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Utilitarismus: Kritik des Konsequentialismus (Nida-Rümelin)

 Julian Nida-Rümelin kritisiert mit den Methoden der analytischen Philosophie den Konsequentialismus des Utilitaris­mus.

 Vernünftigerweise tut man das, was die besten Folgen hat. Diese scheinbar trivial richtige These ist falsch - behauptet der in Göttingen lehrende Philosophe Julian Nida-Rümelin in seinem Buch

 Nida-Rümelin, J.: Kritik des Konsequen­tialismus. 197 S., Ln., DM 78.--, 1993, kartonier­te Studienausgabe DM  38.--, 1995, Oldenbourg Verlag, München

 und setzt zur Untermauerung seiner Thesen das ganze formale Instrumentarium der analy­tischen Entscheidungs- und Hand­lungstheorie ein.

 Nach der konsequentialistischen Standar­dauffassung von Handlungsrationalität wird eine vernünftige Person in jedem Falle ein Handlung wählen, die angesichts ihrer Fol­gen wün­schenswerter erscheint als jede andere in der konkreten Situation mögliche Handlung. Diese Auffassung liegt als Hand­lungsmodell verschiedenen sozialwis­senschaftlichen Diszi­plinen, insbesondere den Wirtschaftswissenschaften, aber auch der sogenannten ökonomi­schen Theorie der Politik zugrunde, und sie entspricht der gängigen Interpretation der rationalen Entscheidungs- und Spieltheorie. Durch die Entwicklung letzterer seit Mitte dieses Jahr­hunderts hat die konsequentialistische Interpretation von Handlungsrationalität eine theoretische Grundlage erhalten, mit der sich jede Kritik des Konsequentialismus auseinandersetzen muss.

Eine Entscheidung ist danach genau dann entscheidungstheoretisch rekonstruierbar, wenn sie im Sinne des Bayes'schen Krite­riums rational ist. Dieses Kriterium lautet: Diejenige Entscheidung ist rational, die den (subjektiven) Erwartungswert des (subjek­tiven) Nutzens des Handelnden maximiert.

 Der ethische Konsequentialismusist eine Spezialisierung konsequentialistischer Ratio­nali­tät. Die Spezialisierung bezieht sich zum einen auf den Inhalt der zu maximierenden Wer­te und zum anderen auf den Anwen­dungsbereich der Theorie. Man kann den ethischen Konsequentialismus auch als die Menge der normativ-ethischen Theorien, deren Kriterium richtigen Handelns konse­quentialistisch ist, bezeichnen.

Diese Beziehung von ethischem und allge­meinem Konsequentialismus wird schon durch die Wahl der Terminologie nahege­legt. Sie ist aber auch Ausdruck der in­haltli­chen These: Wer moralisch richtig handelt, handelt zugleich rational. Daraus folgt ein metaethisches Postulat: Eine normativ-ethi­sche Theorie richtigen Handelns muß sich in eine allgemeine Theorie rationalen Han­delns einbetten lassen. Die einfachste Mög­lichkeit, konsequentiali­stische Rationalität und ethischen Konsequentialismus in Bezie­hung zu set­zen, ergibt sich durch ein nor­matives Kriterium, das sich ausschließlich auf die sub­jektiven Wertfunktio­nen als Re-präsentation motivierender Absichten des Handelnden be­zieht. Die­ses Kriterium ver­langt, daß die subjektive Wertfunktion des moralisch Handeln­den unpar­teiisch ist. Unabhängig davon, wie dieses Kriterium konkret formuliert ist, legt es eine einzige mora­lische Rangordnung möglicher Welten fest. Eine Handlung ist mora­lisch richtig, wenn sie die quantitative Repräsentation dieser unparteiischen Rangordnung mögli­cher Welt (bzw. ihren Erwartungswert) maximiert (strikter ethischer Konsequen­tialis­mus).

Das Paradigma einer normativ-ethischen Theorie dieser Art ist der klassische (di­rekte) Handlungsutilitarismus. In der philo­sophischen Diskussion wird das Prädikat "utilitaristisch" bisweilen im Sinne von "konsequentialistisch" verwendet. Da der Utilitarismus jedoch meist nicht nur durch die konsequen­tialistische Bezie­hung zwi­schen dem (unpartei­isch) Guten und dem moralisch Gebotenen (dem Rechten) charak­terisiert wird, sondern auch durch eine inhaltliche Bestimmung des Guten, solllte der strikte ethische Konsequen­tialismus nicht mit dem Handlungsutilitaris­mus iden­tifiziert werden.

