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Positivismusstreit

 

POSITIVISMUSSTREIT

Hans-Joachim Dahms Darstellung der Ge­schichte und Vorgeschichte des Po­sitivis­musstreites.

Karl Popper hat den berühmten "Positi­vismusstreit" der sechziger Jahre einmal einen "Eiertanz sondergleichen" genannt und ihn in seiner Autobiographie still­schweigend über­gangen. Dennoch hat er sich Zeit genommen, mit Hans-Joachim Dahms, der für seine Dissertation über diesen Streit recherchierte, eine eingehende Unterhaltung zu führen. Aber auch andere Zeit­zeugen waren bereit, zu diesem Streit Rede und Antwort zu stehen. Zudem spürte Dahms bislang un­bekannte Archivquellen auf.

Herausgekommen ist ein sehr kluges Buch, wohl für längere Zeit die herausragende Arbeit zu diesem Thema:

Dahms, Hans-Joachim: Positivismusstreit. Die Auseinandersetzungen der Frankfurter Schule mit dem logischen Positivismus, dem amerikanischen Pragmatismus und dem kriti­schen Rationalismus. 446 S., kt., DM 27.80, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1058, 1994, Suhrkamp, Frankfurt.

Noch zu Anfang der dreißiger Jahre war die Distanz Horkheimers zum logischen Positi­vismus nicht so groß, wie er es später selber gerne sah, vielmehr zeigten sich einige überraschende Ähnlichkeiten zwi­schen den späteren Gegnern. Insbesondere über die Philosophie Ernst Machs verband die bei­den eini­ges. Mach hatte als der Gründer­vater der neopositi­vistischen Bewegung für den Wie­ner Kreis sowohl eine wis­sen-schaftliche als auch politische Bedeu­tung, verkörperte er doch deren Front­stel­lung gegen Irrationalis­mus und Metaphysik, verbunden mit einer so­zialreformerischen Haltung. In Deutschland war es wiederum Hans Cor­nelius, der Doktorvater sowohl von Adorno als auch von Horkhei­mer, der als "offizieller Repräsentant" von Mach in Deutschland verstanden und stell­vertretend für diesen angegriffen wurde. Auch Ador­nos, auf Anraten von Cornelius zurück­gezogener erster Habilitationsversuch stand noch stark unter dem Einfluß seines Leh­rers. Ebenfalls scheiterte ein Habilita­tions­versuch von Benjamin bei Cornelius, und zwar nicht nur wegen dessen negativem Gutachten, sondern auch wegen einer nega­tiven Stellungnahme Horkhei­mers. Auch später änderte sich an der Hochschätzung Horkheimers gegenüber seinem Lehrer nichts, obgleich dieser nach seiner Rück­kehr nach Deutschland an den Völki­schen Beo­bachter einen Leserbrief ge­schrieben hatte, in dem stand: "Ich habe mir nach meiner Rückkehr sogleich den Völki­schen Beo­bachter bestellt und finde, daß er vor allen Zeitungen, die ich früher in Deutsch­land gehalten und gelesen habe, weitaus den Vorzug verdient.... Heil Hit­ler!".

Die frühe philosophische Formung durch Cornelius wurde aber bald durch die von Georg Lukács und Karl Korsch ausgegan­gene Marx-Renaissance der zwanziger Jahre in den Hintergrund gedrängt. Dennoch gab es auch weiterhin grundlegende Ähnlich­keiten: beide Gruppen - der Wiener Kreis wie die sich formierende Kritische Theorie - verfolgten das Projekt eines interdis­ziplinären Materialismus. Und beide spürten die Notwendigkeit einer Überwindung des überholten naturwissenschaftlichen Materia­lismus des 19. Jahrhunderts. Aber die Frankfurter Schule brachte kein Interesse für die revolutionären Umwälzungen auf, die mit der modernen Physik für ein wis­senschaftliches Weltbild und auch für die nötige Revisionen am traditionellen Bestand philosophischer Doktrinen einhergingen. Die Bereiche Naturwissenschaft und Mathematik waren in der Frankfurter Schule faktisch ausgeblendet. Im Unterschied dazu war der Wiener Kreis von einer gewissen Entwick­lungsstufe an enzyklo­pädisch ausgerichtet, wobei die Physik als Vorbild empirischer Wis­senschaften und die Logik als Modell für die analytischen Wissenschaften vor Augen stand, die Sozialwis­senschaften hingegen nur am Rande beteiligt waren. Zudem hatte sich der Wiener Kreis von einem phänomenalistischen Programm ver­abschiedet und eine physi­kalistische Wende vollzogen, mit für die Geisteswissenschaften nachhaltigen Folgen: die Psychologie wurde von Neurath und Carnap im Sinne des Behaviorismus verstanden, und die Sozio­logie entsprechend als Sozialbehaviorismus konzipiert. Kritik an dieser Konzep­tion kam nicht zuletzt aus den eigenen Reihen; so schrieb Edgar Zilsel: "Es fehlt dieser Philo­sophie, so jung und kühn sie ist, sehr zu ihrem Schaden das Verständnis und Interes­se für Geschichte und Gesellschaft".

