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INTERVIEW

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Autonomie – Fragen an Beate Rössler

aus: Heft 4/2017, S. 84-93

Frau Rössler, Ihr Buch ist in den Medien auf großen Anklang gestoßen. Woher erklären Sie sich das breite Interesse am Thema Autonomie?

Das hat, denke ich, ganz unterschiedliche Gründe: zum einen die Tatsache, dass viele sich offenbar direkt angesprochen fühlen von der Idee, dass wir zwar selbstbestimmt leben wollen und sollten, aber durch unzählige Schwierigkeiten im Alltag immer wieder daran gehindert werden, weil wir immer schon in Beziehungen, in Verpflichtungen, verstrickt sind. Deshalb ist auch das Zitat von Iris Murdoch, dass man "immer schon bis zum Hals im Leben" steckt, so unmittelbar einleuchtend. Dagegen versuche ich, trotz dieses Gefühls, oder vielleicht besser: trotz dieses Phänomens des alles beherrschenden Alltagschaos, die Möglichkeit von Selbstbestimmung zu verteidigen und zu erklären.

Zum anderen wurde häufig thematisiert – und das ist sicherlich zur Erklärung des Medieninteresses wichtig –, dass ich auch Autonomie bei der Entscheidung, eine Burka zu tragen, für möglich halte. Ich diskutiere dies und argumentiere für eine solche Möglichkeit – auf ungefähr 3 von knapp 400 Seiten. In Interviews, zu denen ich eingeladen wurde, hat dies durchgehend eine wichtige Rolle gespielt – besonders in Deutschland gibt es nicht nur Parteien, sondern auch viele Gruppierungen, die ganz schlicht davon ausgehen, dass Frauen, die eine Burka tragen, das immer völlig gegen ihren eigenen Willen tun und nur ihren repressiven Männern oder einer repressiven Religion folgen. Ich halte dies für empirisch ebenso wie normativ für falsch – und ich versuche, gegen solche, wie ich finde simplifizierenden, Positionen zu argumentieren, ohne die tatsächlichen sexistischen Stereotypisierungen und Repression zu verharmlosen, aber auch ohne die Möglichkeiten des autonomen Handelns zu unterschätzen.

Wie sind Sie persönlich auf das Thema gekommen?

Ich habe mich schon lange immer wieder mit Theorien von Autonomie beschäftigt, unterrichte auch regelmäßig in Seminaren Kant und Autonomie- und Freiheitstheorien seit Kant. Bei vielen dieser Theorien hatte ich immer ein gewisses Unbehagen angesichts der Tatsache, dass sie davon ausgehen, dass wir unser Leben durchgehend und selbstverständlich selbst bestimmen können und wie wichtig das ist, aus politischen, ethischen und moralischen Gründen. Über Freiheitshindernisse wird häufig nur in dem Sinn diskutiert, dass sie überwunden werden können und müssen. Dies liegt anders in der Hegelschen Tradition, in der es allerdings wenig konkrete Autonomietheorien gibt, und es liegt auch anders in den Ansätzen relationaler Autonomie, an die ich dann auch explizit anknüpfe.

Auf der anderen Seite bin ich eine sehr passionierte – und relativ wahllose – Romanleserin und habe immer wieder gesehen, dass die meisten Romane so gelesen werden können, dass sie genau von diesen Möglichkeiten und Grenzen individueller Freiheit handeln. Häufig wird ja, gerade in der analytischen Philosophie, ein strikter Unterschied gemacht zwischen den Gattungen, und früher hielt ich das auch für richtig. Irgendwann habe ich dann begriffen, dass gerade diese Romane helfen können, das Unbehagen an den Autonomietheorien zu erklären und wenn schon nicht zu überwinden, so doch helfen können, theoretisch damit umzugehen.

Denken Sie, dass wir in unserer Gesellschaft zu wenig oder zu viel Autonomie haben?

Mir ist nie ganz klar, was eigentlich zu viel Autonomie im Blick auf Personen heißen soll – es ist sehr missverständlich, glaube ich, zu implizieren, dass Menschen zu frei oder autonom sind, wenn sie mit der Freiheit keine anständigen Dinge tun. Oder dass die Marktgesellschaft deshalb ungehindert wuchern kann, weil Personen zu viel Autonomie haben. Ich halte es nicht für sehr sinnvoll, diese gesellschaftlichen und sozialen Probleme mit Hilfe des Begriffs von Autonomie lösen zu wollen – die Marktwirtschaft sollte gerade aus Gerechtigkeitsgründen, die ihrerseits mit der Möglichkeit von Autonomie verbunden sind, eingeschränkt werden. Das ist aber etwas anderes als zu meinen, wir bräuchten weniger Autonomie. Historisch gesehen kann man sicherlich sagen, dass wir in heutigen liberal-demokratischen Gesellschaften über mehr individuelle Handlungs- und Lebensmöglichkeiten verfügen als noch vor fünfzig oder hundert Jahren, und in diesem historischen Vergleich gilt das für alle sozialen Milieus, ebenso wie für Männer und Frauen. Ich finde die Frage jedoch fruchtbarer, wenn man sie so stellt, dass Ungleichheiten in jetzigen Gesellschaften deutlich werden: wo verhindern, auch in liberalen Demokratien, Strukturen der Ungleichheit – kapitalistische, patriarchale, rassistische – individuelle Autonomie, wo sorgen sie für sehr differente Handlungsspielräume. Diese Strukturen lassen sich dann kritisieren und gegebenenfalls verändern. Übrigens mache ich in meinem Buch gerade einen Unterschied zwischen Freiheit (negativer wie positiver) und Autonomie, weil ich den Autonomiebegriff als substantieller verstehe als entweder nur die Abwesenheit von Hindernissen oder die Bereitstellung vernünftiger Optionen; auch das Selbstverhältnis, die (ausreichende) Selbstkenntnis des Subjekts gehört zu den Aspekten, die erklärt werden müssen und ohne die eine Person nicht autonom sein kann. Auch deshalb ist es schwierig zu sagen, dass Personen in einer Gesellschaft entweder zu viel oder zu wenig Autonomie haben. Dennoch bleibt Autonomie als Fähigkeit graduierbar.

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