Für den Utilitarismus ist typisch, daß Per­sonen - aber auch deren Verdienste, Fehler und Lebensziele - nur mittelbar, nämlich als kontingente Bedingungen der zu maximie­renden Aggregationsfunktion (z.B. in­dividuellen Glücks), eine Rolle spielen. Personen als solche in einem bestimmten Sinne werden für die ethische Beurteilung als unwesentlich angese­hen. Darin liegen die charakteristischen Schwierigkeiten des Utilitarismus mit Fragen der Gerechtig­keit oder der Integrität der Person. Den verschie­denen Spielarten der Handlungs- wie des Regelutilitarismus (einschließlich des ethi­schen Bayesianismus) ist die Orientie­rung der moralischen Beurteilung an Zufrieden­heit, Glück oder Lust gemein­sam - und zwar unabhängig davon, wer Träger davon ist. Es ist deshalb unverkennbar, daß der Utili­tarismus eine besondere Nähe zu einer reduktionistischen Theorie der Person auf­weist. Danach wird unter der sog. Identität der Person nichts anderes als eine lose Verbindung physikalischer und psychologi­scher Sachverhalte verstanden; das, was wir als kontinuierli­che Existenz einer Person über die Zeit empfinden, beruht auf unserer Fähigkeit, uns an frühere Ereignisse zu erinnern und aus Erfahrungen zu lernen. Wenn Personen nichts anderes als lose Verknüpfungen von Empfindungen sind, es jedoch gute und weniger gute Empfindun­gen gibt, dann ist eine Werttheorie plaus­ibel, die gute Empfindungen als solche zum Kriterium richtigen Handelns macht und die Verteilung dieser guten Empfindungen auf Personen für irrelevant erklärt. Nach un­seren moralischen Intuitionen macht es dage­gen einen wesentlichen moralischen Unterschied aus, ob einem Kind eine be­stimmter Verzicht auferlegt wird (z.B. in Form einer mühsamen Ausbildung), von dem es später als Erwachsener profitieren wird, oder ob der gleiche Verzicht dazu dient, einem anderen, z.B. einem mit dem Kind in keinerlei Beziehung stehenden Erwachsenen, diesen Vorteil zu verschaffen.

Für den strengen Reduktionisten gibt es über Empfindungen und Einstellungen hinaus nichts, was in der ethischen Beur­teilung zu berücksichtigen wäre. Insofern ist es verständ­lich, daß mit dieser metaphy­sischen Position meist eine Vernachläs­sigung individueller Rechte und der Fragen nach Gerechtigkeit einhergeht. Auch die Geschichte des ethischen Denkens zeigt, daß es eine enge Verknüpfung zwischen reduktionistischer Metaphysik und utilitari­stischer Ethik gibt. Eine reduktionistische Auffassung der Person als einer bloßen Folge von Ereignissen und speziell Empfin­dungen ist jedoch generell mit der Vorstel­lung einer moralisch handelnden Person schwer vereinbar. Eine reduktionistische Metaphysik stützt die spezifische Wert­theorie des Utilitarismus, aber sie zerstört zugleich den minima­len Bestand anthropo­logischer Annahmen, die für eine jede ethi­sche Theorie, oder genau­er, für die prak­tische Relevanz einer jeden ethischen Theo­rie unabdingbar sind.

Für den strikten Konsequentialismus gibt es nur eine einzige moralisch zulässige Rang­ordnung möglicher Welten. Diese Rang­ordnung ist nicht abhängig von der han­delnden Person, sondern invariant gegen­über den Umständen der Entscheidung, den Handlungs­optionen und den Handelnden. Eine Handlung ist moralisch richtig, wenn sie die quantita­tive Repräsentation dieser unparteiischen Rangordnung möglicher Welten (bzw. hren Er­wartungswert) maxi­miert.

