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Feyerabend und Thomas Kuhn

Feyerabend und Kuhn über Inkommensurabilität

 Feyerabend und Kuhn werden vielfach in  einem Atemzug genannt, als seien ihre Ansichten in der Wissenschaftsphilosophie praktisch identisch. Wie Paul Hoyningen-Huene in seinem Artikel

 Hoyningen-Huene, P.: Paul Feyerabend und Thomas Kuhn, in: Journal for General Philosophy of Science, 1/2002

 zeigt, kann davon aber keine Rede sein.

Feyerabend hat laut eigener Aussage Kuhns Ideen zum ersten Mal 1959 kennengelernt, spätestens seit 1960 haben sie sich gut gekannt, und ihre intensivste Auseinandersetzung fällt in die Jahre 1960 und 1961. Ihre gleichzeitige Lehrtätigkeit an derselben Hochschule endete 1964, als Kuhn nach Princeton ging. Kuhn war damals nur im engsten Kreis der Wissenschaftshistoriker bekannt; dieser Kreis war eng, weil sich die Wissenschaftshistoriographie erst in den 50er Jahren in Nordamerika professionell zu eta­blieren begann. Feyerabend trug auch wesentlich dazu bei, dass Kuhn in den frühen 60er Jahren auch bei Philosophen bekannter wurde. Aber auch nach der Publikation von The Structure of Scientific Revolutions im Jahr 1962 dauerte es noch eine Weile, bis die Philosophen Kuhn allgemein kannten.

 Was ist der Grund dafür, dass Feyerabend und Kuhn seit den 60er Jahren so oft in      einem Atemzug genannt werden? Laut Hoyningen-Huene hatten beide damals Vorbehalte gegenüber dem im angelsächsischen Bereich dominant gewordenen logischen Empirismus. Beide hatten eine solide naturwissenschaftliche Ausbildung, Feyerabend hatte ein Diplom in Astronomie, Kuhn einen Doktor in theoretischer Physik (sein Doktorvater hatte sogar den Nobelpreis gewonnen). Ausschlaggebend war jedoch die Tatsache, dass sie simultan in ihren außerordentlich einflussreichen Arbeiten von 1962 einen neuen Begriff, den der Inkommensurabilität, in die Wissenschaftsphilosophie eingeführt hatten (Feyerabend in Explanation, Reduction and Empiricism, Kuhn in The Structure of Scientific Revolutions). Dieser Begriff wurde zum Kern von philosophischen Kontroversen, die unmittelbar nach dem Erscheinen dieser Arbeiten begannen und bis heute mit unmittelbarer Heftigkeit fortdauern. Denn der Begriff der Inkommensurabiltät hat sich als schwieriger und kontroverser Begriff herausgestellt. Feyerabend hat dies einmal so formuliert: „Offenbar kommt jeder, der sich in den Sumpf des Inkommensurabilitätsproblems begibt, mit Schlamm auf dem Kopf wieder zurück.“

 Der Kernpunkt von Inkommensurabilität liegt darin, dass Theorien, die einander ablösen und zwischen denen eine wissenschaftliche Revolution liegt, nicht mit genau denselben Begriffen arbeiten. Einmal führt eine neue Theorie neue Begriffe ein und verwirft bestimmte Begriffe der alten Theorie. Beispielsweise wird in der Newtonschen Gravitationstheorie der Begriff der Gravitationskraft neu eingeführt, und der Begriff des Mittelpunkts des Universums, der für die ältere Theorie unentbehrlich war, als unnötig und unbrauchbar verworfen.

Hinsichtlich der Inkommensurabilität sind aber die Fälle interessanter, wo Begriffe der alten Theorie in der neuen Theorie weiter verwendet werden, aber mit etwas veränderter Bedeutung. Beispielsweise wird sowohl in der Newtonschen Mechanik als auch in der Relativitätstheorie der Begriff der Masse verwendet, aber er bedeutet in den beiden Theorien nicht genau dasselbe. Insbesondere diese, vielfach als „Begriffsverschiebung“ bezeichnete Veränderung von Begriffen führt nun zu einem besonderen Verhältnis zwischen vorrevolutionärer und nachrevolutio

närer Theorie, und dieses Verhältnis zweier Theorien ist es, das mit dem Inkommensurabilitätsbegriff angesprochen wird.

Hoyningen-Huene zufolge gelten vier zentrale Charakteristika sowohl für Feyerabends wie auch für Kuhns Konzeption:

 

¢ Inkommensurable Theorien sind miteinander unverträglich, aber ihre Unverträglichkeit lässt sich nicht in einen logischen Widerspruch transformieren.

 

¢ Inkommensurable Theorien machen unterschiedliche Aussagen darüber, was die Welt ist.

 

¢ Inkommensurable Theorien sind nicht ineinander übersetzbar, d.h. mit den Begriffen der einen Theorie lässt sich die jeweils andere nicht vollständig formulieren.

 

¢ Der Vergleich inkommensurabler Theorien hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit ist wesentlich komplizierter als bei kommensurablen Theorien.

 

Ein Teil der kontroversen Diskussion über den Inkommensurabilitätsbegriff geht darauf zurück, dass Feyerabend und Kuhn vielfach so verstanden worden waren, dass sie die Möglichkeit eines leistungsbezogenen Theorievergleichs überhaupt leugnen wollten. Diese Interpretation lag aber nicht in den Absichten der beiden. Sie wollten zunächst lediglich gegen die damals gängige, ihrer Meinung nach aber stark simplifizierende Auffassung vom Verhältnis einander ablösender Theorien argumentieren, gemäß der die Theoriewahl durch Leistungsvergleich ausschließlich auf der komparativen Bewertung einzelner Voraussagen beruht.

