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Körper: Wie soll der Körper zur Sprache gebracht werden? Elisabeth List

 

Wie soll der Körper zur Sprache ge-bracht werden?

Die kritische Sichtung traditioneller Kon­zepte des Weiblichen in der feministischen Theo­rie hatte gezeigt, daß das Anderssein der Frau als das "zwei­te Geschlecht" gegen­über dem Standardsubjekt des philosophi­schen Vernunftdiskurses, aber auch der Politik und der Wissenschaft seit der Antike an der Leibgebundenheit der Lebensformen von Frauen festgemacht war. Die femini­stische Philosophie hat diese Sicht des Weiblichen als Teil des Imaginären einer männlich dominierten Diskurskultur zurück­gewiesen: Frauen wird durch die männliche Suprematie eine bestimmte Weise des Kör­per­seins auferlegt.

Dabei stellt sich aber gegenwärtig, wie die Grazer Philosopin Elisabeth List in ihrem Aufsatz

List, Elisabeth: Wissende Körper - Wis­senskörper - Maschinenkörper, in: Die Philoso­phin 10, Oktober 1994

ausführt, nun die Frage, wie der Körper jenseits der Alternative von Biologismus, der biolo­gischen Festschreibung eines kör­perlichen Geschlechts, und Kon­struktivis­mus, der Auflö­sung des Geschlechts in eine Menge beliebig austauschbarer kultureller Praktiken, zur Sprache gebracht werden soll. Letztere Position, vertreten durch Ju­dith Butler, nimmt an, daß es diesseits dieser Konstrukte keinen "natürlichen" Körper gibt, weder als ontologisch ausge­zeichneten Ort noch als einigermaßen klar umschreibbaren Knoten im Netz des Sinn­gefüges, in das das menschliche Selbst- und Weltverständnis eingewoben ist.

Elisabeth List vermutet, daß die These, alles sei Kultur, ebensosehr ein Mythos sei wie die überkommene Auffassung, in Fragen des Geschlechts sei "alles Natur". Eine feministische Theorie des Körpers sollte vielmehr darauf abzielen, den Körper jen­seits der traditionellen Dichotomie von Natur und Kultur zu denken. Zugleich sollte sie aber davon ausgehen, daß jede Form der Sinngebung, der Erfahrung und der Wis­sensproduktion wesentlich leib­bezogen ist. Ein solches Verständnis, das die logozen­trischen und androzentischen Ideolo­geme der Vernunft- und Subjektphilosophie hinter sich läßt, eröffnet zugleich neue Zu­gänge zum Verständnis menschlichen Wissens.

Elisabeth List knüpft an den französischen Phänomenologen Merleau-Ponty an­ und sieht den Leib als "vorbegriffliches Feld der Phänomene" (Merleau-Ponty). Damit ist ein Para­dox ausgedrückt: Im Medium des theo­retischen Diskurses begegnet uns der Leib immer schon als "begriffener", als kulturell gedeuteter. Als der Reflexion vorgän­giges Zen­trum der Lebendigkeit entzieht er sich aber jedem Versuch einer begrifflichen Festlegung. Dieses scheinbare Paradox verschwindet allerdings, sobald man die Idee eines von allen konkreten Erlebnisfor­men reinen Denkens kategorial getrennten Den­kens aufgibt. Dieses Phantasma des reinen Denkens ist für Elisabeth List viel­mehr das Erbe einer Refle­xionskultur, des­sen letztes Ziel es war, den Kontingenzen des Lebens zu entfliehen. Und diese Flucht vor dem Lebendigen manifestierte sich, da Frauen als Gebärerinnen mit die­sen Erfah­rungen as­soziiert werden, als Flucht vor dem Weibli­chen.

Eine Philosophie "am Leitfaden des Lei­bes", wie Elisabeth List sie vertritt, kann nicht an die Philosopheme einer solchen Reflexionskultur anknüpfen, sie verfügt über keine sprach­lichen Evidenzen, auf denen sich ein erschütterungsfestes axiomatisches Denkgebäude gründen ließe. Sie muß viel­mehr von einem Ort, einer Ebene der Erfah­rung ausgehen, der solchen Festlegungen vorausliegt: der "Leitfaden des Leibes" durchzieht das Gewebe subjektiver Leiber­fahrung, ihre Verstrickung in die Gegeben­heiten der Ontogenese und der Phylogenese. Allerdings gibt es verschiedene Traditionen, an die eine solche Philosophie anknüpfen kann. Elisabeth List nennt dabei

n Theorien des Unbewußten in der Psycho­analyse, die auf die grundlegende Rolle des Körpers und des Begehrens in der Entwick­lung der menschlichen Psyche und des Weltver­hältnisses verweisen. Die Psycho­analyse, besonders durch die Neufassung der Freudschen Grundbegriffe in der Nach­folge Lacans, setzt voraus, daß von körper­lichen Regungen, Erregungen und Bewe-egungen elementare Prozesse der Symboli­sie­rung ausgehen.

