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Rassismus bei Kant Deutschlandfunk 24.9.2020

Rassismus bei Immanuel Kant Vom Fürsprecher zum Kritiker des Kolonialismus

Anke Graneß und Pauline Kleingeld im Gespräch mit René Aguigah

 
Er forderte Gleichheit und machte fragwürdige Unterschiede: Kants Schriften über den Menschen stehen wegen rassistischer Zuschreibungen in der Kritik. (imago images / Kollektion Kharbine-Tapabor)

Wie die Rassismen im Werk Immanuel Kants einordnen? Der Philosoph der Aufklärung gilt als Vordenker universeller Menschenrechte. Doch über Schriften, in denen er von der Überlegenheit weißer Europäer spricht, ist der Streit wieder aufgeflammt.

Die Denkmäler der Kolonialgeschichte wanken. Bei Protesten gegen Rassismus in Europa und den USA wurden Standbilder vieler Profiteure des Sklavenhandels von ihren Sockeln gestoßen. In der neu entfachten Debatte über die historische Verantwortung früherer Kolonialmächte werden nun auch Größen der Geistesgeschichte wie der Philosoph Immanuel Kant infrage gestellt.

Europäer auf der Siegertreppe der Talente

Wenn man es ernst meine mit der Aufklärung von Rassismus und dem Stürzen von Denkmälern, so sagte zum Beispiel der Sklavereihistoriker Michael Zeuske in diesem Programm, müsse man auch Kant in den Blick nehmen. In seinen anthropologischen Schriften habe der Philosoph den europäischen Rassismus mitbegründet.

Tatsächlich unterschied Kant mehrere „Rassen“ von Menschen (in seiner Schreibweise: „Racen") und verband diese Systematik etwa in seiner Vorlesung über Physische Geographie auch mit einem Werturteil über das angebliche intellektuelle Vermögen der betreffenden Gruppen: „Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Race der Weißen. Die gelben Indianer haben schon ein geringeres Talent“, heißt es dort. Schwarze Menschen seien noch „weit tiefer“ angesiedelt, „und am tiefsten steht ein Theil der amerikanischen Völkerschaften.“

 

Wie ist es zu erklären, dass ein Denker, dessen Ideen zu den Säulen des europäischen Wertesystems gehören, ein Philosoph, der für moralische Gleichheit und das Weltbürgertum eintrat, sich so abwertend über nicht weiße Menschen äußert?

Besondere Kennzeichen, spekulative Urteile

Kants Einteilung der Menschheit in „Rassen“ sei zunächst vom Interesse geleitet gewesen, hinter der Vererbung verschiedener äußerer Merkmale wie Haut- und Augenfarben eine Gesetzmäßigkeit zu erkennen, sagt Pauline Kleingeld, Professorin für Philosophie an der Universität Groningen. Kant habe eine wissenschaftliche Definition des Begriffs „Rasse“ entwickeln wollen, gegründet auf biologische, physiologische Kriterien. Unter „Rasseeigenschaften“ habe er Merkmale verstanden, die immer irgendwie vererbt werden, aber nicht allen Menschen gemeinsam sind.

„Der Begriff war für Kant nicht notwendig mit einer Rassenhierarchie verbunden“, erklärt Kleingeld. In vielen seiner Schriften sei er jedoch über die physischen Merkmale, die seinem System eigentlich zugrunde liegen, hinausgegangen und habe den verschiedenen „Rassen“ auch geistige und charakterliche Eigenschaften zugeschrieben: „ob sie sich selbst regieren können, ob sie lebhaft oder faul sind, und so weiter“, so Pauline Kleingeld. Dies belegten nicht nur Mitschriften seiner Studenten, auf denen zum Beispiel die Publikation seiner Vorlesung über Physische Geographie beruht, sondern auch weitere Texte, die Kant selbst publiziert habe.

Kants Theorie neu durchdenken: Pauline Kleingeld, Professorin für Philosophie in Groningen. (Sylvia Germes Fotografie)

„Er hat die Rassenhierarchie verteidigt“, sagt Kleingeld, „wenigstens bis Anfang der 1790er-Jahre.“ Später habe Kant sich jedoch ausdrücklich von dieser Idee abgewandt. In seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ (1795) und in der „Metaphysik der Sitten“ (1797) habe er sich gegen den Kolonialismus ausgesprochen und die neue Kategorie des „Weltbürgerrechts“ eingeführt.

