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Rorty: Debatte mit Searle über Rationalität

RATIONALITÄT

 

Die Debatte Searle-Rorty

Der westlichen rationalen Tradition liegt die Auffassung zugrunde, das Ziel der Wis­senschaft bestehe darin, zu einer Reihe wahrer Sätze, im Idealfall in der Form präziser Theo­rien zu gelangen, die - zumin­dest annäherungsweise - mit einer unabhän­gig vom Men­schen existierenden Realität übereinstimmt. Gegen relativistische Auffas­sungen, wie sie gegen­wärtig insbesondere Richard Rorty vorträgt, unternimmt John R. Searle in seinem Auf­satz

Searle, John R.: Rationalität und Realis­mus oder Was auf dem Spiel steht, in: Merkur 542, Mai 1994.

eine Verteidigung dieser Sicht.

Ein entscheidender Schritt zur Schaffung dieser westlichen Tradition - Searle nennt sie "Westliche Rationalistische Tradi­tion" - war die Entwicklung des Theoriebegriffs bei den Griechen. Zwar sind viele Merkmale dieser Tradition wesentlich für jede er­folgreiche Kultur. Dazu gehören die Vor­aussetzung einer unabhängig existierenden Realität und die Voraussetzung, daß Spra­che, zumindest gelegentlich, dieser Realität entspricht. Aber die Einführung des Theo­riebegriffs er­möglichte es der westlichen Tradition, etwas Einmaliges hervorzubrin­gen, nämlich sy­stematische intellektuelle Konstrukte, die entworfen wurden, um weite Bereiche der Rea­lität auf eine logisch und mathematisch zugängliche Weise zu be­schreiben und zu erklären.

Ein weiteres Merkmal der Westlichen Ra­tionalistischen Tradition ist ihre selbstkri­tische Tendenz. Immer hat sie Elemente ihrer Tradition in Frage gestellt; sie war nie eine ein­heitliche Tradition. Kritik bedeutete immer, jede Überzeugung an den rigorose­sten Stan­dards von Rationalität, Evidenz und Wahrheit zu messen. Sokrates ist vor allem des­halb der Held des intellektuellen Zweiges der Westlichen Rationalistischen Tradition, weil er nichts ohne Argumente akzeptierte und unerbittlich alle Versuche, philosophische Pro­bleme zu lösen, kritisch überprüfte. Aber wenn die Westliche Ratio­nalistische Tradition beginnt, die Annahme des Glaubens an die Außenwelt, des Glau­bens an Wahrheit, des Glaubens an Rationa­lität, ja des Glaubens an das Glauben in Frage zu stellen, wird sie nicht selbstkri­tisch, sondern selbstzerstörerisch. Searle nennt den wieder Mode in Mode gekom­menen Nietz­sche als Indiz für diese Ten­denz: Nietzsche sei zwar ein Philosoph von erheblicher thematischer Breite, aber er ersetze Ver­nunft durch Rhe­torik und zeich­ne sich durch einen entschie­denen Mangel an Ar­gumenten aus.

Für Searle sind folgende Theoreme für die Westliche Rationalistische Tradition grund­le­gend und damit unverzichtbar:

n Realität existiert unabhängig von ihren Darstellungen durch Menschen.

 

n Zumindest eine der Funktionen von Spra­che besteht darin, Bedeutungen von Spre­chern zu Hörern zu übermitteln, und manch­mal ermöglichen diese Bedeutungen es der Kom­munikation, sich auf Gegenstände und Zustände in der Welt zu beziehen, die sprachunab­hängig existieren.

 

n Wahrheit ist eine Frage der Genauigkeit der Darstellung. Der Wahrheitsbegriff mar­kiert einen entscheidend wichtigen Punkt, an dem Realität und Sprache miteinander in Kontakt kommen.

