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Naturphilosophie: Von der kausalen zur evolutionären Weltsicht

NATURPHILOSOPHIE

Von der kausalen zur evolutionären Sicht der Welt: Hans Poser über den Wandel unserer Auffassung von der Natur

Die Evolutionstheorie beruht auf den beiden Grundannahmen der Mutation und der Selektion. Mutationen sind spontan auftretende, nicht prognostizierbare und in diesem Sinne zufällige Veränderungen des Genotyps, also der Erbsubstanz. Die Selektion ist eine nachfolgende, von inneren und äußeren Bedingungen abhängige Auslese des Phänotyps entsprechend der Vergrößerung der Überlebens- und damit der Reproduktionschancen des Mutanten. Dieser Ansatz erlaubt es, die parallele Ausdifferenzierung verschiedener Arten von Individuen ebenso zu beschreiben wie das Mitschleppen funktionslos gewordener Elemente oder das Aussterben einer Art. Er erlaubt weiter, diesen geschichtlichen Prozess als Optimierung unter gegebenen oder sich ändernden Randbedingungen zu begreifen.

Wie der Berliner Philosoph Hans Poser in seinem Artikel

Poser, Hans: Zufall als Schöpfer? Das Evolutionsschema und die Deutung der Welt, in: Asmuth/Poser (Hrsg.): Evolution. Modell. Methode, Paradigma, 2007, Königshausen & Neumann, Würzburg

ausführt, werden damit Elemente des alten Teleologiebegriffes aufgenommen, weil das Ergebnis der Selektion zwar nicht zielgerichtet erreicht wird, wohl aber zweckmäßig erscheint. Ebenso werden Elemente des Fortschritts übertragen, weil die Mutation zwar zufällig erfolgt, aber im Evolutionsprozess insgesamt, wenn auch keineswegs in der Mehrheit der Einzelschritte, retrospektiv ein Weg in Richtung höherer Komplexität zu verzeichnen ist.

In den letzten Jahrzehnten hat dieses Modell in den verschiedensten Wissenschaften Anwendung gefunden: als psychosoziale Evolution in der Psychologie und in der Soziobiologie, als Theorie der kulturellen Evolution in der Religionssoziologie und Kulturanthropologie. In den Wirtschaftswissenschaften dient es zur Konzeption von Theorien der Wissenschaftsdynamik; J. Piaget hat es in seiner Theorie der Entwicklung des kindlichen Denkens benutzt, auch die Technikentwicklung wird in Parallele zur Bioevolution gesehen. Und in der Philosophie erfährt die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis in der evolutionären Erkenntnistheorie eine Beantwortung durch die These von der Passung unserer Erkenntniskategorien im Laufe der Evolution an die Wirklichkeit.

Poser unterscheidet dabei zwei verschiedene Ansätze:

- einen quasi-biologistischen, der eine unmittelbare Anknüpfung an die Bioevolution sucht. Dabei wird die neuronale Evolution als biotische Evolution unmittelbar mit der Entwicklung des Geistes parallelisiert. Dies ist etwa bei J. Eccles und R. Riedel der Fall, wo die Ausbildung des Individuums ebenso wie die Ausbildung von Erkenntniskategorien biologisch-neurologisch interpretiert werden.

- der zweite Ansatz liegt vor, wo in ontologisch von der Biologie völlig verschiedenen Bereichen eine der Biologie strukturell analoge Entwicklung angenommen wird. Dazu gehören Übertragungen des biologischen Evolutionsmodells auf psychische und geistige Vermögen. Analogien sind jedoch nur mit großer Vorsicht zu gebrauchen, weil sie auf eine falsche Fährte locken können.

Überall dort, wo geschichtliche Prozesse in Gesetzmäßigkeiten gefasst werden sollen, finden wir das evolutionäre Deutungsschema.

Die kausale Weltsicht zielte darauf ab, diejenigen Gesetze zu ermitteln, die es gestatten würden, nach dem Muster des Laplaceschen Dämons aus je gegebenen Bedingungen in Prognosen jeden künftigen und in Retroduktionen jeden vergangenen Zustand der Welt zu berechnen. Diese an der Physik orientierte Sicht war seit der Renaissance so mächtig geworden, dass sie zeitweilig zum Leitbild der Wissenschaftlichkeit schlechthin aufstieg. Sie hatte die finale Sichtweise und mit ihr die Verankerung von Zwecken in der Natur verdrängt. Ihr verdinglichender Zugriff hatte die als unerschöpflich verstandene Natur zur bloßen Materie und mit ihr die Lebewesen, ja den Menschen zur Maschine werden lassen. Nicht der Mutterschoß der Natur lässt die Pflanze wachsen, sondern der Kunstdünger; und der Arzt vertröstet den Patienten auf morgen, bis alle Laborwerte vorliegen. Weiter führt die Betrachtung unter dem Blickwinkel der Gesetze dazu, nur noch das Allgemeine statt des Individuellen, das Universelle statt des Einmaligen, das Schema statt der unerschöpflichen Fülle jeden Augenblicks und das Beharrende statt des Geschichtlichen zu sehen. Ein Naturgesetz, so Poser, warnt aber nicht vor knapper werdenden Ressourcen oder vor irreversiblen Veränderungen.

