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Feyerabend: Briefwechsel mit Dürr

FEYERABEND

Briefwechsel mit Hans Peter Duerr

Frühjahr 1965. Ein auf Krücken gestützter Mann ist in der Weiss'schen Univer­sitätsbuch­handlung in Heidelberg dabei, einen Stapel Bücher, den er umgeworfen hat, wieder zu ordnen. Ein zufällig an­wesender jüngerer Mann hilft ihm dabei. Der ältere stellt sich mit Wiener Akzent vor: Paul Feyerabend aus Berkeley. Der jüngere antwortet: Hans Peter Duerr aus Heidelberg. Aus dieser zufälligen Begeg­nung entstand ein jahrzehntelan­ger Brief­wech­sel, der jetzt in Buchform vorliegt:

Paul Feyerabend: Briefe an einen Freund. Herausgegeben von Hans Peter Duerr. 292 S., kt., DM 22.80, 1995, Edition Suhrkamp 1946, Suhrkamp, Frankfurt

Allerdings besteht die Korrespondenz vor­wiegend aus Feyerabends Briefen, da die an ihn gerichtete Korrespondenz nur kurze Zeit als Buchzeiger oder Einkaufszettel über­lebte.

Beide verstehen sich, zumindest in den ersten Jahren der Korrespondenz, als Anar­chisten. Aber als Duerr seinen Korrespon­denzpartner mit "Genosse" anschreibt, rea­giert dieser negativ: ".... den Titel Genosse verdiene ich nicht. Den Anschluß an Bewe­gungen ver­meide ich, und harmlose Ideen, die mir gefallen, aber plötzlich beginnen, eine bewegende Kraft zu entfalten, verlasse ich auf der Stelle. Darum bin ich auch kein Popperianer, darum bin ich auch kein Anar­chist mehr, außer privat, in der Führung meines Lebens." Sein letzter Standpunkt, bei dem er dann auch verbleiben werde, meint Feyerabend 1974, werde der Dadais­mus sein: "Sinn hat dies verrückte Leben keinen und scheinbar einen konstruieren kann man nur dann, wenn man eine Un­menge neuen Unsinns dem alten Unsinn hinzufügt."

Duerr selber hat zu dieser Zeit sein Buch Ni dieu - ni mètre geschrieben, ist über den akademischen Betrieb frustriert und trägt sich mit dem Gedanken, auszusteigen: "Es ist einfach würdelos, länger auf ernsthafte Weise sich da rumzuprostituieren." Feyer­abend pflichtet ihm bei: "Akademische Sachen hängen mir auch zum Halse heraus, also sehe ich mich auch nach anderen Be­rufen um; zum Beispiel, ich bin proviso­risch der Manager eines möglicherweise künftigen Filmstars, eine Autobiographie habe ich auch begonnen."

In der Zwischenzeit empfiehlt die Deutsche Forschungsgemeinschaft Duerr, aus seinem Buch etwas "Wis­senschaftliches" zu ma­chen: "Wenn ich darauf einginge, würde ich mir das nie verzeihen, lieber verkaufe ich Wiener Würstchen oder mache einen Dackelverleih auf." Feyerabend wirkte in­zwischen an der Herstellung eines TV-Scripts für die Colombo-Episoden im US-TV mit. Vielleicht, meinte er, habe er hier eine Quelle, leicht reich zu werden, und wenn ihm dies gelinge, höre die Philosophie nichts mehr von ihm (es ist ihm nicht ge­lungen).

Duerr bewirbt sich 1975 mit einem Vortrag "Können Hexen fliegen?" in Konstanz um eine Assistentenstelle  - natürlich ein Fias­ko, Janich und Kambartel, berichtet Duerr, seien über den Vortrag entsetzt gewesen. Feyerabend seinerseits ist an einer Stelle in Zürich interessiert, aber "ob die Schweizer bereit sind, mich zu schlucken, ist eine andere Frage".

