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Hannah Arendt Ausstellung Berlin, Der Spiegel

Der Spiegel, 12. Mai

Arendt-Ausstellung in Berlin Hätte Hannah Maske getragen?

Eine Ausstellung in Berlin nähert sich Hannah Arendt. Doch leider zerlegt sie das unbequeme Denken der Philosophin in allzu konsumierbare Häppchen.
12.05.2020, 19.32 Uhr
 

Hannah Arendt Anfang der Sechzigerjahre: "Das [...] was mir spezifisch deutsch scheint, ist diese geradezu verrückte Idealisierung des Gehorsams"

Wesleyan University Library/ Special Collections & Archives

"Eichmann war ganz intelligent, aber diese Dummheit hatte er. Das war die Dummheit, die so empörend war. Und das habe ich eigentlich gemeint mit der Banalität. Da ist keine Tiefe - das ist nicht dämonisch! Das ist einfach der Unwille, sich je vorzustellen, was eigentlich mit dem anderen ist, nicht wahr?"

Die "Banalität des Bösen": Selbst wer Hannah Arendt nicht kennt und noch nie etwas von ihr gelesen hat, hat diese Worte von ihr schon einmal gehört. Sie stammen aus ihrem Bericht zum Prozess gegen Adolf Eichmann, dem Bürokraten des Holocaust; mit "Eichmann in Jerusalem" wurde die Denkerin weltberühmt. Doch wie stellt man ihr Denken aus? Wie zeigt man philosophische Erkenntnisse?

Das Deutsche Historische Museum (DHM) hatte mehrere Jahre Vorbereitungszeit, um sich mit der Frage zu beschäftigen, wie man das Leben einer Philosophin präsentiert, ihre geistige Entwicklung und inneren Überzeugungen darstellt. Gleichzeitig ist es durchaus eine mutige Idee, der Biografie einer Denkerin ihres Kalibers außerhalb des Jahrestagskalenders eine Ausstellung zu widmen. Umso trauriger, dass die Chance, mit Arendt im altehrwürdigen DHM Staub aufzuwirbeln, vertan wurde.

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Dabei hätten das spannende Leben Hannah Arendts, ihre widersprüchliche Persönlichkeit und ihr bis heute herausforderndes Denken dafür viele Anlässe geboten. Arendt, 1906 in Hannover geboren, lebte seit 1941 als Exilantin in den USA und erwies sich nach Kriegsende in mehrfacher Hinsicht als Grenzgängerin: zwischen zwei Kontinenten, zwischen Politik und Philosophie, zwischen Zionismus und liberalem Judentum, zwischen Heidegger und Kant.

Auf Letzteren geht Arendts Ausspruch "Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen" zurück, mit dem die Ausstellung auf Plakaten beworben wird. Mit Ersterem, dem umstrittenen Freiburger Philosophen, verband die junge Studentin Arendt eine Liebesbeziehung. In der Ausstellung findet sich ein Brief Heideggers an die 19-jährige "liebe Hannah": "Im Regensturm auf dem Rückweg warst Du noch schöner und größer. Und ich hätte mit Dir Nächte durchwandern mögen." Er schließt mit den kuriosen Worten: "Ich freu mich so auf Deine Mutter."

 
Fred Stein Archive
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Denken ohne Geländer

Es gibt noch mehr von diesen Perlen in der Ausstellung, die man aber in der Fülle der Objekte suchen muss: Mit der Anrede "Mein lieber Junge" beginnt Arendt im Juni 1968 etwa einen Brief an den damals 23 Jahre alten Daniel Cohn-Bendit, dem sie finanzielle Unterstützung im Fall von "Ungelegenheiten" anbietet: "Viel Glück, und mach's weiter gut." Ebenso interessant ist ein Pass-Ersatzdokument für Arendt aus dem Jahr 1949, das sich in ihrem Nachlass fand. Darin spiegelt sich ihre achtjährige Fluchtgeschichte aus Europa in einer knappen Tabelle.

