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Rußland: In Rußland gelten Kulturologen mehr als Philosophen

In Rußland gelten Kulturologen mehr als Philosophen

In Rußland ist "Kulturologie" in. Die Zahl der Monographien, Lehrbücher und Lehr­mittel in dieser Disziplin ist unermeßlich. Die Mode hat sich institutionalisiert. Es werden gegenwärtig Lehrstühle und Ab­tei-lungen für Kulturologie eröffnet. Es hat den Anschein, als seien für einen philoso­phi­schen Diskurs über Kultur in Rußland die Disziplinen der Ontologie, Ethik und Ästhe­tik, Geschichte und Religionstheorie zu eng geworden. Dadurch erlebt die allge­meine Orientierung nach Westen einen unerwar­teten Bruch, da es dort keine wis­senschaft­liche Disziplin "Kulturologie" gibt - die Wis­senschaft Kul­turologie ist vor un­gefähr 20 Jahren in der damaligen Sowjetunion entstanden. Als Kulturologen wurden M.M.  ­Bach­tin, J.M. Lotman, S.S. Averinzev, A.F.­Losev, A.Ja. Gurevitsch, V.L. Ra­bino­vitsch, V.V. Toporov, V.Vs. Iva­nov, V.V. ­Maljavin u.a. genannt. Im St.Pe­ters­burg der 70er/80er Jahre waren dies E.V.    ­Soko­lov, B. Groys, I.P. Smirnov, P.V. Kus­nezov, A.M. Pant­schenko, der Dichter A.T. ­Drago­mochenko und der Religions­phi­losoph T. Goritscheva. Diese Autoren wer­den min­destens durch eines verbunden ‑ sie alle haben über Kultur nachgedacht und dabei marxi­stisch‑leninistische Schemata ver­mieden. Sie haben eine Nische besetzt, die an der Grenze zwischen den konkreten Wis­senschaften und dem, was man damals unter Philosophie verstand, entstanden war. Für die Wissenschaften waren die Arbeiten der Kul­turologen zu metaphysisch, zu kei­ner Dis­ziplin gehö­rend, und für letztere ‑ unwis­senschaftlich, beschreibend, essay­istisch. Gegenwärtig gelten B.V. Markov, A.D. Mi­trofanova und A.K. Sekazkij als bedeutende Kulturologen.

Mit der Kulturologie war gegen Ende der 80er Jahre eine Form des Überlebens der Philosophie in der Gestalt einer Nichtphilo­sophie, eben der Kulturologie, gefunden worden. Eine andere Form des Überlebens russischer Philosophen unter den Bedingun­gen des Diktats eines streng stalinistisch verstan­denen Marxismus war das "Abt­au- chen" in die histo­risch‑wissenschaftliche Problematik und in logisch‑methodologische Unter­suchungen. Dabei ist es ein Paradox, daß für dieselben Philosophen, die vor der "Ideolo­gie" in die Logik und die Theorie und Ge­schichte der Wissenschaft entflohen, die entsprechende Denkweise die einzig mög­liche Form der Philosophie geworden ist. Die russische Philosophie selbst war hin­gegen seit jeher mehr essayistisch als sy­stemschaffend, mehr leidenschaftlich und emotionell unaus­geglichen als Abstand haltend und wis­senschaftlich: "Das russische philosophische Denken ... war im Gegensatz zu diesem rationalistischen Streben nach übler Ab­straktion im wesentlichen konkret, das heißt, war von ontologischem Denken er­füllt,... und erreichte weltumfassende all­men­schliche Höhen in den tief philosophi­schen Werken von Tjuttschev, Dostojewskij, Tolstoj." (V.F.Ern). Bis vor kurzem führte der Drang der russischen Huma­nisten zur Lite­ratur, zur Mystik, zu einer Wahrheit, "die den Abstand zwischen dem Gedanken und dem Sein überwindet", und damit zu den Fragen, die die Kulturologie in der Phase ihrer Konstituierung berührt hat.

