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04 2017

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Wirtschaftsethik ohne Ethik. Die verhängnisvolle Entwicklung einer Disziplin

Aus: Heft 4/2017, S. 36-51

 

In den letzten 35 Jahren ist die Wirtschaftsethik zu einer eigenen akademischen Institution mit Lehrstühlen, Gesellschaften, Studienprogrammen und Fachzeitschriften herangewachsen. Philosophen sehen in ihr eine Unterdisziplin der angewandten Ethik. Das entsprach durchaus auch ihrem früheren Selbstverständnis, aber entspricht längst nicht mehr den Tatsachen.
 
Der an der Universität Lugano lehrende Wirtschaftsethiker Peter Seele zeigt in verschiedenen Artikeln, dass sich das Selbstverständnis der Business Ethics seither grundlegend geändert hat. Anstatt einer ethischen Betrachtung der Wirtschaft wird in Kursen der Wirtschaftsethik zunehmend empirische Sozialforschung teils ohne normativen Bezüge oder einer Reflexion darüber gelehrt. Wirtschaftsethik ist zu einem Teil der Management-Theorie geworden und wird dabei auch als ein Instrument im Hinblick auf finanziellen Erfolg gesehen. Viele Personen und insbesondere jüngere Akademiker, die Wirtschaftsethik lehren, haben heute in der Regel keinen formalen philosophischen Hintergrund mehr. Seele gehört in dieser Hinsicht zu einer Minderheit, aber seine Professur für „Corporative Social Responsibility and Business Ethics" denominiert, ist im „Institute of Marketing and Communication Management (IMCA)" integriert.
 
Interessanterweise begann der Aufschwung der Business Ethics zum einen mit der Globalisierung, zum anderen aber mit verschiedenen Skandalen, vor allem dem Enron-Skandal (dem Finanzbetrug des US-Energiekonzerns Enron). Man begann an den Fakultäten für Wirtschaftswissenschaften und an den Hochschulen für Management Ethik-Kurse einzurichten. Es stellte sich dabei die Frage, wer das Fach lehren sollte. Dabei standen sich zwei Positionen gegenüber. Sherwin Klein, Philosophieprofessor an der Farleigh Dickinson University und Autor zahlreicher Lehrbücher zur Wirtschaftsethik, vertrat kategorisch die Position „The Teacher Must Be a Philosopher" und verlangte als Anforderung „PhDs" in Philosophy. Die Gegenposition vertraten die Australier McDonald und Donleavy. Sie lehnten es mit dem Ausspruch „No guidance in ethical interpretation of real life issues'' schlichtweg ab. dass Lehrende aus philosophischen oder theologischen Instituten Kurse für Wirtschaftsethik durchführten. Ihr Argument war, solche Personen würden nur selten Themen des realen Wirtschaftseben behandeln.
 
Mit den verschiedensten Methoden wurden in der Folge Philosophen von der Wirtschaftsethik regelrecht ferngehalten. Eine davon ist die Formulierung der Stellenausschreibungen. Insbesondere bei Business Schools und Wirtschaftsfakultäten heißt es, von Bewerber-(inne)n für Professuren oder Lehrveranstaltungen werde ein Hintergrund im Management oder in der Wirtschaft erwartet, teilweise nur von solchen Instituten, die prestigeträchtige business school Zertifikate besitzen. Damit fallen Philosoph(inn)en von vorneherein aus dem Rennen – selbst bei gutem Leistungsnachweis. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei einem Blick auf die Herausgebergremien der wichtigsten wirtschaftsethischen Zeitschriften. Stammte ursprünglich die Mehrzahl der Professoren aus dem Bereich der Angewandten Ethik, so sind sie heute in der Minderheit. Seele weist nach: waren im Jahr 1982 neunzehn Editoren aus dem Bereich der Angewandten Ethik und nur einer aus dem Wirtschaftsbereich, so kommen gegenwärtig 22 aus dem Bereich der Ökonomie und nur noch 7 aus dem Bereich der Angewandten Ethik.
 
Die bekannteste Zeitschrift der Wirtschaftsethik, das vor 35 Jahren gegründete Journal of Business Ethics, veröffentlicht nach eigenen Angaben eine große Breite von Artikeln über „ethical issues to business". Im Jahre 2015, bei der Neubesetzung des Postens des „Editor-in-Chief", wurde vom zukünftigen Stelleninhaber verlangt, dass er in einer aufgeführten Liste von Zeitschriften Publikationen vorlegen kann, darunter vor allem solche für Management-Theorie. Für Seele ein Beleg für seine These, dass die Management-Theorie die Wirtschaftsethik unterwandert hat und nun dominiert. Dass bei der Neubesetzung des Editor-in-Chief des Business Ethics Quarterly ein analoger Vorgang festzustellen ist, bestätigt seine Wahrnehmung.
 
Noch klarer wird der Vorgang bei der Einordnung der Wirtschaftsethik der britischen „As-sociation of Business Schools" Bis 2015 wurde business ethics unter der Rubrik „Ethics and Governance" geführt, neu firmiert Wirtschaftsethik unter „General Management". Dies wird so begründet: "'Ethics and Governance' is no longer a separate subject area and the journals that were in that subject list have been merged with 'General Management', to form 'General Management, Ethics and Social Responsibility'. This reflects the fact that ethical considerations are now integral to business and management research practice". Das hat auch zur Folge, dass philosophische Zeitschriften in den einschlägigen Bibliotheken nicht mehr geführt wurde. Wirtschaftsethik, so Seele, ist aus philosophischer Sicht Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden.
 
 
Die Tendenz zeigt sich auch darin, dass das Wort business ethics vielfach ersetzt wird durch anwendungsbezogene und ethik-freie Begriffe wie corporate social responsibility, sustainability, environmental management, business and society oder business and human rights. Die dabei angewandten Methoden sind zu einem großen Teil empirischer Art. So wird etwa untersucht, wie groß die Bereitschaft der Konsumenten ist, für mit einem sozialen Gütesiegel oder als Bioprodukte gekennzeichnete Güter mehr zu bezahlen. Auch Studien theoretischer Art werden veröffentlicht, doch liegen sie innerhalb des ökonomischen Ansatzes des Mainstreams oder greifen philosophische Theorie extrem verkürzt auf. Auf vielen Tagungen der managementaffinen Wirtschaftsethik sind kaum mehr Philosophen präsent, und Debatten, die auf aktuelle philosophische Ansätze eingehen, finden sich selten. Seele plädiert dafür, zum einen einzuräumen, dass die Wirtschaftsethik keine Subdisziplin der angewandten Ethik mehr ist, zum einen aber der Philosophie wieder einen Platz einzuräumen und sieht die Wirtschaftsethik als „Critical Thinking" (wobei er nicht zuletzt auch an die Frankfurter Schulde denkt). Dies würde eine Art Brücke zwischen der Philosophie und der Ökonomik mit ihrer Art Denken ermöglichen. Kritisches Denken, auf diese Art verstanden, bezieht sich auf die Argumentation und die normativen Aspekte der Ökonomie in Hinsicht auf ein gutes Leben einer möglichst großen Anzahl Menschen.
 
