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ESSAY

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Bernhard Waldenfels:
Europa unter dem Druck der Globalisierung

aus: Heft 1/2020, S. 8-23

 

Wir guten Europäer

Auf welche Weise und von welchem Ort aus läßt sich von Europa sprechen? Als Philosophen neigen wir dazu, Europa in eine Idee zu verwandeln und es in eine Werteskala aufzunehmen, um es von den Zufälligkeiten einer zeitlich-räumlichen Realität zu befreien. Doch dabei tönen uns die Worte von Marx im Ohr: "Die 'Idee' blamierte sich immer, soweit sie von dem 'Interesse' unterschieden war." (MEW 2, 85) Soweit sie unterschieden oder geschieden war?

Anstatt uns auf die verschlungenen Pfade einer Ideologiekritik zu begeben, die ihrerseits einer Metakritik bedarf, wollen wir lieber 'Europa' beim Wort nehmen. 'Europa', geboren aus einer mythischen Ursprungsfigur, ist ein Name, den jeder für sich selbst übernimmt und den wir einander zuweisen, wenn wir von uns 'Europäern' sprechen. Der Gebrauch dieses Namens ist okkasionell; er weist zurück auf Gelegenheiten eines Hier und Jetzt, die sich nicht restlos in Daten überführen oder am Ende digitalisieren lassen. Das 'wir' wird ähnlich wie das 'ich' performativ benutzt, bevor es mit einem Artikel versehen und prädikativ verwandt wird. Austins doing things with words trifft auch auf die Europa-Rede zu.

Nietzsche ist sich der sprachlichen Fallen und Tücken wohl bewußt, die hinter jedem Wort lauern. In seiner 1886 erschienenen Schrift Jenseits von Gut und Böse widmet er ein Hauptstück den Völkern und Vaterländern; der zweite Paragraph beginnt mit der Formel: Wir 'guten Europäer'. Europa wird nicht eingeführt als Gegenstand eines geographischen und historischen Wissens, sondern als Thema einer Selbstbesinnung, ganz im Sinne eines tua res agitur, in dem nicht nur etwas auf dem Spiel steht, sondern unser eigenes Dasein. Doch die Wir-Rede ist alles andere als eindeutig. Es genügt, an die bekannte Differenz von inklusivem und exklusivem 'wir' zu erinnern. Ein Deutscher wird den Satz anders lesen als ein Franzose oder ein Italiener, ein Europäer anders als ein Orientale, anders auch als ein Jude, dessen Zugehörigkeit zu Europa seit Jahrhunderten labil ist. Erinnert sei daran, daß Juden in Deutschland, anders als im Nachbarland der Revolution, erst mit der Reichsgründung von 1871 das förmliche Bürgerrecht erhielten. Daß dessen Ausübung auch danach europaweit viel zu wünschen übrig ließ, wissen wir nur zu gut, ganz zu schweigen von der 1933 einsetzenden Vertreibung und schließlichen Ermordung von Millionen. Man könnte die Liste der Diskriminierungen und Selektionen jedoch fortsetzen. Als "vaterlandslose Gesellen" galten unter Kaiser Wilhelm II alle Sozialisten und Kommunisten. Dazu die sarkastische Bemerkung im Kommunistischen Manifest: "Die Arbeiter haben kein Vaterland. Man kann ihnen nicht nehmen, was sie nicht haben." (MEW 4, 479) Zu denken ist auch an "Randvölker" wie die Armenier, die Georgier, die Tataren oder die Kurden, die zwischen verschiedenen Reichsgrenzen zerrieben wurden.

In dem 'Wir', das sich in Nietzsches Europa-Appell ausspricht, steckt bestenfalls die Erwartung eines kommenden Europas. Nicht umsonst qualifiziert Nietzsche all jene Europäer, denen er sich verbunden fühlt, als 'gute Europäer', die einem inneren Anspruch folgen; das bloße 'wir' ließe Raum für Zerwürfnisse, Usurpationen und Exklusionen jeglicher Art. Wenn Husserl 1935, also ein halbes Jahrhundert später, seinen Wiener Vortrag, der die Philosophie in die "Krisis der europäischen Menschheit" hineinstellt, mit Nietzsches Appell an die "guten Europäer" abschließt, dann versucht er die Formel mit Inhalt zu füllen. Die Stichworte lauten 'Vernunft' und 'Geist'. Allerdings ist nicht zu übersehen, daß Husserl noch Kind seiner Zeit war; in dem "geistigen Europa", das er beschwört, ist für "herumvagabundierende" Zigeuner ebensowenig Platz wie für die Eskimos, die am nördlichen Rand Europas siedeln.

Jan Patočka greift in den Siebziger Jahren die Husserlsche Idee eines vernunftorientierten Europa auf, indem er das griechische Erbe des alten Europa mit einem künftigen "Nach- Europa" verbindet. Doch der tschechische Philosoph wurde selbst Opfer einer Entwicklung, in deren Verlauf das "Gespenst des Kommunismus", das einst in Europa umging und sich anschickte, "alle Länder" im Zeichen des Proletariats zu vereinen, sich seinerseits in eine imperiale Großmacht verwandelte, die alle nachfolgenden Revolutionen zu Konterrevolutionen erklärte und im Zweifelsfalle "Bruderarmeen" anrücken ließ. Die Orte Budapest, Prag und Warschau und die Jahreszahlen 1956, 1968 und 1980 stehen für ein rebellierendes Europa. Die Parole "wir guten Europäer" schillert in vielen Farben. Als Nietzsche in der Blütezeit des Nationalismus diese Parole ausgab, bezog er sich auf Völker im Plural; spöttisch bezeichnete er den herrschenden europäischen Wirrwarr als "Vaterländerei". Seitdem hat sich einiges getan, aber die Gefährdung ist geblieben. Steht Europa wiederum an einem Scheideweg?

 

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