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11.05.2020 Druckversion  |  Schrift: vergrößern verkleinern 

Giorgio Agamben, Der Notstand erlaubt alles NZZ

 

Neue Zürcher Zeitung, 5.5.2020

 

Der Notstand erlaubt alles, die Ethik hingegen dankt ab. Wohin führt das?

Die Virologen sind sich über die Bedeutung des Coronavirus selbst nicht immer einig, die Politiker hingegen schon. Das müsste eigentlich nachdenklich stimmen.

Giorgio Agamben Kommentare 05.05.2020, 11.06 Uhr
 
 

 

 
 

Die Losung «The show must go on» passt nicht mehr: ein Passant auf dem leergefegten Broadway in New York City.

John Minchillo / AP

Von verschiedener Seite hört man die Vermutung, dass wir gerade das Ende der Welt erleben – genauer: der Welt der bürgerlichen Demokratie, die auf den Grundrechten, den Parlamenten und der Gewaltenteilung gründet. Diese Demokratie überlässt demnach den Platz einem neuen Despotismus, der hinsichtlich der Allgegenwart seiner Kontrollen und des abrupten Endes jedweder politischer Aktivität schlimmer sein könnte oder dürfte als die totalitären Systeme, die wir bisher kannten. Ich denke, es ist an der Zeit, diese Vermutung sehr ernst zu nehmen.

Die amerikanischen Politologen sprechen vom Security-State, also von einem Staat, in dem aus Sicherheitsgründen (im vorliegenden Fall aus Gründen der öffentlichen Gesundheit, eines Begriffs, der an die berüchtigten «Comités de salut public» – die Wohlfahrtsausschüsse – während des Terrors der Französischen Revolution erinnert) die Freiheitsrechte nach Belieben eingeschränkt werden können.

In Italien sind wir seit geraumer Zeit an eine Gesetzgebung gewöhnt, die durch Notverordnungen der Exekutivgewalt erfolgt. Die Exekutive ersetzt zunehmend die Legislative und schafft de facto das Prinzip der Gewaltenteilung ab, auf der die Demokratie beruht. Und die Kontrolle, die durch Videokameras und neuerdings durch Smartphones ausgeübt wird, übertrifft aufgrund der technischen Möglichkeiten die von den totalitären Regimen des 20. Jahrhunderts praktizierten Kontrollarten bei weitem.

Das Problem nackter Zahlen

Aber auch sonst liegt vieles im Argen. Man muss die Art und Weise infrage stellen, in der die Zahlen über Todesfälle und Ansteckungen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie kommuniziert werden, wenigstens was Italien angeht.

Jeder, der ein wenig Ahnung von Epistemologie hat, muss ziemlich erstaunt sein angesichts des Umstands, dass die Medien in all diesen Monaten Zahlen ohne irgendein Kriterium der Wissenschaftlichkeit verbreitet haben. Sie setzen sie nicht nur nicht in Beziehung zur jährlichen Sterblichkeit im selben Zeitraum, sie geben nicht einmal die genaue Ursache des Todesfalls an.

Ich bin kein Virologe und auch kein Arzt. Darum beschränke ich mich darauf, wörtlich aus offiziellen Quellen zu zitieren, die gewiss verlässlich sind. 23 000 Tote infolge von Covid-19 scheinen und sind auch gewiss eine eindrückliche Zahl. Wenn man sie jedoch mit den statistischen Jahresdaten vergleicht, so nehmen die Dinge eine andere Färbung an.

Der Präsident des italienischen Statistikamts Istat, Gian Carlo Blangiardo, hat vor einigen Wochen die Zahlen zur Sterblichkeit im vergangenen Jahr präsentiert: 647 000 Tote (also 1772 Todesfälle pro Tag).

Wer die Ursachen im Detail analysiert, der sieht, dass die letzten verfügbaren Zahlen aus dem Jahre 2017 230 000 Menschen aufführen, die an Herz-Kreislauf-Erkrankungen starben; 180 000 starben an einem Tumor, mindestens 53 000 an Atemwegserkrankungen.

Doch ein Punkt ist besonders wichtig und betrifft uns direkt. Ich zitiere die Worte aus einem Interview, das Blangiardo am 2. April 2020 der Zeitung «Avvenire» gab: «Im März 2019 sind 15 189 Menschen an Atemwegserkrankungen gestorben, und im Jahr zuvor waren es 16 220. Nebenbei bemerkt zeichnet sich ab, dass dies mehr sind als die entsprechende Zahl der Todesfälle infolge von Covid-19, die im März 2020 verzeichnet wurde (12 352).»

