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Kritische Theorie: Das Verhältnis Adorno-Benjamin



KRITISCHE THEORIE

Das Verhältnis Adorno-Benjamin

Nach dem Erscheinen des Briefwechsels zwischen Adorno und Benjamin hat es der emeritierte holländische Philosoph Willem van Reijen, der bereits einiges über die kritische Theorie veröffentlicht hat, unternommen, das vieldiskutierte Verhältnis zwischen den beiden und die Frage, in wieweit Benjamin Adorno beeinflusste, neu zu untersuchen:

van Reijen, Willem: Die Adorno-Benjamin-Kontroverse, in: Zeitschrift für philosophische Forschung 1/2006

Dabei zeigt sich, dass in dem Briefwechsel Adornos Einladungen oder auch Aufforderungen an Benjamins Adresse, bestimmte Analysen, Konzepte oder theoretische Grundlagen zu revidieren, um einen Faktor zehn umfassender sind als Benjamins Kommentar zu Adornos Texten. Zu einem großen Teil lässt sich das dadurch erklären, dass Adorno als Redakteur der Zeitschrift für Sozialforschung auf Unklarheiten und mögliche innere Inkonsistenzen der Texte achten musste. Aber Adornos Kritik ging, wie van Reijen zeigt, in vielen Fällen weit über diese Zuständigkeit und die intellektuelle Redlichkeit hinaus.

Adorno stritt mit Benjamin in vielen und entscheidenden Darstellungsfragen. Gemeinsam optierten sie für den Umschlag von Materialismus in Messianismus, für inverse Theologie und für die Bedeutung des dialektischen Bildes. Benjamin konnte sich gegen Adorno nur mit einem großen Maß an diplomatischem Geschick wehren. Wenn die Kritik ihn frontal zu treffen drohte, ging er einfach einen Schritt zu Seite. In vielen Fällen brachte er seine chinesische Höflichkeit ins Spiel. Aber nur in wenigen Fällen hat Benjamin wirklich direkt nachgegeben. Und es ist bemerkenswert, dass Adorno in nahezu allen anderen Fällen in letzter Instanz nachgegeben hat. Aber Adorno kann, wenn er Benjamin zustimmt, es oft nicht lassen zu betonen, dass er selber Ähnliches, ob nun veröffentlicht oder nicht, schon früher gedacht habe. Umgekehrt signalisiert Benjamin nur Lob zu Adornos Texten, gemeinhin spendet er großzügig Lob und übergeht Anleihen Adornos bei seiner Theorie.

An einem einzigen Punkt kritisierte Benjamin Adorno scharf, und zwar zu Beginn ihrer Beziehung. Es ging dabei um Adornos Antrittsvorlesung in Frankfurt. Benjamin bezichtigte Adorno in einem Brief vom 17. Juli 1931 unverhüllt des Plagiats: „Ich an meiner Stelle hätte hier den Hinweis auf das Barockbuch nicht unterlassen können. Muss ich nun nicht hinzufügen: ich an Ihrer Stelle noch weniger“ (gemeint ist Benjamins Buch Ursprung des deutschen Trauerspiels).

Die Theologie ist für Benjamins Denken von Anfang an von großer Bedeutung. Die Benjamin-Expertin Buck-Morss hat in diesem Zusammenhang bemerkt: „Ohne Theologie …gleitet der Marxismus in den Positivismus ab; ohne den Marxismus…versinkt die Theologie in Magie.“ Und Benjamin schreibt: „Mein Denken verhält sich zur Theologie wie das Löschblatt zur Tinte. Es ist ganz von ihr vollgesogen. Ginge es aber nach dem Löschblatt, so würde nichts was geschrieben ist, übrig bleiben.“ Für beide, Adorno wie Benjamin, ist Theologie nur als inverse zu denken. Das heißt, dass in der kapitalistischen Gesellschaft, in der alles verkehrt erscheint, das Theologische nur als dessen Gegenteil markiert erscheinen kann. In dialektischen Bildern, die das gesteigerte Elend zur Schau tragen (etwa den Lumpensammler), wird für den, der es vermag, die Zeichen wider den Strich zu lesen, das Heil sichtbar. Benjamins Philosophie kann als eine „Logik der Extreme“ gelesen werden: Sie ist der Versuch, die gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Konstellationen als dauerhaftes Umschlagen von Extremen, von Theologie in den (Historischen) Materialismus und umgekehrt, zu verstehen.

