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02 2019

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Jan Baedke:
Wissenschaftsphilosophie: Philosophische Probleme der Epigenetik

aus: Heft 2/2019, S. 22-31


Der Epigenetik-Boom

Im Januar 2010 titelte das Time Magazin „The age of epigenetics has arrived". Und tatsächlich ist die Epigenetik momentan eines der am schnellsten wachsenden Forschungsfelder – nicht nur innerhalb der Biologie, sondern über alle wissenschaftlichen Grenzen hinweg. So hat sich die Anzahl von Aufsätzen mit dem Titel ‚epigenetic(s)' seit dem Jahr 2000 mehr als verzehnfacht (siehe Abbildung), es werden neue Fachzeitschriften gegründet und es gibt mittlerweile ein internationales 'Human Epigenome Project'. Doch was genau ist die Epigentik und was führte zu ihrer aktuellen rasanten Entwicklung?

Als um die Jahrtausendwende die Resultate des ‚Human Genome Projects' veröffentlicht wurden gingen nicht wenige Biologen davon aus, nun das ‚Buch des Lebens' entschlüsselt zu haben. In diesem Buch lesen zu können sollte erlauben, sämtliche genetische Erkrankungen erfolgreich bekämpfen zu können. Diese Vorstellung wurde jedoch bald enttäuscht. Nicht nur ist das menschliche Genom deutlich kleiner als ursprünglich angenommen, auch zeigte sich, dass Menschen auf der Ebene ihrer DNA zu 99,9% übereinstimmen. Auf Grundlage der Gene allein konnte das ‚Buch des Lebens' also nicht gelesen werden. Etwas fehlte.

In der Folge wurde in der Molekularbiologie stärker untersucht, wie (und wann) Gene in komplexen Entwicklungssystemen abgelesen werden. Das heißt, dem intra- und extraorganismischen Kontext von Genen wurde eine wichtigere Rolle bei der Beantwortung der Frage zugesprochen, was einzelne Gene eigentlich bewirken. Der Neurobiologe Michael Meaney beschreibt dies wie folgt: „At no point in life is the operation of the genome independent of the context in which it functions" (1, S. 51-52). Demnach ist die Ausbildung bestimmter Merkmale ein Ergebnis von Interaktionen zwischen Umweltfaktoren, Entwicklungsmechanismen und dem Genom, statt ein allein von Genen bestimmter, unidirektionaler Prozess, wie es etwa das sogenannte ‚Zentrale Dogma' der Molekularbiologie suggeriert. Diese neue Perspektive, in der die kausale Vorherrschaft des Gens durch die Betonung der Umwelt von Genen bei der Realisierung genetischer Information abgelöst wird, wird allgemein als Postgenomik beschrieben (2).

Insbesondere die Epigenetik macht sich diese postgenomische Perspektive zu eigen. Im Anschluss an ältere Studien des britischen Entwicklungsbiologen Conrad Hal Waddington (der den Begriff der Epigenetik in den 1930er und 40er Jahren in einer etwas anderen Weise geprägt hatte (3)) untersucht die moderne Epigenetik solche molekularen Mechanismen (z. B. DNA-Methylierungen), die regulieren, wie Gene in der Individualentwicklung aktiviert werden. Diese epigenetische Aktivierung (oder eben Stummschaltung) von Genen wird von einer Reihe von organismischen Faktoren und Umweltfaktoren, wie Ernährung, Stress oder Umweltgifte, beeinflusst. Zudem erforscht die Epigenetik, wie diese Genregulationsmechanismen Entwicklungsschicksale beeinflussen und so etwa Krebs, (Zell-)Alterung, Fettleibigkeit, Schizophrenie, und Autismus verursachen. Schlussendlich konzentriert sich die Epigenetik darauf, wie epigenetische Regulationsfaktoren über interindividuelle Vererbungspfade, z.B. bei Menschen über die Plazenta der Mutter (4), transgenerationellen Einfluss auf Folgegenerationen ausüben können. Damit wird dem Organismus und seiner Umwelt eine neue besondere Rolle dabei zugesprochen, welche Gene abgelesen und Merkmale (bzw. Krankheiten) ausgebildet und vererbt werden.

