu seiner Zeit verpönte These vertrat, auch Atheisten seien zur Moral fähig. Sollen wir im historistischen Sinne sagen, diese Position sei erst dadurch wahr geworden, dass sie sich historisch durchgesetzt hat – und dass sie somit zur Zeit von Bayle nicht gerechtfertigt war? Forst sieht darin eine Errungenschaft, einen moralischen Fortschritt, ein Fortschreiten unseres moralischen Selbstverständnisses durch moralisch begründete Innovation, aber nicht durch historischen „Erfolg“. Historisches „Durchsetzen“ kann nicht die Kriterien dafür bestimmen, was wertend als Erfolg gilt, einzig die kritische Vernunft kann dies. Die doppelte Analyse von Rechtfertigungsordnungen als historisch vorfindbare soziale Tatsachen und als Ordnungen mit Anspruch auf Rechtfertigung, der diese für Kritik öffnet, erlaubt zu sagen, dass bestimmte Kritiken zu ihrer Zeit als ungerechtfertigt galten und doch aus einer normativen Perspektive gerechtfertigt waren, da sie das Rechtfertigungsprinzip selbst zur Geltung brachten. Forst entwickelt aus diesem Gedankengang einen Begriff des Fortschritts, den er nicht dem Verdacht ausgesetzt sieht, Ethnozentrismen zu verbergen. Der umfassende Fortschritt besteht nicht schon, wenn besser gerechtfertigte Verhältnisse existieren (etwa solche mit einem höheren Lebensstandard), sondern wenn die Rechtfertigungsverhältnisse in einer Gesellschaft so gestaltet sind, dass eine Grundstruktur der Rechtfertigung besteht bzw. angezielt wird.
 
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