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04 2019

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Jean Moritz Müller:
Motivierende Gründe. Aktuelle Probleme und Kontroversen

aus: Heft 4/2019, S. 16-28

 

Beweggründe in der Philosophie

Wenn wir wissen wollen, warum eine Person etwas Bestimmtes tut, glaubt, sich wünscht oder fühlt, so fragen wir in der Regel nach ihren Gründen. Wir interessieren uns dafür, aus welchem Grund jemand eine bestimmte politische Partei unterstützt, davon überzeugt ist, dass der 1. FC Köln wieder aufsteigen wird oder sich vor der bevorstehenden Begegnung mit dem Vorgesetzten fürchtet. Oft geht es uns dabei um die Frage, ob die betreffende Handlung oder Einstellung gerechtfertigt ist: wir möchten wissen, ob die Gründe, aus denen jemand etwas tut (glaubt, sich wünscht, fühlt), auch gute Gründe für ihre Handlung oder Einstellung sind. In vielen Fällen interessieren uns aber zunächst auch einfach ihre Gründe als solche: wir wollen verstehen, was sie motiviert oder ihr Anlass dazu gibt, etwas Bestimmtes zu tun (zu glauben usw.).

Gründe, aus denen Personen handeln oder bestimmte mentale Einstellungen (Überzeugungen, Vermutungen, Wünsche, Emotionen) haben, werden in der aktuellen philosophischen Diskussion mit dem etwas technisch anmutenden Ausdruck ‚motivierende Gründe‘ (engl. motivating reasons) belegt. Er entspricht dem alltäglichen Begriff eines Beweggrundes oder Motivs. Der motivierende Grund einer Person für eine bestimmte Handlung (mentale Einstellung) ist das, aufgrund oder angesichts dessen sie diese Handlung ausführt (diese Einstellung hat). Alternativ lässt er sich bestimmen als das, dem begegnend die Person die Handlung vollzieht (Einstellung hat). Wenn Paula angesichts der schnippischen Bemerkung ihres Kollegen das gemeinsame Mittagessen für beendet erklärt, so ist die Bemerkung des Kollegen der motivierende Grund ihrer Reaktion. Dieser Grund lässt sich Paula auch zuschreiben, indem wir sagen, dass sie der schnippischen Bemerkung begegnet, indem sie das Mittagessen für beendet erklärt.

Die Beschäftigung mit motivierenden Gründen hat vor allem in der praktischen Philosophie Tradition. So wird etwa die ethische Frage, was eine Handlung moralisch wertvoll macht, üblicherweise mit dem Verweis auf die Beweggründe des Akteurs beantwortet: eine Handlung ist genau dann moralisch wertvoll, wenn sie aus den richtigen moralischen Gründen vollzogen wird. Die theoretische Relevanz des Begriffs des Beweggrundes in der praktischen Philosophie beschränkt sich allerdings nicht auf die Untersuchung moralischer Handlungen. So ist es einer verbreiteten Auffassung zufolge für eine jede Handlung als solche wesentlich, dass sie motivierende Gründe hat: Handlungen unterscheiden sich genau dadurch von anderen Verhaltensformen wie Reflexen und einfachen Ausdrucksreaktionen (z. B. Lächeln, Stirnrunzeln), dass sie aus bestimmten Gründen vollzogen werden.

Seit einiger Zeit sind motivierende Gründe auch in der theoretischen Philosophie ein zentraler Untersuchungsgegenstand, obzwar die Terminologie dort gelegentlich eine andere ist. In der zeitgenössischen Erkenntnistheorie beschäftigen sich viele Autorinnen und Autoren mit den Gründen, aus denen Personen Überzeugungen bilden, um auf diesem Wege zu einem besseren Verständnis der Bedingungen einer gerechtfertigten Überzeugung zu gelangen. Blickt man auf die Forschungslandschaft in der analytischen Philosophie insgesamt, so ist aktuell auch ein ausgeprägtes Interesse am Austausch zwischen praktischer und theoretischer Philosophie beobachtbar. Viele vormals isoliert geführte Teildiskussionen – auch zur Rechtfertigung von Überzeugungen – werden nun in einem breiteren, interdisziplinären Rahmen geführt. Dass sich innerhalb der theoretischen Philosophie bislang in erster Linie die Erkenntnistheorie intensiv an diesem Dialog beteiligt, sollte allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass zur Gründe-Thematik auch in anderen theoretisch-philosophischen Bereichen geforscht wird. Das gilt insbesondere für die Philosophie des Geistes, die sich seit langem mit der Struktur alltäglicher Erklärungen von Handlungen und Einstellungen auseinandersetzt, um eine Antwort auf die Frage zu geben, wie sich das alltagspsychologische Verständnis einer Person zu der in den Naturwissenschaften erzielten Art von Verständnis verhält. Festzustellen ist gleichwohl, dass der Begriff des Beweggrundes im aktuellen geistesphilosophischen Diskurs bisher nicht so selbstverständlich zur Anwendung kommt wie in Handlungs- und Erkenntnistheorie. Das kann zum Teil an naturalistischen Bestrebungen liegen, die sich aus dem wachsenden Anspruch an einen engen Austausch mit der Kognitionswissenschaft ergeben und dazu führen, dass man sich dort stärker an den begrifflichen Ressourcen der empirischen Nachbardisziplinen orientiert als an vortheoretischen und klassischen handlungstheoretischen Begrifflichkeiten. Auffällig ist sicherlich, dass die gegenwärtig in Ethik, Handlungstheorie und Erkenntnistheorie verbreitete Taxonomie verschiedener Arten von Gründen (siehe nächster Abschnitt) in der Philosophie des Geistes noch nicht in gleichem Maße etabliert ist und der Begriff eines Beweggrundes von verwandten Begriffen nicht immer klar unterschieden wird.

 

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