(Abbildung in der Printausgabe: Relative Häufigkeit von Aufsätzen deren Titel „epigenetic(s)" beinhaltet im ISI Web of Knowledge, 1950-2015. Ein Index von 1 bedeutet, dass für 100 veröffentlichte Titel, die das Wort „genetic(s)" beinhalten, ein Titel mit dem Word „epigenetic(s)" veröffentlicht wird. Bis zum Jahr 2000 gab es jährlich weniger als 100 Artikel zur Epigenetik, 2015 waren es schon mehr als 2400.)

Insbesondere der letzte Schwerpunkt zu epigenetischer Vererbung stellte sich in den letzten Jahren als besonders wirkungsmächtig heraus (5, 6, 7, 8). Hier wird ein Begriff von Vererbung entwickelt, der nach der eigenständigen (d. h. gen-unabhängigen) Vererbbarkeit von Variationen in Genregulationsmustern fragt. Genregulierende Entwicklungsprozesse werden damit zugleich auch als Vererbungsprozesse konzeptualisiert. Mit anderen Worten, Entwicklung und Vererbung fallen zusammen. Von den Genen unabhängige phänotypische Variationen können damit nicht nur die Individualentwicklung sondern, so die weitere These, auch über andere Vererbungspfade den Gang der Evolution beeinflussen (6).

Diese neue epigenetische Forschungsperspektive wirft eine Reihe von grundlegenden Fragen in den Biowissenschaften auf, etwa nach der Rolle der Entwicklung für die Evolution. Mehr aber noch sieht sich die Epigenetik mit schwierigen wissenschaftstheoretischen Herausforderungen konfrontiert – etwa bezüglich der Frage nach dem neuen kausalen Status von Genen bzw. des organismischen Kontexts oder bzgl. der Einführung neuer wissenschaftlicher Erklärungsstandards in die Biologie. Hinzu kommen neuartige Herausforderungen anthropologischer Art – etwa dazu, welches nicht-genzentrierte Verständnis der biologischen Identität des Menschen diese Forschung anregt – sowie ethischer Natur – etwa dazu, wer die Verantwortung für epigenetische Transmissionsprozesse, z. B. von der Mutter auf das Kind, übernehmen soll. Werfen wir nun einen Blick auf jede einzelne dieser Herausforderungen.

Wissenschaftshistorische und -theoretische Fragen

In ihrer radikalsten Ausprägung plädiert die Epigenetik für (a) eine Relativierung genetischer Kausalität und (b) die Auflösung dualistischer Trennungen, wie der zwischen Entwicklung und Vererbung. Beide Thesen widersprechen damit Positionen, die sich im Laufe des 20. Jahrhunderts als feste Forschungsparadigmen der Biologie ausgebildet haben.

(a) Obgleich die wichtige kausale Rolle nicht-genetischer Faktoren und Umweltfaktoren für die Individualentwicklung schon lange anerkannt ist, gilt dies nicht in gleichem Maße im Kontext von Vererbungs- und Evolutionsprozessen. So etablierte sich seit den 1930er Jahren die Sicht – heute bekannt als die Synthetische Evolutionstheorie bzw. ‚Moderne Synthese' – dass das Gen die zentrale Einheit ist, an der man Vererbung und evolutionären Wandel studieren sollte. Hinzu kam, mit dem Aufstieg der Molekularbiologie, die Möglichkeit, diese kausale Einheit mit zunehmender Präzision auch materiell – nämlich als DNA – zu identifizieren. Seit den 1960ern etablierte sich dann die soziobiologische These, dass Gene (nicht etwa Organismen) die in der Evolution selektierten Einheiten sind (9). Im Gegensatz dazu verteidigt die Epigenetik ein komplexeres Bild der kausalen Beziehung zwischen Gen und Merkmal (also Geno- und Phänotyp) bzw. ein dezentrales Kausalmodell von Vererbungssystemen, nach dem nicht nur Gene, sondern auch epigenetische Regulationsmechanismen unabhängig vererbt und selektiert werden können.

