header


  

Themen

A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z
Druckversion  |  Schrift: vergrößern verkleinern 

Wittgenste4in: Klarheit als Selbstzweck

Wittgensteins Philosophie als "Klarheit als Selbstzweck"

Kaum ein philosophisches Werk des 20. Jahrhunderts hat so viel Irritation ausgelöst und kontroverse Deutungen erfahren wie der Tractatus. "Was sich überhaupt sagen läßt, läßt sich klar sagen", schreibt Witt­genstein im Vorwort, gibt aber seinem Freund Russell ge­genüber zu, das Buch sei "kurz" und "dunkel".

Auch ist der Tractatus nicht, wie Matthias Kroß in seiner Promotionsarbeit

Kroß, Matthias: Klarheit als Selbstzweck. Wittgenstein über Philosophie, Religion, Ethik und Gewißheit. 274 S., Ln., DM 68.--1993, Akademie-Verlag, Berlin

zeigt, jene systematisch-"geschlossene", abstrakt-logische Arbeit, wie sie gelegent­lich in der Sekundärliteratur kommentiert und als eine Gründungsurkunde des Positi­vismus empfohlen wird. Vielmehr folgt der Gedankengang des Tractatus in weiten Teilen kaum einer kon­trolliert aufgebauten, fachphilosophisch gesicherten Argumen­tationsweise, sondern er läßt auch litera­risch-aphoristische Figuren bzw. das Frag­ment in der Darstellung zu. Stili­stisch kann man den Tractatus sogar als eine Sammlung von Aphorismen bezeich­nen. Denn ein wesentliches Charakteri­stikum von Aphoris­men besteht darin, daß sie über sich hinaus­weisend auf etwas hin­deuten, das sie nicht auszusprechen vermö­gen, aber dennoch bedeuten können, indem sie es zeigen. Wittgenstein selber betont (in Briefen an Ficker und Russell) diese Aus­richtung des Textes auf ein ihn transzen­dierendes Mo­ment, das er einmal als das Ungesagte bzw. das Unsagbare, ein andermal als das Ethi­sche bezeichnet.

Die ethische Intention des Tractatus kommt gerade in der jedes System sprengenden Dar­stellung zum Ausdruck. Der Tractatus stellt weder eine ethische Lehre vor noch gestattet er, daß aus ihm eine solche Lehre oder Theorie abgeleitet werden kann: Der Traktat ist Ethik. Daraus wird verständlich, warum Wittgenstein den ethischen, "zweiten Teil" seines Buches, der für ihn "der Wich­tige" ist, nicht geschrieben hat bzw. auch gar nicht schreiben konnte. Aufbau und Gestalt der Abhandlung sind der Spiegel des Ethischen: Daß er auf diese Weise die "philosophischen Probleme" löst und die Frage nach dem Ethischen beant­wortet, ist bereits Ausdruck seiner Ethik.

Philosophie ist für Wittgenstein intellek­tueller Ausdruck der Haltung zur Welt oder besser: Ausdruck einer ethischen Einstel­lung zur Welt und zu den wichtigen Fragen des Lebens. Der von Frege und Russell gleichermaßen beobachtete und beklagte Mangel an "Argu­mentation" im Tractatus störte ihn keineswegs. Daß Philosophieren eine Haltung anzeigt und gerade nicht durch die "Logik" der Sachfragen bestimmt wird, macht die für den Traktat typische "plötz­liche Wendung des Gedankengangs" (Mc­Guinness) deutlich. Solche Wendungen, die den herkömm­lichen Anspruch an die Philo­sophie ad absurdum führen, haben für Witt­genstein eine mäeuti­sche Funktion. Ein Beleg für diesen Leseeindruck ist Witt­gensteins Feststellung, daß nach Beant­wor­tung aller "möglichen wis­senschaftlichen Fragen.... unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. Freilich bleibt dann keine Frage mehr; und eben dies ist die Antwort". Die Feststellung, daß keine Frage mehr bleibe und daß darin die Antwort bestehe, ist eine philosophische, keine wis­senschaftliche "Ant­wort", aber nicht die Antwort einer Philoso­phie, die sich als "wissenschaftlich" versteht.