Quellen:
 
Peter Seele: What Makes a Business Ethicist? A Reflection on the Transition from Applied Philosophy to Critical Thinking. Journal vor Business Ethics 2016
 
Peter Seele: Business Ethics without Philosophers? Metaphilosophy 1/2016.
 
Fragen an Peter Seele
 
Herr Seele, wie konnte es zu der von Ihnen geschilderten Situation kommen?
 
Peter Seele: Die Wirtschaftsethik ist Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden. Je mehr Skandale, je tiefgreifender die Finanzkrise, je geringer das Vertrauen in die Selbstheilungskräfte ‚der Märkte', desto mehr Aufmerksamkeit und Nachfrage erfährt die Wirtschaftsethik. Das ist zwar schlecht für ‚die Welt' aber immerhin gut für die Reifung und Ausdifferenzierung der Disziplin. So gesehen wären Wirtschaftsethiker Nutznießer der umfassenden Krise. Sie bewirtschaften sowohl Versprechung ihrer Heilung als auch Präventivmaßnahmen durch ethische Grundierung der Wirtschaft. Dieser Reifungsprozess geschieht jedoch nicht nur in der Philosophie, sondern auch und vor allem in den Wirtschaftswissenschaften und hier insbesondere im Management. Soziologie und Politikwissenschaft interessieren sich aus guten Gründen ebenso für Wirtschaftsethik. Zudem gibt es eigenständige Umwelt- oder Nachhaltigkeitswissenschaften, die starke Überlappungen mit der Wirtschaftsethik aufweisen. So kam es schließlich in den letzten Jahren, dass es – gewiss ohne böse Absicht – zu einer Verdrängung der Philosophen in der Wirtschaftsethik kam – allein da der Kuchen insgesamt schneller wuchs, insbesondere an den Business Schools und sich so der Proporz änderte zulasten der Philosophie.

Zudem wurden mit der Ausdifferenzierung der Wirtschaftsethik Detailfragen der Umsetzung, Regulierung oder Messung relevant, die – um es vorsichtig auszudrücken – selbst für die praktische Philosophie noch zu praktisch sind. Als Gutachter wirtschaftsethischer Fachartikel lese ich mitunter, dass man keine praktischen Implikationen der zur Veröffentlichung eingereichten Theorie nachreichen möchte, da dies ein philosophischer Artikel sei. Das ist kein guter Schachzug in meinen Augen. Also gibt es aus den oben beschriebenen Gründen vielleicht also auch mitunter die eine oder den anderen Philosophen, die sich die Hände mit der Praxis nicht schmutzig machen wollen. Gleichzeitig diktieren die eher managementbezogenen Zeitschriften zur Wirtschaftsethik einen vorgestanzten, häufig ins Sozialwissenschaftliche neigenden Stil mit schablonenartigen Gliederungen. Die Philosophie in diese ready-made Gussformen einfließen lassen zu wollen scheint mir auch zur Marginalisierung philosophischer Wirtschaftsethik in den internationalen Fachzeitschriften beizutragen.
 
Sie beschreiben vor allem die Entwicklung in den angelsächsischen Ländern. Wie ist die Entwicklung in den deutschsprachigen Ländern verlaufen?
 
Meine Wahrnehmung wäre, dass auch in den deutschsprachigen Ländern die Wirtschaftsethik sowohl an den Wirtschaftsfakultäten als auch an den Philosophiefakultäten wächst. Aber nicht koordiniert oder Hand in Hand, sondern häufig gegenläufig. Interessant ist dabei insbesondere die deutschsprachige Ausdifferenzierung in Wirtschaftsphilosophie, wie sie in zahlreichen Bänden und Zeitschriften jüngst erarbeitet wurde und weiter wird. Das ist aus Sicht der Philosophie sehr vielversprechend und zeigt die Vitalität und Adaptionsfähigkeit philosophischer Beschäftigung mit Wirtschaft. Wenn das Thema Wirtschaftsethik zu eng wird in der Fokussierung auf Ethik, geht die Philosophie den Weg auf die nächst grundsätzlichere Ebene, wie dies das junge Programm der Wirtschaftsphilosophie anbietet, oder wie ich es in dem Begriff „ökonomische Philosophie" u. a. auch in dieser Zeitschrift (Nr. 01/14. S. 30-35) analog zum etablierten Begriff der „politischen Philosophie" vorgeschlagen habe. Dieser philosophischen Freiheit steht jedoch die Professionalisierung und Standardisierung auf internationaler Ebene entgegen: Die deutschsprachigen BWL Fakultäten und Business Schools richten sich aber immer mehr an globalen Publikationsstandards, Listen über karriererelevante (und folglich irrelevante) Journals und Hochschul-Akkreditierungen für MBA Programme aus – interessanterweise überholen dabei rührige Fachhochschulen so manche Universität.
 
Eine weitere Besonderheit der deutschsprachigen Wirtschaftsethik ist darüber hinaus die semantische Reichweite des Begriffs: Wo man im Deutschen unter Wirtschaftsethik sowohl die ethische Dimension der Betriebswirtschaft als auch der Volkswirtschaft sowie ihrer Überschneidungen und Verwickelungen beispielsweise im Politischen versteht, kennt die englischsprachige Business Ethics eher den Fokus auf das Business, also die betriebswirtschaftliche Dimension. Analog ist der Bereich ‚Philosopy and Economics' wenig auf unternehmerisch relevante Fragen, sondern eher auf politische und gesamtgesellschaftliche Konsequenzen ausgerichtet – oder auf epistemische Grundlagenfragen. Diesen Reichtum der Querbezüge und Ebenenkomplexität, wie es der Begriff Wirtschaftsethik anbietet, sollte man nicht leichtfertig aufs Spiel setzen zugunsten einer vermuteten Verbesserung im globalen, sprich englischsprachigen Wettbewerbsfeld der Rankings und Akkreditierungen.
 
Wie weit ist das Argument relevant, Philosophen würden nichts von Wirtschaftsethik verstehen?
 