 

(b) Diese Perspektive geht in der Epigenetik oft mit der These einher, dass die gleichen Genregulationsmechanismen die Entwicklungsprozesse steuern auch Einheiten von Vererbung sein können – so haben insbesondere Tierstudien gezeigt, dass z. B. nicht nur zwischen Körperzellen, sondern scheinbar auch über die Keimbahn Aktivitätsmuster von Genen z. T. unabhängig weitergegeben werden können. Und da diese Aktivitätsmuster hochgradig abhängig von Umweltbedingungen sind (etwa einer bestimmten Ernährung) haben manche Biologen jüngst die historische These vertreten, epigenetische Vererbung könne als lamarckistische Vererbung erworbener Eigenschaften begriffen werden (5, 10) – bis heute ein Novum in der Biologie. Denn eine Ratte, der man den Schwanz abtrennt, vererbt diese Eigenschaft nicht an ihre Nachkommen. So stellte einst Richard Dawkins fest: "A return to the theory of evolution that is traditionally attributed to Lamarck [...] is one of the few contingencies for which I might offer to eat my hat" (11, S. 164). Ob man dieser historischen Lamarckismus-These mancher Epigenetiker und Wissenschaftshistoriker nun folgen mag oder nicht (zu letzterer Position vgl. 12), Fakt ist, dass Entwicklungsprozesse nach langer Zeit wieder stärker berücksichtigt werden müssen, will man Vererbungs- und Evolutionsprozesse verstehen.

Mit diesen historischen Entwicklungen (a) und (b) gehen interessante wissenschaftstheoretische Herausforderungen einher. Dies ist insbesondere die Frage, welche Grundvorstellung von Kausalität und kausaler Erklärung die Epigenetik in die Biologie einführt, weist sie doch in umfassenden´m Maße bisher unberücksichtigten Faktoren neue kausale Rollen zu. Mit anderen Worten, wie lässt sich eine Abkehr von einem zentralisierten Kausalmodell der Biologie – mit dem Gen als wichtigster Faktor (d.h. als entscheidender ‚difference maker', 13) – hin zu einem dezentralen Modell – das Faktoren auf höheren Organisationsebenen des Organismus und der Umwelt mehr kausale Relevanz zuspricht – konzeptualisieren?

Zur Beantwortung dieser Frage muss zunächst geklärt werden, was ein Gen eigentlich ist, und wo die Grenzen des Genbegriffs liegen. Neue Erkenntnisse etwa zu überlappenden DNA-Abschnitten oder nicht-transkribierender DNA haben dieses Vorhaben jedoch deutlich verkompliziert. Hinzu kommt im Hinblick auf die Epigenetik, dass epigenetische Genregulationsprozesse auch von Genen gesteuert werden. Ein Gen codiert also wie ein anderes abgelesen wird. Wie passt das mit der These kausaler Unabhängigkeit dieser Regulationsprozesse zusammen? Sind auch epigenetische Prozesse letztendlich immer genetisch determiniert, wie manche orthodoxe Biologen behaupten (14)?

Um die kausale Eigenständigkeit von umweltinduzierter epigenetischer Variation (etwa ein durch Stress in der frühen Embryonalentwicklung ausgelöstes neues Muster von an- und -abgeschalteten Genen) begründen zu können, bedarf es einer Theorie kausaler Erklärung, die solche Veränderungen auf höheren Organisationsebenen als eben kausale begrifflich fassen kann. Gegenüber traditionellen Erklärungstheorien, die den Erklärungswert tieferliegender genetischer Mechanismen betonen, werden jüngst in der Philosophie der Biologie einige solche Theorien höherer Kausalität diskutiert (15) und auf epigenetische Verursachung und Kausalerklärung angewendet (8).

Andere Biophilosophien argumentieren, dass man gegen den einseitigen explanativen Fokus auf das Gen eine neue Methodologie in der Biologie entwickeln muss – diese soll immer mit der Vorannahme starten, dass eine kausale Gleichheit (‚causal parity' oder ‚causal democracy') zwischen der DNA und anderen epigenetischen Faktoren und Umweltfaktoren vorliegt (16). Dies soll jede Einseitigkeit biologischer Kausalerklärung im Vornherein verhindern. Dieser Ansatz, so wünschenswert er auch sein mag, setzt allerdings auf ontologischer Ebene voraus, dass es so etwas wie eine gemeinsame Währung gibt, in der wir den Einfluss von jedem dieser sehr verschiedenen Faktoren auf ein bestimmtes Phänomen bemessen und vergleichen können und dass wir die Wirkung dieser Faktoren strikt voneinander trennen und addieren können. Ob es allerdings eine solche gemeinsame ‚kausale Währung' gibt, die es erlaubt, die kausale Bedeutung einzelner Faktoren objektiv und unabhängig voneinander zu erfassen ist jedoch fraglich (17).

