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23.09.2020 Druckversion  |  Schrift: vergrößern verkleinern 

Gespräch mit Rahel Jaeggi: "Solidarität ist immer auch Solidarität unter Fremden" Die Zeit 12.9.2020

Corona-Pandemie: "Solidarität ist immer auch Solidarität unter Fremden"

In der Corona-Krise sind wir stolz auf unser solidarisches Miteinander. Schließt das auch andere ein, fragt die Philosophin Rahel Jaeggi – etwa die Geflüchteten in Moria?
12. September 2020
 

Wir wollen die Virologen mit der Deutung der Lage nicht allein lassen. Deshalb fragen wir in der Serie "Worüber denken Sie gerade nach?" führende Forscherinnen und Forscher der Geistes- und Sozialwissenschaften, was sie in der Krise zu bedenken geben und worüber sie sich nun den Kopf zerbrechen. Die Fragen stellt Elisabeth von Thadden. Die Philosophin Rahel Jaeggi, 53, ist Professorin für Praktische Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zuletzt erschien ihr Buch (mit Nancy Fraser) "Kapitalismus. Ein Gespräch über Kritische Theorie" (2020).

ZEIT ONLINE: Worüber denken Sie gerade nach, Rahel Jaeggi?

Rahel Jaeggi: Ich denke darüber nach, was denn die große solidarische Welle, von der in der Corona-Krise oft anerkennend die Rede war, im Blick auf das abgebrannte Lager Moria und die Geflüchteten bedeutet. Als zu Beginn der Pandemie im Frühjahr die Zunahme der Solidarität gewürdigt wurde, geschah das schon oft in einem abgeflachten Sinne des Wortes, denn gemeint waren vor allem die nachbarschaftliche Hilfsbereitschaft und allgemeine Anteilnahme. Eine Minderheit hat aber auch hierzulande von Anfang an auf die Lage der Geflüchteten hingewiesen: Dass bei uns die große Mehrheit gut vor Corona geschützt und medizinisch versorgt ist, man aber in einem der Lager an den europäischen Grenzen mit einer Corona-Erkrankung in Lebensgefahr sei, stand schon früh auf Transparenten in Berlin zu lesen. Jetzt ist auf bestürzende Weise geschehen, was absehbar war und von vielen Experten warnend vorausgesagt wurde. Und natürlich stellt sich die Frage, wie es dennoch geschehen konnte. Die große Welle der Solidarität jedenfalls hat diese Katastrophe nicht verhindert. Was hier geschieht ist nicht nur eine humanitäre Krise, sondern auch eine Krise der Solidarität.

ZEIT ONLINE: Wenn Sie sagen, dass das Wort Solidarität flach wurde, was meinen Sie genau?

Jaeggi: Ich meine, dass nicht thematisiert worden ist, wer von dieser Solidarität ausgeschlossen ist. Wessen Belange in der Bedrohung durch die Pandemie also kaum wahrgenommen wurden, ob es nun die Geflüchteten in den Lagern, die europäischen Erntehelfenden, die Belegschaft in der Fleischindustrie oder auch die Obdachlosen in den Straßen der Großstädte waren, die sich in kein schützendes Zuhause zurückziehen konnten. Es ging stattdessen, wenn das Aufblühen von Solidarität betont worden ist, zumeist um das gute Gefühl, in einer Gemeinschaft der Nahen und Nächsten solidarisch zu sein. Das ist aber eine Verschiebung und Verengung dessen, was das Wort bedeutet. Solidarität ist immer auch Solidarität unter Fremden.

ZEIT ONLINE: Was hieße in Ihren Augen Solidarität in einem unabgeflachten Sinne?

Jaeggi: Es gibt Missverständnisse und Vagheiten im Gebrauch des Wortes. Missverständlich finde ich es, wenn aus der Solidarität eine Art gefühlsbasiertes Mitleid mit den Schlechtergestellten wird. Für ein zweites Missverständnis halte ich es zu meinen, dass Solidarität auf gewachsene Gemeinschaften und einem bereits gegebenen Zusammengehörigkeitsgefühl beruhen muss, was ja automatisch heißt, dass es Ingroups und Outgroups gibt. Stattdessen verstehe ich Solidarität als eine Praxis des Füreinandereinstehens, wenn man in einer Gesellschaft gemeinsame Ziele verfolgt.  

ZEIT ONLINE: Etwa eine Pandemie zu überwinden?

Jaeggi: Das Überwinden der Pandemie ist ein solches Ziel: Keiner kann es allein erreichen. Der französische Philosoph Léon Bourgeois hat vor über hundert Jahren in diesem Sinne von "solidarisme" gesprochen, für ihn hieß Solidarität: den Umstand zu verstehen, "dass wir assoziiert sind", also in unserem Geschick aufeinander angewiesen sind. Solidarität kann nicht prinzipiell begrenzt sein, ihre Reichweite hängt von eben dieser Verflechtung ab. Und sofern unsere Freiheit von der der anderen abhängt, sind auch Freiheit und Solidarität aufs Engste miteinander verbunden. Ich frage mich deshalb: Wie ist es eigentlich dazu gekommen, dass Freiheit und Solidarität heute in Gegensatz zueinander geraten sind?