Das sehe ich nicht so. Übrigens bin ich auch dem Umkehrschluss gegenüber eher skeptisch: Dass nämlich Wirtschaftswissenschaftler nichts von Ethik verstehen. Richtig und wichtig wäre aber, dass Wirtschaftsethiker sowohl etwas von Wirtschaft als auch von Ethik verstehen sollten. Am besten sowohl in der akademischen Forschung und Lehre als auch in der Praxis.
 
Wenn nicht auf philosophische Ansätze, worauf stützen sich die in der Wirtschaftsethik gelehrten Ansätze?
 
Zu meinem großen Bedauern gibt es weiterhin zahlreiche Publikationen und Fallstudien für die Lehre, die unter der Flagge Wirtschaftsethik segeln oder in Business Ethics Zeitschriften veröffentlicht werden, deren Beitrag darin besteht, die finanzielle Auswirkung von Unternehmen zu messen, die sich für Nachhaltigkeit engagieren. Oder noch extremer: Wirtschaftsethische Forschung, die sich mit der Frage befasst, wie ethische Themen und Nachhaltigkeit die Zahlungsbereitschaft von Kunden erhöhen. Wenn Ethik auf ein Kriterium der Produktdifferenzierung zur Gewinnmaximierung reduziert wird, dann ist es in meinen Augen keine Ethik mehr. Deshalb der Hinweis auf ‚kritisches Denken' als kleinsten gemeinsamen Nenner für Wirtschaftsethik jenseits disziplinärer Paradigmen und Partikularinteressen.
 
Was hat das Fehlen von Philosophie in der Ausbildung der Studierenden im Fach Wirtschaft für deren Verständnis von Wirtschaft für Folgen?
 
Im günstigsten Falle keine. Die Fähigkeit zu denken und zu reflektieren steht jedem vernunftbegabten Menschen in gleichem Maße zur Verfügung. Sollte es jedoch so sein, dass reine Fachausbildung zu einer Verengung des Urteilsvermögens unter Ausblendung gesellschaftlicher Konsequenzen führt, hilft die Philosophie hier durch ihre Fokussierung auf grundsätzliche Fragen der Ethik, Logik oder Ästhetik. Insofern sind Ansätze der Komplementärausbildung allgemein geisteswissenschaftlicher Art sehr zu begrüßen. Man denke etwa an die verpflichtenden Curricula der Kontextprogramme studium generale, oder studium fundamentale oder studium plus. Soweit kann und will aber nicht jede tertiäre Bildungseinrichtung gehen. Insofern sind wirtschaftsethische Kurse, die entsprechende philosophische Grundsätzlichkeit und Offenheit anbieten, ein wirksames Mittel gegen „Fachidiotie" samt ihrer Konsequenzen.
 
Wie kann die Philosophie ihren Platz in der Wirtschaftsethik wieder zurückgewinnen?
 
Zunächst ist zu sagen, dass es zahlreiche PhilosophInnen gibt, die sich Gehör und Leser verschaffen zu Fragen der Wirtschaft. Man denke an das aktuelle Buch von Claus Dierks-meiers Buch zur Freiheit, Lisa Herzog zum Marktbegriff, Ludger Heidbrink zur Verantwortung, Christoph Lütge zum Wettbewerb, Ingo Pies zur Ordnungspolitik, Josef Wieland zur Governanceethik, Christian Neuhäuser zum Unternehmensverständnis, Markus Huppenbauer zu Leadership, Konrad Paul Liessmann zu Marx im 21. Jahrhundert, Norbert Bolz über Konsumismus, Angelika Krebs über Arbeit, Peter Koslowski zu Banken, Thomas Beschorner zum ehrbaren Kaufmann, Alexander Brink zu Wertemanagement, Michael Assländer zur Wirtschaftskrise, Thomas Sören Hoffmann zu Wirtschaftsphilosophie, Michael Schefczyk zu Risikokapital, Matthias Kettner zu Globalisierung und Demokratie, Jacob Dahl Rendtorff zu Kosmopolitanismus, Julian Nida-Rümelin zu Rationalität, Dieter Thomä zu Sozialkapital, Andreas Suchanek zu Vertrauen, Markus Scholz zu Normierung und nicht zuletzt Birger Priddat zu einer Vielzahl von Themen und insbesondere zur ökonomische Ideengeschichte. Viele weitere Beispiele auch von angrenzenden Disziplinen wären noch zu erwähnen. Die Philosophie hat also einen Platz in der deutschsprachigen Wirtschaftsethik, und doch gibt es im Sinne der Frage Verbesserungspotenzial.
 
Ich glaube, dass die Wirtschaftsethik sehr von der Philosophie – oder einer stärkeren Rückbesinnung auf philosophische Fragen – profitieren könnte. Zugleich scheint es mir so zu sein, dass die betroffenen Fachdisziplinen sich für grundsätzliche Fragen philosophischer Art öffnen. Ethische, epistemologische oder sozial-ontologische Voraussetzungen fachwissenschaftlicher Expertise nehmen in meinen Augen zu. Ganz so, wie Thomas Kuhn es für den Übergang von der ‚normalen Wissenschaft' zur Krise und Erneuerung beschrieben hat. So gesehen ist die Philosophisierung der Wirtschaftswissenschaften zugleich Zeichen ihrer Neuausrichtung. Wesentliche Kernbestände der Ökonomie stehen in der Kritik – auch und gerade vorgebracht von Nicht-PhilosophInnen: Vollständige Rationalität, gerechte Wohlstandsverteilung durch freie Märkte, vollständige Informationen, der mathematische Reduktionismus der Modellbildung, die Exklusivität des Shareholder Value oder die Verhaltensannahmen eines ökonomischen Menschentypus (homo oeconomicus) sind nur einige Beispiele. Insofern ist das Programm der Wirtschaftsethik und vielleicht noch mehr das der sich gegenwärtig formierenden Wirtschaftsphilosophie ein Angebot als Reaktion auf eine steigende Nachfrage. Nur findet diese Nachfrage gegenwärtig vielleicht noch wirksamer und öffentlich produzierbarer in den Wirtschaftsfächern statt. Insofern wäre es eine Idee, wenn sich Philosophinnen und Philosophen noch engagierter auf die Suche nach Nachfragedesideraten machten, die in den grundsätzlichen Bereich philosophischer Forschung gehören. Dabei ginge es nicht zuletzt auch um Debatten und öffentliche Meinungsbildungsprozesse, die – das gilt nicht nur für die Wirtschaftsethik – gegenwärtig weniger von akademischen PhilosophInnen geführt werden. Das Zeitalter der großen Theorien sei vorbei, heißt es. Aber muss das so sein? Vielleicht fängt es ja auch einfach wieder an, sobald es eine neue große Theorie gibt, die auf eine ebenso große Nachfrage trifft.
 
