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07.10.2020 Druckversion  |  Schrift: vergrößern verkleinern 

Nida-Rümelin im Gespräch mit dem Focus, 30.9.2010

"Keine Panikmache"Mahner der ersten Stunde: Was Nida-Rümelin vom deutschen Corona-Weg hält
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Mit den Länderchefs beschloss Angela Merkel neue Corona-Regeln. Trifft sie den richtigen Ton und geht die Strategie in die richtige Richtung? Der Philosophieprofessor Nida-Rümelin hat die Corona-Politik der Regierung stets kritisch aber konstruktiv begleitet und spricht nun im FOCUS-Online-Interview.

Die Neuinfektionen mit Covid-19 steigen wieder an, Bund und Länder vereinbarten nun neue Corona-Maßnahmen. Im Interview mit FOCUS Online sagt Julian Nida-Rümelin, wie er über den Umgang mit dem Virus denkt. Der Politik- und Philosophieprofessor warnt vor Panik-Mache und plädiert dafür, andere Kriterien für die Bewertung der Corona-Lage heranzuziehen.

"Es geht jetzt offenbar um andere Ziele"

FOCUS Online: Fühlen Sie sich von der Politik gut informiert in Sachen Corona? 

Julian Nida-Rümelin: Die Behörden informieren genau über die Zahlen der registrierten Infizierten – bis hinab zu den Landkreisen. Völlig unzureichend ist aber: Nach welchen Kriterien wählen wir unsere Strategien bei der Pandemiebekämpfung aus? Gerade konzentriert sich alles auf die Anzahl der registrierten Neuinfektionen…

…Was spricht dagegen? 

Nida-Rümelin: Ursprünglich ging es doch darum, dass man das Gesundheitssystem nicht überfordert. Das ist aber jetzt nicht der Fall, derzeit haben wir 350 Personen mit Covid-19 auf insgesamt 22.000 Intensivbetten. Also geht es jetzt offenbar um andere Ziele.

Julian Nida-Rümelin

Julian Nida-Rümelin ist Professor für Philosophie und politische Theorie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und war Kulturstaatsminister im ersten Kabinett von Kanzler Gerhard Schröder (SPD). Er ist Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Berlin und der Europäischen Akademie der Wissenschaften, sowie Direktor am bayrischen Institut für digitale Transformation. Er ist Autor zahlreicher Bücher, zuletzt erschien eine Gesamtdarstellung seiner praktischen Philosophie unter dem Titel "Eine Theorie praktischer Vernunft“ bei De Gruyter 2020.

"Corona ist auf Hochbetagte und Vorerkrankte fokussiert"

Je mehr Infizierte, desto mehr Risiko für alle – oder? 

Nida-Rümelin: Nein, so einfach ist das nicht. Die meisten jüngeren Infizierten sind symptomfrei, wir sollten uns auf die Risiken ernsthaft zu erkranken oder gar zu sterben konzentrieren, also das Leid mindern. Covid-19 ist extrem fokussiert auf Hochbetagte und Vorerkrankte – anders als bei Influenza. 

Sollte dennoch nicht die Zahl der Neuinfektionen im Blick sein? 

Nida-Rümelin: Auch, aber nicht ausschließlich. Aktuell gibt es einen deutlichen Anstieg der Neuinfektionen, aber nicht der schweren Erkrankungen und Todesfälle. Das ist doch eine gute Nachricht! Wir müssen die Vorerkrankten noch besser schützen, die Alten- und Pflegeheime und die Krankenhäuser. In Großbritannien hat sich jeder achte Corona-Kranke in einem Krankenhaus infiziert.   

"Am Anfang gab es bei HIV viel Hysterie"

Was heißt das konkret? Geht es ums Wegschließen? 

Nida-Rümelin: Nein, überhaupt nicht. Es kann nicht sein, dass auch Neuzugänge oder das pflegende Personal die Infektionskrankheit in die Einrichtungen ungewollt einschleppen wie das in der Vergangenheit leider öfter geschehen ist. Unter anderem, weil die Tests beim Personal von Alten- und Pflegeheimen nicht finanziert waren.

Jetzt haben wir die Kapazitäten und die Einsicht, dass das sich das auf keinen Fall fortsetzen darf. Symptomfreie, auch solche, die Grund hatten, sich Sorgen zu machen, dass sie infiziert waren, konnten sich über Monate nicht testen lassen. Jetzt verfügen wir über Schutzkleidung, Masken und Sicherheitsschleusen. Und dann gibt es Millionen alleinlebende Hochbetagte und Vorerkrankte in Deutschland, die müssten von ihren Kommunen mit dem Lebensnotwendigen so versorgt werden, dass sie nicht gezwungen sind, sich einem Infektionsrisiko auszusetzen. Aber keine Diskriminierung.

Jede Person, auch aus Hochrisikogruppen, sollte selbst entscheiden können, ob und in welchem Umfang sie sich einem Infektionsrisiko aussetzen möchte, zumindest, solange wir nicht auf einen Gesundheitsnotstand zusteuern.

 

Also lernen mit dem Virus zu leben? 