Wieder andere Autoren versuchen die Vorherrschaft des Gens durch die Forderung zu brechen, dass Gene in der Biologie nicht als Startpunkt linearer Kausalprozesse in der Entwicklung und Evolution begriffen werden sollen, sondern als ein Bestandteil von Zyklen mit kausaler Reziprozität (‚causal reciprocity', 18). Genetische und epigenetische Entwicklungsprozesse formen demnach Umweltprozesse (z.B. ein bestimmtes Aufzuchtverhalten von Organismen gegenüber Nachkommen), die dann wieder (z.B. selektierend) auf Entwicklungsprozesse (etwa der Nachkommen) rückwirken. Eine solche zyklische Kausalperspektive wird aktuelle als Ausgangspunkt genommen, um die genzentrierte Moderne Synthese mit ihrer strikten Trennung von Entwicklung und Evolution entscheidend zu erweitern. Die Notwendigkeit einer solchen, sogenannten ‚Erweiterten Evolutionären Synthese' (‚Extended Evolutionary Synthesis', 19) – in der die Epigenetik ein wichtiger Bestandteil ist – wird momentan in der Biophilosophie und Evolutionstheorie heiß diskutiert. Ein unbeantwortetes wissenschaftstheoretisches Problem bei dieser theoretischen Erweiterung ist allerdings, dass es bislang an Kriterien und Standards fehlt, um Daten und Erklärungen der Epigenetik zu Entwicklungs- und Vererbungsprozessen in das bestehende genzentrierte Forschungsprogramm der Evolutionstheorie zu integrieren.

Anthropologische Herausforderungen

Die Epigenetik verteidigt einen weiteren, nicht nur auf Gene fokussierten Vererbungsbegriff und einen stärker auf Entwicklungsprozesse und die Interaktion zwischen Organismus und Umwelt ausgerichteten Blick auf Evolution. Dieser epigenetische Trend ‚weg vom' Gen und ‚hin zum' Organismus als sich entwickeltes und mit seiner Umwelt eng verbundenes Ganzen bringt allerdingt nicht nur wissenschaftstheoretische Herausforderungen mit sich. Auch birgt er das Potential, unser Verständnis der biologischen Identität des Menschen nachhaltig zu verändern.

Epigenetische Studien zur gezielten Induzierung bestimmter Merkmale und der quasi-lamarckistischen Vererbung dieser Merkmale ohne Veränderung des Genotyps wurden in den letzten Jahren an verschiedenen Modellorganismen aber eben auch am Menschen durchgeführt. Die Agenda dieser Humanstudien befasst sich mit der Entwicklung und Vererbung von physiologischen und kognitiven Eigenschaften, wie Krebs, Diabetes und Autismus, die, so zeigt sich, in frühkindlichen Entwicklungsphasen etwa durch eine bestimmte Ernährung, Stress oder Umwelttoxine induziert werden können. Es handelt sich dabei insbesondere um epidemiologische Studien, die sich auf drastische soziale Einschnitte in der Biographie (oft mehrerer Generationen) von Probanden konzentrieren – bestmöglich in kritischen Phasen in der frühen Kindheit, in der das Genom besonders Anfällig für eine Veränderung der Genaktivität ist.

Es handelt sich dabei um so unterschiedliche Ereignisse wie Gewalt gegenüber Müttern während der Schwangerschaft oder die Hungersnot in den Niederlanden im Kriegswinter 1944/45. Oft werden Fälle von sogenannter ‚sozialer Programmierung' untersucht. Dies bedeutet, dass die Verfügbarkeit und Interaktion mit materiellen und sozialen Ressourcen in einen direkten Kausalzusammenhang mit physiologischen und psychischen Eigenschaften gestellt wird. So soll etwa der sozioökonomische Status von Kindern (als ‚privilegiert' oder ‚benachteiligt'), welche innerhalb einer Woche im Jahr 1958 in Großbritannien geboren wurden, die Aktivitätsmuster des Genoms (und damit bestimmte Krankheitsdispositionen) im Erwachsenenalter stärker bestimmen, als der spätere sozioökonomische Status im Erwachsenenalter (20).

