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Hegel in Frankreich

Hegel in Frankreich

Zwar übersetzte bereits 1840 C. Benard Hegels Vorlesungen über Ästhetik ins Französische. Zwanzig Jahre später war es A. Vera, der die Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften dem französischen Publikum zugänglich machte. Dennoch wurde Hegel in Frankreich erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Übersetzung der Phänomenologie des Geistes durch J. Hyppolite gelesen.

Wie Bernard Bourgeois in seinem Artikel

Bourgeois, B.: Hegel in Frankreich, in: Jahrbuch für Hegel-Forschung 6/7, 2000/ 2001, 2002, Academia-Verlag, St. Augustin

darstellt, liegen die Gründe für diese verspätete Rezeption auch bei Hegel selber: Dieser hatte Frankreich in einer Weise charakterisiert, dass es ihm widerstehen musste. Für Hegel ist Frankreich das Land des abstrakten Verstandes, der sich vor der konkreten Vernunft nur verschließen kann.

Dabei hatte es für Hegel in Frankreich gut begonnen: Victor Cousin, ein Philosoph mit großem Einfluss im französischen Universitätsleben, hatte sein Herz an die Hegelsche Philosophie verloren. Er war zweimal nach Deutschland gereist, hatte Hegel getroffen und mit ihm freundschaftliche Beziehungen geknüpft.

Cousin sah in Hegels versöhnender und synthetisierender Philosophie die Grundlagen für eine Politik des „just-milieu“. Allerdings hütete er sich, Hegel allzuoft zu zitieren und unterließ es auch, eine Übersetzung seiner Texte in die Wege zu leiten. Auch befasste er sich nicht mit einer genauen Analyse von Hegels Schriften ein, sondern beließ es bei dessen Grundgedanken. Im damaligen Frankreich stieß er auf keine Gegenliebe: Die Versöhnung der Hegelschen Philosophie wurde mit dem verpönten Pantheismus gleichgesetzt und einhellig zurückgewiesen. Der Abbé Maret, Vertreter der politischen Rechten, stellte einen Zusammenhang her zwischen Hegels Ablehnung des Satzes vom Widerspruch und der Zerstörung der moralischen und politischen Ordnung. Der Rechtsprofessor E. Lerminier, Vertreter der Linke, sah wiederum in der Hegelschen Logik die Gefahr eines aufkommenden politischen Despotismus: „Mit einer solchen Philosophie neigt man ständig dazu, der Macht die Absolution zu erteilen, den Despotismus zu amnestieren, man nimmt geduldig die Übel des Menschen hin, seine Unkenntnis und seine Leiden“.  Tocqueville beschuldigte 1854 den Hegelianismus als „jene Lehre, die alle antichristlichen und antispiritualistischen Bewegungen ins Leben gerufen hat, die in den letzten zwanzig und verstärkt in den letzten zehn Jahren versucht haben, Deutschland ins Verderben zu stürzen“, wobei er vor allem an

den Sozialismus denkt. 1868 greift J. Barni

Hegel als Stammvater aller metaphysischen Rechtfertigungen des Krieges an.

Dennoch gab es auch Personen, die Hegel bewunderten. H. Taine, der später als Vertreter des Positivismus eine angesehene geistige Autorität war, las in seinen Anfängen Hegel im Originaltext und begeisterte sich: „In der Provinz las ich ein ganzes Jahr über täglich Hegel; wahrscheinlich werde ich niemals wieder Empfindungen finden, die denen gleichen, die er mir vermittelte. Unter allen Philosophen gibt es nicht einen, der ähnliche Höhen erklommen hätte... Dies ist Spinoza multipliziert mit Aristoteles.“ Dennoch brachte Taines kulturelle Bedeutung für Hegel in Frankreich wenig. Denn Taine hielt Hegel nach kurzer Zeit für zu hypothetisch und zu vorschnell in seinen Analysen.

Der Sieg Preußens über Frankreich im Deutsch-Französischen Krieg brachte ein neues Hindernis für eine Hegel-Rezeption in Frankreich: Hegel wurde nun als ausgemachter Deutschtümler, als von Grund auf pangermanischer Denker verurteilt. 1872 setzte C. Renouvier „die Hegelsche Lehre und die preußische Politik“ gleich. Erst gegen Ende des Jahrhunderts beginnt eine Revision des negativen Urteils über Hegel. Man sieht nun in ihm den Pionier eines nichtstaatlichen Begriffs von bürgerlicher Gesellschaft. 1889 lobt L. Lévy-Bruhl vor der „Academie des sciences morales et politiques“ Hegels Theorie der Gesellschaft. Auch bei den Sozialisten hat Hegel in L. Herr einen Fürsprecher. Dieser reist zum Hegelstudium nach Deutschland, 1887 verweigert ihm jedoch Karl Hegel die Erlaubnis, die Papiere seines Vaters einzusehen. Dennoch wollte sich Herr die Abfassung einer Gesamtdarstellung des Denkens Hegels zur Lebensaufgabe machen. Dieses Werk wurde jedoch nie geschrieben.

Erst in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts wurde in Frankreich Gediegenes zu Hegel veröffentlicht. Bourgeois nennt vor allem das gründliche Werk „Hegel, sa vie et ses oeuvres“ von P. Roques aus dem Jahr 1912. Doch die Autoren solcher Werke zählten nicht zu den angesehenen Philosophiehi­storikern im französischen Universitätsleben – diese gaben Kant den Vorzug. Hegels Philosophie führte ein Schattendasein, entweder das eines lebendigen Denkens am sozialphilosophischen Rand des Faches oder doch als zweitrangiges Gebiet der philosophiegeschichtlichen Forschung.

Frankreichs Sieg von 1918 erzeugte ein günstigeres Umfeld für eine freundliche Hegel-Rezeption. Bedeutende Denker wie Basch, Bréhier, Koyré und Vermeil begannen sich mit Hegel auseinanderzusetzen.    Alain machte zwischen 1920 und 1939 Hegel zum Unterrichtsgegenstand. Er sprach von der Größe der Hegelschen Vernunft, deren Logik die wahrhafte Logik sei und in Hegels Sozialphilosophie sah er „den einzigen Text mit fruchtbaren Überlegungen im Jahrhundert Hegels wie in dem unseren“. Hegel wurde nun von der scholastischen Kant-Fichte-Schelling-Hegel-Abfolge abgetrennt und als eigenständiger Denker gelesen. J. Wahl enthüllte hinter dem „Verfertiger von Systemen“ einen „romantischen Hegel“ der „Phänomenologie des Geistes“. An der Ecole pratique des hautes études hielt A. Kojève inzwischen berühmt gewordene Vorlesungen über die „Phänomenologie des Geistes“. Obwohl seine anthropologische Dramatisierung des Hegelschen absoluten Wissens Hegel verkannte, trug sie maßgeblich dazu bei, dass Hegel in Frankreich in den Brennpunkt des philosophischen Interesses rückte, zumal auch eine Übersetzung der „Phänomenologie“ von J. Hyppolite erschien. Seither genießt Hegel in Frankreich ein Heimatrecht sondergleichen, „zugleich“, so Bourgeois, „lebendig und klassisch“.

aus: Heft 1/2005

 

 







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