Im November 1977 reagiert Feyerabend auf einen Brief Duerrs ganz überrascht: "Du nimmst die Sache ja ernst! Also so einer bist Du! Zum Ernstnehmen werde ich es in mei­nem Leben nie bringen. Ich habe zwar ernsthafte Anwandlungen, die kommen und gehen, aber im Grunde scheint mir der ganze Zirkus des Stoßens und Drängens und die Welt verbessern wollen sehr lächerlich". Feyerabend berichtet von seinen Vorstellun­gen einer freien Gesellschaft, worin alle Traditionen gleichen Zugang zu den Zentren der Macht haben, den "Kannibalismus (der Schockwirkung wegen) hineingenommen". Eine freie Gesellschaft habe keine grundle­gende Ideologie, etwa den Liberalismus, oder den Huma­nismus, dafür aber eine grundlegende Ordnungsfunktion, die Polizei.

1978, anläßlich des Erscheinens von Er­kenntnis für freie Menschen, schreibt Feyer­abend, er sei bei einem früheren Buch ent­täuscht über die Kritiker gewesen: "Nie­mand machte Bemerkungen über die Dinge, die mich am meisten interessierten, also etwa Homer vs. die Vorsokratiker". Die Bemerkungen seien allgemein und stümper­haft gewesen. Naja, habe er gedacht, intel­ligente Leute seien halt selten, später habe er bemerkt, daß intelligente Leute ähnlich schrieben. Da er vermute, daß ein Mangel des Faches dafür verantwortlich sei, habe er eine Kritik des Faches, der Wis­senschaftstheorie geschrieben.

Feyerabend entwickelte eine eigene Theorie der Beziehung zwischen Autoren und Re­zen­senten: "Da sitzt ein innerlich übervoller Mensch an einem Fluß und erleichtert sich. Die Produkte seiner Tätigkeit fließen lang­sam stromabwärts. Weit, weit unten sitzen professio­nelle Flußdeuter, die den Fluß genau beobachten und aus der Struktur des ankommenden Materials ihre Schlüsse zie­hen. Warum sollte es auch eine nur sehr entfernte Beziehung zwischen der Qualität des inneren Dranges des sich Erleichternden und der Traktate der Flußdeuter geben?"

Ein Jahr später berichtet Feyerabend, Un­seld, der Leiter des Suhrkamp-Verlages, habe ihm geschrieben und wolle, daß er eine neue Frechheit verfasse: "Die Sache wird mir langsam unheimlich. Solange ich allein war und so freche Dinge geschrieben habe, war's noch schön. Jetzt schaut die Sache schon aus wie eine Institution mit institutionellen Gegen­maßnahmen".

Deutsche Kollegen kennt Feyerabend kaum ("Fachphilosophen kenne ich keine"), und wenn schon, kommen sie schlecht weg; eine der Ausnahmen ist Elisabeth Ströker: "Die Elisbeth Ströker hat blondes Haar und veil­chenblaue Augen und wollte vor langem mit mir das Phänomen des In-die-Bar-Ge­worfen-Seins studieren - inzwischen wurde sie Pro­fessorin und ich weiß gar nicht, was ihr das angetan hat." Am schlechtesten kommt aller­dings der Suhrkamp-Verleger Unseld weg. Und da ist es entweder ein Zeichen von Tole­ranz oder aber von Ges­chäftstüchtigkeit, daß die Briefausgabe bei Suhrkamp erscheinen konnte. Vielleicht aber auch, weil der Versuch der beiden Autoren, Suhrkamp zu übertöl­peln, kläglich gescheitert ist. Feyerabend griff in einer Fußnote eines von Duerr heraus­gegebenen Bandes Unseld persönlich an. Unseld bat Feyerabend, diese Fußnote doch wegzulas­sen. Feyerabend ging darauf ein, bestand jedoch darauf, dass an der Stelle der Fuss­note "zensiert" stehen würde. Da das Per­sonenregister mit dem Hinweis "Unseld" bereits vorlag, wollte Duerr verhindern, daß dieser auch getilgt würde, und schlug dem zuständigen Lektor vor, den Korrekturabzug des Registers selbst durchzugehen und direkt an den Drucker zu senden. Der Lek­tor ging gerne darauf ein und bedankte sich für die Entlastung; dennoch muß jemand im Verlag mißtrauisch geworden sein: der Registerein­trag fehlte, wie Feyerabend be­dauernd Duerr schrieb, im gedruckten Buch.

