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BIOGRAPHIE

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Marcuse, Ludwig

Ludwig Marcuses

skeptischer Humanismus

Karl-Heinz Henses Darstellung von Marcuses Philosophie

 

 

 

Im Unterschied zu seinem Namensvetter Herbert ist Ludwig Marcuse selbst Fachphilosophen kaum bekannt. Karl-Heinz Hense ist in seiner Promotionsarbeit

 

Hense, K.-H.: Glück und Skepsis. Ludwig Marcuses Philosophie des Humanismus. 180 S., kt., 2000, € 36.—, Königshausen und Neumann, Würzburg

 

diesem Denker des 20. Jahrhunderts nachgegangen und hat seine Grundideen herausgearbeitet.

 

Ludwig Marcuse, geboren am 8. Februar 1894 in Berlin, wächst in einem von Nationalismus und Humanismus geprägten großbürgerlichen Elternhaus auf. 1913 beginnt er ein Philosophie-Studium in Berlin, er interessiert sich für Psychologie und Logik und studiert bei Carl Stumpf und Benno Erdmann. Eines Tages  stellt er fest, dass die    Ideen, die ihn wirklich faszinieren, die der individualistischen Lebensphilosophie sind, wie sie Georg Simmel vertritt, dessen Vorlesungen er noch in Berlin hört. Dennoch wechselt er zum dritten Semester nach Freiburg, wo er bei Heinrich Rickert vorübergehend zum Neukantianer wird. Im Ersten Weltkrieg meldet er sich freiwillig zum Militärdienst, bringt es aber lediglich zum Schreibtisch-Dienst.

 

1917 promoviert Marcuse mit einer Arbeit über Nietzsche bei Ernst Troeltsch in Berlin  und wird sein Assistent. Nach dessen Tod im Jahr 1923 bricht Marcuse seine akademische Laufbahn vorerst ab. 1933 geht der atheistische Jude Marcurse rechtzeitig ins Exil, zunächst nach Südfrankreich, dann 1939 nach Kalifornien. Marcuse blieb auch nach dem Ende des Krieges in der Emigration; er lehrte von 1945 bis 1962 als Professor an der University of Southern California, Los Angeles, im Wesentlichen deutsche Philosophie. Erst 1962 kehrte er nach Deutschland zurück. Am 2. August 1971 stirbt er in Bad Wiessee.

 

Marcuse verstand sich ein Leben lang als deutscher Schriftsteller, den man seiner jüdischen Herkunft wegen 29 Jahre lang seines Sprach- und Wirkungskreises beraubt hatte. Obwohl er vom Exil aus publiziert und auch in renommierten Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht, übt er doch kaum Einfluss auf den Zeitgeist in seiner Heimat aus. Vielmehr verhält er sich, besonders in Bezug auf die anti-autoritäre Bewegung an den Universitäten, eher konträr dazu, vor allem, was die seiner Meinung nach allzu oberflächliche    Orientierung an marxistischem Denken angeht. Die kritische Theorie der Frankfurter Schule lehnt er rundweg ab. Auch als Marcuse 1962 nach Deutschland zurückkehrt, bleibt er ein Unzeitgemäßer. Sein skeptischer Humanismus, sein nüchterner Pessimismus, werden zwar in intellektuellen Kreisen zur Kenntnis genommen, selten aber setzt man sich damit auseinander. Marcuses kritische Haltung zum Geist der Nachkriegszeit kommt besonders in seiner Kontroverse mit Ernst Bloch zum Ausdruck, die in der Öffentlichkeit meist totgeschwiegen wurde, weil sie dem allgemeinen Tenor jener Jahre, der in Bloch in erster Linie einen Denker mit dem Ziel einer „Neuorientierung marxistischer Lehre“ sah, keineswegs entsprach. Marcuse hat Bloch dessen Glauben an Stalin und die Rechtfertigung des Stalinismus niemals vergessen und sieht bei ihm eine unkritische und „menschenverachtende“ Glaubenshaltung. Eine Parallele zu dieser Ausein­andersetzung liegt in Marcuses Demaskierung des nach 1945 mancherorts geschätzten Psychologen C. G. Jung als Nazi-Opportunist bzw. als aktiv Beteiligter an der nationalsozialistischen Publizistik.

