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Ethik: Schuldprinzip

Die Rationalisierung des Schuldprinzips als Ursache des Fanatismus nationalistischer und religiös-fundamentalistischer Tendenzen

Die Weltkriege und Völkermorde des 20. Jahrhunderts und der religiös motivierte internationale Terrorismus zu Beginn des 21. Jahrhunderts scheinen die aus Renaissance und Aufklärung hervorgegangenen Humanitätsideale ad absurdum geführt zu haben. Diesem Problem auf den Grund zu gehen ist die größte Herausforderung geisteswissenschaftlicher Forschung heute. Ihr stellt sich der in Mainz lehrende Stephan Grätzel in seinem Buch

Grätzel, S.: Dasein ohne Schuld. Dimensionen menschlicher Schuld aus philosophischer Perspektive. 304 S., Ln., € 39.90, 2004, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen.

Er diagnostiziert solche Greuel und Menschheitsverbrechen als fanatische Reaktionen auf die liberale Unverbindlichkeit, wie sie die moderne Gesellschaft zur Koordination von Interessen (funktionierendes Gemeinwesen etc.) entwickelt hat. Sie ignoriert den existentiellen Zusammenhang von Schuld und Freiheit und generiert so einen ungeheuren Schuldkomplex: das Ergebnis eines in der Folge der Aufklärung falsch verstandenen Begriffs von „Freiheit“. Mit dieser Auslegung folgt Grätzel einer geisteswissenschaftlichen Forschungslinie, die bereits von Adorno und Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung eingeschlagen wurde.

Grätzels These lautet: Freiheit ist nicht autonom und umsonst zu haben – sie ist weder angeboren noch geschenkt – und hat doch als Grunderfordernis menschlichen Daseins zu gelten. Schuld wird wieder in ihrer existentiellen Bedeutung verstanden: als das Bewusstsein nämlich, das individuelle Sein als Verdankt- und Verschuldetsein zu wissen, verdankt und verschuldet den Vorfahren und den Nachkommen.

Freiheit wurde im Verlauf der Dogmengeschichte der christlichen „frohen Botschaft“
umfassender Vergebung und Erlösung aller (Apokatastasis) zunehmend als Verheißung individuellen Heils einiger durch Berufung oder Verdienst Auserwählter verstanden. Bis zur Ablösung dieses schon individualistischen Freiheitsbegriffs von seinem religiösen Ursprung und Kontext ist es dann, so Grätzel, nur noch ein kleiner Schritt – mit verheerenden Folgen. Denn der heutige Rationalismus lässt Schuld nur noch in Gestalt formaler Kausalität zu. als Täterschuld: Schuld wird moralisiert und zur Sünde, zum Vergehen. Für die westliche Kultur ist die angeborene oder grundsätzliche Unschuld des Einzelnen, solange er keine persönliche Verfehlung begeht, ein Dogma. Es handelt sich hier um eine Ethik der Präsenz, der die Vorstellung der Erbsünde, eines Andauerns und Übertragens von Schuld über Generationen hinweg eine ungeheuerliche, ja „menschenverachtende“ (Schnädelbach) ist. Diese Ethik der Präsenz enthält außerdem die Überzeugung, dass Schuld durch Strafe gesühnt wird oder verjährt, dass sie – so Grätzels Formulierung – durch juristische Vorgänge „gleichsam magisch“ verschwindet.

Doch diese Sühne durch Bestrafung ist nicht mehr möglich bei einer entgrenzten Schuld wie beispielsweise dem Holocaust. Für die heute lebenden Nachkommen der verurteilten und bestraften Täter und der Opfer ist diese Schuld zur geschichtlichen, zur metaphysischen, zur existentiellen Schuld geworden. Eine solche Schuld kann nur als Aufgabe der Versöhnung an die Nachkommen von Tätern und Opfern weitergereicht werden und ist erst getilgt, wenn diese Versöhnung vollzogen ist.

Vom Wissen dieser entgrenzten Schuld ist auch die in Deutschland besonders heftige Reaktion auf die Thesen Peter Singers zum Recht auf Leben begleitet und eigentlich ausgelöst worden. Die Fortschritte in Medizin und Genforschung machen eine Neubestimmung der Grenzen des Lebens erforderlich, und um die Rechtfertigung dessen, was unter Leben verstanden werden soll, wird in erbitterten Kontroversen gestritten. Die Heftigkeit der Debatten um Sterbehilfe, das Lebensrecht schwer behinderter Kinder und das persönliche Recht auf Sterben von Schwerkranken ist nach Grätzel ein Indikator für den Schuldkomplex aus dem – nicht juristisch tilgbaren – Verbrechen des Massenmordes unserer Vorfahren, welcher durch neuerliche entgrenzte Schuld der massenhaften Tötung in Labors und Sterbekliniken hochkocht.