ZEIT ONLINE: Sie meinen die Demonstrierenden, die im Namen der Freiheit auf die Straße gehen, um gegen die Corona-Maßnahmen zu protestieren, die ja politisch für Solidarität sorgen sollen?

 

 

Jaeggi: Freiheit gegen Solidarität auszuspielen, ist fatal und unrichtig. Denn Solidarität, recht verstanden, hat nichts damit zu tun, die eigenen Ziele irgendwelchen Verpflichtungen und Bindungen hintan zu stellen. Sie ist eben nicht Altruismus. Solidarität überschreitet diesen Gegensatz von Altruismus und Egoismus, weil es ihr darum geht, zusammen zu handeln, um Ziele zu erreichen, die man allein nicht erreichen kann. Solidarität ist deshalb ein Vorgang der Ermächtigung, Solidarisierungsprozesse sind eine kollektive Ermächtigungserfahrung. Umgekehrt ist es ein schiefer und unvollständiger Begriff von Freiheit, der hier gegen die Solidarität gestellt wird. Freiheit heißt eben nicht nur, zu tun und zu lassen, was man will.

 

ZEIT ONLINE: Wie lautet nun die Antwort auf Ihre eigene Frage, warum Freiheit und Solidarität in Gegensatz zueinander geraten sind?

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Jaeggi: Das beschränkte und falsche Verständnis von Freiheit wie von Solidarität hängt mit gesellschaftlichen Strukturen zusammen, die Entsolidarisierung und ein individualistisches Verständnis von Freiheit befördern. Den Mechanismus, in dem die Armen gegen die Ärmsten ausgespielt werden, kennen wir ja schon länger. Aber wenn wir von den Demonstrationen sprechen: Bis vor Kurzem hätte ich gesagt, das ist eine kleine und irrelevante Minderheit. Und die Situation ist so neu, dass es nicht leicht ist, sie richtig einzuschätzen. Doch mich beunruhigt mittlerweile, dass diese kleine Minderheit offenbar jetzt eine Spaltung reaktiviert, die den Rechtspopulismus schon vor Corona stark gemacht hat: das Ressentiment gegen die Eliten, den Staat, die Wissenschaft. Das wird genährt von jenem verbreiteten Gefühl der Machtlosigkeit, in dem lange vor Corona ein Krisenmerkmal der Demokratie erkannt wurde, eine Krise, die von Rechtsautoritären auf ihre Mühlen gelenkt wurde. Wenn sich das alles jetzt im Protest gegen die staatlichen Corona-Maßnahmen sammelt, könnte es doch gefährlicher werden, als es zunächst aussieht.

ZEIT ONLINE: Wie geht die Corona-Gesellschaft in den Herbst?

Jaeggi: Alle sind ermüdet vom Aushalten der Spannungen, die Corona mit sich bringt. Zweifellos dauert die Krise an, sie wird normal, und dieser Normalmodus der Krise ist nicht aufregend oder ein spannender Ausnahmezustand, sondern einfach nervenaufreibend. Und natürlich muss man sich demokratisch darüber auseinandersetzen, welche Entscheidungen innerhalb eines durch die Pandemie beschränkten Handlungsspielraums getroffen werden können, welche Prioritäten man setzen sollte. Dabei ist eine seltsame Verschiebung zu beobachten: Irgendwie stellt sich die Stimmung ein, es müsse ja jetzt auch mal genug sein, als ob die Maßnahmen keinen Grund in der Sache hätten, sondern eine Art willkürliche Strafmaßnahme seien. Das macht die Auseinandersetzung mit den wirklichen Problemen, den Irrationalitäten und Unplausibilitäten mancher Strategien – man denke nur an die inkonsequente Weise, in der die Schulöffnungen betrieben wurden und das Ausbleiben von Investitionen in die Bildung, die jetzt nötig wären – nur schwerer.

ZEIT ONLINE: Der Gegner der Protestierenden wäre demnach nicht die Solidarität selbst, sondern der Staat?

Jaeggi: Naja, beides: die im Staat sich im besten Fall verkörpernde Solidarität. Eigentlich sollte man ja denken, dass die Pandemie bereits jetzt gelehrt hat, dass die Chancen zur Einhegung der Pandemie besser werden, je besser die allgemeine Daseinsvorsorge eines Staates ist. Aber es gibt auch ein weiteres fatales Missverständnis in Hinblick auf Solidarität. Es ist Humbug anzunehmen, dass man erst dann solidarisch wird, wenn sich der Staat als Akteur abmeldet oder ausfällt – vielmehr ist ein Sozialstaat gebaute Solidarität. In diesem Sinne bedeutet Solidarität die Ermächtigung, als Gesellschaft wirksam handeln zu können. Das Gefühl von Machtlosigkeit aber ist die Folge von Entsolidarisierung.

 







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