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Wissenschaftsethik

 

WISSENSCHAFTSETHIK

 Jürgen Mittelstraß warnt vor einer Überbewertung

 

Ist es um die Stabilität der Werte, die die Wissenschaft mit der Gesellschaft teilt, geschehen?

 Wie der Konstanzer Philosoph Jürgen Mittelstrass in seinem Artikel

 

Mittelstraß, J.: Für und wider eine Wissenschaftsethik?, in: Mittelstraß, J.: Wissen und Grenzen. Philosophische Studien. 226 S., kt., stw 1566, € 10.—, 2001, Suhrkamp, Frankfurt

darstellt, weist die Beantwortung dieser Frage heute selbst Züge eines Glaubensbekenntnisses auf. Die einen sehen sie längst beantwortet durch eine Entwicklung, in der Orientierungslosigkeit und Werteverlust nur noch zu konstatieren, aber nicht mehr aufzuhalten oder gar in Frage zu stellen sind. Die anderen sehen in dieser Antwort lediglich den stets gegenwärtigen Pessimismus, der gerade eine solch erfolgreiche Kultur wie die unsere begleitet.

Zur Wahl stehen also ein tiefer Pessimismus und ein pionierhafter Optimismus. In dieser Situation formuliert Jürgen Mittelstrass folgende Thesen:

1. Wissenschaft und Technik machen die Welt zu einem Artefakt, zu einer „Leonardo-Welt“, die auch die Natur und den Menschen umfasst. Wohin wir in dieser Welt auch gehen, der analysierende, erkennende, bauende, wirtschaftende und verwaltende Verstand war immer schon da. „Natürliche“ Welten existieren nur noch am Rande der Welt, und sie werden immer weniger und immer schwächer. Die moderne, von Mittelstrass Leonardo-Welt genannte Welt ist eine Welt, in der sich der Mensch in seinen Werken begegnet. Auch sind moderne Gesellschaften in    einem Maße von Wissenschaft und Technik abhängig geworden, dass jede Veränderung im Wissenschafts- und Techniksystem unmittelbar ihre Grundlagen berührt. Besonders deutlich ist dies im Ernährungs-, Gesundheits- und Energiesektor. Ohne Wissenschaft und Technik geht hier nichts mehr, ohne neue Energien der Wissenschaft und der Technik gehen auch der Welt die Energien aus. Wissenschaft und Technik beginnen selbst den Menschen als potentielle neue Leonardo-Welt zu erkennen und in Anspruch zu nehmen. Wir gewöhnen uns allmählich an den Gedanken, dass sich die Natur des Menschen ebenso verändern lässt wie die physische und die gesellschaftliche Welt. Der Mensch hat, weitaus konsequenter als es frühere Gesellschaften taten, seine Evolution in die eigene, wissenschaftliche und technische Hand genommen.

2. Der Fortschritt in einer Leonardo-Welt ist  maßlos, d.h. ohne inneres Maß. Grenzen des Fortschritts können daher auch nur selbst gesetzte oder „von außen“ gesetzte ethische Grenzen sein. Zumindest in seiner ethischen Natur bleibt der Mensch das Maß der Welt. Der Fortschritt der einen treibt den Fortschritt der anderen an und umgekehrt. Wenn es ein inneres Maß von Wissenschaft und Technik geben sollte, dann dies, über jedes Maß hinauszugehen. Das aber bedeutet, dass Grenzen des Fortschritts allemal nur durch ein selbst gesetztes Maß bestimmt werden können. Sie liegen nicht dort, worauf man zeigen kann und worüber man sagt, dass der Mensch darüber nicht hinausgehen kann, sondern dort, wo sie liegen sollen, weil der Mensch meint, er dürfe an dieser Stelle nicht weitergehen. Selbstgesetzte Grenzen sind in diesem Sinne ethische Grenzen. Das heißt, dass in einer rationalen oder technischen Kultur wie einer Leonardo-Welt die technische Vernunft allein das Problem eines technischen Fortschritts nicht lösen und die Frage nach einem über ein Herrschafts- und Verfügungswissen hinausgehenden Orientierungswissen nicht beantwortet werden kann. Damit wird das Problem einer handlungsleitenden praktischen Vernunft bzw. eines gerechtfertigten Fortschritts nur umso prekärer.