 

n Wissen ist objektiv. Eine argumentative Standardstrategie besteht darin, den Urheber der fragli­chen Behaup­tung in Frage zu stellen. Es heißt, sie seien rassistisch, sexi­stisch oder phallo-logozen­trisch. Es sind dies aber "argumenta ad hominem", Ar­gumente, die sich gegen die Per­son, die eine These vertritt richten und nicht gegen die These selber. Aber es ist ein Irrtum an­zunehmen, daß eine Behauptung, weil sie verwerflicher Herkunft ist, dadurch selber dis­krediert ist. Der Umstand, daß jemand, der Sexist ist, Behauptungen aufstellt, ist für die Wahrheit der Behauptung ir­relevant. Da-mit ist unter anderem gemeint, Wis­sen sei objektiv.

n Logik und Rationalität sind formal. Die Westliche Rationalistische Tradition stellt eine Reihe von Verfahren, Methoden, Stan­dards und Kanons zur Verfügung, die es     ­ermöglichen, verschiedene Behaup­tungen in der Auseinandersetzung mit kon­kurrieren­den Behauptungen zu untersuchen. Diese Ansicht ist für die westliche Auffas­sung von Logik wesentlich.

Diese rationalistische Tradition ist in jüng­ster Zeit von verschiedener Seite an­gegrif­fen worden. Leute wie Derrida glauben, inspi­riert von Nietzsche und Heidegger, diese Tradi­tion "dekonstruieren" zu können. Fe­ministinnen wiederum sehen in den ge­nann­ten Theore­men ledig­lich eine Art mas­kulinen Kunstgriff zur Unterdrückung. Phi­lo­sophen wie Rorty wiederum glauben, daß Wissenschaft im besonderen und Sprache im allgemeinen uns nur eine Reihe von Kniffen bieten, um in der Welt zurechtzuko­mmen. Für Rorty ist "wahr" nur ein Aus­druck der Belo­bigung, den wir benutzen, um diejeni­gen Ansichten zu loben, von denen wir denken, daß es gut ist, sie zu glauben.

Rortys Behauptung, so Searle, laboriere an der üblichen Schwierigkeit solcher philoso­phi­scher Reduktionen: sie ist entweder zirkulär oder offensichtlich falsch.

Denn das Kriterium für gut kann einerseits als Wahrheit oder Übereinstimmung mit der Realität definiert werden; in diesem Fall ist die Analyse zirkulär. Andererseits gibt es, wenn man "Wahrheit" nicht neu definiert, eine Menge Gegenbeispiele, die zu glauben aus dem einen oder anderen Grund gut für die Leute ist, die aber im gewöhnlichen Sinne des Wortes nicht wahr sind; und es gibt Sätze, die zu glauben aus dem einen oder anderen Grund schlecht wäre, die aber gleichwohl wahr sind.

Zudem ist nach Searle Rortys Behauptung, daß Wahrheit gemacht und nicht entdeckt wird, zweideutig. Da Wahrheit immer in der Form wahrer Aussagen und wahrer Theo­rien auf­tritt, müssen wahre Aussagen und wahre Theorien in der Tat von Menschen gemacht und formuliert werden. Aber aus dieser Tatsache folgt nicht, daß es keine unabhängig exi­stierende Realität gibt, mit der ihre Aussagen und Theorien überein­stimmen. In einer Hinsicht wird Wahrheit gemacht - das heißt wahre Sätze werden gemacht. Aber in einer anderen Hinsicht, und mit jener vereinbar, wird Wahrheit entdeckt. Was man entdeckt, ist das, was die Aussage wahr oder falsch macht.

Rorty behauptet zwar nur, daß wahre Aus­sagen wie alle Aussagen von Menschen gemacht werden. Was er andeutet, ist aber schwerwiegender: Es gibt keine Tatsachen in der wirkli­chen Welt, die unsere Sätze wahr machen, und vielleicht ist die "wirk­liche Welt" nur unsere Schöpfung.

Nun kann man aber, so entgegnet Searle, nicht ohne sich zu widersprechen, den Rea­lismus leugnen und zugleich den Alltags­praktiken nachgehen. Denn der Rea­lismus ist die Bedingung der normalen Verständ­lichkeit dieser Praktiken. Man kann sich dies vor Augen führen, indem man über irgendeine Art von Alltagskom­munikation nachdenkt. Nehmen wir an, wir erwi­schen einen postmo­dernen Arzt, der erklärt, daß Krankheit im wesentlichen ein meta­phori­sches Konstrukt ist. Dann ist eines klar: Die Kommunikation ist zusammen­gebrochen. Realismus funktio­niert nicht als These, Hypothese oder Vor­aus­setzung. Er ist viel­mehr die Bedingung der Möglichkeit sprachlicher Praktiken. Die Herausforderung für diejenigen, die den Realismus ablehnen, besteht also darin zu ver­suchen, die Ver­ständlichkeit unserer Praktiken im Falle dieser Ablehnung zu erklären.