Begründet wird die Invarianz der Bewer­tung des strikten Konsequentialismus damit, daß jede normativ-ethische Theorie unpar­teiisch sein sollte und Wertungen nicht auf die Inter­essen oder persönliche Umstände des Handelnden relativieren dürfe. Im strik­ten Konse­quentialismus, auch dem subjek­tivistischer Art, kommt ein erstaunlicher Rigorismus zum Ausdruck, der von der moralisch handelnden Person "über­menschliche" Distanz zu den eigenen Wün­schen und Interessen sowie zu den Wün­schen und Interessen nahestehender Per­sonen verlangt.

Die Persönlichkeit eines erwachsenen Men­schen ist durch dauerhafte Bindungen an Perso­nen und Institionen, durch persönliche Zielsetzungen und längerfristige Projekte bestimmt. Eine ethische Theorie, die nur von Personen erfüllt werden kann, die keine persönlichen Bindun­gen und Projekte ken­nen, verletzt - so Nida-Rümelins Kritik am Kon­sequentialis­mus - die Integrität der Person und ist daher aus anthropologischen, prakti­schen und theo­retischen Gründen inadäquat: Aus anthropologischen, weil persönliche Bindungen und Projekte ein wesentliches Merkmal eines reifen Men­schen sind; aus prakti­schen, weil die Ver­pflichtungskriterien einer solchen Theorie keine Chance haben, befolgt zu werden; und aus theoretischen, weil die Verwirklichung einer guten Lebensform (eines gelungenen Lebens) zu den Intentionen moralischen Handelns zählt.

Der strikte ethische Konsequentialismus kann als als Paradigma einer Theorie gelten, die mit der so verstandenen Integrität der Person nicht vereinbar ist.

Nida-Rümelin unterscheidet zwei Aspekte der Integritätsproblematik konsequentiali­stischer Theorien. Der erste betrifft den strikten Konsequentialismus in der Ethik, während der zweite, hier nicht dargestellte Aspekt den Konsequentialismus insgesamt in Frage stellt.

Die ideale moralische Person einer konse­quentialistischen Theorie wählt diejenige Hand­lungsoption, von der sie moralisch betrachtet die besten Folgen erwartet. Eine andere Handlung wählen hieße, eine Ver­schlechterung des Wertintegrals gegenüber der moralisch gebotenen Handlung zu be­wirken. Da der Konsequentialismus den Wert der Handlungs­folgen zum ausschließ­lichen Kriterium seiner Verpflichtungsur­teile macht, ist man nicht nur für die Folgen seiner Handlungen verantwortlich, sondern auch für die Wertdifferenz dieser Folgen gegenüber jeder anderen potentiellen eige­nen Handlung. Eine konsequentia­listische Theorie kann aus diesem Grund keine Un­terscheidung zwischen Handlungen und Unterlassungen vornehmen.

Gegeben sei eine beliebige strikt-konse­quentialistische Theorie T mit der Wer­tefunktion WT. Eine ideale moralische Person, deren ausschließliche Handlungsmo­tivation die Maxi­mie­rung von WT ist, kann darüber hinaus keine primären Ziele mehr verfolgen, wenn ihr nur hinreichend oft Handlungsoptionen offenstehen, die mir ihren primären Zielen nicht in Einklang stehen, aber WT maximieren. Ein Verhal­ten, welches eine interpersonell inva­riante Wertfunktion maximiert, ist - zumindest in der heutigen menschlichen Gesellschaft -mit der Verfolgung längerfristiger primärer Ziele nicht vereinbar. Selbst wenn abstrakte Ziele, wie persönliches Glück oder Zufrie­denheit, als primäre Handlungsmotivation (pri­märes Ziel) geeignet wären, ist es aus­geschlossen, daß eine Person ihr persön­liches Glück verwirklicht, wenn sie gezwun­gen ist, jede Handlungsoption zu ergreifen, die die gesell­schaftliche Summe des Glücks maximiert. Das beweist, daß der strikte ethische Konse­quen­tialismsus mit der In­tegrität der Person unvereinbar ist.

Die überbordende Theorie der Verantwort­lichkeit des strikten Konsequentialismus zerstört die Integrität der Person zunächst in dem allgemeinen Sinne, daß sie der Ausprä­gung einer persönlichen Handlungsorien­tierung zu wenig Raum läßt. Strikt-konse­quentialistisch moti­viertes Verhalten redu­ziert die Person auf ein Instrument (un­persönlicher) Wertmaximie­rung und ist damit unter fast allen empirischen Bedin­gungen mit der Integrität der Persön­lichkeit unvereinbar.