Was wären in Ihren Augen Zukunftsperspektiven für die Wirtschaftsethik im allgemeinen?
 
Dass sich der Zustand ‚der Welt' rapide verbessert und Fragen der Wirtschaftsethik irrelevant werden, halte ich für utopisch. Ganz im Gegenteil. Insbesondere die Selbstverständlichkeit offener Gesellschaften und deliberativer Demokratien, die z. T. Gegenstand einiger Wirtschaftsethiktheorien sind, scheint mir nicht in Stein gehauen. Insofern könnte man – wenn man es positiv wenden wollte – fast von einer Art Goldgräberstimmung für zukünftige Wirtschaftsethiken sprechen: Neben der angesprochenen offenen Gesellschaft, die an immer mehr Orten sich mimosenhaft zu schließen scheint, sind es insbesondere Digitalisierung und Automatisierung, die auch für die Wirtschaftsethik neue Herausforderungen und Theoriedesiderate bereithalten. Für derart großformatige Fragen wäre ein genuin philosophischer Zugang geradezu prädestiniert.
 
Peter Seele ist Professor für Wirtschaftsethik an der Universität der italienischen Schweiz in Lugano.
 
 
Wirtschaftsethik als Teil der Managementlehre. Stellungnahmen von Michaela Haase, Christoph Lütge, Ingo Pies und Birger P. Priddat
 
Inwieweit können Sie die Analyse von Peter Seele für die deutschsprachige Philosophie bestätigen?
 
Michaela Haase: Ich habe Erfahrungen gemacht, die Peter Seeles Analyse entsprechen. Man kann z. B. in Managementjournals Artikel zur Verantwortung von Konsumenten oder Managern unterbringen, ohne überhaupt auf die (Verantwortungs-)Ethik Bezug zu nehmen. Einmal wurde diese Praxis damit „begründet", dass sie in den „management studies" üblich sei. Eine Disziplin übernimmt also Worte aus einer anderen Disziplin, ohne sich für deren Bedeutung zu interessieren. Nicht nur im Management, sondern z. B. auch im Marketing kann man beobachten, dass das, was unter der Überschrift „CSR" für Konferenzen eingereicht wird, mit Ethik nichts zu tun hat. Solche Beiträge und die dahinterstehenden Ansätze (als „Wirtschaftsethik" würde ich das nicht bezeichnen) sind an der ethischen Urteilsbildung oder – so hat es Thomas Donaldson jüngst formuliert – an der Beantwortung der Frage nicht interessiert, wie die Ethik das wirtschaftliche Handeln informieren kann. In der Wirtschaftsethik kann das ethisch Legitime aber auch nicht ohne Kenntnis des Ökonomischen auskommen. Um die ethische Urteilsbildung für das Verständnis von Wirtschaftsethik für wichtig zu halten, muss man nicht die Position vertreten, dass nur die Ethik das wirtschaftliche Handeln in Bezug auf moralische Fragen informieren kann.
 
Christoph Lütge: Ich kann die Analyse von Peter Seele nur in Teilen nachvollziehen. Wenn behauptet wird, die Philosophie würde allmählich aus der deutschsprachigen Wirtschaftsethik verdrängt, impliziert das ja, dass sie dort vorher stark vertreten gewesen sein muss. Das kann ich aber gar nicht sehen. Auch in den neunziger Jahren etwa sind nach meiner Einschätzung nicht deutlich mehr Philosophen auf Wirtschaftsethik-Lehrstühlen gewesen als heute. Zum anderen sehe ich nicht, dass es heute durchweg keine Philosophen auf diesen Lehrstühlen gibt – ich selbst etwa bin Philosoph (und Wirtschaftsinformatiker) und bin auch nicht nur in der School of Management, sondern auch in der School of Governance hier an der Technischen Universität München tätig. Ein Problem hat Peter Seele allerdings nicht angesprochen: Wirtschaftsethik ist mittlerweile prozentual stärker an den privaten Business Schools vertreten als an den staatlichen Universitäten. Hier liegt aus meiner Sicht das eigentliche Problem, denn hier sind – wirtschaftswissenschaftliche wie auch andere – Fakultäten bei der Einrichtung der Wirtschaftsethik einfach zu zögerlich.
 
Birger P. Priddat: Peter Seeles Betrachtungen sind vernünftig. Ich teile sie. Vieles, was unter dem Etikett ‚Wirtschaftsethik' läuft, sind selbstgefertigte dünnhäutige Normengefüge, für die dann ‚Empirie' nachgereicht wird. Mit der philosophischen Ethik hat das nichts zu tun. Natürlich zwingt die Journal-Logik die Forschungen in Formate, die eine philosophische Reflektion gar nicht erst akzeptieren würden. Nach den, oft sehr ideologisch geführten, ‚Schulen' (Homann, Pies, Ullrich, z. T. Wieland etc.), die noch um Fundierungen bemüht waren, rutscht die Wirtschaftsethik in den Tool-Bereich der Managementlehren (das man das dennoch gut machen kann, zeigt Josef Wielands ‚Governance-Ethik'). Peter Seele weist für Deutschland allerdings zu Recht darauf hin, dass es eine wirtschaftsphilosophische Dimension gibt, die sich gerade entfaltet. Darin wird – zum Teil dezidiert – über die wirtschaftsethische Engführung der Wirtschaftsphilosophie hinausgedacht (vgl. Röttgers, Enkelmann, Priddat, Schmidt am Busch, Pies, Hoffmann, Seele, Rauen, Herzog, Heidbrink etc.).
 
Ingo Pies: Ich teile Peter Seeles empirische Beobachtung, dass Präsenz und Einfluss der Philosophen in der Wirtschaftsethik tendenziell rückläufig sind. Auch seiner Erklärung stimme ich weitgehend zu: Wer im deutschsprachigen Raum an wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten eine akademische Karriere anstrebt, muss fleißig in möglichst hoch gerankten Fachzeitschriften publizieren. Das ist der Maßstab. Und der gilt auch für Wirtschafts- und Unternehmensethiker, gleich welcher Provenienz. Wer sich darauf nicht einlassen mag, steht mit seinen Karriereaussichten schnell auf verlorenem Posten. – Bei der normativen Bewertung dieses Faktums würde ich allerdings andere Akzente setzen, als Peter Seele dies tut. Man darf ja nicht vergessen, dass die Einführung des Fachs in den ökonomischen Fakultäten auf massive Widerstände gestoßen ist. Das gilt für die Unternehmensethik sogar in noch stärkerem Ausmaß als für die Wirtschaftsethik. Da gab es ausgesprochen heftige Allergie- und Abstoßreaktionen. Für die Akzeptanz des Fachs in Forschung und Lehre ist es deshalb von überragender Bedeutung, dass die Fachvertreter nach den gleichen Spielregeln im akademischen Leistungswettbewerb zu spielen wissen wie ihre Kolleginnen und Kollegen. Insofern würde ich vielleicht sogar noch etwas stärker als Peter Seele betonen, dass man das Handwerkszeug der Ökonomik beherrschen sollte, wenn man als Wirtschafts- und Unternehmensethiker ernst genommen werden (und Resonanz erzeugen) will: Ohne enge Tuchfühlung zur ökonomischen Theoriebildung tendieren Wirtschaftsethik und Wirtschaftsphilosophie zur bloßen Besserwisserei, die wenig (Be-) Achtung findet.
 