Gegenwärtig erleben wir eine fundamentale Akzentverschiebung, weg von den Gesetzen des Wandels hin zu dem, was sich da wandelt. Natur wird nicht mehr als bloße Materie, sondern als von uns nur mühsam zu stabilisierende Lebenswelt in ihrer Besonderheit begriffen. Statt des Allgemeinen rückt die Geschichtlichkeit alles Irdischen ins Zentrum der Aufmerksamkeit. An die Stelle der kausalgesetzlichen ist eine genetische Betrachtungsweise getreten, und der Logos der Genese wird in einem der Evolutionsbiologie entlehnten Deutungsschema gesehen. Dieses ist dabei, zur neuen Weltsicht zu avancieren.

Die kausale Sicht der Welt war unauflöslich mit einem physikalischen Reduktionsprogramm gekoppelt, das bis heute noch wirksam ist. Die Anwendung des Evolutionsschemas hingegen ist nicht mit einem Rückführungsprogramm, etwa einem Biologismus, verbunden: Kein Technikhistoriker oder Kulturanthropologe denkt auch nur im Traum daran, seine Disziplin auf Biologie gründen zu wollen. Einzig das Schema der Evolutionstheorie, das Schema von Mutation und Selektion wird als Deutungsschema eines genetischen Prozesses übernommen.

Weder die kausale, die finale noch die evolutionäre Sicht der Geschichte entstammen der Erfahrung. Die teleologische Sicht der causa finalis bestimmt die Gegenwart von der Zukunft her, das Ziel der Veränderung liegt fest. Die kausale Sicht findet ihren adäquaten Ausdruck im Laplaceschen Dämon, der vermöge der Kenntnis der Kausalgesetze von einer vollständigen Zustandsbeschreibung eines Gegenwartspunktes aus jeden beliebigen Zustand in der Vergangenheit und in der Zukunft zu errechnen vermag. Die kausale Sicht ist mit dem Gedanken des Fortschritts verbunden. Die evolutionäre Sicht unterscheidet sich grundlegend von diesen beiden Sichtweisen, denn sie erklärt allein retrospektiv, wie es zu der gegebenen Fülle der Arten mit ihren spezifischen Eigenarten gekommen ist. Mit der Ablösung des Ursache-Wirkungs-Schemas durch das Mutations-Selektions-Schema ist die Zukunft wegen des spontanen Auftretens von Mutationen, von Neuem, grundsätzlich offen. Die Stärke dieses Schemas besteht in der Betonung der Unwiederholbarkeit bei gleichzeitiger Deutbarkeit jedes einzelnen Sachverhalts und jeder als individuell abgrenzbaren Erscheinung, das sich unter dieses Schema bringen lässt. In dieser Gestalt entspricht das Schema unserem heutigen Geschichtsverständnis.

Allerdings bedeutet die Anerkennung des Deutungsschemas der Evolutionstheorie eine Zumutung: sie verlangt die Anerkennung des Zufalls. Er ist der Motor der Entwicklung. Die Welt ist nicht eine planvolle Schöpfung, sondern nur per Zufall geworden. Den Zugewinn an Deutungsmöglichkeiten der Welt bezahlen wir, so Poser, mit einem Preis, der gerade bedeutet, auf ein grundlegendes Prinzip des neuzeitlichen Naturverständnisses zu verzichten, nämlich auf das Prinzip des zureichenden Grundes. Die erweiterte Deutungsleistung des Schemas wird also erkauft durch einen Verzicht hinsichtlich des Anspruchs, die Welt verstehen zu können!

Allerdings wäre es fatal, daraus den Schluss zu ziehen, Entwicklungsprozesse seien wegen Nichtprognostizierbarkeit nicht steuerbar. Denn Poser zufolge würden wir dabei die Bedeutung des Menschen als Faktor in der Evolution verspielen, seine Bedeutung in der Möglichkeit der Zuchtwahl wie der Genmanipulation, im Entwerfen und Verwirklichen sozialer Systeme usw. Für Poser kann der Mensch durch Unterlassen möglicher Hilfen wie durch Handeln ohne zureichende Abschätzung der Folgen schuldig werden.




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