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Nietzsche: Der Weg von der Philologie zur Philosophie


NIETZSCHE

Nietzsches Weg von der Philologie zur Philosophie


Die „Aufklärung“ ist nicht erst für den „mittleren“, sondern bereits für den frühen Nietzsche von zentraler Bedeutung. Johann Figl und Hans Gerald Hödl haben gezeigt, dass sich Nietzsche zu Beginn seiner Studienzeit endgültig von der Theologie bzw. dem Christentum abgewandt hat, um sich der klassischen Philologie und der Philosophie zuzuwenden. Figl sieht den Hauptgrund dazu in Nietzsches „grundsätzlichen kritisch-distanzierenden Haltung gegenüber den Wahrheitsansprüchen tradierter Sinnangebote“.

Wie Konstantin Broese in seinem Aufsatz

Broese, K.: Nietzsches Verhältnis zur antiken und modernen Aufklärung, in: Reschke, R. (Hrsg.): Nietzsche. Radikalaufklärer oder radikaler Gegenaufklärer?, 2004, Akademie-Verlag, Berlin

zeigt, ging für Nietzsche aufgrund seiner kritischen Grundeinstellung für Nietzsche von der historisch-kritischen Methode der Klassischen Philologie eine große Faszination aus. Diese widerspiegelt sich in seinen zahlreichen, der kritischen Quellenforschung verpflichteten fachphilologischen Arbeiten und Veröffentlichungen. Gleichzeitig nahm aber auch Nietzsches Kritik an der Klassischen Philologie während seines Studiums deutlich zu. Daraus ging sein Bestreben hervor, diese am Leitfaden der historisch-kritischen Methode mit einer dieser übergeordneten philosophischen Perspektive zu verbinden. Indem Nietzsche dieses Anliegen immer forcierter verfolgte, wandelte er sich zunehmend vom Klassischen Philologen zum Philosophen, bis er sich in Basel von der Klassischen Philologe endgültig verabschiedete.

Aufschlussreich für diesen Wandel sind Nietzsches Demokrit-Studien aus der Leipziger Studienzeit. Diese stehen wiederum in engem Zusammenhang mit seinen philologisch-quellenkritischen Untersuchungen zu Diogenes Laertius und beschäftigen sich mit der Frage nach der Echtheit der Schriften Demokrits. Nietzsches Demokrit-Studien haben aber – in Zusammenhang mit der in der zweiten Hälfte des Jahres 1866 einsetzenden intensiven Lektüre der Geschichte des Materialismus des Neukantianers Friedrich Albert Lange – einen genuin philosophischen Bezug. Dies kommt vor allem in seinen nachgelassenen Aufzeichnungen aus der Leipziger Studienzeit zum Tragen. In diesen macht er deutlich, dass Demokrit der „Vater aller aufklärenden, rationalistischen Tendenzen“ bzw. derjenige Mensch sei, in dessen Denken sich der Übergang vom Mythos zum Logos vollziehe. Er betont, Demokrit habe als erster den „wissenschaftlichen Charakter“ erreicht und sei auch heute noch modern. Das aufklärerische Potential Demokrits sieht Nietzsche besonders in dessen Ethik, insofern diese voraussetzt, dass die Eudämonie nur durch die Verabschiedung des Mythischen, der Götterfurcht sowie der mit dem Wirken Gottes in der Welt verbundenen Teleologie erreicht werden kann.

Diese radikal aufklärerisch-rationalistische Tendenz im System Demokrits hat aus Nietzsches Sicht dazu geführt, dass es zuerst von Sokrates und Platon und dann vom Christentum in radikaler Weise bekämpft wurde. Nietzsche begreift diese entsprechend als Gegenaufklärer, wobei er eindeutig auf der Seite Demokrits steht, dem wir „noch viele Todtenopfer schuldig sind“, steht. Allerdings sieht Nietzsche in Demokrit nicht nur den Aufklärer, sondern macht auch deutlich, dass sich diesem die „tieferen Probleme verbergen“, sodass er „mit dem Aufbau der Welt und der Ethik zu schnell fertig“ wird. Mehr noch: Demokrit verfällt in dem Moment der Gegenaufklärung, wo er „glaube, die letzte Erkenntnis erreicht zu haben“. Aus Nietzsches Sicht muss Demokrits System einer kritischen Revision unterzogen werden, insoweit es auf dem Glauben basiert. Grundlage für diese Revision war ihm der von Lange vertretene radikale Kritizismus, den er sich während seiner Leipziger Studienzeit zu eigen gemacht hatte. Im Kern besteht dieser zum einen in der Auffassung, dass kein Weg an einer Kant radikalisierenden Erkenntniskritik vorbeigeht, zum anderen in der Überzeugung, dass es trotzdem sinnvoll, ja unvermeidlich sei, einen philosophischen Sinnhorizont zu entwerfen, so gerne man ihn nicht als eine Erweiterung unserer Erkenntnis, sondern als ein Produkt der Phantasie, also als Kunstwerk oder in den Worten Langes als „Begriffsdichtung“ auffasst.

Für den allmählich vom Philologen zum Philosophen sich wandelnden Studenten Nietzsche ist nicht nur die antike, sondern auch die mit Kants kritischer Philosophie verbundene neuzeitliche Aufklärung von zentraler Bedeutung. Figl hat nachgewiesen, dass Nietzsche in seiner späteren Gymnasialzeit durch seinen Religionslehrer erstmals auf Kant aufmerksam wurde und zwar im Zusammenhang mit Kants Kritik an den Gottesbeweisen. Eine erste Vertiefung fand zu Beginn der Studienzeit durch die Vorlesung „Allgemeine Geschichte der Philosophie“ in Bonn bei Carl Schaarschmidt (1822-1909) statt. Die Mitschrift Nietzsches zu dieser Vorlesung ist erhalten geblieben. Neben Kant hatte auch Schopenhauer großen Einfluss auf den Studenten Nietzsche. Allerdings sieht Nietzsche Schopenhauer primär als Dogmatiker, der hinter Kant zurückfalle, in dem er das „Ding an sich“ als „Wille“ erschließe und glaube, damit alle Rätsel gelöst zu haben




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