Viele Ordnungs- und Textelemente des Tractatus wirken, so Kroß, wie ein Vorgriff auf jene Pluralisierung der Betrachtung, die Wittgenstein als Hauptmerkmal seiner Spät­philo­sophie beschrieben hat. Sie gestatten es, den Traktat als Propädeutik der Spät­schriften zu lesen. In der Frühschrift wird der Systemanspruch von Philosophie de­struiert. In der "Phi­losophie II" werden die Konsequenzen dieser Destruktion expliziert und wird eine neues Modell von Philoso­phie entworfen. Der Umstand, daß Witt­genstein davon überzeugt war, daß sein Spätwerk nur auf dem Hintergrund der "älteren Denkweise" seine "rechte Bedeu­tung erhält", kann im Licht der von Kroß vorgeschlagenen Lesart so verstanden wer­den, daß die Philosophischen Unter­suchun­gen die folgerichtige Umsetzung des Pro­gramms des Tractatus darstellen.

In den Philosophischen Untersuchungen stellt Wittgenstein dem heteronomen Den­ken das bereits im Tractatus angesprochene Ziel der Klarheit als Selbstzweck gegen­über: "Mir dagegen ist die Klarheit, die Durchsichtigkeit, Selbstzweck. Es interes­siert mich nicht, ein Gebäude aufzuführen, sondern die Grundlagen der möglichen Gebäude durchsichtig vor mir zu haben". Trotz seiner Distanzierungen tritt Witt­genstein mit dem Streben nach Klar­heit als Selbstzweck keineswegs aus dem Horizont des abendländischen Philosophierens heraus. Mit den Philosophen vor ihm teilt er das Bestreben, Klarheit über die Grundlagen seines Denkens und seiner Beziehung zur Welt zu erlangen.

Wittgenstein sieht in der rationalistischen Wissenschaft das wichtigste und wirkungs­voll­ste, darum auch verhängnisvoll fehl­greifende Instrument der Lebensbewältigung in der modernen Welt. Diese Überzeugung speist sich aus seiner Vorstellung, die Kul­tur bilde ein dynamisches und zugleich in sich ge­schlos­senes System, das aus dem reibungs­freien Inein­andergreifen zahlloser, mög­licherweise sehr verschiedener Ein­zelaktivitäten zu einem "Ganzen" resultiert. Diese Vorgabe orientiert sich an ästhetisch-organizistischen Maß­stäben, die bei Witt­genstein zugleich an die Vorstel­lung von einer göttlich ge­fügten Welt­ordnung anklin­gen lassen. Dieser "or­ganische" Kultur­begriff weist auf Goethe zurück und ist wohl über Spengler zu Witt­genstein ge­kommen. Witt­gensteins Projekt der "Klar­heit als Selbst­zweck" kann sich als Kultur­leistung par excellence bezeichnen, als bewußt unzeit­gemäßes, aber an die Traditio­nen des Abendlandes anknüpfendes Projekt.

Die Geheimen Tagebücher lassen deutlich erkennen, daß sich Wittgenstein mit seiner Meldung als Freiwilliger zur Armee erhoff­te, sich Lebensumstände zu schaffen, die seiner Arbeit dienlich wären. Es bedurfte offenbar einer "Feuerprobe des Charakters", um die philosophische Aufgabe zu bewäl­tigen. Der Kriegseintritt bedeutete für Witt­genstein zu­gleich eine Militarisierung seines Philosophierens. Wie der Tod die äußerste Grenze des Lebens ist, der Krieg die "Höl­le" des Daseins ausmacht, so trägt auch die Beschäftigung mit logischen Fragen den Charakter stählerner Kälte. Wittgenstein spricht von der "Härte" und "Glätte" logi­scher Probleme. Die Lektüre von Tolstois Erläuterungen des Evan­geliums brachte Wittgenstein davon ab, die Philosophie als einen Versuch zu begrei­fen, ein adäquates Bild der Welt zu entwerfen und führte ihn zu dem seither dominieren­den Gedanken, die Probleme der Philosophie als Lebens­probleme zu sehen. Sein leiden­schaftli­ches Streben nach "Klarheit als Selbstzweck" führt zu einem - aus der Entfernung be­trach­teten - Bild eines um Heiligkeit be­mühten Menschen.

