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Descartes: Meditationen

 

Die "Meditationen" als Antwort auf die Skepsis der damaligen Zeit

 Ein zentrales Thema in den intellektuellen Auseinandersetzungen zu Beginn des 17. Jahr­hunderts war die Suche nach einem evidenten und dadurch sich selbst rechtfer­tigenden Kriterium, das es erlaubt hätte, von den einander entgegengesetzten Konzep­tionen auf den Gebieten der Religion, der Ethik und der Naturwissenschaften jeweils eine als die wirklich wahre zu rechtfertigen. Ein solches Kriterium hätte etwa zwischen den Lehren Luthers und denen der katholi­schen Kirche entscheiden können.

Aber auch innerhalb der Naturphilosophie wurden durch die Wiederentdeckung antiker Klassiker Alternativen zur peripatetischen Theorie der Bewegung und der Galenischen Theorie des menschlichen Körpers ent­wickelt, sodaß auch hier ein Entscheidungs­bedarf sichtbar wurde.

 Neben antiken Naturphilosophen wurden aber auch die Texte des längst vergessenen Skep­tikers Sextus Empiricus neu ediert, und die Konkurrenz unterschiedlicher Posi­tionen in Ethik, Religion und Natur­philosophie bot dem Skeptizismus einen günstigen Nährboden. Besonders in Frank­reich wurde Sextus Empiricus außerordent­liche Aufmerksamkeit zuteil, wodurch Auto­ren wie Montaigne die Möglichkeit erhiel­ten, gesicherte Erkenntnisse über­haupt in Frage zu stellen. Innerhalb der Natur­philosophie wurden die jeweiligen Gegner mit Argumenten aus dem Arsenal der an­tiken Skeptiker traktiert: Mersenne und Gassendi benutzten Sextus Empiricus gegen die Alchimisten, Bacon und Gassendi gegen die Peri­patetiker, La Mothe le Vayer und Patin gegen die neue Wissenschaft von Galilei. Die Vielzahl der Ansichten hatte zur Folge, daß wissenschaftliche Bemühun­gen als solche schon als Eitelkeit abgetan werden konnten.

Descartes, der eine mathematische Physik etablieren wollte, stand vor dem Problem, sich mit der Skepsis auseinandersetzen zu müssen. Die Meditationen, so zeigt ein neuer Auf­satz

Hüttemann, Andreas: Die "Meditationen" als Abhandlung über die Sinneswahrneh­mung, in: Kemmerling, A. und Schütt, Hans-Peter (Hrsg.): Descartes nachgedacht, 207 S., kt., DM 38.--, 1996, Klostermann, Frankfurt

waren eine Reaktion auf die skeptischen Argumentationen seiner Zeitgenossen. Des­cartes wollte damit einen Weg für seine Physik bahnen. "Ich will Ihnen unter uns sagen, daß diese sechs "Meditationen" alle Grundlagen meiner Physik enthalten. Man darf es aber bitte nicht sagen; denn diejeni­gen, die Aristoteles begünstigen, würden dann viel­leicht mehr Schwierigkeiten ma­chen, sie zu billigen; und ich hoffe, daß diejenigen, die sie lesen, sich unmerklich an meine Prinzipien gewöhnen und ihre Wahr­heit einsehen werden, ehe sie bemerken, daß sie die des Aristoteles zerstören", schrieb Descartes kurz vor der Veröf­fentli­chung der Meditationen an Mersenne.

Ausgangspunkt der Skepsis war die Kritik an der Zuverlässigkeit der Sinne. Das Bei­spiel des Schlafenden zeige, daß wir wahre Vorstellungen nicht von solchen, die wir im Traum haben, unterscheiden können. So schreibt etwa Montaigne in einem seiner Essais: "Ich komme bei dieser Gelegenheit auf die Beobachtung der Sinne, in welcher der stärkste Grund und Beweis unserer Unwissenheit liegt .... Die Sinne sind der Anfang und das Ende der menschlichen Erkenntnis." Ein weiterer Kritikpunkt war der, daß es der Sinneserfah­rung nicht gelin­ge, zu der ihr verborgenen Substanz vor­zudringen. Entsprechend kritisch stand man der Mathematik gegen­über, insbesondere in drei Punkten:

n Auch wenn die Mathematik sicheres Wissen liefert, so handelt sie doch von fiktiven Gegenständen. Die Anwendung auf wirkliche Gegenstände ist nicht gerechtfer­tigt.

n Wenn eine mathematische Naturwis­senschaft auch möglich sein sollte, so hinge sie doch von den Sinneswahrnehmungen ab, die aber nicht zuverlässig sind.

n Selbst wenn diese Probleme gelöst wären, bekämen wir doch nur ein Wissen von den Akzidentien, nicht aber von der Substanz oder der Natur der Dinge.

Die Theorie der Sinneswahrnehmung nimmt daher bei Descartes Unternehmen, eine ma­thematische Physik zu begründen, eine entscheidende Stellung ein.

In der damaligen perspektivistischen Wahr­nehmungstheorie spielten "species" oder Formen eine wichtige Rolle. Man ging davon aus, daß Farben das einzige sind, was von einem Gegen­stand in uns aufgenommen wird. Jeder Punkt der farbigen Oberfläche eines Gegen­standes sendet in alle Richtun­gen "species" aus. In der kristallinen Linse des Auges wer­den die aufgenommenen Eindrücke zu einer vollständigen Farbreprä­sentation des Ge­gen­standes zusammen­gesetzt. Im Gehirn wird die sichtbare "spe­cies" in eine intelligible "spe­cies" transfor­miert, die dem Wahrnehmenden den volls­tändigen Zugang zum Wesen des Gegen­stands ermöglicht.

Diese Theorie setzte voraus, daß die Gegen­stände Farben als wirkliche Eigen­schaft be­sitzen. In Descartes' Physik jedoch besitzt die Unterscheidung zwischen primären und se­kundären Qualitäten eine grundlegende Bedeutung, Farben als sekundäre Qualitäten sind keine wirklichen Eigenschaften der Dinge und sind nicht mehr Grundlage der Wahr­neh­mung. Außerdem stört die Kate­gorie der "species" in seinem ontologischen Inventar. 

Um eine bessere Grundlage für seine Weise, Physik zu betreiben, zu schaffen, will Des­cartes nun die perspektivistische Wahrneh­mungstheorie als inadäquat erweisen und benutzt dazu die Argumentation von Sextus Empiricus. Weshalb, so fragt er, sendet ein Turm unterschiedliche "species" aus, je nachdem, wie weit wir von ihm entfernt sind? Und wieso können im Traum inten­tionale "species" präsent sein, auch wenn es keine ihnen korrespondierende Gegenstände gibt?

In der Dioptrik ersetzt Descartes die von ihm kritisierte Wahrnehmungstheorie durch eine eigene. Dabei handelt es sich um eine mechanische Theorie, die nicht mehr auf "species" zurückzugreifen muß. Die Emp­findung des Lichts entspricht, so Descartes, dem Grad der Kraft, mit der die Nerven bewegt werden, während die Empfindungen ver­schiedener Far­ben verschiedenen Bewe­gungsarten entsprechen. Empfindungen, die zu anderen Sinnen gehören, werden analog auf mechanische Ursachen zurückgeführt. Das Auge paßt sich an die Entfernung des fixierten Gegenstandes an. Die Veränderung der Stellung des Augen­muskels, die das leistet, wird im Gehirn registriert. Das Zu­sam­menschalten dieser Infor­mation mit anderen genuin optischen Informationen erlaubt dann eine Bestimmung von Position und Abstand.







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