3. In der Leonardo-Welt hält ein Orientie- rungswissen mit einem Sach- und Verfügungswissen nicht Schritt. Der wissenschaftlich-technische Verstand ist stark, die praktische Vernunft ist schwach. Ein Streit um den Wertewandel versperrt den Blick auf die Zukunft der praktischen Vernunft. Sach- und Verfügungswissen sind ein positives Wissen, Orientierungswissen ein regulatives Wissen. Die Wissenschaft hat dieses Wissen aus den     Augen verloren - und die Gesellschaft häufig auch. Die Folgen sind Orientierungsschwächen, Selbstzweifel und neuerdings wieder die Anfälligkeit gegenüber jeder Art von Fundamentalismus. Eine Welt, die ihre Zukunft in dynamischen Prozessen sucht, die auf die Veränderungspotentiale von Wissenschaft und Technik setzt, kann aus dieser Dynamik ihre Werte nicht heraushalten. Das würde, wenn es dennoch versucht würde, bededeuten, die Welt von morgen mit den Orientierungen von gestern bauen, rückwärts in die Zukunft gehen.

4. Freiheit und Verantwortung gehören zum Wesen der Institution Wissenschaft. Ihre Einhaltung ist jedoch nicht Sache einer   eigens zu diesem Zweck eingerichteten Wissenschaftsethik, sondern einer allgemeinen Bürgerethik. Ethik lässt sich nicht gesellschaftlich teilen, etwa in eine wissenschaftliche Ethik, als Sonderethik des Wissenschaftlers auf der einen Seite, und eine Standardethik der Gesellschaft auf der anderen Seite.

Freiheit der Forschung bedeutet einerseits Freiheit des Wissenschaftlers, andererseits Freiheit der Institution Wissenschaft. Recht verstanden ist Freiheit immer verantwortete Freiheit, im anderen Fall Willkür. Folglich gehören beide Freiheiten, die Freiheit des Wissenschaftlers und die Freiheit der Institution Wissenschaft, zusammen.

Die Hoffnungen, die man gegenwärtig mit einer solchen Wissenschaftsethik verbindet, eilen den Realisierungsschancen weit voraus. Möglicherweise, so Mittelstraß, führt der Ruf nach einer Wissenschaftsethik sogar in die falsche Richtung. Der Grund dafür: Die Wissenschaft bildet eine besondere Wissensform, aber keine besondere Gesellschaftsform – mit einer entsprechenden Ethik aus. Wer das dennoch meint, verwechselt nicht nur methodisch fundierte Standards des Wissens mit ethisch fundierten gesellschaftlichen Rationalitäten, er wird auch von einer falschen Vorstellung von Ethik geleitet. Gemeint ist die Vorstellung, dass es auf alle Probleme und in allen Situationen eine ethische Antwort, und zwar genau die ethische Antwort gibt. Es ist dies die Vorstellung, dass Ethik eine Disziplin ist, die in allen denkbaren Fällen in die Lage versetzt zu sagen, was moralisch gerechtfertigt ist und was nicht. Hier wird Ethik mit einem Lehrbuch verwechselt und die Lösung von ethischen Problemen mit der Anwendung von Lehrsätzen.

Mittelstraß verweist darauf, dass der Wissenschaftler Subjekt moralischer Ansprüche nicht als Wissenschaftler ist, sondern als Bürger, weshalb Ethik im Grund immer Bürgerethik ist. Ethik lässt sich deshalb nicht gesellschaftlich teilen, d.h. in eine wissenschaftliche Ethik als Sonderethik des Wissenschaftlers auf der einen Seite und eine nicht-wissenschaftliche Ethik, als Standardethik der Gesellschaft, auf der anderen Seite. Für Mittelstrass gibt es keine geschlossenen ethischen Welten, in denen jeweils nur eine Ethik gelten würde. Er wendet sich entsprechend auch gegen die Vorstellung, dass der Wissenschaftler für mehr verantwortlich ist als der Bürger. Was erforderlich ist, ist ein besonderes Ethos, wie es z.B. im Berufsethos des Mediziners seit langem gesellschaftlich wirksam ist.

Auch eine Bürgerethik lässt sich aber gegen die Entwicklungen, deren wesentlicher Motor Wissenschaft und Technik sind, nicht isolieren. Es ist die Aufgabe einer praktischen Vernunft, diesem Umstand, der auch einen Wertewandel einschließt, in normativer Form Rechnung zu tragen. Niemals wird aber der Fall eintreten, in dem die Wissenschaft alles erklärt und gleichzeitig noch selbst die Orientierungen schafft, nach denen der Mensch leben soll und leben kann.

 

 

 

 







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