Horkheimer bezeichnete in seiner Antritts­rede den von ihm propagierten "inter­disziplinären Materialismus" als "Freudo­marxismus". Freud selber betrachtete sich lange Zeit als Natur­wissenschaftler und ist sogar dem "Verein Ernst Mach", dem Popu­larisierungsorgan des "Wiener Kreises", beigetreten. Deren Mitglieder erhofften sich von der Freudschen Psy­choanalyse eine Antwort auf die Frage, wie die "Irrwege der Metaphysik", nachdem sie durch logi­sche Analyse im einzelnen aufgedeckt wä­ren, dann auch kausal zu erklären seien.

Viele Mitglieder des Wiener Kreises waren in der Volkshochschule und Arbeiter­bil­dung tätig, andere in führender Rolle in der Wie­ner Schulreformbewegung oder der sozia­li-stischen Hochschullehrerschaft. Von den Institutsangehörigen der Frankfurter Schule sind hingegen kaum politische Ak­tivititäten außerhalb des Hochschulbereichs zu mel­den, auch fehlte ein Popularisierungs­kon­zept, das es gestattet hätte, die eigentli­chen Ad­ressaten der "kritischen Theorie", näm­lich die arbeitende Bevölkerung, zu er­reichen. Im Gegenteil: über solche Ver­suche wurde, wenn andere sie unternahmen, nur die Nase ge­rümpft.

Gemeinsam ist beiden Strömungen - zumal im Vergleich mit den anderen philosophi­schen Richtungen - das Schicksal der poli­tisch und "rassisch" motivierten Emigration, zu der sie vom Nationalsozialismus bzw. vom Austrofaschismus gezwungen wurden. Diesen galten beide Lehren als zersetzend und kulturbolschewistisch. Dabei war Ador­no zum "Über­wintern" in Deutschland ent­schlossen gewesen; er versuchte, sich den neuen Machthabern durch einige Musik­kritiken zu empfehlen. Sein Antrag auf Aufnahme in Goebbels Reichs­schriftenkam­mer wurde abgelehnt, da er als "Nichtarier" nicht für die "Verwaltung des deutschen Kulturgutes" in Frage komme. Derartige Anbiederungsversuche sind von keinem einzigen Mitglied der "Wiener Kreises" oder auch der mit ihm kooperierenden "Berliner Gesellschaft für wissenschaftliche Philoso­phie" bekannt.

Die Hauptgegner des späteren "Posi­tivis­musstreites" hatten zu diesem Zeitpunkt nicht viel voneinander gewußt. Eine erste Kenntnisnahme zeigt sich in Adornos An­trittsrede von 1931, in der er den Wiener Kreis kritisiert: "Jedes Hinausgehen über das kraft der Erfah­rung Verifizierbare wird verwehrt; Philosophie wird allein zur Ordnungs- ­und Kontroll­instanz der Wis­sen­schaften, ohne .... den einzel­wis­senschaftlichen Be­funden Wesentliches hinzufügen zu dürfen." Horkheimer hin­gegen teilt in den frühen dreißiger Jahren die wichtigsten positivisti­schen Dogmen und verteidigt sie gegen Kritik von ande­ren Mitgliedern der Frank­furter Schule, insbe­sondere gegen das Po­stulat, daß jede Theo­rie durch Erfahrung überprüfbar sein muß und dessen Konse­quenz, daß Theorien, die diese Maxime nicht erfüllen, sinnlos sind.