Solche Humanstudien werden oft als Teil einer neuen sozialen Biologie (‚social biology') begriffen (21). Diese beinhaltet eine ‚Biologisierung' des Sozialen – explizit eine ‚Molekularisierung' der Biographie und des sozialen Milieus (22). So wird hier etwa der nach ökonomischen, institutionellen und soziokulturellen Kriterien gefasste Milieubegriff Pierre Bourdieus entscheidend erweitert. Das Milieu geht dem sozialen Akteur nun im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut. Es bildet den Rahmen seines molekular beschreibbaren Habitus, der biologisch über Generationen weitergegeben werden kann. Auch wenn dieser neue Biologisierungstrend nicht länger ein gendeterministisches Menschenbild impliziert, es gilt: Soziale Phänomene werden erneut durch die biologische Brille betrachtet.

Diese verschwimmenden Grenzen zwischen Biologischem und Sozialem bringen weitere anthropologische Herausforderung für unser Verständnis des menschlichen Organismus und letztendlich unseres Körpers mit sich. So argumentiert Jörg Niewöhner, dass im Rückgriff auf die aktuellen Forschungsergebnisse der Epigenetik, die moderne Biologie einen neuen Körperbegriff entwickelt – den des eingebetteten Körpers (‚embedded body', 22). Demnach ist der individuelle Körper nicht länger eine genetisch programmierte, durch das Gehirn des Einzelnen gesteuerte und durch die Haut begrenzte maschinenähnliche Einheit, sondern eine offene und dynamische Entität, die nicht in Isolation von ihrer materiellen und sozialen Umwelt gefasst werden kann. Darüber hinaus ist der Körper in verschiedene Zeithorizonte – von seiner evolutionären, über transgenerationellen bis ontogenetischen Vergangenheit – eingebunden, die sich gleichzeitig in ihn (bzw. seine Gegenwart) einschreiben.

Angesichts eines solchen raumzeitlich offenen Körperbegriffs kann gefragt werden, welchen Einfluss die Epigenetik auf den Begriff der biologischen Identität von Lebewesen im Allgemeinen und von Menschen im Besonderen hat. Giovanni Boniolo und Giuseppe Testa gehen etwa davon aus, dass epigenetische Forschungsergebnisse hilfreich sind, zu spezifizieren, wer (oder was) ein Lebewesen ist – also welche Eigenschaften es besonders und anders in Abgrenzung von anderen macht – und wie es sich selbst erhält im Laufe der Zeit – also welche Eigenschaften es als gleiches Lebewesen auszeichnen, obwohl andere seiner Eigenschaften sich geändert haben (23). Letztere Frage betrifft das alte philosophische Problem diachroner Identität, also z. B. das Phänomen, dass ein Embryo und ein adulter Organismus das gleiche Lebewesen zu verschiedenen Zeitpunkten sein können.

Boniolo und Testa argumentieren, dass die Epigenetik uns eine Antwort auf beide Probleme liefert. Ansatzpunkt dafür sollen nicht einzelne phänotypische (inklusive mentale) identitätsstiftende Eigenschaften sein, sondern der ganze Phänotyp, der in einem umweltsensitiven Prozess epigenetischer Genregulation erzeugt wird und sich über die Zeit als robustes Entwicklungssystem durchhält. Diese Robustheit schließt mit ein, dass z. B. eine Leberzelle nach ihrer epigenetisch ‚programmierten' Entwicklung über sehr viele Zellteilungen hinweg dem Organismus als eben solche erhalten bleibt. Die synchrone Identitätsbestimmung eines Lebewesens ergibt sich dann aus dem Status des ganzen Phänotyps abhängig von dessen epigenetischer Historie. Und die diachrone Identität von Lebewesen ist somit die Kontinuität des gesamten Phänotyps (nicht Teilen von ihm) von einem Punkt in der Zeit zu einem anderen, ermöglicht wiederum durch die Kontinuität epigenetischer Prozesse.

Wenn aber in diesem Sinn die epigenetische Historie bzw. deren Kontinuität als zentrales identitätsstiftendes Merkmal von ein- und vielzelligen Lebewesen ausgemacht wird, muss auch gefragt werden, wie mit Fällen transgenerationeller Kontinuität epigenetischer Prozesse (d.h. epigenetischer Vererbung) umgegangen werden soll, bei denen in einer (oder mehreren) nächsten Generation(en) ein ‚alter' Phänotyp stabil wiederhergestellt wird. So impliziert diese Position von Boniolo und Testa doch auch, dass die Identität von Lebewesen zeitlich nicht mehr strikt an Generationszyklen gebunden ist – ein radikal neuartiges (und zumindest kontraintuitives) Identitätsverständnis in Bezug auf den Menschen.