Während der Wittgenstein des Tractatus durch logische Analyse bis an die Grenze der Sagbarkeit die Grundstrukturen der Sprache freilegen möchte, um sie in ihrer Reinform wie ein Kri­stall betrachten zu können, gibt der späte Wittgenstein das semantische Modell der Sprache vollständig auf, gelangt zur Anerkennung der Plura­lität möglichen Sprech­ens und erkennt damit eine unüberschaubare Vielfalt von Schau­plätzen des Sprach-Phi­loso­phierens an. Aus der einen, gleichsam absoluten "Klarheit als Selbstzweck" wird die nicht mehr über­schaubare Vielfalt von "Klar­heiten" als Klärungen des jeweiligen Sprach­gebrauchs. Hatte der Tractatus die Klärung der Grund­strukturen der Sprache sowie die Festlegung der Grenzen sinn­vollen Sprechens zu einem sprachtranszen­denten Zweck unter­nommen, der der ge­suchte "Selbstzweck" sein sollte, so verortet der späte Wittgenstein diesen "Selbstzweck" ausschließlich innerhalb der Sprache selbst. Statt eine sprachumfas­sende oder sprach­übergreifende Einheit zu suchen, läßt sich der späte Wittgenstein von der Vielfalt der Sprache und der unüberschau­baren Pluralität ihrer Verwendungsweisen leiten; statt eine Landkarte der Sprache entwerfen zu wollen, beschränkt er sich programmatisch auf die Abbildung von "Teilstücken". Sobald aber die Sprache als unhintergehbare Vielfalt von "Begriffsver­hältnissen" aufgefaßt wird, wird auch der Anspruch des Philosophen hinfäl­lig, über Sprache als einen Gegenstand seiner Refle­xion verfügen zu können. Viel­mehr nimmt er nur noch an der Sprache teil; er steht in ihr, nicht über ihr. Mehr noch: Witt­gensteins Verzicht auf den Versuch, die Sprache in ihrer Gesamtheit zu analysieren, bedeutet nichts weniger als die Abkehr von der Annahme eines vorsprachlichen, gegen­standskonstitutiven und aus diesem Grund sprachkompetenten Bewußtseins. Gerade indem es Klarheit anstrebt, kann sich das Denken Wittgensteins nicht an präfixierten kategorialen Ausgangspositionen (etwa einem affirmativen Begriff der Allgemein­heit) orientieren, und er und kann nicht nach einem Ersten oder Letzten fragen. Ein solches Denken muß, um seinem Anspruch gerecht zu werden, erst recht jeden kriteriel­len Begriff von einer dialektischen Bezugs­tota­lität, die Idee einer Ganzheit hinter sich lassen. Die Untersuchungen, die in einem solchen "Geist", wie Wittgenstein immer wieder sagt, durchgeführt werden, be­stehen daher in einer Kollektion, einem "Album" von Beispielen, die nicht zur Illustration eines Ganzen zusammengefügt werden können.

Die extensive Verwendung von Beispielen und fiktiven Dialog-Szenen ist für Witt­genstein nicht nur eine Frage des Stils, sondern ist für sein a-systematisches, auf Pluralität gerich­tetes Denken von entschei­dender methodologischer und inhaltlicher Bedeutung. Sein Ver­fahren, das Problem der Allgemeinheit in Beispielkettungen aufzulösen, stellt philosophie­geschichtlich betrachtet nichts weniger als die skeptische Umkehr der platonischen Dia­logpraxis dar - seine Dialoge sollen bereits die Fragerich­tung aufs Allgemeine destruieren, die das philosophische Bemühen historisch weithin bestimmt hat.

Richtig gewählt, erfüllt der Gebrauch von Beispielen eine doppelte Funktion: Er ver­weist zum einen allein dadurch, daß sich die Darstellung auf die Kettung von Beispielen be­schränkt, auf die irreduzible Mannigfaltig­keit des Sprachgebrauchs. Philosophisch steuert er damit der seit Platon in der euro­päischen Denktradition vorherrschenden Lehre von der Höherwertigkeit des Allge­meinen (Begrifflichen) gegenüber dem Besonderen (Phänomena­len) entgegen. Zum anderen verweist er auf einen bedingt oder "regional" verallgemeiner­baren Sprach­gebrauch, soweit er für eine "spezifische" Lebensform steht, indem er eine Regel der Wort- oder Satzverwendung anzeigt. Wäh­rend die Regeln als grundlos, insofern will­kürlich, und jeder Rechtfertigung unfähig zu bezeichnen sind, wird durch ihre beispiel­hafte Anwendung ihre Regularität erkenn­bar.