Ist es sinnvoll, die Wirtschaftsethik als Teil der Managementtheorie zu behandeln?
 
Ingo Pies: Ja!! Unterstrichen und mit zwei Ausrufezeichen. Wenn man die moralische Praxis von und in Organisationen verbessern will, muss man Ethik in die Ausbildung von Führungskräften einspeisen. Das gilt übrigens nicht nur für Unternehmen, sondern auch für zivilgesellschaftliche Organisationen, die im akademischen Umfeld bislang allzu stiefmütterlich behandelt worden sind. Allerdings muss diese Ethik auf die wettbewerbliche Logik der Funktionssysteme abgestimmt sein, in denen sich die Organisationen bewegen.
Christoph Lütge: Ich selbst bin nicht der Auffassung, dass Wirtschaftsethik nur als reine Management-Theorie behandelt werden sollte. Zur Wirtschaftsethik gehört immer auch ein gewisser kritischer Impetus, der jedenfalls vielen Vertretern aus dem Bereich Management – zwar natürlich nicht unbekannt, aber – für eher ungewohnt ist. Ich denke daher schon, dass es auch immer einen Rückbezug der Wirtschaftsethik an die Philosophie und ihre Bestand an den philosophischen Problemen und Reflexionen geben sollte. Das muss allerdings seinerseits auch in den philosophischen Fakultäten gewürdigt werden. Eine Philosophie, die die Interdisziplinarität nicht schätzt, riskiert mehr als andere Fächer ihre Marginalisierung.
 
Michaela Haase: Man müsste erstmal die Unterschiede zwischen Wirtschafts- und Unternehmensethik klären. Davon abgesehen, kann es für die Wirtschaftsethik kein Ziel sein, Teil der Managementtheorie zu werden. Für eine Wirtschaftsethik ist die Befassung mit Kriterien und Normen der ethischen Urteilsbildung unverzichtbar – und die können auch aus der Ökonomik stammen, aber eben nicht nur. Dennoch kann es Zusammenarbeit zwischen der Wirtschaftsethik und der Managementtheorie bzw. den Disziplinen geben, die über Schnittstellen zur Wirtschaftsethik verfügen. Im Rahmen einer Kooperationsbeziehung können Themen bearbeitet werden, die für beide Disziplinen relevant sind, etwa „institutional choice", „institutional entrepreneurship" oder „institutional agency". Wenn Wirtschaftsethik und Sozialwissenschaften kooperieren, können beide Seiten profitieren. Bei der Beurteilung der Zusammenarbeit kommt es auch darauf an, was in ihrem Rahmen gemacht wird und was sie mit den jeweiligen Partnern macht. Wird z. B. die in der Managementlehre vorherrschende Engführung bei der Bestimmung des Erkenntnisgegenstandes auf erwerbsorientierte, multinationale Unternehmen aufgebrochen? Geht es darum, dass normativ vorgegebene Gewinnziel instrumentell zu unterstützen oder geht es um eine Reflexion dieses Ziels bzw. um eine Diskussion weiterer möglicher Motive wirtschaftlichen Handelns? Es ist positiv zu bewerten, wenn sich ein Teil der Managementtheorie der Aufhebung der Trennung von „business" und „ethics" verschreibt und die Ausrichtung von Forschung und Lehre auf Fragen an der Schnittstelle von Ethik und Managementtheorie vorantreibt. Dadurch wird die Wirtschaftsethik aber nicht zum Teil der Managementtheorie. Bedenklich wäre ein Aufgehen der Wirtschaftsethik in der Managementtheorie inklusive der Übernahme ihrer normativen Grundlagen und Werturteile bei der Bestimmung des Erkenntnisgegenstandes. Wirtschaftsethik-als-Teil-der-Mana-gementlehre scheitert, wenn nur Themen bearbeitet werden, die den normativen Vorgaben der Managementlehre entsprechen und der Aufforderungsgehalt der Ethik verloren geht. Von einer Zusammenarbeit profitieren die Partner dann am meisten, wenn sie sich auch selbstständig weiterentwickeln. In Bezug auf die Wirtschaftsethik ist die Philosophie die Basis dieser Selbstständigkeit. Diese Zusammenarbeit profitiert von Wissenschaftlern, die eine sozialwissenschaftliche und eine philosophische Ausbildung haben (die aber, wenn Peter Seeles Analyse zutrifft, die Entwicklung der Wirtschaftsethik zunehmend weniger beeinflussen).
 
Birger P. Priddat: Was will man erreichen: den ethischen Manager? Die vorherrschende Tendenz geht auf
zugeschnittene Managementtools, allerdings für Bereiche, die in den Unternehmen organisatorisch und juridisch unklar sind. Das Ethische hat gar keine Adresse im Unternehmen; es ist eine Platzhalterschaft für noch nicht ins Organisatorische oder Rechtliche gefügte Verhältnisse. Es bleibt auf Themen wie CSR, compliance, Führungsleitlinien etc. reduziert. Eine Wirt-schaftsethik müsste für alle Dimensionen eines Unternehmens gültig sein.
 
Durch die übliche Departementalisierung aber bleibt sie marginal. Nichtdestotrotz hat sie den hohen Anspruch, Wirtschaft normieren oder regeln zu können. Als eine solche regulative Idee kommt sie natürlich in Konflikt mit den governances und tatsächlichen Regimen der Unternehmen. Wenn sie in diesem Machtfeld wirksam werden will, muss sie sich entweder juridisch, ökonomisch oder organisatorisch ausprägen. Ethik hat keine eigene Adresse in der Wirtschaft; sie muss über die geltenden Agenturen laufen. Darin verliert sie ihre normative Idealität und bekommt Konkurrenz aus der Soziologie, aus der Ökonomie selbst (informelle Institutionen bei D. C. North etc.).
 
