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04 2019

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Donata Romizi:
Philosophische Praxis – Eine Standortbestimmung

aus: Heft 4/2019, S. 86-93
 
 
Was ist Philosophische Praxis?
 
Die Philosophische Praxis – 1981/82 von Gerd Achenbach mit diesem Namen institutionalisiert, aber im Grunde schon immer Teil der Philosophie – ist mittlerweile fast 40 Jahre alt. Sie umfasst zwei Hauptbereiche: die philosophische Beratung und das Philosophieren in der Öffentlichkeit bzw. mit „Laien“. In diesem zweiten Sinne fungiert mittlerweile „Philosophische Praxis“ als eine hilfreiche Sammelbezeichnung, um auch Formen des Philosophierens unter ein Dach zu bringen, die unabhängig vom Achenbachschen Konzept entstanden – wie z. B. das Philosophieren mit Kindern, das Philo-Café oder das Neo-Sokratische Gespräch. Schließlich gehört zum Philosophieren in der Öffentlichkeit auch das Verfassen von philosophischen Büchern, die den Anspruch haben, allgemeinverständlich aber nicht oberflächlich zu sein.
 
In einer solchen systematischen Ordnung hat sich mittlerweile gut herauskristallisiert, was eine Philosophin oder ein Philosoph anbieten kann, die/der freiberuflich arbeiten will. Der Natur der Philosophie gemäß herrscht allerdings unter Philosophie-Praktiker*innen noch viel Uneinigkeit bezüglich des „Wie“: Wie eine philosophische Beratung zu führen sei, welcher Ansatz beim Philosophieren mit Kindern am sinnvollsten sei, wie aus einem Meinungsaustausch im Kaffeehaus ein philosophisches Gespräch werden soll usw. Es bleibt außerdem noch viel Freiraum, um neue Formen der Philosophischen Praxis zu konzipieren, zu praktizieren und zu überprüfen – was den Reiz dieser Philosophierichtung ausmacht. Denn es stellen sich dabei auch immer wieder Fragen, deren Grundsätzlichkeit ein philosophischer Geist lieben muss: Was ist Philosophie? Wie ist Philosophie als Praxis zu denken? Wie verhält sich die Philosophische Praxis zur Ethik? Welche Formen der Philosophischen Praxis sind genuin philosophisch? Was macht ein philosophisches Gespräch aus? Welches Menschenbild steckt darin? Usw.
 
Philosophische Praxis international
 
Nicht nur hat die Philosophische Praxis in den letzten Jahrzehnten an Konturen gewonnen, sie hat sich auch weltweit etabliert. Fast überall in Europa, in Süd- wie in Nordamerika, in Japan, in Korea, in Indien, in Israel usw. existieren nationale und transnationale Vereine und Gesellschaften für Philosophische Praxis. Mittlerweile kann von einer lebendigen internationalen community gesprochen werden, die seit 1994 alle zwei Jahre an stets wechselnden Orten auf einem Weltkongress (International conference on philosophical practice, ICPP) zusammenkommt. Die letzten Weltkongresse haben z. B. in Belgrad, in Bern und in Mexico City stattgefunden; der nächste wird 2020 in Moskau abgehalten werden. Auch gibt es für den theoretischen Austausch unter Praktiker*innen etablierte peer-reviewed journals, wie z.B. HACER oder die Journal of the American Philosophical Practitioners Association sowie die Jahrbücher der Internationalen Gesellschaft für Philosophische Praxis. Die internationale Webseite The Philo-Practice Agorabietet ebenfalls einen Raum für den Austausch der Philosophie-Praktiker*innen weltweit, sowie einen guten Einblick über die Vielfalt ihrer Ansätze und Tätigkeiten.
 
„Schulen“ in der Philosophischen Praxis
 
Ein klares Zeichen dafür, dass sich die Philosophische Praxis als Disziplin etabliert, ist die Entstehung von „Schulen“ – ähnlich wie z.B. in der Psychotherapie. Rund um eine bekannte Persönlichkeit bildet sich eine Gruppe, die nach einer spezifischen, erkennbaren Methode arbeitet, und die ein Gefühl der Zugehörigkeit entwickelt. Die Schule tendiert dann dazu, den Anspruch zu erheben, die „echte“ Philosophische Praxis anzubieten – was in der meistens offenen und dialogorientierten community der Philosophie-Praktiker*innen mit Skepsis begegnet wird und ohnehin zu Streiten zwischen Schulen führt. Eine kurze Beschreibung von zwei Hauptschulen mag jedenfalls zeigen, wie breit das Spektrum der Auffassungen der Philosophischen Praxis ist.
 
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