Allerdings, so Dahms, muß man sich klar sein, daß beide Richtungen zum Teil an etwas anderes dachten, wenn sie jeweils die Kontrollierbarkeit jeder Theorie durch Er­fahrung forderten. Der materialistische Begriff der Erfahrung schloß zwar eine empirische Über­prüfung durchaus ein, da­rüberhinaus wurde jedoch auch an politische Praxis als ein Mo­ment empirischer Er­folgskontrolle soziologischer Theorie ge­dacht, so daß der Erfah­rungsbegriff der kritischen Theorie von vornherein weiter gefaßt war. Die Theorie selber sah Hork­heimer im Gegensatz zum Positivismus als historisch veränderlich an. Auch findet sich bei Horkheimer bereits die heute gängige These von der Theoriegeladenheit jeder Erfahrung.

Die ersten Kontakte zwischen späteren Posi-tivisten und späteren kritischen Theore­tikern fällt schon in die Zeit vor dem ersten Welt­krieg: Hans Reichenbach und Walter Ben­jamin waren gemeinsam in der Berliner Ortsgruppe der Freistudentenschaft tätig. 1928 fand ein erster Kontakt zwischen Reichenbach und Horkheimer statt: Hork­heimer lud Reichenbach zu einem Vortrag nach Frankfurt ein. Aber auch andere Mit­glieder der Ber­liner "Gesellschaft für wis­senschaftliche Philosophie", in der Reichen­bach eine führende Rolle spielte, wurden nach Frankfurt eingeladen. Nach den of­fiziellen Veranstaltungen trafen sich die Anhänger der Kritischen Theorie im Café Lauder, wobei "sozusagen 'entre nous' die Unzulänglichkeit in der Konfrontation mit den viel gelästerten Positivisten zuge­standen wurde, wenn das auch die etwas von oben herablassende Ablehnung dieser wis­sen-schaftstheoretischen Richtung zunächst bei den meisten von uns nicht beeinträch­tigte" (so Willy Strzelewicz ). Unabhängig von den Beziehungen zu dem Berliner kamen auch erste Kontakte zwischen Hork­heimer und Otto Neurath zustande.

1935 kam es in New York sogar zu einem Plan, die europäischen Forschungsstellen der Kritischen Theorie mit Otto Neuraths "Mundaneum Institut" in Den Haag zusam­men­zulegen. Ausgangspunkt dieses Planes war die Veröffentlichung der Arbeit Die Ar­beitslosen von Marienthal von den dem "Wiener Kreis" nahestehenden Lazarsfeld-Jaho­da/Zeisel in der Zeitschrift für Sozial­forschung, die auf ein positives Echo stieß. Horkhei­mer fuhr nach Holland, um die Ve-reinigungspläne mit Neurath zu be­sprechen. Neurath zeigte lebhaftes Interesse an em­piri­scher Sozialforschung, aber seine eigene Beteiligung daran blieb rhetorisch. Hork-heimer schien es bald klargewor­den zu sein, daß er mit seinen Plänen an der fal­schen Adresse war.

Allerdings setzten die beiden die theoreti­sche Diskussion über den Positivismus fort, im Oktober und November 1936 fanden Gespräche in New York statt, die später fortge­führt wur­den. Neurath schrieb an Carnap: "Diskussion in Horkheimer-Se­minar ergab großes Interesse an unserer Sache. Es liegen unsere Artikel und Bücher geradezu in Haufen herum....." Horkheimer wolle zu­dem, so Neurath, "unsere ganze Bewe­gung" in seiner Zeit­schrift abhandeln. Car­nap antwortete: "Wer ist Horkheimer?... Und welches ist seine Zeitschrift, in der er unsere ganze Bewe­gung abhandeln will?"