n Piagets Untersuchungen zur Entwicklung von Intelligenz und Erkenntnis aus den ele­mentaren kindlichen Praxen im Zuge der sensomotorischen Reifung;

n Marx' Konzept der Kritik des Bewußt­seins und der Wissensysteme

n Nietzsches verstreute Gedanken über die Leibbezogenheit philosophischer Ideen und Kategorien

n Untersuchungen zur Rolle vorsprachlicher, d.h. körper- und praxenbezogener Vorstel­lungsschemata

n vormoderne und nichtwestliche Wissens­traditionen mit ihren Einsichten in die Be­deu­tung des Körpers als Wissensquelle.

Wenn es etwas gibt, was körperliches Wis­sen von begrifflich-literalem Wissen unter­scheidet, dann ist es gerade nicht seine Undifferenziertheit. Nach allem, was wir wissen, ist der Bereich des impliziten Wis­sens weit größer als der des Expliziten. Was das körper­liche Wissen auszeichnet, ist vielmehr die enge Verflechtung von Kogni­tion und Emotion, besser: von Wissen und Spüren. Und die Entwertung bzw. Verdrän­gung des körperlichen Wissens geht einher mit der Abwehr des Fühlens als des "bloß Subjektiven". Die Leiber­fahrung ist einge­bunden in einen zirkulären Zusammenhang von im Subjekt zentrierter leiblicher Sinn­produktion einerseits und der "Einverlei­bung" soziokulturell vorgegebener Körper­bilder und entsprechender Verhaltensweisen andererseits.

Die Überwindung der Leibgebundenheit von Wissen, die zur Devise der antiken und männlichen Reflexionskultur wurde, fand in der Schrift eine intellektuelle Technik, die ihr mit ihrer Möglichkeit zur Dekontextuali­sierung von Wissen weit entgegenkam.

Die Einführung der alphabetischen Schrift hatte ihren Preis: Es entstanden vom situati­ven Kontext ihrer Produktion losgelöste Wissenskörper, die sich weniger an den Botschaften wissender Körper orientieren als an den Erkenntnisinteressen derer, die über die neuen Technologien der Wissens­vermehrung verfügen. Durch die Dominanz der Schrift ist es zu einer "Arbeitsteilung der Sinne" gekommen und zu einer Domi­nanz des Visuellen gegenü­ber dem Oralen und Taktilen, und im Zusammenhang damit auch zu einer fortschreitenden Entsinnli­chung und "Entleibung" des Bewußtseins.

Der Gesichtssinn ist, erkenntnistheoretisch gesehen, ein Distanzsinn. In dem Maße, in dem sich dank der phonetischen Schrift der Denkraum theoretischer, philosophisch-wis­senschaftlicher Weltanschauung ausweitet und differenziert, entfernt sich das theoreti­sche Wissen vom gelebten Erfahrungsraum. Verstand und Gefühl trennen sich voneinan­der und stehen sich als epistemologisch und ontologisch dichotomisch gedachte Erfah­rungsweisen und Seinsbereiche gegenüber. Implizit sind in diesem ontologisch-meta­physischen Be­zugsrahmen bestimmte an­thropologische Prämissen enthalten, insbe­sondere die vom geisti­gen "Wesen" des Menschen und die entsprechende Sicht des Weiblichen als leib- und erdgebunden.

Die neuzeitliche Naturwissenschaft hat das Wissensideal der Schriftkultur beerbt und über­wunden. Mit der Entwicklung der expe­rimentellen Methode und mit der Erfindung der Rechenmaschine, die es ermöglicht, den geschriebenen Kalkül in der Maschine zu materia­lisieren, durchbricht sie die geschlos­senen Mauern der Welt des Textes, der Schrift. Mit der Entwicklung der elektroni­schen Medien und der Informationstechno­logie wird es mög­lich, selbst die menschli­che Intelligenz zu Objekten/Konstrukten des neuen experimentell- technischen Wissens­dispositiv werden zu lassen. Aber Video- technik und Fernsehen auf der einen, der Computer und das neue Bio-Engineering auf der anderen, versprechen nicht die Wie­derkehr des Körpers in seiner ursprüngli­chen Erfahrungsweise, sondern inaugurieren eine neue Form der medialen Konstruktion von Körperlichkeit. Die "Technologie des Lebendigen" führt dazu, daß die Grauzone zwischen dem Natürlichen und dem Künst­li­chen unscharf und fließend wird.







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