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03 2020

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Hans Zillmann:
Zugriff auf das menschliche Genom. Fragen zum genetischen Enhancement

aus: Heft 3/2020, S. 116-120

 
Prognosen und Spekulationen
 
Prognosen können ein Mittel philosophischer Reflexion darstellen. Deren Ziel kann darin bestehen, sich einem Problem zu widmen, bevor es akut geworden ist und nicht mehr genügend Zeit für gründliche Erwägungen bleibt. Gedankenexperimente bedienen sich häufig der prognostizierenden Methode. Dabei müssen Prognosen allerdings klar von Spekulationen getrennt werden. Solange keine wissenschaftlich fundierten Hinweise darauf existieren, dass das Reisen durch die Zeit nur noch eine Frage weiterer Entwicklungen ist, haben Gedankenexperimente über das Zeitreisen immer nur spekulativen Charakter.
 
Auch bei der ethischen Bewertung der Eingriffe in das menschliche Genom gilt es zwischen Prognosen und Aussagen, die letztlich eine spekulative Ebene nicht verlassen, zu trennen.  Besonders in Bezug auf das genetische Enhancement von Menschen prägen Spekulationen die Debatte, die nicht mehr als Science Fiction sind.  Wenn sich der spekulative Charakter der hier vorgebrachten Argumente belegen ließe, dann wären auch die in diesem Zusammenhang erwarteten Gefahren für Gesellschaft, Individuum und unsere moralische Gemeinschaft, die einige Autoren bei einer Anwendung der in Frage stehenden Technologien befürchten, nicht mehr als Spekulationen.
 
Eingriffe in das menschliche Genom
 
Wenn es um Eingriffe in das menschliche Genom geht, lassen sich viele Argumente von Befürwortern und Gegnern finden, bei denen auf den ersten Blick nicht klar ist, ob diese auf Prognosen oder Spekulationen beruhen. Hier gibt es nach der Bekanntgabe der Entdeckung eines Treuegens bei Wühlmäusen z. B. Befürchtungen, dass das Modell einer monogamen Partnerschaft durch genetische Eingriffe einfach herbeigeführt werden könnte. Auch wenn an dieser Stelle unbeantwortet bleibt, wer dieses Partnerschaftsmodell aus welchen Gründen als erstrebenswert ansieht und wem die Macht zukommen könnte, derartige Wünsche durchzusetzen. Auch ist unklar, ob man bei Wühlmäusen tatsächlich ein Gen identifizieren konnte, welches mit sexueller Treue assoziiert werden kann. Hier schließt sich hier die Frage nach der Übertragbarkeit derartiger Befunde auf den Menschen an. Bei solchen Szenarien handelt es sich um Spekulation. Oder wird es tatsächlich einmal möglich sein, gezielt besonders intelligente Kinder zu erschaffen, indem man deren Gene verändert?
 
Verschiedene Studien zeigen, dass 1000 und mehr Gene mit Intelligenz bzw. individuellen Bildungschancen assoziiert sind. Bereits aus quantitativen Gründen lässt sich fragen, ob man die Funktion von 1000 oder mehr Genen sowie deren Interaktion einmal so wird beeinflussen können, dass intendierte Veränderungen bezüglich intellektueller Fähigkeiten von Menschen erreicht werden können. Kann die Komplexität der zugrundeliegenden Faktoren ihre technische Beherrschung prinzipiell unmöglich machen oder ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis man in der Lage ist, derartige Eingriffe erfolgreich durchzuführen? Handelt es sich bei dem intendiert designten Menschen um eine Prognose oder eine Spekulation?
 
Ein Argument geht dahin, dass Menschenbilder prinzipiell variabel sind und es sich daher nicht begründen lässt, warum Menschen nicht über ihre natürlichen Fähigkeiten und Grenzen hinausgehen sollten – und dies unter zu Hilfenahme aller möglichen Techniken. Dabei wird unterstellt, dass der Mensch im Allgemeinen stets nach Perfektionierung seiner selbst strebt. Hier taucht durch die Hintertür ein neuer Essentialismus auf, denn es ist keinesfalls klar, dass eine Verbesserung oder gar Perfektionierung der eigenen Möglichkeiten oder der der eigenen Kinder von allen Menschen tatsächlich weitestgehend angestrebt wird. Sofern also die individuellen Freiheitsrechte derjenigen garantiert werden sollen, die nach Verbesserung streben, dürfen die Rechte derjenigen, die für sich und ihre Kinder kein Enhancement wollen, nicht übergangen werden. Denn was ist mit dem Recht auf eine gerechte Gesellschaft, deren Funktionieren zumindest problematisch werden könnte, wenn einige Menschen verbessert sind und andere nicht?
 
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