Adorno hat sich die Option, dass Wahrheit nur im Umschlag der Extreme zu denken sei, zu eigen gemacht. Während er später davon abgewichen ist, hat Benjamin radikal an diesem Modell festgehalten. Ihm geht es um ein neues Denken der Wahrheit, und den Wahrheitsgehalt sieht er weder in dem einen Extrem, der Theologie, noch in dem anderen, dem Materialismus angesiedelt, sondern in dem flüchtigen Umschlagpunkt ihrer gegensätzlichen Dynamis. Darin stimmte Adorno Benjamin grundsätzlich zu. Nur die permanente Spannung zwischen der Natur und dem Mythischen einerseits und der Vernunft andererseits ist für Benjamin Bedingung für die Wahrheit. Adorno ist sich mit Benjamin in der Bedeutung des archaischen Bildes einig – sucht aber die Lösung in der Steigerung der Technik des Kunstwerkes und der dadurch sicher zu stellenden Distanz zu Natur, Mythos und dem Archaischen. Er nannte die Lösung dieser systematischen Aufgabe das Durchdialektisieren, die immanente Durchbrechung des Idealismus. Dabei ist mit Durchdialektisieren das Steigern eines jener Extreme gemeint, das zum Umschlag in das andere Extrem führen sollte, um im Moment des Umschlags zur Wahrheit diese blitzhaft zu Gesicht zu bekommen.

In dem berühmten Hornberger-Brief vom August 1935 übt Adorno vernichtende Kritik an Benjamin. Ausgangspunkt ist der wiederholte Vorwurf des Undialektischen, den Adorno in diesem Brief zu präzisieren sucht. Adorno wirft Benjamin vor, er denke nur immanent. Damit reduziere er das ursprüngliche Spannungsverhältnis von Profanem und Theologischem. Das könne aber nicht gelingen, wenn man, wie Adorno Benjamin unterstellt, an der klassischen Trennung von Bewusstseinsinhalt und materialer Wirklichkeit festhalte. Adornos Kritik traf Benjamin schwer, da er mit dem kritisierten Text die Linien der in seinem Barockbuch entwickelten Wahrheitstheorie weiter ausziehen und an historischem Material zu erproben suchte.

Am 4. Juni 1936 schreibt Benjamin an Adorno, dass er eine Arbeit über Der Erzähler von Lesskow geschrieben habe. Adorno signalisiert tief gehende Differenzen: „Nicht konform gehe ich mit der Tendenz, die Geste der Unmittelbarkeit…auf die Geste im somatischen zu reduzieren. Und diese Differenz hat mich ins Zentrum unserer Differenz geführt, wie selten etwas.“ Adorno wirft Benjamin vor, dass er zu schnell Sachverhalte als unabdingbar gegeben akzeptiere, während sie noch durchdialektisiert werden könnten.
Van Reijen zufolge geht es bei der Auseinandersetzung zwischen den beiden gleichermaßen um Wahrheit und Erfahrung. Beide sind sich einig darin, dass die klassischen Definitionen unter den krisenhaften Bedingungen ihrer Epoche nicht mehr gelten können. Die Struktur dessen, was Erfahrung hieß, hat sich geändert. Kontinuität in der Welt ist nicht mehr gewährleistet. Die Ausnahme ist die Regel geworden. Die strukturell neue Erfahrung kann für Benjamin nicht mehr im Sinne einer Vorherrschaft der Vernunft über Erfahrung im weitesten Sinne gedacht werden. Gerade die Großstadt und das neue Medium des Films machten ihm deutlich, dass Erfahrung gleichermaßen körperlich und geistig ist – wir erfahren buchstäblich „am eigenen Leibe“, nicht durch distanzierte Analyse, was „los ist“. Adorno konnte Benjamins Diagnose zustimmen, nicht aber seiner Lösung. Für ihn war der Rekurs auf Leiblichkeit abwegig. Gegen dieses allzu Subjektive setzt er immer wieder auf die Objektivität der Bilder (dialektisches Bild), von der jede Psychologisierung fernzuhalten ist.





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