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Reale

Clément Rossets Ontologie des Realen

Das vollenete Ereignis hat zwei Quellen   oder zwei Realitätsebenen: seine rechtmäßige Wahrheit, die nicht zum Sein kommt oder das Sein verfehlt, und seine faktische Wahrheit, die sich nur durchsetzt, indem sie das Recht der ersteren usurpiert. Diese Verdoppelung des Realen wird in Gesang XX der   Ilias durch die Götter personifiziert, die direkt in das Schlachtgeschehen eingreifen und unsichtbar auf Seiten der Krieger mitkämpfen. Das Reale, an dem die Menschen teilhaben, ist nur die sichtbare Erscheinung der unsichtbaren Realität.

Dies ist die Position, die der 1939 geborene, in Nizza lehrende Philosoph Clément Rosset in seinem Buch

Rosset, Clément: Das Reale in seiner Einzigartigkeit. 175 S., kt., Internationaler Merve-Diskurs 230, 2000, Merve Verlag, Berlin

vertritt. Sobald der Verdoppelungseffekt die Existenz eines beliebigen „Dies“ ablehnen kann, wirft er einen unvermeidlichen Verdacht auf die Summe aller Diesheiten, das heißt auf die Gesamtheit des Realen. Die Vorstellung eines einzigen Doubles hat also die Bezweiflung der gesamten Realität zur Folge - oder zumindest ihre Abschiebung in eine größere Distanz. Was vom Double in Frage gestellt wird, ist nicht die Existenz dieser oder jener Sache, sondern die Tatsache, dass diese oder jene Sache für vollkommen existierend gehalten werden könnte. Das Denken des Doubles hat somit eine Enttäuschung im Hinblick auf das unbestreitbarste Reale zur Folge und ist geeignet, für alle Zeiten die Zweifel des Apostels Thomas zu bestätigen: Ich habe gesehen, und ich habe berührt, und trotzdem war da nichts. Alles, was wir sehen, ist nichts anderes als ein Spektakel, ohne irgendeine Garantie von Seiten des Realen, das sich in ihm produzieren soll.

Die Verdoppelung weiht jede Realität der Unsichtbarkeit. Diese wiederum ist eine konstitutive Eigenschaft des Realen, das reale Objekt ist unerkennbar und uneinschätzbar, in dem Maße, wie es einzigartig ist. Und gerade deshalb ist nichts weniger „einfach“ zu denken als das Thema des Einfachen, des Einmaligen. Das Double bildet ein Paradox, weil das Einfache, von dem sich zeigt, dass es nicht verdoppelt werden kann, von sich aus als solches ein Problem ist. Da das Reale das Einfache ist, wird es ihm immer daran fehlen, erkannt zu werden, da ein solches Wiedererkennen durch das Beharren auf dem „wieder“ die Unterstützung durch ein Anderes beinhaltet, die seine eigene Definition ausschließt. Was die Welt „erklären“ könnte, muss also der Welt, die es erklären würde, fremd bleiben. Indem das Double seine Wirkung verfehlt, enttäuscht es auch die Hoffnung, das Reale durch eine ihm äußere Autorität garantiert zu sehen. Es ist jeder Identität und jedem Begriff von Identität, der in zu abstrakter oder allgemeiner Weise betrachtet wird, eigen, als unbegreiflich zu erscheinen. Mit dem Begriff der Identität ist ein unüberwindliches Paradox verbunden, da er zwei Eigenschaften zugleich beschreiben soll, die im Widerspruch zueinander stehen: er bezeichnet das, was ohnegleichen ist, und das, was irgendeiner anderen Sache gleich ist.

Die Suche nach seiner eigenen Realität ist prinzipiell ein vergebliches Bemühen, da es unmöglich ist, jemals zu identifizieren, was real ist. Die allgemeinste Definition von Realität ist: „Eine unabgeschlossene Menge von nicht identifizierbaren Objekten.“ Eine Identifizierung besteht darin, einen unbekannten Ausdruck auf einen bekannten zurückzuführen. Und das ist im Falle des Realen unmöglich, da das Reale als einziges für sich steht.