Den Widerspruchsgeist der Philosophin atmet die Ausstellung nicht

Erhellend ist ebenfalls, dass die Ausstellung auch solche Momente in Arendts Denken zeigt, die heute irritieren: In "Reflections on Little Rock" aus dem Jahr 1957 warf die Philosophin afroamerikanischen Eltern vor, ihre Kinder für ihren eigenen Kampf zu instrumentalisieren, indem sie sie in Schulen für Weiße schickten und sie so einem Spießrutenlauf aussetzten. Arendt lehnte die letztlich vom Staat durch den Einsatz der Nationalgarde erzwungene Integration von afroamerikanischen SchülerInnen ab, weshalb ihr Kritiker bis heute vorwerfen, sie sei "bloß eine weitere rassistische westliche Philosophin" (Michael D. Burroughs).

 

Doch die Ausstellung selbst atmet nicht an einer einzigen Stelle ihren Widerspruchsgeist. Statt Arendts wagnisreichem "Denken ohne Geländer" scheint "Lenken ohne Verändern" hier das Konzept zu sein. Warum werden die BesucherInnen nicht selbst zu eigener politischer Urteilskraft angehalten (wie im wunderbaren Begleitband zur Ausstellung mit Statements von Theatermacher Milo Rau, der Philosophin Susan Neiman und der Verfassungsrichterin Susanne Baer) und zur Meinungsbildung herausgefordert?

 

Hannah Arendt beim Eichmann-Prozess: Leider atmet die Ausstellung nicht ihren Widerspruchsgeist.

United States Holocaust Memorial Museum/ Courtesy The Steven Spielberg Jewish Film Archives; Jerusalem

Tatsächlich wird Arendts oft unbequemes Denken in bequem konsumierbare Häppchen zerlegt, die vom begehbaren Biedermeiersalon der jüdischen Aufklärerin Rahel Varnhagen (1771-1833) bis zu Arendts Pelzjäckchen reichen. Selbst der Holocaust erscheint in der Schau vornehmlich im steril-weißgetünchten und schon oft gezeigten Auschwitz-Modell von Mieczysław Stobierski, das den archaischen, blutigen, schmutzigen millionenfachen Tod nivelliert und zudem Arendts Bild von der Shoah als Verwaltungsmassenmord nicht trifft.

Wer sich von Arendts Denken anstecken, von ihrer Persönlichkeit inspirieren lassen möchte, schaue sich am besten ihr legendäres Interview aus dem Oktober 1964 an. Das Gespräch mit Günter Gaus ist nicht nur Zeugnis einer längst untergegangen von gegenseitigem Respekt, wechselseitigen Interesse und innerer Ruhe geprägten Diskussionskultur, die eine beeindruckende Tiefe und fesselnde Intensität erreicht, von der eine Anne Will oder ein Frank Plasberg nur träumen können.

Es ist zugleich ein ungemein anregender Gedankenfluss, an dessen Ende Arendt auf das "Wagnis der Öffentlichkeit" zu sprechen kommt, in das sie sich als Public Intellectual immer wieder begab. Empfohlen sei auch ein Radiointerview von Joachim Fest mit Arendt aus Anlass des Erscheinens der deutschen Ausgabe von "Eichmann in Jerusalem" 1964, in dem sie über ihr Bild von den Deutschen und ihrem "kuriosen Pflichtbegriff" sprach:

"Das [...] was mir spezifisch deutsch scheint, ist diese geradezu verrückte Idealisierung des Gehorsams. Gehorchen in diesem Sinne tun wir, solange wir Kinder sind, da ist es notwendig. Da ist Gehorsam eine sehr wichtige Geschichte. Aber die Sache sollte doch im vierzehnten, fünfzehnten Lebensjahr spätestens ein Ende haben."

Auf einer der Ausstellungstafeln heißt es ganz ähnlich: "Zu einer lebendigen Demokratie, schloss Arendt, gehöre das eigene Urteil, besonders wenn es der Mehrheit widerspricht." Um an aktuelle Diskussionen anzuschließen: Hätte Hannah also Maske getragen? Die Frage darf, ja muss sich nach Arendt jeder und jede Einzelne selbst beantworten. Eine Antwort hält ihr mutiges "Denken ohne Geländer" in jedem Fall bereit.

Die Ausstellung "Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert" ist bis zum 18. Oktober im Deutschen Historischen Museum zu sehen. Aktuelle Informationen zum Besuch gibt es auf der Homepage des DHM.

 






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