Worin sieht Hoyningen-Huene den Hauptunterschied zwischen Kuhns und Feyerabends Theorie? Kuhns Inkommensurabilitätsbegriff hat einen größeren Anwendungsbereich als der Feyerabendsche. Der Grund hierfür ist, dass bei Feyerabend nur umfassende Theorien zueinander inkommensurabel sein können und zwar dann, wenn sie auf eine bestimmte Weise interpretiert werden, nämlich realistisch. Beispiele für inkommensurable Theoriepaare sind für Feyerabend die Quantenmechanik und die klassische Mechanik, oder die Relativitätstheorie und die klassische Physik, jeweils in bestimmter Interpretation. Als Konsequenz der Beschränkung von Feyerabends Inkommensurabilitätsbe­griff auf umfassende Theorien sind bei Kuhn manche Theoriepaare inkommensurabel, die es bei Feyerabend nicht sind. Dazu gehören beispielsweise die Ptolemäische und die Kopernikanische Planetentheorie, die bei Kuhn als eines der Standardbeispiele für Inkommensurabilität fungieren, während ihnen dieses Verhältnis von Feyerabend explizit abgesprochen wird.

Paul Hoyningen-Huene stellt anhand zweier Briefe, die Feyerabend 1960/61 an Kuhn geschrieben hat, die Kontroverse zwischen den beiden dar. Danach vermutet Feyerabend im Hintergrund von Kuhns Überlegungen eine Ideologie, die nur dem engstirnigsten und dünkelhaftesten Spezialisten Wohlbehagen vermitteln könne. Stein des Anstoßes ist die sogenannte normale Wissenschaft, die Kuhn in die Diskussion gebracht hat. Normale Wissenschaft ist nach Kuhn eine Phase der Wissenschaftsentwicklung, die sich dadurch auszeichnet, dass in ihr hinsichtlich der Grundlagenfragen der Disziplin in der ent­sprechenden Wissenschaftlergemeinschaft ein ziemlich weitgehender Konsens herrscht. ‘Dogmatisch’ gelten sie in dem Sinne, dass sie nicht eigentlich zur Disposition stehen,daher nicht immer wieder begründet oder überprüft werden müssen.

Feyerabend bezweifelt nun zunächst, dass die Existenz von normaler Wissenschaft ein Faktum ist. Zugleich ist ihm normale Wissenschaft - wie  den anderen kritischen Rationalisten der 60er Jahre auch - ein Greuel. Der Grund für diese Abneigung gegen Kuhns normale Wissenschaft ist deren dogmatisches oder quasi-dogmatisches Moment, das Kuhn selbst explizit herausstellt. Für Kuhn ist dieses dogmatische Element keineswegs mit   einer Abwertung der normalen Wissenschaft verbunden, sondern funktional für den wissenschaftlichen Fortschritt. Wenn Kuhn nun das dogmatische Moment der normalen Wissenschaft positiv bewertet, so zeigt sich darin in den Augen eines kritischen Rationalisten ein fundamentaler Verstoß gegen das wissenschaftliche Ethos, eben kritisch und dogmatisch zu sein. Und für den Aufklärer Feyerabend ist dieser Verstoß unmittelbar auch antihumanitär, denn „Fortschritt ist immer dadurch erreicht worden, dass man wohlverschanzte und wohlbegründete Lebensformen an unpopulären und grundlosen Werten gemessen hat. So hat sich der Mensch schrittweise von Furcht und von der Tyrannei ungeprüfter Systeme befreit“. Was aber Feyer­abend noch mehr in Rage bringt, ist Kuhns Darstellungsweise. Er meint dabei Kuhns „methodologischen Standpunkt“, gemäß dem er bestimmte Elemente der Wissenschaftsentwicklung als vernünftig bzw. unvernünftig bewertet. Hintergrund dabei ist Kuhns implizite positive Beurteilung der normalen Wissenschaft. Feyerabend wirft nun Kuhn vor, diesen Standpunkt nicht deutlich gemacht zu haben, sodass seine Leser nicht merken, dass es dazu auch Alternativen gibt. Stattdessen sehe es so aus, als folge die Bewertung der Fakten aus den Fakten selber: „Was du schreibst, ist nicht einfach Geschichte. Es ist Ideologie, die sich als Geschichte ausgibt.“

Kuhn hat sich in entscheidenden Punkten von Feyerabend missverstanden gefühlt. Er geht sogar soweit zu sagen, offenbar gebe es zwei Kuhn, einer der das Buch Die Struktur der wissenschaftlichen Revolution geschrieben habe und ein anderer Kuhn, der ein anderes, aber gleichnamiges Buch geschrieben habe und das viele Thesen enthalte, die mit denen des ersten unverträglich seien, und aus diesem würden seine Kritiker, Feyerabend eingeschlossen, zitieren.

In den späten 80er Jahren änderte sich Feyer­abends Ton gegenüber Kuhn. Er schrieb, es sei ihm aufgegangen, dass die nun von ihm vertretenen Ideen fast identisch mit Kuhns Philosophie seien.

 







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