Die Krise wird benutzt

Wenn dies stimmt, und wir haben keinen Grund, daran zu zweifeln (ohne dass wir deshalb das Gewicht der Pandemie herabsetzen sollten), so müssen wir uns fragen, ob die Pandemie Massnahmen zur Einschränkung unserer Freiheit rechtfertigen kann, wie sie in der Geschichte Italiens noch nie ergriffen wurden, nicht einmal während der beiden Weltkriege.

Ja es entsteht vielmehr der legitime Zweifel – jedenfalls was mein Land betrifft –, dass auch darum Panik verbreitet wird und die Leute in ihren Häusern isoliert werden, weil man die schwerwiegenden Verantwortlichkeiten bzw. Versäumnisse der verschiedenen Regierungen auf die Bevölkerung abwälzen will.

Denn zuerst haben die Politiker das öffentliche Gesundheitswesen beschädigt und jüngst in der Lombardei eine Reihe nicht weniger schlimmer Fehler in der Bekämpfung der Pandemie begangen. Was den Rest der Welt betrifft, so hat wohl jeder Staat unterschiedliche Formen, wie er die Daten der Epidemie für seine Zwecke nutzt und sie nach den eigenen Bedürfnissen aufbereitet. Die wirkliche Stichhaltigkeit der Pandemie wird man nur ermessen können, wenn man jedes Mal die kommunizierten Daten in Beziehung zu den statistischen Daten über die jährliche Sterblichkeit setzt, aufgeschlüsselt nach Krankheit.

Räson der Wissenschaft

Unabhängig davon haben die Ärzte und Virologen in der Regierung der Pandemie eine neue Funktion erhalten. Der griechische Begriff «epidemia» (von «demos», Volk als politische Einheit) hat eine unmittelbare politische Bedeutung. «Polemos epidemios» meint bei Homer den Bürgerkrieg. Umso gefährlicher ist es, Ärzten und Wissenschaftern Entscheidungen zu überlassen, die zuletzt ethischer und politischer Natur sind. Die Wissenschafter verfolgen in bester Absicht ihre Räson, die sie mit dem Interesse der Wissenschaft gleichsetzen und in deren Namen sie bereit sind – die Geschichte zeigt es zur Genüge –, jedweden Skrupel moralischer Art beiseitezuwischen.

Im vorliegenden Fall ist das Spektakel besonders bedenklich, weil in Wirklichkeit – und die Medien blenden dies aus – unter den Wissenschaftern gar keine Einigkeit besteht. Einige der renommiertesten unter ihnen – wie Didier Raoult, der wohl wichtigste Infektiologe Frankreichs – haben Meinungen über die Bedeutung der Pandemie und die Wirksamkeit der Isolationsmassnahmen, die vom herrschenden Dogma abweichen. Die Isolationsmassnahmen nannte Raoult in einem Interview jedenfalls einen mittelalterlichen Aberglauben.

Ich habe an anderer Stelle geschrieben, dass die Wissenschaft zur Religion unserer Zeit geworden sei. Die Analogie mit der Religion muss dabei buchstäblich verstanden werden: Die Theologen erklärten einst, nicht mit Klarheit definieren zu können, was Gott ist, aber in seinem Namen diktierten sie den Menschen Verhaltensregeln und zögerten nicht, die Abtrünnigen zu verbrennen. Die Virologen geben heute zu, nicht genau zu wissen, was ein Virus ist, aber in seinem Namen erheben sie den Anspruch zu entscheiden, wie die Menschen leben sollen.

Wohin steuert die Spezies Mensch?

Wenn wir die unmittelbare Aktualität hinter uns lassen und die Dinge vom Standpunkt des Schicksals der menschlichen Gattung auf der Erde zu betrachten versuchen, so kommen mir folgende Überlegungen der philosophischen Anthropologie in den Sinn.

Die menschliche Spezies zeichnet sich dadurch aus, dass sich die natürlichen Lebensprozesse der Anpassung an die Umwelt langsam abschwächen. In der Moderne werden sie von einem hypertrophen Wachstum technischer Apparaturen ersetzt, die die Umwelt an den Menschen anpassen. Wenn dieser Prozess eine bestimmte Grenze überschreitet, erreicht er womöglich einen Punkt, an dem er sich gegen sich selbst wendet und zu einer Selbstzerstörung der Spezies führt.

Phänomene wie jene, die wir gerade erleben, scheinen mir anzuzeigen, dass wir diesen Punkt erreicht haben könnten. Fest steht jedenfalls: Die Medizin, die unsere Leiden lindern sollte, läuft Gefahr, noch grössere Leiden zu schaffen.







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