Dieser Schuldkomplex einer „Freiheit ohne Reue, aber mit schlechtem Gewissen“ ist in einer ökonomisch-philosophischen Analyse herauszuarbeiten, die Schuld in ihrer existentiellen Bedeutung des Lebens in Geschichten und als Geschichte erkennen lässt. Existenz ist geschichtlich verdankt: in dieser Perspektive offenbart sich Schuld als das Gewissen selbst, als Folge einer zu leistenden Rückgabe im Rahmen eines umfänglichen Tausches, der das Leben darstellt. Diese gewissenhafte Verbindlichkeit, die die Schuld ist, ist von der unverbindlichen Selbstgewissheit der Moderne mit ihrer Ethik der Präsenz lediglich verdrängt worden. Diese Ethik der Präsenz, die die Verkettung mit und das Verschuldetsein gegenüber Vorgeschichte und Nachwelt negiert, machte es im 20. Jahrhundert den Ideologen leicht, eine Blut- und Bodenreligion zu entwerfen. Auch der regressive Fanatismus des islamistischen Terrors in der Gegenwart gilt so betrachtet nicht dem Materialismus der westlichen Kultur, sondern der Gewissenlosigkeit ihrer Ethik der Interessen, die aus einem Begriff von Freiheit entsteht, der weder Ehrfurcht vor dem Leben noch vor den Toten kennt.

„Dasein ohne Schuld“ als Illusion der präsentischen Ethik des Rationalismus erzeugte und erzeugt einen belastenden Schuldkomplex. „Dasein ist als solches schuldig“, wie Heidegger sagt, aber die Einsicht in die Daseinsschuld als Wissen um die geschichtliche Verfasstheit der individuellen Existenz verweist doch auf den Weg der Rechtfertigung des eigenen Lebens und der Weitergabe der existentiellen, der Daseins-Schuld im „fröhlichen Tausch“. Dies geschieht in der Nacherzählung und Fortführung der Geschichte der Vorfahren in der je eigenen Lebensgestaltung. So wird „Dasein ohne Schuld“ in einer ethischen Haltung der Solidarität möglich – und Programm. Persönliche und individuelle Freiheit sind nur dann gewährleistet, wenn sich das Ich gegenüber der Vorgeschichte gerechtfertigt und gegenüber seiner Nachgeschichte verantwortet hat. Die Aufdeckung des Zusammenhangs von Freiheit und Schuld offenbart, dass wir der Daseinsschuld nicht entrinnen.

Gibt es dennoch eine Möglichkeit, das verschuldete Dasein zu rechtfertigen und ein „Dasein ohne Schuld“ leben? Dazu muss der Schuldbegriff in seine existentielle Bedeutung als Gewissen, als Wissen um geschichtliches Verdankt- und Verschuldetsein, zurückgeführt werden. Religionen und Mythen formulieren in ihren Verstrickungen die überzeitliche Gemeinsamkeit und Solidarität des Lebens, das mythologisch aus einem Verbrechen (der Tötung eines Urwesens) hervorgeht, sie geben gleichzeitig das Mittel zur Weitergabe und Übertragung von Schuld an die Hand. Das Übernehmen und Weitergeben der Daseinsschuld in der individuellen Lebensgestaltung kann allerdings auch pathologische Gestalt annehmen, wie etwa in der Selbstzerfleischung infolge der realen Übertragung der Schuld auf sich selbst. So dokumentiert beispielsweise Levinas’ Ethik der Stellvertretung die Wiederkehr archaischer Schuld, die Ethik eines Zeitalters, das sich bei der Aufarbeitung von Großverbrechen seiner Schuld bewusst zu werden beginnt und sie als reale Schuld zu übernehmen fordert. Diese Ethik kommt aber nicht über die Anklage hinaus, erzeugt nur das Bewusstsein akuter nicht endender Daseinsschuld ohne Sühne und Erlösung. Schuld ohne Sühne aber führt in den Fanatismus.

Die gelingende Übertragung von Schuld auf einen Stellvertreter veranschaulicht die mythische Heldengeschichte. Die Bedeutung von Mythos und Metapher liegt in ihrer Wirksamkeit, Schuld zu übertragen und wegzunehmen: „Schuld… pflanzt sich in der Erzählung fort und wird durch die Erzählung entsühnt.“

Ein anonymer Rezensent im Internet findet in Grätzels Buch unschätzbare Anregungen für den Dialog zwischen Theologie und Philosophie. Diskussionen provozieren könnte beispielsweise Grätzels Vorwurf an die philosophierende Theologie, durch ihre Umdeutung der Passion als geschichtliches Ereignis die stellvertretende Übernahme, Vergeltung und damit Erlösung von der (Daseins)Schuld aus den Augen verloren zu haben.





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