 

Es gab im Wesentlichen zwei Gründe, war­um man Marcuse und dessen Werk auch nach dem Ende der Nazi-Zeit nicht entsprechend würdigte. Einerseits nahm die philosophische Fachdisziplin seine Bücher kaum zur Kenntnis, weil sie weder eine eigene Theorie entwickeln wollten noch sich nach wissenschaftlich-systematischen Regeln richteten. Gründliche wissenschaftliche Arbeiten über den Philosophen Ludwig Marcuse gibt es nicht. Hingegen hat sich die literaturwissenschaftliche Forschung in den siebziger und achtziger Jahren ausführlich mit dem Literaturtheoretiker und Theaterkritiker Marcuse auseinandergesetzt. Der Zürcher Diogenes-Verlag hat sein Werk einem breiten Publikum fast vollständig zugänglich gemacht.

 

Die Beschäftigung mit der griechischen Philosophie, mit Kant, Nietzsche und Simmel sind prägend für die geistige Entwicklung Marcuses, nicht weniger wichtig ist aber seine Begeisterung für die schöne Literatur und das Theater. Hier sind es vor allem die tragischen Schriftsteller des 18./19.  und die Expressionisten des 20. Jahrhunderts, denen er sich eng verbunden fühlt. Die Publikation früher Bücher Georg Büchner, August Strindberg und Gerhart Hauptmann sind die Folge. Marcuse hält Literatur und Philosophie für die beiden Seiten derselben Medaille. Die Literatur, vor allem die dramatische, dient ihm vor allen anderen Funktionen zur Illustration, gelegentlich auch zur beispielhaften Verdeutlichung philosophischer Fragestellungen und Probleme.

Das Werk August Strindbergs zum Beispiel versteht Marcuse als die dichterische Ausformung von Nietzsches Individual- und Lebensphilosophie, die dem Menschen die Illusion metaphysischer Gewissheiten nehme und ihn dem unlösbaren Dilemma ausliefere, die Welt nicht mehr erklären zu können.

 

In der französischen Emigration rücken originär philosophische Arbeiten in den Vordergrund. 1935 erscheint in Amsterdam ein Buch über Ignatius von Loyola, den „Soldaten der Kirche“. Marcuse versucht Ignatius nicht im Lichte des Glaubens darzustellen, „sondern im Lichte des Unglaubens, den er stiftet“. Das zweite Buch dieser Zeit, das jedoch erst 1950 in deutscher Sprache erscheint, ist Platon und Dionys, ein Buch über den erfolglosen Versuch Platons, seine Theorie von den Philosophen-Königen mit Hilfe der Tyrannen von Syracus zu verwirklichen; ein Buch,  in das Marcuse „das zeitgenössische Deutschland“ hineinschreiben konnte“. In einem dritten Buch dieser Zeit, das jedoch erst 1963 erscheinen konnte, beschreibt er Richard Wagner als unendlich eitlen Wegbereiter der nationalsozialistischen Hybris.

 

1949 erschien bei Oprecht in Zürich seine Philosophie des Glücks, das erste seiner drei philosophischen Hauptwerke. Es führt einen der zentralen Begriffe seines Denkens, das Glück, im Titel. In erster Linie beschäftigt sich Marcuse hier mit den Glückssuchern der Geistesgeschichte. Es folgte ein Buch das sich mit dem scheinbaren Antipoden des Glücks, dem Un-Glück unter dem Titel Pessimismus. Ein Stadium der Reife beschäftigt; 1981 wurde es unter dem Titel Philosophie des Un-Glücks neu aufgelegt, nachdem es zwischenzeitlich den Titel Unverlorene Illusionen getragen hatte. Dabei ist für Marcuse die Glücks-Fähigkeit des Pessimisten nicht geringer als die optimistischer Weltbetrachter und selbsternannter Menschheitsbeglücker. Marcuse hat sogar die Hoffnung, dass die Pessimisten die „Schöpfer eines neuen Humanismus“ werden könnten.

 

Im nächsten Buch, Sigmund Freud. Sein Bild vom Menschen findet er in Freuds nüchternem, der wissenschaftlichen Psychoanalyse verpflichteten Menschenbild seine eigene skeptisch-nihilistische Grundhaltung wieder. Drei Jahre nach dem Freud-Buch, also 1959, erscheint Marcuses Darstellung der Geschichte der nordamerikanischen Philosophie, Amerikanisches Philosophieren, eine Auftragsarbeit des Rowohlt-Verlages.  Auch diese Darstellung hat keinen streng wissenschaftlichen Duktus, sie orientiert sich an Marcuses Vorlieben, seinen Sympathien und Ablehnungen und hat für einen an der amerikanischen Philosophiegeschichte interessierten Leser Defizite.