In seinem ebenfalls im Merkur in gekürzter deutscher Übersetzung veröffentlichten (die Erstpublikation erschien in Daedalus 4, 1993)

Rorty, Richard: Philosophische Voraus­setzungen der akademischen Freiheit?, in: Mer­kur 550, Januar 1995

bekräftigt Rorty seine These, Beziehung zwischen Überzeugungen oder einer ver­meintlich bewußtseinsunabhängi­gen "äuße­ren" Welt könne nicht Gegenstand von Wahrheits­an-sprüchen sein. Rorty beruft sich dabei auf Hilary Putnam, der die Meinung vertritt, daß "Elemente dessen, was wir 'Spra­che' oder 'Geist' nen­nen, derart tief in die sogenannte 'Realität' ein­dringen, daß schon das bloße Vorhaben, uns als 'Abbildner' von etwas 'Sprachuna­bhän­gigem' zu ge­ben, von an Anfang an zum Scheitern verurteilt ist. Der Rea­lismus ist ebenso wie der Relativismus ein aus­sichtsloser Versuch, die Welt, von Nir­gendwoher zu betrach­ten" (Putnam).

Allerdings ist Rorty dagegen (wie ihm vielfach unterschoben werde), auf die Rede von der Vorurteilslosigkeit und Objek­tivität der aka­demischen Forschung zu verzichten. Er be­streitet lediglich, diese Vorstellungen durch Bezugnahme auf den Begriff "Über­einstim­mung mit der bewußt­seinsunabhän­gigen Wirk­lichkeit" erklären zu können. Wir können das mit der Rede vom Objektiven gemeinte nur erklären, indem wir aufzeigen, in wel­cher Art und Weise freie Univer­si­täten tatsächlich funktionieren. Die damit getrof­fene Unterscheidung ähnelt der zwi­schen der Aussage "Mit dem Chri­stentum können wir nichts anfangen" und der Aus­sage "Durch Bezugnahme auf die ari­stoteli­schen Begriffe 'Substanz' und 'Ak­zidens' können wir das Abendmahl nicht erklären". Zur Zeit des Konzils von Trient glaubten viele, die christ­liche Reli­gion und damit die Stabilität der ge­sellschaftspoliti­schen Ord­nung Europas seien in Gefahr, wenn man die ari­stotelisch-thomi­sti­sche Erklä­rung des Abendlandes fallen­ließe.

Entsprechend ist Rorty der Ansicht, man solle die erkenntnistheoretische Rechtfer­tigung der akademischen Freiheit unterlas­sen und stattdessen diese Freiheit gesell­schaftspolitisch begründen. Beim Beispiel Abendmahl bleibend, heißt das: Es kommt nicht darauf an, ob Christus wahrhaft im Brot anwesend ist, sondern darauf, ob wir eine geweihte Hostie genauso behandeln wie einen Imbiß. Es kommt nicht darauf an, ob vorurteilslose und objektive Forschung zur Übereinstimmung mit der bewußtseins­unabhängigen Realität führt, sondern darauf, wie man es der alten Garde verwehren kann, die Jungtürken kaltzu­stellen, während man gleichzeitig die Jungtürken daran hin­dert, die Universität zugrunde zu richten.

 

Auf die Frage nach den Maßstäben oder Methoden vorurteilsloser und objektiver For­schung können die Philosophen lediglich mit einer Schilderung antworten, die angibt, wie die von uns am meisten bewunderten Personen ihrer Forschung nachgehen. Über unab­hängige Auskünfte darüber, wie man zu objektiver Wahrheit gelangt, verfügen wir nicht.

 

Damit, so zieht Josef Früchtl in der Frank­furter Allgemeinen die Bilanz dieser De­batte, kann Rorty den Vorwurf, er unter­wandere die akademische Freiheit, an Searle zurück­geben: "Denn wenn dieser recht hätte, dann müßten Rorty und seines­gleichen aus der westlichen akademischen Forschergemeinschaft ausgeschlossen wer­den, während Rorty keine Schwierigkeiten hat, mit Searle und seinesgleichen zu spre­chen."

 







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