Neben persönlichen Zielen spielen für die Ausformung einer Persönlichkeit sittliche Ein­stellungen eine Rolle: Bestimmte Hand­lungsweisen sind mit einem schlechten Gewissen verbunden, andere erwecken Abscheu oder Empörung. Die eigenen sitt­lichen Einstellungen prägen den Umgang mit anderen Personen, das gesellschaftliche Engagement, persönliche Zielsetzungen und die Lebensgestaltung insgesamt. Wie alle primären Ziele kommen auch diejenigen, welche auf sittlichen Einstellungen beruhen, in einen Konflikt mit der Maxi­mierung einer unpersönlichen Wertfunktion. In einer konsequentialistischen Gesellschaft sind sittliche Einstellungen und die darauf grün­denden Ziele und Projekte durch das poten­tielle Handeln anderer Personen in beson­derer Weise gefährdet.

Ein Beispiel: W. kann als hoher deutscher Diplomat verhindern, daß bestimmte Pläne der Nationalsozialisten zur Durchführung kommen. Sein Amt kann W. jedoch nur behalten, wenn er bereit ist, einige der politischen Verbrechen mitzutragen und die übrigen still­schweigend zu dulden.

In diesem Beispiel ist es konsequentiali­stisch nicht nur erlaubt, sondern sogar gebo­ten, entgegen der eigenen sittlichen Einstel­lung zu handeln. Ja, in einer konsequen­tialistischen Gesellschaft würde ein Verhal­tenstypus, der sich, wie das Beispiel, auf das "Argument des kleinen Übels" stützt, eine epidemische Ausbreitung erlangen.

Julian Nida-Rümelin geht in seiner Kritik noch weiter: eine konsequentialistische Ethik ist nicht nur mit der Wahrung persön­licher Integrität, sondern auch mit der ange­messenen Sicherung individueller Rechte unvereinbar.

Konventionen, Institutionen und sittliche Bindungen sind durch je spezifische sekun­däre Regeln charakterisiert. Personen, die gemeinsam einer bestimmten gesellschaftli­chen Ord­nung angehören, verhalten sich in hohem Maße im Einklang mit sekundären Regeln der in dieser gesellschaftlichen Ordnung etablierten Konventionen, Institu­tionen und sittlichen Bindungen. Personen steht aber ein gewisses Maß an persönlicher Freiheit, ein persönli­cher Freiheitsspielraum, zu. Moralisch betrachtet ist es trivial, daß es Entscheidungssitua­tionen gibt, in der ein­zelne Personen das Recht haben, für sich zu entscheiden, welche Alternative sie ver­wirklichen wollen. Nun lässt sich aber zei­gen, dass es Situationen gibt, in denen einige der - aufgrund sekundärer Regeln - moralisch gebotenen Handlungen für kein zulässige Werktfunktion konsequentiali­stisch rational sind. Das heißt: Jede adäqua­te Berücksichtigung individueller Rechte ist in bestimmten Entscheidungssituationen mit konsequentialistischer Ethik unvereinbar.

Einer konsequentialistischen Gesellschaft ist eine besondere Art der Instabilität eigen. Diese ist die Folge eines umfassenden op­timierenden Verhaltens, das auch sekundäre Re­geln, Verfahren der Entscheidungsfin­dung sowie Konventionen der Wahrhaftig­keit und des Vertrauens zum Gegenstand nimmt und daher zu Manipulationen der Arrangements der Entscheidungsfindung und damit zu strategischen Verfälschungen eigener Präferenzen führt. Die universale Anwendung konsequentialistischer Entschei­dungskritierien ist - so Nida-Rümelins Fazit - inakzeptabel. Die Ausklammerung be­stimmter möglicher Entschei­dungsal­terntiven aus dem Bereich konsequentiali­stischer Rationalität, wie sie sich z.B. in der Gestalt recht­licher, konventionler und sitt­licher Normen äußert, ist Bedingung der Stabilität gesell­schaftlicher Kooperation.

 







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