Sie hat gar keine ‚Macht', muss also auf Vernunft rekurrieren. Nun trifft sie im Wirtschaftsfeld auf eine ausgeprägte ökonomische Rationalität, die sich selber für vernünftig hält. Wenn man Wirtschaftsethik aussichtsreich betreiben will, muss diese Rivalität zweier Vernunftdimensionen zum Thema werden, und also mit der Selbstwahrnehmung der Ökonomie kollidieren. Hier erst begönne die philosophische Reflektion, die beides wäre – eine Reflektion der Geltungsbedingungen der Ökonomie und zudem eine Reflektion der regulativen Anspruchshaltungen der Ethik selber.
 
Wenn wir – Seeles Hinweis folgend – von (enger) Wirtschaftsethik auf (weite) Wirtschaftsphilosophie umschalten, befinden wir uns in einem philosophischen Feld, das mehr als ethisches Raisonnement aufwartet (Hegel, Marx, Nietzsche, James, Dewey, Bataille, Derrida, Ricoeur, Levinas (auch die Gabenökonomie ist Ökonomie), aber auch Heideggers Dasein/Sorge-Nexus, Arendt, auch Ross, Herrmann-Pillath, Lawson, Mäki etc.). Wir befinden uns in einer Sphäre der spekulativen Vernunft – einer fast schon vergessenen Exquisität der Philosophie, die nicht nur die metaphysischen, epistemologischen und politisch-philosophischen Bereiche durchpflügt, sondern frei ist, die Ökonomie selber neu zu denken. Und zugleich die Wirtschaftsethik. Sie wird keine Ökonomie, aber reflektiert sie grundlegend. Wer denn sonst? Und das in einer Zeit, in der die Selbstlegitimation der Ökonomie brüchig wird.
 
Das Ethische war eine philosophische Stärke, als es noch keine ausdifferenzierten Wissenslehren der Soziologie, der Psychologie, der Politik und der Ökonomie gab. Wenn wir heute Wirtschaftsethik betreiben, arbeiten wir faktisch immer mit soziologischen Norm- und Kollektivtheorien (wie ihren Dissoziationen), mit politischen Vergemeinschaftungsprozessen (wie ihren Brüchen), sozialpsychologischen Inklusionen etc.. Selbst die Ökonomie hat in der institutional economics bereits eine eigene Konzeption informeller Institutionen. Alle arbeiten darauf hin, Regeln, Regulative zu entwerfen, die das Ökonomische irgendwie kanalisieren, beherrschbar halten sollen. Der alte aristotelische Impuls, die Ökonomie als Kontraposition zur koinonia der Polis zu sehen (was Aristoteles im übrigen politisch, nicht ethisch behandelt), übersieht systematisch die produktive Seite der Ökonomie. Wie gelänge es einer Wirtschaftsethik, das produktive – und damit ungesicherte – Moment des Ökonomischen zu fördern, zu evozieren, statt es – gleichsam notorisch – unter Regulationsverdacht zu stellen?
 
Was lehren Sie im Fach Wirtschaftsethik konkret?
 
Birger P. Priddat: An meiner Universität – Witten/Herdecke – haben wir PPÖ-Programme, in deren vielfältigen cross-over-Themen wir das Verhältnis von Ökonomie, Politik und Philosophie lehren. Einer spezifischen Wirtschaftsethik stehen wir eher vorsichtig gegenüber. Künftige Manager / Unternehmer müssen gebildeter sein als nur ein Ethik-Tool zu verfügen. Die Urteilskraft in diesen Sphären wird nur durch die universitären Bewegungen zwischen den Disziplinen entwickelt, nicht durch zwei Kurse in CSR. In meiner Forschung werde ich zunehmend kritischer: ich halte die Ethik in der Wirtschaft für ein hochwertiges Indikatorengefüge, aber gebe ihr keinen eigenständigen Funktionswert. Und die Reflektion muss philosophisch erfolgen; sonst besteht die Gefahr, wieder in die ökonomischen Ontologien rückzufallen, die die ethische Reflektion sprengen wollte.
 
Ingo Pies: Ich vertrete das Fach Wirtschafts- und Unternehmensethik in Forschung und Lehre unter der Bezeichnung „Ordonomik". (a) In meiner ordonomischen Wirtschaftsethik geht es um die moralische Qualität des Marktes, insbesondere um die Legitimation des Wettbewerbsprinzips. Formelhaft verkürzt lautet das Hauptargument, dass ordnungspolitisch eingerahmte Märkte Konkurrenz in den Dienst gesellschaftlicher Kooperation treten lassen. Die moralische Qualität liegt darin, dass wir so Nächstenliebe zu Fern-stenliebe erweitern können: Märkte ermöglichen Solidarität unter Fremden. (b) Meine ordonomische Unternehmensethik widmet sich der Frage, wie sich das Unternehmen als integrer Akteur konstituiert und wie es als Wertschöpfungsagent im gesellschaftlichen Auftrag Win-Win-Potentiale erschließt. Diese Ethik hat nicht nur natürliche, sondern auch und sogar primär juristische Personen im Blick. Für die philosophische Tradition ist diese Art von Organisationsethik neu. Ungewohnt ist auch die unternehmensethische Idee, „Moral als Produktionsfaktor" ins Spiel zu bringen: Es geht darum, wie sich (die Führungskräfte in) Organisationen von moralischen Anliegen inspirieren lassen können, mit Hilfe innovativer institutioneller Arrangements neue Optionen wechselseitiger Vorteilsgewährung zu (er-)finden. Hier fungiert Ethik als Heuristik für moralische Win-Win-Pioniere. (c) Aus meiner ordonomischen Sicht gehören Wirtschafts- und Unternehmensethik ganz eng zusammen. Sie müssen integrativ entwickelt und gelehrt werden, aus mindestens zwei Gründen: Einerseits besteht ein großes Manko – insbesondere der angelsächsischen – Literatur zur „Business Ethics" darin, nicht immer systematisch im Blick zu haben, dass Unternehmen mit der Todesstrafe bedroht sind, wenn es ihnen nicht dauerhaft gelingt, bei ihren Kunden auf freiwilliger Grundlage eine Zahlungsbereitschaft zu aktivieren, die die Kosten der Produktion mindestens abdeckt. Deshalb sind manche Ratschläge, die man in dieser Literatur findet, wenig praxistauglich, um es mal vorsichtig zu formulieren. Andererseits lautet eine für die Zukunft der Marktwirtschaft im globalen Kontext höchst wichtige Frage, welche dynamischen (Rück-)Wirkungen die Unternehmen als Akteure im Wirtschaftssystem auf das Wirtschaftssystem entfalten, etwa wenn sie sich politisch betätigen. Neben dem traditionellen Lobbying, das man nicht nur „irresponsibly", sondern auch „responsibly" gestalten kann, ist hier zuvörderst an das unternehmerische Engagement in bi- oder trisektoralen Partnerschaften zu denken, die darauf abzielen, gravierende Ordnungsdefizite durch (Selbst-)Regulierungsinitiativen gemeinsam mit staatlichen und/oder zivilgesellschaftlichen Akteuren zu beheben. In der internationalen Literatur werden solche Lernprozesse unter den Stichworten „New Governance" und „Corporate Citizenship" verhandelt. Sich hiermit auszukennen, gehört m. E. zu den wichtigsten Kompetenzen, die wir Führungskräften in den Organisationen von Wirtschaft und Zivilgesellschaft vermitteln können.
 