Daß der Ausdruck "Beispiel" selbst zu jenen Begriffen gehört, deren Bedeutung schil­lernd ist und die daher nicht eindeutig wer­den können, erweist sich im Lichte der Sprachspiel­analyse nicht als ein Mangel, sondern gerade als einer ihrer Stärken. Mit dem Aufweis der Relativität des Sprechens in Hinsicht auf eine Lebensform verbindet er das Ziel, den krite­riologischen Zauber, der in der Philosophiegeschichte von der Präsupposition des Allge­meinen im Beson­deren ausgeht, zu brechen und den philo­sophischen Essentialismus zu destruieren. Die Beispiele sollen die philosophischen Probleme in Fluß bringen, indem sie das von Wittgenstein für so verhängnisvoll erachtete "Starren" auf eine philosophische Problemkonstellation aufbricht. Deshalb wählt er bewußt das abgelegene Beispiel, dis­kutiert ernsthaft den Ausnahmefall und greift zu Fiktionen. Erst wenn der philoso­phische Krampf durch das Heilmittel ver­fremdender und zugleich lösend-auflösender Beispiele beseitigt ist, wird eine distanzierte Betrachtung des gewohnten Sprach­gebrauchs möglich. Um das Arbeiten der Sprache zu verstehen, muß zunächst jene philosophische Haltung destruiert werden, die von der Vorstellung einer wie immer festgefügten oder gar apriori­schen Ordnung der Dinge und einer prästabilisierten Bezie­hung zwischen "Welt", "Erfah­rung" und "Sprache" ausgeht.

Wittgenstein sieht sein Hauptanliegen darin, "Philosophie" zu einem Ende zu bringen. Zu­sammen mit der Bloßstellung philosophi­scher Fehler soll zugleich traditionelle Phi­losophie als "Fehler" erwiesen werden. Mit der Lösung philosophischer Problem soll die De­struktion der überlieferten Philoso­phie insgesamt einhergehen.

Wittgenstein sagt einmal über Kierkegaard, er sage immer wieder dasselbe, wenn auch in ständig neuen Wendungen. Dies trifft mutatis mutandis auch auf den Traktat zu. Er besteht aus ständigen Variationen und Erläuterungen des Gedankens, daß sich die Tat­sächlichkeit der Dinge, der Logik und der Bilder, die mit Hilfe dieser Logik er­zeugt wer­den, nicht aussprechen läßt oder zumindest zu unsinnigen Aussagen führt. Unsinnig sind diese Aussagen vor allem deshalb, weil sie zu sagen versuchen, was nur gezeigt werden kann. Dies gilt insbe­sondere für die "logische Form", ohne die zwar sinnvolles Sprechen nicht möglich, die aber selbst nicht "aussprechbar" ist. Das Resultat des Traktates besteht denn auch im Schweigegebot des Satzes.

Es ist der für den Traktat so wichtige Be­griff der "logischen Form", dessen Neufas­sung wesentlich zur Entstehung der "Philo­sophie II" geführt hat. Ihr Einsatzpunkt besteht darin, die Universalität der Logik, welche die Repräsentation von Tatsachen formt, zu überwin­den und sie als einen Vektor des konkreten Sprachgeschehens zu betrachten, statt das Sprechen von ihr ab­hängig zu machen. Damit verbunden ist die Anerkennung der Plura­lität des Sprachhan­delns als Ausgangs- und Endpunkt der philosophischen Betrach­tung, also die Aner­kennung der Unhintergehbarkeit der be­stehenden Sprache als Basis einer philoso­phischen Sprachanalyse.

Da die Philosophie des späten Wittgenstein keine Lehre vom richtigen Sprachgebrauch darstellt, muß sie das Funktionieren der Sprache nicht ergründen, sondern kann sich zum Zwecke der Beseitigung von Mißver­ständnissen im Sprachgebrauch auf die beispielhafte Analyse vor allem von Pro­blemfällen des alltäglichen Sprachgebrauchs beschränken. Sie stellt den "Sprachfluß" vorübergehend still und zieht dem Wort- bzw. Satzgebrauch klare Grenzen, um des­sen grammatische Regeln zu konturieren und die Eigentümlichkeit der Sprachspiele zu bestimmen, in denen bestimmte Sätze und Wörter verwendet werden. Wittgenstein vergleicht seine Tätigkeit mit der eines Malers, der "von dem sich stets ver­än­der­lichen Bild einer Landschaft ein ruhendes Abbild malt."