Nida-Rümelin: Gut möglich, dass das Virus nicht verschwinden wird. Dann brauchen wir eine andere Strategie, ähnlich wie bei HIV. Am Anfang gab es da viel Hysterie – aber man hat dazugelernt und das Infektionsrisiko durch entsprechende Verhaltensweisen und die Letalität durch verbesserte Behandlungsmethoden massiv gesenkt. Heute ist die Zahl der monatlich registrierten Neuinfizierten mit HIV keine Zeitungsmeldung mehr wert. 

"Solidarität zwischen den Generationen"

Dann gibt es natürlich die Gruppe der Vorerkrankten. Haben die nicht ein Anrecht darauf, dass die Gesellschaft Solidarität zeigt? 

Nida-Rümelin: Unbedingt, mehr als bisher. Wie die europäischen Statistiken zeigen, waren sie in den vergangenen Monaten durch die Pandemie massiven Risiken ausgesetzt. Überall hat es Alten- und Pflegeheime, auch Krankenhäuser, sowie das medizinische Personal getroffen.

Solidarität zwischen den Generationen kann auch heißen, dass die Jüngeren sich einem erhöhten Risiko aussetzen müssen, etwa als Erzieher und Lehrkräfte, um Ökonomie und Gesellschaft so vital zu halten, dass wir Solidarität weiter organisieren und finanzieren können.  Aber wir können nicht der gesamten jungen Generation sagen, dass es in den kommenden Jahren keine Umarmungen und keine Partys geben soll, mal angenommen, eine Impfung befreit uns nicht demnächst von der Bedrohung.

Glaubt jemand, dass die Forderung, sich gegenüber den Großeltern solidarisch zu verhalten, auf Jahre hinaus ausreicht, um eine Generation von alterstypischen Verhaltensweisen abzuhalten? Nicht als Philosoph, aber als erfahrener Vater mit drei schulpflichtigen Kindern, bin ich da skeptisch. 

"Ein zweiter Lockdown sollte unbedingt vermieden werden"

In Italien scheint das besser zu klappen. Dort zieht offenbar auch die junge Generation noch mehr mit. 

Nida-Rümelin: Die sind noch eingeschüchterter und erschreckter wegen der Erfahrungen in Norditalien Anfang des Jahres. Der Lockdown war auch viel brutaler als hier in Deutschland. Ein genereller Lockdown scheint übrigens nicht sehr effektiv zu sein – mit Blick auf die Letalität: In Indien hat er den Virus erst in die Dörfer gebracht, weil viele Bürger aus den Städten flohen.

In Afrika gab es viele Opfer wegen den wirtschaftlichen Folgen des Stillstands, und in Deutschland stieg der so genannte R-Faktor nach dem Ende unseres Lockdowns nicht an; also die Zahl, wie viele Personen ein Infizierter ansteckt. In Italien hat der harte Lockdown die Ansteckungsrate innerhalb der Familien zunächst in die Höhe getrieben. Also: Einen zweiten Lockdown sollten wir aus Gründen des Gesundheitsschutzes, aber auch wegen der ökonomischen, sozialen und kulturellen Nebenwirkungen, unbedingt vermeiden.

Gab es in Italien nicht auch mehr Disziplin, weil dort Mitgefühl und Solidarität weiter verbreitet sind? 

Nida-Rümelin: Ich war gerade in Süditalien und kenne das Land seit Kindesbeinen gut. Die Jüngeren zeigten sogar noch etwas mehr Unachtsamkeit als hier. Einen großen Unterschied habe ich nicht bemerkt.

Verständnis für die Kanzlerin

Kanzlerin Angela Merkel hat zuletzt einen sehr besorgteren Ton getroffen. Spiegelt das die Bedrohungslage wider? 

Nida-Rümelin: Ich verstehe sie schon. Wenn die pandemische Entwicklung wieder aufblüht, wird es exponentiell. Das heißt: Infektionen gehen ab einem gewissen Punkt durch die Decke. Nur am Anfang kann man solch eine Entwicklung blockieren.

Es war zum Beispiel ein Riesenfehler, die Rückkehrer aus Ischgl nicht in Quarantäne zu stecken. Zu Beginn sind wir zu nachlässig mit der Pandemie umgegangen, auch die WHO. Daher kann ich nachvollziehen, dass die Kanzlerin jetzt bei unserem niedrigen Niveau für mehr Wachsamkeit plädiert.  

Alarmiert es Sie, dass sich bei den Leuten eine gewisse Corona-Müdigkeit breit macht? 

Nida-Rümelin: Es war schon zermürbend. Viele haben ihren Job verloren oder sind bankrottgegangen, mussten ihren Job an den Nagel hängen, um sich zuhause um die Kinder zu kümmern. Gottlob sind die Todeszahlen auch, aber nicht nur, wegen der staatlichen Maßnahmen vergleichbar gering geblieben – sie liegen aktuell ungefähr bei der Hälfte der Todesfälle in der letzten Influenza-Welle 2017/18.

Natürlich haben die Leute ein Stück weit die Nase voll. Aber im Großen und Ganzen verhalten sie sich risikovermeidend, anders sind die verfügbaren Daten meines Erachtens nicht zu erklären. 