Michaela Haase: Ich mache unterschiedliche Angebote: meistens behandle ich Wirtschafts- und Unternehmensethik verbunden mit konkreten Themen an der Schnittstelle z. B. von Nachhaltigkeit, Marketingethik oder -theorie. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ein systematischer theoriegeschichtlicher Zugang zu ethischen Themen und Kontroversen (wie etwa der Relativismus-Universalismus-Debatte) und Annahmen (wie etwa Autonomie und Freiheit) hilfreich ist, um zu verstehen, womit sich die Ethik beschäftigt. Vermittelt über die Ethik kann man auch viel über die Ökonomik lernen. Das ist auch für diejenigen Teile der Managementtheorie relevant, die gar nicht auf der Ökonomik aufbauen, sondern z. B. auf der Sozialpsychologie, wenn etwa über Gerechtigkeit als Handlungsmotiv diskutiert wird. Die Gerechtigkeitsdebatten zeigen, wie eng ökonomische (und andere sozialwissenschaftliche) und ethische Konzepte verbunden sind. Auf dieser Grundlage kann die Fruchtbarkeit der wirtschaftsethischen Reflexion für das Verständnis des jeweils anderen Fachs gezeigt werden. Dabei geht es darum, eine andere oder zusätzliche Perspektive auf das zu erhalten, was in der eigenen Disziplin gegenwärtig als Voraussetzung angenommen wird. Das kann die Fähigkeit zur Beurteilung dieser Voraussetzungen verbessern und zur Bildung von ethischer Urteilsfähigkeit beitragen. Mit Blick auf die Praxis geht es um die Vorbereitung auf den Umgang mit ethisch-ökonomischen Konflikten.
 
Christoph Lütge: Ich lehre Wirtschaftsethik u. a. als Pflichtfach für alle Studierenden der Betriebswirtschaft im ersten Semester hier an der TUM. Das ist eine Vorlesung im Audimax mit etwa 800 eingeschriebenen Teilnehmern, die auch alle eine Klausur schreiben müssen. Es ist erstens natürlich klar, dass man für diese Erstsemester nicht sehr ausgefeilte ethische Theorien behandeln kann, sondern nur Grundzüge, und dann geht man in angewandte Themenkomplexe wie CSR, Compliance u. a. Ich hole dazu auch Praktiker gerade aus dem Compliance-Bereich in meine Vorlesung. Zweitens geht es mir ausdrücklich nicht darum, moralische Werte zu predigen. Wenn ich es auf einen Nenner bringen müsste, würde ich sagen, ich möchte den Studierenden vermitteln, dass ihr Handeln (als zukünftige Führungskräfte etwa), auch eine ethische Dimension hat. Wenn man das im Hinterkopf behält, glaube ich, hat dies auch Auswirkungen im späteren Berufsleben. Abgesehen von dieser Pflicht-Vorlesung bieten wir etwa vertiefte Seminare an zu aktuellen Themen der Wirtschaftsethik, CSR, Experimentelle Ethik oder auch Ethik der Digitalisierung.
 
Wie sehen Sie die weitere Entwicklung der Wirtschaftsethik?
 
Christoph Lütge: Insgesamt sehe ich die Weiterentwicklung der Wirtschaftsethik schon als positiv an. Insbesondere wird auch künftig ein wichtiger Treiber für diese Entwicklung die internationale Akkreditierung von MBA-Studiengängen sein. Wir haben hier gerade an der TUM School of Management die sogenannte Triple Crown erreicht. Und in diesen Akkreditierungen, zumindest in einigen, wird auch ausdrücklich nach Wirtschaftsethik gefragt. Das ist etwas, was Philosophen, die sich in diesem Bereich betätigen möchten, berücksichtigen sollten. Problematisch sehe ich aber, dass wir gerade an den großen staatlichen Fakultäten in Deutschland, die sich auch eher zurückhaltend in Bezug auf internationale Akkreditierung zeigen, bisher wenig Bewegung in Sachen Wirtschaftsethik haben. Ich hoffe, dass sich hier in den nächsten Jahren mehr tun wird.
 