Ethische Herausforderungen

Vor dem Hintergrund dieser Diskurse über ‚offene' Körper und generationenüberspannende Identität, entstehen auch ethische Fragen dazu, was angemessene individuelle und kollektive Handlungsentscheidungen sind, die sich auf epigenetisches Wissens stützen, sowie wer die Verantwortung für epigenetische (Re-)Programmierungshandlungen von Körpern übernehmen sollte.

Diese Probleme erwachsen aus der Tatsache, dass der Grad der Offenheit von epigenetischen Entwicklungsprozessen im Einzelfall stark schwankt. So werden epigenetische Marker von Biologen als (selbst im adulten Organismus noch) ‚potentiell reversible' aber auch als ‚langanhaltend' beschrieben. Das Spektrum reicht also von epigenetischer Plastizität bis epigenetischem Determinismus (24). Entlang diese Spektrums werden aktuell in der inner- und außerakademischen Öffentlichkeit verschiedene Fälle von und Handlungsmodelle zu epigenetischer Körperveränderung diskutiert. Etwa wenn elterliche Handlungsentscheidungen die phänotypische Entwicklung ihrer Kinder (und Enkel) unwiderruflich prägen oder wenn die eigene sozioökonomische Nische Krankheitsdispositionen in Folgegenerationen einschreibt. Diese Perspektive tritt in öffentlichen Debatten etwa in Form von Zeitungstiteln wie ‚Babies born into poverty are damaged forever before birth' zu Tage (25). Die Gegenposition betont die Reversibilität epigenetischer Marker und damit ein Bild von Entwicklung, das dem handelnden menschlichen Individuum eine gewichtige Funktion zugeschreibt. Dies schließt insbesondere die Möglichkeit der Verbesserung eigener Kompetenzen und Talente mit ein – sei es durch eine pharmakologische Intervention oder eine bestimmte Ernährung, besondere elterliche Fürsorgepraktiken oder Stressvermeidung.

An dieser Stelle muss allerdings gefragt werden, wer genau die Verantwortung für solche (insbesondere transgenerationelle) Verbesserungshandlungen tragen sollte (26). Dabei ist festzuhalten, dass dem (aktuell noch begrenzten) Wissen um epigenetische Regulationsprozesse nicht per se eine handlungsweisende Norm der Art ‚Gesundheit muss gefördert, Fürsorge erzeugt und Stress vermieden werden' entspringt (27). Entgegen der von manchen Autoren aufgestellten Behauptung, dass die Epigenetik zu einer aktuellen ‚Moralisierung der Biologie' beitrage (28), verpflichtet epigenetisches Faktenwissen weder zur Normerfüllung noch zur Verantwortung. Dieses spezifische Wissen bedarf immer weiterer normativer Prämissen, um einem naturalistischen Fehlschluss auf dem Weg vom Deskriptiven zum Normativen zu entgehen. Als eine solche Prämisse kann die Norm ‚Gesundheit muss gefördert, Fürsorge erzeugt und Stress vermieden werden' selbst gelten.

Doch wer übernimmt nun Verantwortung gegenüber dieser Norm bzw. verpflichtet zur Normerfüllung, wenn es die Epigenetik nicht selbst tut? Handelt es sich um Eigenverantwortung, wie manche Autoren argumentieren (29), und wenn ja, wodurch zeichnet sich diese aus? Anknüpfend an Niklas Luhmanns Analyse des Verantwortungsbegriffs, nach dem Gefahr und Risiko voneinander zu unterscheiden sind – ein zu vermeidender Schaden wird im ersten Fall durch eine Naturgewalt im letzteren durch eine Handlung ausgelöst – hinterfragt etwa Sebastian Schuol, ob durch die Epigenetik wirklich eine neue Form der Eigenverantwortung zur Krankheitsvermeidung entsteht (27). War Krankheit doch bisher eine Gefahr und ist nun, als Objekt möglicher individueller Manipulationshandlungen, ein Risiko. Dies würde konkret bedeuten: Hat man Adipositas oder Krebs ist man nun selbst dafür verantwortlich. Die daraus erfolgende psychische Belastung des Individuums wird zusätzlich noch verstärkt, vergegenwärtigt man sich, dass die eigenen Handlungen transgenerationelle Konsequenzen haben können. Waren in diesem Modell die eigenen Eltern bisher nicht schuld an einer genetischen Vererbung zur Disposition von Krebserkrankungen, kann das epigenetische Wissen um mögliche Weichenstellungen bei der Vermeidung von Krebserkrankungen nun aber das handelnde Individuum – etwa die Mutter – sowohl als Subjekt von Verantwortung als auch von Schuld erscheinen lassen.