 

Im dritten philosophischen Hauptwerk Aus den Papieren eines bejahrten Philosophie-Studenten, das der Diogenes-Verlag unter dem Titel Meine Geschichte der Philosophie neu herausgebracht hat, zeichnet Marcuse den Weg philosophischen Denkens von den Vorsokratikern bis zu den Neu-Kantianern und Neo-Positivisten nach. Dabei ist er stets auf der Suche nach dem, was helfen könnte, das Rätselhafte des Lebens zu erhellen, ohne dass er sich der Illusion hingibt, dieses Rätsel könne gelöst werden.

Erst posthum, 1977, konnte ein anderes Werk erscheinen, das aber gleichzeitig mit Meine Geschichte der Philosophie entstanden ist, ein dreibändiges, von Marcuse ausgewähltes und kommentiertes Kompendium Ein Panorama des europäischen Geistes. Texte aus drei Jahrtausenden. Auch hier ist die Auswahl subjektiv, Marcuse berücksichtigt nur solche Autoren und Texte, die „einen Beitrag zu seiner Orientierung“ geleistet haben. Dennoch kommen hier die wesentlichen Strömungen und Autoren der europäischen Geistesgeschichte mittels Originaltexten zu Wort. 1959 wurden diese Texte erstmals in einer Sendereihe des bayerischen Rundfunks veröffentlicht.

 

1981 erschien ein weiteres Buch von Marcuse, an dem er schon während des Krieges geschrieben hatte: Das Märchen von der Sicherheit. Dieses Buch enthält eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit der Sehnsucht des Menschen nach Sicherheit und der Unmöglichkeit, diese Sehnsucht zu erfüllen. In dieser Unsicherheit sieht Marcuse den ursprünglichen Ansatz für philosophische Fragestellungen, die wiederum, um der menschlichen (Schein-) Sicherheit willen, zu philosophischen Antworten führen, die einander im Laufe der Jahrhunderte ergänzen, widersprechen und ablösen, bis die Hoffnung auf endgültige Wahrheiten im 19. Jahrhundert endgültig zusammenbricht.

 

Auf den ersten Blick fällt ein anderes Buch von Marcuse, das 1962 bei List in München erschien, aus dem Rahmen: Obszön. Geschichte einer Entrüstung. Indem Marcuse den menschlichen Körper und seine Sexualität wieder in seine Rechte einsetzt und seine Bedeutung für das Glück des Menschen betont, setzt er hier seinen betont irdischen Humanismus fort. Auch in seiner Biographie Nachruf auf Ludwig Marcuse geht Marcuse auf seine eigene Sexualität ein: „Ein Leben ist nicht zulänglich geschildert, in welchem die Natur- und Sozialgeschichte der zur Seele gehörigen Haare und Ohren und Beine und Hoden und Gerüche und Gesten nicht deutlich gemacht wird.“

  

Die Anteilnahme an allem Menschlichen führt ihn von den großen, metaphysischen Entwürfen der systematischen Denker weg hin zum Nachdenken über das schutzlose, wehrlose Individuum, für das einzig sich Engagement lohne. Und zwar nicht um eines ideologischen Zieles willen, sondern um des bescheidenen kreatürlichen Mitempfindens, um der Verwirklichung von Humanität willen. Marcuse ist der Philosoph des „skeptischen Humanismus“. Einerseits ist damit das Engagement für die Belange der Menschen, für ihr leibliches Wohlbefinden und ihr friedliches Zusammenleben gemeint, eine evidente Notwendigkeit, die sich aus dem „Mit-Leiden“ und der „Mit-Freude“, dem menschlichen Mitgefühl also, ergibt. Andererseits ist es nötig, der Möglichkeit der Verwirklichung dieses Zustandes gegenüber skeptisch zu bleiben, denn bei aller Einsicht in ihre Notwendigkeit sind ihre Bedingungen oft unerfüllbar: Selbst wenn das Wohlergehen der Menschen für eine kurze Zeit realisiert ist, so bleibt es doch stets bedroht.  Marcuse lehnt es ab, Philosophie lediglich als ein gelehrtes System zu verstehen, das seinen Wert am Ende nur noch in sich selbst hätte.

