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BERICHT

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Mario Brandhorst:
Normativer Realismus

Aus: Heft 4/2017, S. 22-35
 
 
Normative Phänomene
 
Während »normativ« ein Kunstwort ist, sind die meisten Phänomene, die als »normativ« bezeichnet werden, alltäglich und vertraut. Im Zusammenhang des Handelns, also im Zusammenhang der praktischen Philosophie, hat man es vor allem dann mit Normativität zu tun, wenn es um ein »Sollen«, »Dürfen« oder »Müssen«, um die »Gründe« für das Handeln, oder auch um »Regeln«, »Standards« und ganz allgemein um die Unterscheidung zwischen »richtigem« und »falschem« Handeln geht.
 
Die Moral ist offenbar ein zentraler Teil dieses weiten Phänomenbereichs, doch es gibt auch viele Dimensionen von Normativität, die nicht oder nicht unmittelbar moralisch sind. So gibt es die Normativität des Rechts, der Etikette und der Konvention, die Normativität von Werten, und es gibt auch in Bezug auf eigene Interessen eine Unterscheidung zwischen richtigem und falschem Handeln und die Gründe, die damit verbunden sind [14].
 
Was ist Realismus?
 
Was heißt es nun, ein »Realist« in Bezug auf Normativität zu sein? Das ist nicht leicht zu sagen, und nicht nur der normative Realismus selbst, sondern auch die Merkmale des normativen Realismus sind umstritten. Ich verstehe normativen Realismus hier als die Verbindung von zwei Thesen: erstens, dass es normative Wahrheit gibt, und zweitens, dass für diese normative Wahrheit außerdem in einem bestimmten Sinn Objektivität beansprucht werden kann. Damit erbt die Auseinandersetzung um den normativen Realismus auch die Fragen und die Unklarheiten, die mit den Begriffen »Wahrheit« und »Objektivität« verbunden sind.
Das Grundanliegen eines so verstandenen normativen Realismus lässt sich illustrieren, indem man die Frage stellt, ob die Wahrheit in Bezug auf ein »Sollen« oder »Müssen« unabhängig von den Überzeugungen, den Zielen und den Wünschen, den sprachlichen Gewohnheiten und den Gefühlen, kurz: der normativen Perspektive eines oder aller Menschen ist. Die Frage in Bezug auf Objektivität ist dann: Gibt es etwas an dem Sollen oder Müssen, das von jeder solchen Perspektive unabhängig so ist, wie es ist? Etwas anders ausgedrückt: Gibt es etwas an dem Sollen oder Müssen, das nicht durch eine solche Perspektive erst erklärt wird, sondern umgekehrt erklärt, warum die Perspektive richtig oder angemessen ist? Oder ist es so, dass nichts unabhängig von einer solchen Perspektive richtig oder angemessen ist, sondern jedes Sollen oder Müssen sich erst daraus ergibt, von einer normativen Perspektive abhängt oder anderweitig wesentlich an sie gebunden bleibt? Die erste Antwort führt in die Richtung von verschiedenen Formen des Realismus, die zweite in die Richtung von verschiedenen Alternativen, die sich als »Antirealismus« bündeln lassen, lassen, dabei allerdings, dem Wort entsprechend, lediglich in ihrer Ablehnung des »Realismus« einig sind.
 
Reicht normative Wahrheit aus?
 
Diese erste, noch sehr vorläufige Kennzeichnung des normativen Realismus wirft ein Licht auf sein Verhältnis zu den Positionen, die zwar Ähnlichkeiten mit ihm haben, aber dennoch von ihm unterschieden sind. Betrachten wir ein Beispiel, das ein moralisches »Müssen« betrifft: Es ist moralisch falsch, das Vertrauen eines Menschen zu missbrauchen, um sich dadurch zu bereichern, wie es beim Betrug geschieht. Hier gibt es zunächst die Normativität des Rechts, das den Betrug verbietet. Doch das Verbot geht offensichtlich nicht in den entsprechenden Gesetzen auf. Eher ist es so, dass sich in den entsprechenden Gesetzen ein moralisches Verbot verfestigt hat: Es ist auch moralisch falsch, Menschen zu betrügen, und das bedeutet unter anderem, dass man moralisch so nicht handeln darf.
 
Was ist nun der Status des entsprechenden: »dass man moralisch so nicht handeln darf«? Es liegt nahe, hier von einer Tatsache zu sprechen: Es ist ja wahr, dass man moralisch so nicht handeln darf, und so haben wir es hier dem Anschein nach mit einem Beispiel für eine normative Tatsache zu tun. Man kann auch sagen: »Dass man Menschen nicht betrügen darf, ist wahr, und wer das bestreitet, liegt in seinem Urteil falsch«. Die Frage ist nun, ob das Anerkennen dieser Möglichkeit von Wahrheit schon genügt, um ein normativer Realist zu sein.
 
Die meisten Realisten und auch Antirealisten heute sagen: »Nein«. Sie meinen, dass mit dieser bloßen Möglichkeit von Wahrheit »auf der Oberfläche« noch nicht das erreicht ist, was dem Realisten wichtig ist. Das ist zum einen deshalb so, weil es eine unter anderem von Hume inspirierte Tradition gibt, die bestreitet, dass normative Äußerungen wirklich wahrheitsfähig sind, aber dennoch diese Analyse mit der Möglichkeit von Wahrheit im Sinn einer Zustimmung zu einer Äußerung in Verbindung bringt [1, 6, 7]. Es ist zum andern so, weil Wahrheit auch für sich genommen noch nicht auszureichen scheint, um die Form von Objektivität zu sichern, die dem Realisten wichtig ist. Sehen wir uns diese Reaktionen näher an.
 
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