Das direkte Gegenteil des Seins ist für Rosset nicht das Nichts, sondern das Double. Es ist enthüllter und formaler Zeuge der Realität des Realen; es präsentiert das Reale als für einen Augenblick wahrscheinlich. Letztlich gipfelt das Denken des Double in einer Ontologie. Die Ontologie des Realen ist eine negative Ontologie, vergleichbar den Systemen, die in der Philosophiegeschichte als „negative Theologien“ beschrieben werden. Sie folgt Meister Eckhart, wenn er sagt, dass man „nur durch Nichtwissen erkennen kann und nur durch Unvernunft verstehen kann“. Diese Ontologie bringt gegenüber der klassischen Ontologie einen Bruch zum Ausdruck, welche von Parmenides bis Heidegger die Wahrheit des Seins der Gesamtheit der Aspekte der Existenz gegenüberstellt und somit die Idee eines grundlegenden Unterschieds zwischen zwei Ebenen von Realität einführt - ein Unterschied, den die Ontologie des Realen ablehnt. Die traditionelle Ontologie unterscheidet die Tatsache, zu sein, von der Tatsache, zu existieren, und berücksichtigt letztere nur in dem Maße, indem sie sie der Abhängigkeit der ersteren unterstellt. Daraus folgt, dass die Realität der Existenz nicht alle Vorrechte des Realen genießt, da es nur in dem Sinne real ist, den man in mystischer Weise der Realität des Seins zuweist. Die Ansprüche der klassischen Ontologie reduzieren die Tatsache, nur ein Augenblick zu sein, auf einen Schein von Sein, da sie aus dem Mangel an Dauer auf einen Mangel an Realität schließt.

Die Kategorie des Einmaligen beinhaltet den Bereich des Realen. Von einem Objekt zu sagen, es sei „einzigartig“, läuft darauf hinaus zu sagen, dass dieses Objekt existiert, dass es real ist. Das erste dem entsprechende Prinzip kann so definiert werden: „Je realer ein Objekt ist, umso weniger kann es identifiziert werden“, das zweite: „Je intensiver das Realitätsgefühl ist, umso unbeschreibbarer und undurchsichtiger ist es.“

Man könnte nun glauben, dass das Kino von allen Künsten diejenige ist, die am wenigsten Beziehung zur Realität hat, dass es nicht zum Reich des Realen gehört, sondern zum Universum seiner Doubles. Dennoch bieten sich nach Rosset zwei Wege an, die es dem Kino erlauben, die Einzigartigkeit des Realen zu zeigen: zum einen der Weg des Phantastischen, zum anderen der noch wenig beschrittene Weg des „integralen Realismus“. Bereits 1927 stellte Antonin Artaud fest: „Das Kino nähert sich immer mehr dem Phantastischen, von dem wir immer deutlicher merken, dass es in Wirklichkeit völlig real ist - oder das Kino wird nicht leben.“ Das Phantastische als Verdrehung oder Entstellung des Selben ist kein Widerspruch zum Realen, sondern seine Subversion. Phantastisches ergibt sich, wenn das Außergewöhnliche das Gewöhnliche beinhaltet und sich mit ihm überlagert; etwa wenn ein Toter die Hauptmerkmale des Lebendigen hat. Die Filmkunst ist die einzige Kunst, die eine solche Darbietung erlaubt. Die Option besteht darin, nicht das Phantastische als real darzustellen, sondern das Reale als phantastisch. Die alltägliche Vorstellung, die man sich vom Realen macht, wird auf diese Weise gesprengt.

Die Musik ist Schöpfung des Realen im Urzustand, ohne Kommentar oder Replik. Sie ist auch das einzige Kunstwerk, das ein Rea les präsentieren kann. Das aus einem einfachen Grund: Musik imitiert nicht. Ihre Realität besteht einzig in ihrer Produktion. Die Welt hingegen ist übervoll von Bildern, Verweisen, Bezügen und Abbildern: ihr Realitätsgehalt wird unaufhörlich durch Einwände und verschiedene Sichtweisen verdünnt

Die Musik hingegen konzentriert die Aufmerksamkeit auf ihre eigene und einmalige Realität. Sie erfüllt die charakteristische Leistung des Realen, keiner fremden Autorität unterstellt und unabhängig von jeder Daseinsberechtigung zu sein.

 

 







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