 

Marcuse glaubt, dass es zwangsläufig zu Unterdrückung und Unfreiheit kommen muss, wenn eine bestimmte Meinung, Ideologie, Religion oder sonstige Dogmatik anderen unkritisch vorgezogen wird. Der unterdrückte Mensch kann nicht glücklich sein. Das individuelle Glück findet der Einzelne nur in der freien Entscheidung, ohne dass ihn eine solche Entscheidung freilich auf alle Lebenszeit determinieren müsste. Nun strebt der Mensch aber von Natur aus zu einem Minimum an Sicherheit und Lebenssinn, um wenn nicht glücklich, so doch wenigstens zufrieden zu sein. Dies Streben aber, so Marcuse, kann im 20. Jahrhundert trotz aller gegenteiligen Beteuerungen und Beweisführungen keine Erfüllung mehr finden: alle traditionellen Sicherheitstheorien sind mittlerweile als untaugliche Scheinlösungen enttarnt, alle metaphysischen Versuche der „Sinngebung des Sinnlosen“ endgültig gescheitert. Aus dieser Situation resultiert die „tragische Disposition des modernen Menschen“, die das Grundmuster für Marcuses humanistische Philosophie darstellt.

 

Glück kann für Marcuse nur individuell empfunden werden, es besteht in einem „herrlichen Entschweben in die Sorglosigkeit“, das objektiv nicht darstellbar, allenfalls subjektiv nachzuvollziehen ist. Das individuell empfundene Glück hat zwei Ursachen, durch die es ausgelöst werden kann, die allerdings auch zusammenwirken können: sinnliches Glück, das auch als körperliches Glück bezeichnet werden kann, und geistiges Glück, das aus rationalem Denken entsteht, gleichwohl aber gefühlsmäßig erlebt wird. Neben dem individuellen spricht Marcuse von sozialem Glück, von „Sozialeudämonismus“, der freilich nur Rahmenbedingungen für individuelles Glück aufzustellen imstande ist. Für Marcuse ganz persönlich (ohne dass er eine Art Rezept daraus machen würde), hat vollkommenes Glück eine Art mystische Qualität. Zwar hält er das sinnliche Glück des  Augenblicks und das geistige als Resultat intellektueller Anstrengung gleichermaßen für notwendige Bedingungen, Glück in einer Art Annäherung an seine Vollkommenheit zu erleben.  

 

Nach Marcuse durchläuft die jüngere Geschichte der westlichen Welt, die mit den Mythen des archaischen Altertums beginnt und vorerst mit dem tragischen Geschick der Moderne endet, drei in ihrer Zeitdauer unterschiedlich lange, sich gelegentlich regional überlappende, in ihrer Bedeutung jedoch vergleichbare Stadien: wie die drei Aufzüge einer klassischen Tragödie, auch die des dialektischen Dreischritts, führt sie vom gläubigen über den ungläubigen zum tragischen Menschen. Fasziniert ist Marcuse von den großen Repräsentanten einer solchen Seelenkultur. Er bezieht sich in diesem Zusammenhang besonders auf die Dramatiker Georg Büchner, Heinrich von Kleist, Friedrich Hebbel, Christian Dietrich Grabbe und August Strindberg als Repräsentanten tragischer Dichtung. Ihnen entsprechen nach seiner Auffassung die tragischen Philosophen Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche, Julius Bahnsen und Søren Kierkegaard. Die weitaus wichtigste geistige Gestalt in diesem Sinne ist für ihn Friedrich Nietzsche: „Kein Denker ist so sehr Mein wie Nietzsche“.

 

Marcuses Position kennzeichnet ein Aufbegehren gegen metaphysisch oder religiös begründete moralische Ansprüche an menschliches Verhalten. Er spricht in einem solchen Fall dem einzelnen das Recht zu, dagegen aufzubegehren. Der Mensch erfährt darin sich selbst und seine tragische Grunddisposition: In der intensivsten Ich-Erfah­rung kann er  aber auch Phasen des Glücks erleben, die ihm einen Eindruck vom Kostbaren seiner Individualität vermitteln. Marcuse belässt es aber bei den Glücksmomenten, die in das Leben des Einzelnen „eingesprenkelt“ sind, und versucht sie nicht einem wie auch immer gearteten „Lebensstil“ zu unterwerfen.

 

Will man Marcuse den Denkern des 19. Jahrhunderts zuordnen - was er selbst immer wieder getan hat - so ist dies am ehesten im Rahmen der Lebensphilosophie möglich. Wie Friedrich Nietzsche und Georg Simmel war Marcuse Eklektiker, was die Benutzung von geschichtlichem Material für die Explizierung und Veranschaulichung seiner Theorien betrifft. Wie sie bezog er das Irrationale und rätselhaft Vielfältige der Natur und der Anschauung in seine Philosophie mit ein. Marcuse hat auch häufig betont, dass sein akademischer Lehrer Georg Simmel, den er sein Leben lang verehrte, ihn aus den „Gefängnissen“, in die ihn das philosophische Pflicht-Studium gebracht habe, erlöst habe.




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