Heute liegt die Sache anders. Das Pathos und die ideologischen Intentionen, die die Kulturologie genährt haben, sind­ verloren­gegangen. Heute sehen die rus­si­schen Kul­torologen Autoren wie Rickert, Cassirer, Dilthey, Husserl, M. We­ber, C.G. Jung oder O. Spengler als Vor­gänger an und versuchen damit ihrer Kul­turologie Respekt zu verschaffen, wäh­rend es ihnen aber gleich­zeitig an wis­senschaftlicher Strenge fehlt. Mit dem Wachstum der Popularität der Kulturologie sinkt das Niveau der Re­flexion auf die Behandlung gegenwärtiger Probleme der Kultur. Die Kulturologie hat die in sie gesetzten Hoff­nungen nicht er­füllt, weil sie "ihre Halt­losigkeit in dem Maße gezeigt hat, in dem sie Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhob und trotz aller Versuche, obgleich diese oberflächlich und konjunkturell waren, das Prinzip der Wis­senschaftlichkeit nicht erhal­ten hat" (B.S. Erasov). Das hat zur Folge, daß viele zu der von den früheren Dogmen befreiten Philo­sophie oder in spezielle wis­senschaftliche Disziplinen wechseln. Für andere wieder ist die Kulturologie bis heute anziehend, eben durch das, wofür man sie kritisiert: für ihre Literaturhaftigkeit, den beschreibenden Stil, die Verachtung abstrak­ter Begriffe der Kultur und die Ignoranz gegenüber den metaphysischen und erkenntnistheoretischen Problemen der Kultur als solcher.

Die Kulturologie hatte bzw.­ hat ihre Chan­ce, unter dem Anschein der (unter west­lichen Gesichtspunkten) Nicht­philosophie illegal russische philosophische Tradition in einer aktuellen Form an Redak­tionskontrolle und innerer Zensur vorbei durchzusetzen. Dabei muß man sehen, daß der Logos, in dem die Kultur sich bestimmt, mit der Ratio nicht identisch ist (was 1910 von V.F. Ern gezeigt wurde). Auf der einen Seite heißt kulturell moralisch, erzogen, ehrenhaft, diszipliniert u.s.w. Andererseits wird Kultur als "spezifi­sches Verfahren der Organisation und der Entwicklung der menschlichen Le-benstätig­keit ... verstan­den. Im Begriff der Kultur fixiert sich nicht nur ein allge­meiner Unter­schied der menschlichen Le­benstätig­keit von biologi­schen Lebensfor­men, son­dern auch eine qualitative Eigen­heit der hi­storisch­-kon­kreten Formen dieser Lebens­tätigkeit" (so ein russisches Lexi­kon). Ver­gleichbar mit der russischen Kul­turologie sind die "Cul­tural Studies", aber nur hin­sichtlich der Untersuchungsobjekte, nicht jedoch hin­sichtlich der Methode. Die russi­schen Kul­turologen reden vom Pathos der Suche nach Wahrheit und sind besessen vom Le­ben des Geistes und dem Schicksal des Menschen in russischem, d.h. kosmi­schem Verständnis, die "cultural stu­dies" sprechen vom wissenschaftlich‑lei­den­schaftslosen Vorgehen ohne wertmäßige Bevorzugungen. Die "cultural studies" bevorzugen die Methoden der Eth­nologie und der Anthro­pologie, die Kul­turologie schätzt Philosophie, Religion, Ethik und Ästhetik. Dennoch steht sie am Scheide­weg zwi­schen der Gestalt ihrer westlichen Va­riante (in der Art der "cultural studies") und dem eigenen Weg, der aus der Tradi­tion des einheimischen Denkens stammt.

Versuche einer Kommunikation zwischen Kulturologen bzw. traditionell russischen Philosophen und Wissenschaftlern sind ge­scheitert. Dabei zeigte sich, daß die Philoso­phen keine wissenschaftliche Strenge und Begründung, spezialisierte Geisteswis­senschaftler hingegen einen Mangel an Lebensgefühl und an Ironie bezüglich der Wahrheit, die sie verkünden, haben. Es ist zu gegenseitigen Beschuldigungen ge­kom-men: Philologen sind Killer, Philoso­phen, so scheint es, Romantiker. Erklärt werden kann diese Situation der Kul­turologie, die von ihr erzeugten Hoffnungen und Enttäuschungen, durch innerrussische Wur­zeln. Als "Herrscher der Gedanken" galten in Rußland immer Dich­ter, Schriftsteller, Regisseure, Kulturologen, Publizisten, nie aber, und sie werden dies in näherer Zu­kunft auch nicht tun, Philoso­phen. Letztere fehlen etwa in Streit­gesprächen um aktuelle Lebensprobleme. Auch deswegen bezeich­nen sich viele als Kulturologen und distan­zieren sich damit von der Philosophie, die sich auf heimi­schem Boden kom­promittiert hat. Philosophie.

Valeriy Sawtschuk, Petersburg

aus: Heft 3/1997

 







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