Duerr hatte 1979 Schwierigkeiten, eine Stelle zu bekommen; in Bern begann gegen ihn ein Kesseltreiben: der Prähistoriker Bandi teilte in einem langen Gutachten mit, Duerr sei ein Anarchist und Staatsfeind, und die Kapitelüberschrift "Die Vagina der Erde und der Ve­nusberg" ließen auf eine schwere Sexualneurose schließen. Eine anderer Pro­fessor meinte, "eine solche Drecksau" ("nackte Weiber auf dem Umschlag eines wis­senschaftlichen Bu­ches") könne nicht geduldet werden. Aber auch in Tübingen und Wien wollte man ihn nicht, Duerr fühl­te, daß er "akademisch ein toter Mann" sei. Je besser sich sein Buch verkaufe, je posi­tiver die Journalisten schrieben, "desto fieser und gemeiner reagieren die akademi­schen Nager". Feyerabend will ihm publizi­stisch beistehen: "Zu solchen Sachen möch­te ich einfach nicht das Maul halten..... diese .... muß man richtig lächerlich ma­chen". Er selber habe Glück gehabt: "Als ich auf der Stellensuche war, war ich noch ein engstir­niger Empirist und Positivist, und jedermann war von meinen Physikkentnis­sen beein­druckt. Ich bin zwar jetzt wie Du 'akademisch ein toter Mann' - aber mit akademischer Bezahlung".

Feyerabend schätzt, sein eigenes Werk herunterspielend, Duerrs Arbeiten sehr: "Und so sitz ich da, und gehe meine Ge­sammelten Werke beim Vieweg durch und meine Collected Works bei der Cambridge University Press und sag mir: Was für ein Schmarrn ist das doch, 20 Jahre lang hab ich gebraucht, um diesen Schmarrn zusam­menzustellen und nichts, woran sich ein Mensch erfreuen könnte. Da ist es mit Dir doch ganz anders...da lernt man etwas vom Leben." Er ermuntert Duerr auch, etwa indem er erzählt, er, Feyer­abend, könne zwar keinen Satz Altgriechisch, was ihn aber nicht abgehalten habe, ein Seminar über den Theaitetos abzuhalten. Gregory Vlastos, einer der besten Kenner der Mate­rie, sei stumm die erste Stunde dabeigeses­sen, dann aber nicht mehr erschienen. Spä­ter habe er ihm einen Brief geschrieben, Feyerabends Seminare seien zu hoch für ihn. Die Moral der Geschichte: Habe Mut hochzustapeln!

Auf die Frage Duerrs, warum Feyerabend auf die Popperianer immer so aggressiv rea­giere, antwortet dieser: "Da wird nämlich immer persönliche Freundschaft verwechselt mit dem Beitritt zur Kirche".

Immer wieder äußert Feyerabend den Ver­dacht, daß Duerr - trotz gegenteiligem Ge­habe - viel rationaler als er, Feyerabend, sei und die Wissenschaft ernst nehme. Duerr gibt dies 1981 auch zu: "Ja, das stimmt, ich bin ein genauso großer Rationalist wie Du, aber Du bist vielleicht etwas a-moralischer als ich.... und deswegen toleranter oder auch desinteres­sierter. Manchmal glaube ich auch, daß ein solches Desinteresse dem Menschen gegenüber viel menschlicher ist, vor allem angesichts der Tatsache, daß es ja von aufdringlichen Welt- und Menschenver­besserern nur so wimmelt." Feyerabend antwortet, er habe sich mit seiner Lebens­weise "30 Jahre lang auf dem Holzweg befunden....., denn Leben ist das ja nicht und auch andere gewinnen dabei für ihr Leben nichts. Also: von vorne beginnen, Zeit habe ich. Fehlt nur noch der richtige Weg....". Den zeigt ihm eine Frau, Grazia Bor­rini, Feyerabends grosse Liebe. Aber Feyerabend, der sich auf ein Familienleben freut, stirbt bald nach seiner Emeritierung.

 

 

 







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