Die Dramatik von Wittgensteins Neubewer­tung von Philosophie kann nur dann an­gemes­sen gewürdigt werden, wenn man bedenkt, daß mit Wittgensteins Programm der "Philoso­phie als Tätigkeit" die Destruk­tion der Vorstellung von "Philosophie als Lehre" in Angriff genommen wird, einer Vorstellung, die sich zumindest bis Platon zurückverfolgen läßt. Wittgensteins Spät­philosophie vollzieht eine Drehung der philosophischen Perspektive, die zur Auflö­sung jeder methodisch festgelegten und durch eine Theorie abgesicherten Erklä­rung der Beziehungen zwischen Denken, Spre­chen, Wirklichkeit und Welt führt. Die Spra­che erscheint als ein regelgeleitetes System von Konventionen, die wohl über­sichtlich beschrieben bzw. deren Funktions­mechanismen erläutert werden können, die aber weder zu begründen noch zu rechtfer­tigen sind. Solche Regeln werden durch menschliches Sprachhandeln erzeugt. Auch die Frage nach der Wahrheitsfähigkeit sprachlicher Äußerun­gen spielt angesichts der grammatischen Immanenz keine philo­sophische Rolle.

Die Willkürlichkeit der grammatischen Festlegungen, ihre Unabhängigkeit von "Wahrheit" und Bezug zur "Wirklichkeit" führen Wittgenstein nahezu zwangsläufig zu einem "epi­stemischen Relativismus". Im Unterschied zum klassischen epistemologi­schen Relativis­mus vermeidet Wittgensteins Pluralisierung der Sprache den Zirkel der methodischen Selbst- und Letztbegründung, der den Relativismus selbstwidersprüchlich erscheinen läßt. Im Gegensatz zum epi­stemologischen Skeptizismus untersucht er den Zeichencharakter der Sprache nicht auf ihren möglichen Bezug auf eine jenseits der Zeichen verortete Wirklich­keit, sondern begreift ihn lediglich als konstitutives Mo­ment menschlicher Praxis. Die Voraus­setzung, daß zu einer Lebensform we­sentlich die kollektive Übereinstimmung in den "Urteilen" oder besser: in den Ur­teilsweisen, gehört, bewahrt den sprachlo­gischen Relativismus vor dem Abgleiten in die Beliebigkeit.

Für das Programm "Klarheit als Selbst­zweck", das von Anfang an Wittgensteins Denken bestimmt, macht die Suche nach letzten Bestimmungsgründen, aber auch letzten Zielen für das Leben der Menschen keinen Sinn. Philosophische Klärung statt Aufklärung, philoso­phisches Streben nach Klarheit statt Wahrheit, Betonung der Dif­ferenz statt Übereinstim­mung, Reflexion der praxeologischen Endlichkeit statt Unend­lichkeit der Selbstreflexion  ­des Begriffs sind die Pole, um die die sprachphilosophi­schen Untersuchungen kreisen. Polemisch hat Wittgenstein dieses Programm 1948 in einem Gespräch mit seinem Schüler Drury folgendermaßen charakterisiert: "Mir scheint, Hegel will immer sagen, daß Dinge, die verschieden aussehen, in Wirklichkeit gleich sind, während es mir um den Nach­weis geht, daß Dinge, die gleich aussehen, in Wirklichkeit verschieden sind".

Das Buch ist in der Presse überschwenglich gelobt worden. "Ich habe zu diesem Thema bisher nichts besseres gelesen", schrieb Wilhelm Vossenkuhl, ebenfalls Autor eines Witt­genstein-Bandes über die Kapitel "Ge­wißheit", "Philosophie" und "Ethik", und geht noch weiter: "Mir ist kein Buch über Wittgenstein bekannt, das seine (Witt­gensteins) Auffassung von Philosophie als Tätigkeit besser begreifbar macht". "Eines der besten Bücher über Witt­genstein, die es nun gibt", stimmt Eckhard Nordhofen in der "Frankfurter Allgemei­nen" zu. Etwas um­ständlicher sagt dasselbe Manfred Geier in der "Deutschen Zeitschrift für Philoso­phie": "Mit seiner Arbeit hat Kroß über­zeugend nach­gewiesen, daß die be­fremd­liche 'Dun­kelheit' der Primärtexte sich aufklären läßt, wenn man 'Klarheit als Selbst­zweck' als Wittgensteins zentrales und grundlegendes Programm anzuerkennen bereit ist".







© Information Philosophie     Impressum     Datenschutz     Kontakt