Wer zählt zum vernunftbegabten Teil der Menschheit?

Was also ist aus heutiger Sicht von einem Philosophen zu halten, dem wir so zentrale Denkfiguren wie den kategorischen Imperativ verdanken, eine moralische Richtschnur mit dem Anspruch universeller Geltung, und der zur selben Zeit davon sprach, dass schwarze Menschen „von der Natur kein Gefühl“ besäßen, „welches über das Läppische stiege“, und den amerikanischen Ureinwohnern bescheinigte, sie seien „unfähig zu aller Cultur“?

Dass diese Gedanken von ein und demselben Autor stammten, sei „nur ein scheinbarer Widerspruch“, meint Anke Graneß vom DFG-Reinhart-Koselleck-Projekt „Geschichten der Philosophie in globaler Perspektive“ der Universität Hildesheim. Letztendlich komme es darauf an, „was man unter ‚dem Menschen‘ versteht, beziehungsweise unter jenem Teil der Menschen, die vernunftgeleitet sind und also Regeln wie dem kategorischen Imperativ in der Lage sind zu folgen“.

Das Denken von rassistischen Strukturen befreien: Anke Graneß vom DFG-Projekt „Geschichten der Philosophie in globaler Perspektive“. (privat)

Kant schließe dabei, wie viele andere Philosophen der europäischen Tradition, nicht nur Bewohner anderer Erdteile aus, „die aufgrund der Einschränkung ihrer Fähigkeiten, so wie er es sieht, nicht in der Lage sind“. Auch Frauen und Kinder seien „nicht in diesen Begriff der Menschheit oder des Menschseins gefasst, der Kant als Ideal vorschwebt“, so Graneß.

Rassismus „mit Kant gegen Kant“ überwinden

Afrikanische Denker wie der 2007 verstorbene nigerianische Philosoph Emmanuel Chukwudi Eze seien mit Kant daher hart ins Gericht gegangen. Dennoch habe Eze etwa in seinem Aufsatz „The Color of Reason“ nicht etwa dafür plädiert, Kants Ideen auf den Müllhaufen der Philosophiegeschichte zu werfen. Vielmehr sei es ihm darum gegangen, rassistische Strukturen in den Texten des europäischen Denkers aufzudecken, um „mit Kant gegen Kant“ zu argumentieren.

Es gelte, „die Spannung aufrecht zu erhalten“ zwischen Kants allgemeinen Aussagen über den Menschen und den Einschränkungen, die er vornehme, unterstreicht Pauline Kleingeld. Denn Kants allgemeine Prinzipien könnten durchaus „für die Emanzipation von unterdrückten Gruppen“ ins Feld geführt werden, so Kleingeld. In ihren Augen wäre es daher „ein Fehler, zu schnell zu sagen: Dieser Begriff ist männlich und weiß und deshalb korrumpiert.“

Appell an den eigenen Verstand

Stattdessen komme es darauf an, „die ganze Theorie aufs Neue zu durchdenken“, und selbst zu entscheiden, „was man davon übernehmen kann, und was man erneuern sollte“. Ganz im Sinne von Immanuel Kants viel zitiertem Aufruf: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“

Anke Graneß ist davon überzeugt, dass diese Auseinandersetzung mit dem prägenden Denker der deutschen Aufklärung weit über die Fachwelt hinaus von Bedeutung ist, „weil rassistische und sexistische Strukturen in unserer Gesellschaft und in unserem Denken weiterhin lebendig sind, wie die letzten Demonstrationen und Diskussionen ja auch wieder zeigen“.

„Dekolonisierung ist nicht nur eine Aufgabe der ehemals Kolonisierten“, fügt Graneß hinzu. „Dekolonisierung ist auch eine Aufgabe der ehemaligen Kolonialmächte. Das heißt, auch wir müssen unser Denken dekolonisieren und in diesem Rahmen auch von rassistischen Strukturen befreien. Und das geht nur mit Rückgriff auf das ideengeschichtliche Erbe, aus dem sich unsere heutigen Wahrnehmungen der Welt entwickelt haben.“

 







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