Angesichts dieser Belastung des Individuums und u. a. aufgrund der lediglich stochastischen Wirkkraft menschlicher Handlungen auf die komplexen Prozesse epigenetischer Entwicklungssysteme, sprechen sich Bioethiker im akademischen Epigenetikdiskurs vermehrt gegen das Konzept epigenetischer Eigenverantwortung aus. Es wird erweitert zu einem Netz von kollektiver Verantwortung (27, 30). Im Einklang mit der postgenomischen Perspektive der Epigenetik, in der Entwicklungssysteme nicht-lineare Prozesse mit vielen Faktoren statt hierarchisch strukturierte, lineare Prozesse aufweisen, muss, wie bereits oben erwähnt, auch der Akteur Mensch als ‚eingebettet' in ein komplexes kausales Wirkgefüge begriffen werden. Nur in Gemeinschaft mit Anderen, so scheint es, kann der Einzelne aktiv Verbesserungshandlungen seiner Umwelt und damit von sich selbst durchführen und Verantwortung übernehmen. Damit werden sozialpolitische Steuerungsinstanzen von Staaten und internationalen Gemeinschaften zu wichtigen Verantwortungsträgern epigenetischer Verbesserungsbestrebungen. Sie stehen nach dieser Interpretation in der Pflicht durch die Bereitstellung entsprechender materieller und sozialer Ressourcen Grundvoraussetzung dafür zu schaffen, dass das Individuum – der Bürger – seine eigene soziale, ökonomische und kulturelle Entwicklungsnische so formen kann, dass die Induzierung von bestimmten Krankheitsdispositionen in Folgegenerationen vermieden und moralische Normen erfüllt werden.

Auch wenn die Epigenetik momentan boomt, so muss gleichzeitig immer klar sein: Vieles in diesem jungen Forschungsfeld ist noch ungewiss. Gleichwohl hat das Feld in den letzten Jahren durch eine Reihe von einflussreichen Grundlagenstudien zu transgenerationeller epigenetischer Vererbung und etwa in der Krebsforschung einen zunehmenden Einfluss auf den biowissenschaftlichen Mainstream ausüben können. Auch ist ein stark wachsendes Interesse der Biomedizin und Pharmakologie für epigenetische Mechanismen zu verzeichnen.

Angesichts der facettenreichen und rasant zunehmenden diskursiven Verbreitung des epigenetischen Forschungsprogramms innerhalb und außerhalb der Wissenschaften ist die Philosophie dazu aufgefordert, Lösungsansätze für wichtige wissenschaftstheoretische Problemen in diesem Trend – etwa zur Präzisierung zentraler Konzepte (wie dem Genbegriff) oder wissenschaftlicher Erklärungsstandards – zu entwickeln. Darüber hinaus sieht sich die Epigenetik mit neuartigen Herausforderungen anthropologischer und ethischer Natur konfrontiert, die nicht aus ihr selbst heraus adressiert werden können; etwa zum Verhältnis von Biologischem und Sozialem, zur biologischen Identität des Menschen sowie zur Verantwortung für epigenetischer Modifikationshandlungen. Diese und andere Fragen und Herausforderungen stoßen aktuell ein neues Forschungsfeld auf – eine ‚Philosophie der Epigenetik' – in dem es viel zu tun gibt.

UNSER AUTOR:

Jan Baedke ist promovierter Philosoph und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie I der Ruhr-Universität Bochum. Zum Thema ist von ihm das Buch Above the Gene, Beyond Biology: Toward a Philosophy of Epigenetics (University of Pittsburgh Press, 2018) erschienen.

Die Literaturangaben gemäß Nummerierung finden Sie auf der Frontseite unserer Homepage

www.information-philosophie.de




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