Woran sieht man das? 

Nida-Rümelin: Auch an den Influenza-Zahlen. Die sind viel niedriger als sonst. Das zeigt sich besonders deutlich in Weltregionen, in denen gerade noch Winter war, also auf der Südhalbkugel und entsprechend wird es auch in Deutschland in diesem Winter sein.

"Keine Panikmache und klar kommunizierte Strategie"

Was erwarten Sie von der Politik, was hilft jetzt? 

Nida-Rümelin: Keine Panikmache und eine kohärente, klar kommunizierte, nachhaltige Strategie. Die Summe der registrierten Infizierten seit Beginn der Pandemie ist weitgehend bedeutungslos – die Neu-Infektionen in einem Zeitraum sind schon bedeutsamer. Aber die entscheidende Frage ist, welche Personen und wie viele werden ernsthaft krank, wie kann ihnen effektiv geholfen werden?

Die Öffentlichkeit braucht auch mehr Informationen darüber, wie viele und warum diese in die Krankenhäuser kommen. Auch könnte es gelegentlich Aufklärung darüber geben, woran Menschen in Deutschland sonst noch sterben. An Blutvergiftung zum Beispiel sind es jährlich 75.000 Menschen; 20.000 könnten durch simple und billige Maßnahmen verhindert werden. Aber niemand kümmert sich bislang darum.

Auch sollten jene Todesfälle mehr in den Vordergrund rücken, die es indirekt wegen Corona gab: etwa unterlassene Krebsvorsorgeuntersuchungen oder aufgeschobene OPs. Und dann gibt es Opfer in der Bildung, zum Beispiel abgehängte Kinder, die während der Schulschließungen nicht gut lernen konnten und vieles mehr, was in einer Gesamtstrategie zu berücksichtigen ist.

Rechnen Sie mit einem zweiten Lockdown? 

Nida-Rümelin: Den sollten wir unbedingt vermeiden. Noch einmal können wir unsere Wirtschaft nicht derart an die Wand fahren. Und 750 Milliarden Euro kann die EU nicht ein zweites Mal aufbringen, um die Folgen der Pandemie-Bekämpfung zu dämpfen. Umgekehrt sollte es einen Appell an die Bürgerinnen  und Bürger geben: Sie haben die weitere Entwicklung weitgehend selbst in der Hand. Schützen Sie sich und die besonders Schutzbedürftigen, damit ein zweiter Lockdown nicht nötig wird. 

Nida-Rümelin sieht "Riesenfehler" bei Corona-Warn-App

Was halten Sie von der Corona-Warn-App? 

Nida-Rümelin: Da haben wir einen Riesenfehler gemacht. Wir haben uns nicht an Südkorea orientiert, einer liberalen Demokratie, die digitale Tools sehr effektiv einsetzt. Die App ist zwei Monate zu spät gekommen und sie wirkt in dieser Form kaum, sie ist nicht einmal europa-kompatibel. Die Politik hatte hier zu viel Angst vor einer kritischen öffentlichen Debatte, vielleicht auch, weil für viele führende Politiker dies digitales Neuland ist. 

Ein stumpfes Schwert? 

Nida-Rümelin: Ja. Die Grundrechte, wie sie in Artikel 1 bis 19 unseres Grundgesetzes formuliert sind, wurden durch die Coronamaßnahmen allesamt mehr oder weniger massiv eingeschränkt. Dem Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung wurde dagegen höchste Priorität eingeräumt.

Wir geben unsere heiklen Daten dem Finanzamt oder den Krankenkassen, unsere Aufenthaltsorte, unser Internet-Suchverhalten, unsere privaten Präferenzen Google oder Facebook, sind aber nicht bereit, eine Pandemie mit den Technologien des 21. Jahrhunderts zu bekämpfen? Die Zettelwirtschaft in den Gaststätten ist eine Methode, die auch gut ins 14. oder 16. Jahrhundert, in die Zeiten von Pest und Cholera gepasst hätte.

Also konsequentere Bußgelder, wenn die Zettel nicht richtig ausgefüllt werden? 

Nida-Rümelin: Mir geht es um die Nachvollziehbarkeit des Infektionsgeschehens, ob Bußgelder helfen, weiß ich nicht. Und da versagt die Zettelwirtschaft. Sie ist zu langsam und zu unzuverlässig. Wir haben die digitalen Tools, sie sind da – und wir nutzen sie nicht. Mit einer vernünftigen Corona-App wären nicht nur Infektionsketten, sondern auch Korrelationen zwischen unterschiedlichen Symptomatiken und Vorerkrankungen sofort nachvollziehbar.

Die Warnungen bedürften nicht einmal der Intervention gestresster Mitarbeiter der Gesundheitsämter. Wir bräuchten nicht das ganze Land zu schließen, wie jetzt wieder in Israel. Europa hat sich offenbar entschlossen von Ostasien nicht lernen zu wollen. Südkorea ist das erfolgreichste Lande der Welt in der Corona-Krisenbewältigung, ohne allgemeinen Lockdown übrigens und mit viel Solidarität in der Bevölkerung.

 







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