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DISKUSSION

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Wirtschaftsethik ohne Ethik. Die verhängnisvolle Entwicklung einer Disziplin

Aus: Heft 4/2017, S. 36-51

 

In den letzten 35 Jahren ist die Wirtschaftsethik zu einer eigenen akademischen Institution mit Lehrstühlen, Gesellschaften, Studienprogrammen und Fachzeitschriften herangewachsen. Philosophen sehen in ihr eine Unterdisziplin der angewandten Ethik. Das entsprach durchaus auch ihrem früheren Selbstverständnis, aber entspricht längst nicht mehr den Tatsachen.
 
Der an der Universität Lugano lehrende Wirtschaftsethiker Peter Seele zeigt in verschiedenen Artikeln, dass sich das Selbstverständnis der Business Ethics seither grundlegend geändert hat. Anstatt einer ethischen Betrachtung der Wirtschaft wird in Kursen der Wirtschaftsethik zunehmend empirische Sozialforschung teils ohne normativen Bezüge oder einer Reflexion darüber gelehrt. Wirtschaftsethik ist zu einem Teil der Management-Theorie geworden und wird dabei auch als ein Instrument im Hinblick auf finanziellen Erfolg gesehen. Viele Personen und insbesondere jüngere Akademiker, die Wirtschaftsethik lehren, haben heute in der Regel keinen formalen philosophischen Hintergrund mehr. Seele gehört in dieser Hinsicht zu einer Minderheit, aber seine Professur für „Corporative Social Responsibility and Business Ethics" denominiert, ist im „Institute of Marketing and Communication Management (IMCA)" integriert.
 
Interessanterweise begann der Aufschwung der Business Ethics zum einen mit der Globalisierung, zum anderen aber mit verschiedenen Skandalen, vor allem dem Enron-Skandal (dem Finanzbetrug des US-Energiekonzerns Enron). Man begann an den Fakultäten für Wirtschaftswissenschaften und an den Hochschulen für Management Ethik-Kurse einzurichten. Es stellte sich dabei die Frage, wer das Fach lehren sollte. Dabei standen sich zwei Positionen gegenüber. Sherwin Klein, Philosophieprofessor an der Farleigh Dickinson University und Autor zahlreicher Lehrbücher zur Wirtschaftsethik, vertrat kategorisch die Position „The Teacher Must Be a Philosopher" und verlangte als Anforderung „PhDs" in Philosophy. Die Gegenposition vertraten die Australier McDonald und Donleavy. Sie lehnten es mit dem Ausspruch „No guidance in ethical interpretation of real life issues'' schlichtweg ab. dass Lehrende aus philosophischen oder theologischen Instituten Kurse für Wirtschaftsethik durchführten. Ihr Argument war, solche Personen würden nur selten Themen des realen Wirtschaftseben behandeln.
 
Mit den verschiedensten Methoden wurden in der Folge Philosophen von der Wirtschaftsethik regelrecht ferngehalten. Eine davon ist die Formulierung der Stellenausschreibungen. Insbesondere bei Business Schools und Wirtschaftsfakultäten heißt es, von Bewerber-(inne)n für Professuren oder Lehrveranstaltungen werde ein Hintergrund im Management oder in der Wirtschaft erwartet, teilweise nur von solchen Instituten, die prestigeträchtige business school Zertifikate besitzen. Damit fallen Philosoph(inn)en von vorneherein aus dem Rennen – selbst bei gutem Leistungsnachweis. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei einem Blick auf die Herausgebergremien der wichtigsten wirtschaftsethischen Zeitschriften. Stammte ursprünglich die Mehrzahl der Professoren aus dem Bereich der Angewandten Ethik, so sind sie heute in der Minderheit. Seele weist nach: waren im Jahr 1982 neunzehn Editoren aus dem Bereich der Angewandten Ethik und nur einer aus dem Wirtschaftsbereich, so kommen gegenwärtig 22 aus dem Bereich der Ökonomie und nur noch 7 aus dem Bereich der Angewandten Ethik.
 
Die bekannteste Zeitschrift der Wirtschaftsethik, das vor 35 Jahren gegründete Journal of Business Ethics, veröffentlicht nach eigenen Angaben eine große Breite von Artikeln über „ethical issues to business". Im Jahre 2015, bei der Neubesetzung des Postens des „Editor-in-Chief", wurde vom zukünftigen Stelleninhaber verlangt, dass er in einer aufgeführten Liste von Zeitschriften Publikationen vorlegen kann, darunter vor allem solche für Management-Theorie. Für Seele ein Beleg für seine These, dass die Management-Theorie die Wirtschaftsethik unterwandert hat und nun dominiert. Dass bei der Neubesetzung des Editor-in-Chief des Business Ethics Quarterly ein analoger Vorgang festzustellen ist, bestätigt seine Wahrnehmung.
 
Noch klarer wird der Vorgang bei der Einordnung der Wirtschaftsethik der britischen „As-sociation of Business Schools" Bis 2015 wurde business ethics unter der Rubrik „Ethics and Governance" geführt, neu firmiert Wirtschaftsethik unter „General Management". Dies wird so begründet: "'Ethics and Governance' is no longer a separate subject area and the journals that were in that subject list have been merged with 'General Management', to form 'General Management, Ethics and Social Responsibility'. This reflects the fact that ethical considerations are now integral to business and management research practice". Das hat auch zur Folge, dass philosophische Zeitschriften in den einschlägigen Bibliotheken nicht mehr geführt wurde. Wirtschaftsethik, so Seele, ist aus philosophischer Sicht Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden.
 
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