Ingo Pies: Ich will mit zwei Thesen antworten. Die erste formuliert eine Tendenz, die zweite ein Desiderat. (a) Meiner Einschätzung nach werden die wesentlichen Impulse für die weitere Theoriebildung der (Wirtschafts-)Ethik nicht aus der Philosophie kommen, sondern aus den empirischen Moralwissenschaften (Primatenforschung, Anthropologie, Psychologie, Theorie und Geschichte kultureller Evolution, experimentelle Ökonomik usw.). Hier sehe ich eine große Welle neuer Erkenntnisse auf uns zurollen, deren Verarbeitung einer interdisziplinären Zusammenarbeit bedarf. Zu den wichtigen Autoren gehören Christopher Boehm, Joshua Greene, Jonathan Haidt, Joseph Henrich, Steven Pinker, Michael Tomasello, Peter Turchin und Frans de Waal, um einige wenige Namen nur von Nicht-Ökonomen zu nennen. Jenseits von Philip Kitcher sehe ich aber kaum Philosophen, die einen Sensus dafür haben, welche Herausforderungen und Chancen sich hier abzeichnen. (b) Aus meiner Sicht hat die gesamte Literatur zur (Wirtschafts-)Ethik eine Schlagseite, die ich gerne korrigiert sehen würde. Moral wird mit extremer Einseitigkeit fast immer nur als Lösung und viel zu wenig als Problem thematisiert. Aber im modernen Wirtschaftskontext können Familiensolidarität und Empathie leicht zu Nepotismus und Korruption mutieren. Gemeinschaftsgefühl kann zu Fremdenfeindlichkeit umschlagen. Selbst die schlimmsten Missetaten – vom Ehrenmord bis zum Selbstmordattentat – werden von Menschen guten Gewissens begangen, weil sie ihrer „peer group" damit Respekt bezeugen (wollen). In Unternehmen wird manche Regelverletzung riskiert, weil Manager Arbeitsplätze zu retten beabsichtigen. Es gibt eben nicht nur egoistische, sondern auch altruistische Kriminelle. Hinzu kommt der historische Befund, dass sich selbst die segensreichsten Innovationen gegen moralisch artikulierten Widerstand durchsetzen mussten. Man denke nur an die Medizin, deren ‚Einsichten' mit dem empörungsaffinen Sakrileg begannen, Leichen zu sezieren. Auch zeitgenössische Neuerungen bei Produkten und Produktionsverfahren verletzen leicht moralische Gefühle und erzeugen dann instinktiv Angst, Wut, Beklemmung oder Ekel. Die Ethik sollte solche Phänomene ernst nehmen, in größere Distanz zu ihrem Gegenstand treten und sensitiver die Ambivalenzen der Moral ausleuchten.
Birger P. Priddat: Es wird genau das sich ausweiten, was Seele und ich skeptisch beurteilen. Allerdings wird man lernen, dass das Ethische keine eigene Dimension ist (und auch nicht wird), sondern nur eingebaut in größere Theorien wirksam werden kann. Vor allem wird man nachzudenken lernen, was hier genau wirksam werden soll, wenn die Sozialisation der Menschen weniger auf Kooperation und ethischen Verhalten ausgerichtet ist. Ethik als neue Vergemeinschaftungstheorie? Ethos und Risiko werden neu relationiert werden; man wird eher der Soziologie zutrauen, zu beobachten, welche Gemeinschaftlichkeitstensoren neu entstehen. Die Vermutung, die social media würden hier beitragen, zerfällt gerade. Überhaupt werden wir neue Normengefüge bekommen in der digital world (Mensch/Mensch/Maschine-Relationen), so dass die älteren Ethos-Konzepte völlig neu überdacht werden.
 
In Deutschland, schätze ich, wird die Wirtschaftsphilosophie diese Aufgabe der Klärung übernehmen; auch und gerade die Klärung, was Wirtschaftsethik eigentlich nütze. Ich formuliere das absichtlich so. Die Wirtschaftsphilosophie wird sich nicht als Herrschaftswissenschaft aufschwingen können, sondern sich selber reflektieren gegenüber der modernen Ökonomie, die ja eine eigene Kulturform geworden ist. Da greift die aristotelische Einhegung nicht mehr. Peter Seeles Wort der ‚ökonomischen Philosophie' wird zu einer Theorie werden können, vorausgesetzt, sie würde gedacht und geschrieben. Es ist an der Zeit. In diesem Bereich sehe ich spekulative Kraft. Wer will letztlich die langweiligen kleinen empirischen Artikel lesen, die weder Logos noch Eros haben? Der analytische Blick ist nicht ausreichend für Konzeptionen, die ja letztlich das Leben der Menschen beflügeln sollen. Was wir heute Ethik nennen, ist, gerade im Wirtschaftsethischen, zu analytisch, zu wenig von den existentiellen Dramen und emotionalen Sphären geprägt, die nicht nur in den Neurowissenschaften auffällig die Vorherrschaft des kühl-Kognitiven einzuhegen beginnen.
 
Michaela Haase: Es gibt eine Vielzahl von Philosophen, Ökonomen und Managementwissenschaftlern, die sich mit Wirtschaftsethik befassen. Verstehen sich diese Personen (jenseits der Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppierungen) auch als Vertreter einer Disziplin, deren Zukunft sie gemeinsam gestalten wollen? Ich bin mir da nicht sicher. In institutioneller Sicht wurde die Entwicklung der Wirtschaftsethik bislang weniger vom Angebot (einer wissenschaftlichen Gemeinschaft bzw. epistemischen Community im Sinn von Thomas Kuhn) als von der Nachfrage bzw. den Vorgaben der Akkreditierungsorganisationen getrieben. Werden diese bewirken können oder wollen, dass sich an der Unterrepräsentanz von Philosophen an den Business Schools etwas ändert? Wie die Managementtheorie, darf auch die Wirtschaftsethik für sich in Anspruch nehmen, dass sie das wirtschaftliche Handeln informieren kann. Was werden die AbsolventInnen von Stand-Alone-Kursen in CSR/Wirtschaftsethik mitnehmen, die im Fächerkanon der Business Schools als Fremdkörper wahrgenommen werden? Die Business Schools können von ihren Stakeholdern aber dazu befragt werden, wie sie ihre AbsolventInnen auf den Umgang mit Konflikten zwischen ethischen und ökonomischen Werten und Prinzipien vorbereiten. Die Wirtschaftsethik kann die Ökonomik (oder auch andere Fachgebiete) kritisch reflektieren und inhaltlich bereichern. Das heißt aber nicht, dass die Wirtschaftsethik die Kritik der Ökonomik ist oder dass dies ihre vornehmste Aufgabe ist. Die Kritik der Ökonomik sollte in erster Linie die Ökonomik selbst leisten. Peter Seele spricht sich dafür aus, den Einfluss der Philosophie mit Blick auf ihren möglichen Beitrag zur Kritischen Theorie der Ökonomik (oder der Managementlehre) zu stärken. Dies setzt einerseits voraus, dass in den jeweiligen Disziplinen auch ein Interesse an „critical thinking" vorhanden ist. „Critical thinking" kann als Ideologiekritik oder als Befassung mit dem Beitrag konkreter ökonomischer Theorien zur ethisch-ökonomischen Urteilsbildung interpretiert werden. Fähigkeit und Bereitschaft zu „Critical thinking" könnten von den Stakeholdern der Business Schools gewünscht und gefördert werden, so dass es Teil der Kuhnschen Normalwissenschaft wird. Wirtschaftsethik wird nicht überflüssig, wenn sich der Zustand der Welt verbessert hat – und die ökonomische Theorie nicht im Fokus krisenbedingter Kritik steht. Selbst, wenn das der Fall wäre, bleibt das Erfordernis bestehen, mit ethisch-ökonomischen Konfliktsituationen umzugehen – und damit ein Aufgabenbereich für Wirtschaftsethik.
 
Die Autor(inn)en der Stellungnahmen:
 
Michaela Haase ist Privatdozentin am Marketing-Department der Freien Universität zu Berlin. Christoph Lütge ist Inhaber des Peter Löscher-Stifungslehrstuhls für Wirtschaftsethik an der Technischen Universität München. Ingo Pies ist Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsethik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Birger P. Priddat ist Professor für Wirtschaft und Philosophie an der Wirtschaftsfakultät der privaten Universität Witten/Herdecke.
 
Die Stellungnahmen wurden per Email eingeholt.



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