Horkheimer seinerseits schrieb an Adorno: "Über den Siegeszug dieser Richtung in den gesamten wissenschaftlich interessierten Kreisen vor allem in der anglo-amerikani­schen Welt kann man sich kaum übertrie­bene Vorstellungen machen. Es ist an der Zeit, daß von unserer Seite eine zureichende Kritik gegeben wird," und er fährt fort: "Im Grunde ist das ganze nur ein elendes Rück­zugsgefecht der formalistischen Erkenntnis­theorie des Libera­lismus, der bereits auch auf diesem Gebiet in offene Liebedienerei gegen den Faschismus übergeht." Adorno stellte sich in der Folge eine Widerlegung des Positivismus so vor, daß jeder seiner beiden Bestandteile - d.h. also seine Kon­zeption der Logik und sein Begriff der Erfahrung - jeweils "auf ihre eigene An­tinomie gebracht werden sollen".

Im Frühjahrsheft 1937 der Zeitschrift für Sozialforschung erschien Horkheimers Kri­tik am Wiener Kreis unter dem Titel Der neueste Angriff auf die Metaphysik. Schon in früheren Aufsätzen hatte Horkheimer als Abgrenzungskriterium zwischen seiner Version des Mate­rialismus und dem Positi­vismus dessen Unfähigkeit, zwischen Wesen und Oberfläche der Erfahrung zu unter­scheiden, bezeichnet. Ein weiterer Punkt war nun die Kritik am for­malen Charakter der Logik: "Die Trennung von Form und Inhalt ist entweder un­durchführbar oder unzutreffend." Horkheimer hatte schon früher in einem Brief an Adorno notiert: "Daß die sogenannte 'logische' Analyse von Sätzen auch ohne ihre Bedeu­tungsa­nalyse sinngemäß nicht zu leisten ist, erscheint auch mir als einer der wichtigsten An­satzpunkte der Kritik". Als Alternative zum "positivistischen Nominalismus" plante Hork­heimer eine "dialektische Logik" bzw. eine "materialistische Dialektik". Diese sollte auch die Hegelsche Dia­lektik mit ihrer Identifikation von Denken und Sein sowie ihrer Lehre "von einer ab­soluten, in sich abgeschlossenen Wahrheit" überwin­den. Bereits vor der Aus­einandersetzung mit dem Wiener Kreis war im Frankfurter In­stitut erwogen worden, ein Lehrbuch dieser neuartigen Dialektik zu verfassen. Auch in Adornos Vorträgen vor seiner Emigration spielte diese Dialektik eine merkwürdige Rolle. Sie soll einerseits einen zentralen Stellenwert bekommen und wird verschie­dentlich gera­dezu be­schworen. Andererseits wird darauf verzichtet, an­zugeben, was man sich - wenig­stens im Umriß - darunter vor­zustellen habe. Hork­heimer allerdings gibt in einem Aufsatz über Wahrheit aus dem Jahr 1935 einige Hin­weise: er stellt klar, daß er, anders als an­dere Dia­lektiker, nicht vom "Satz vom Widerspruch" abrücken will. Wie man aus dem Nachlaß ersehen kann, hat Horkheimer verschiedentlich Aufzeich­nun­gen über die neue Dialektik zu Papier ge­bracht, die aber, so Dahms, derart viele elementare Fehler enthalten, daß er gut daran getan hat, sie nicht zu publizieren.

Als Horkheimer und Adorno nach der Fer­tigstellung der Dialektik der Aufklärung auf die geplante Schrift zur Dialektik zurück­kamen, zeigte sich, daß weder über deren Gegenstand noch über deren Methode Einigkeit zu erzielen war. Schließlich ge­stand Horkheimer ein: "Ich habe Angst vor so einem Unternehmen." Es wurde schließ­lich zugunsten anderer Vorhaben ad acta gelegt.

Eine weitere wichtige Kritik Hork­hei­mers am Positivismus besagte, dieser sei nicht in der Lage, auf rationale Weise zwi­schen Glück und Unglück, Gerechtigkeit und Un-recht zu unterscheiden und bestreite sogar die Mög­lichkeit solcher materialethi­scher Di­stinktionen. Damit, so zieht Dahms Bi­lanz, trifft Horkheimer etwas Wesentli­ches. Aber auch in dieser Hinsicht sei die kriti­sche Theorie nicht weit gekommen, und die An­deutungen, die man bei Horkheimer in inhaltlicher Hinsicht finden kann, gehen in dieselbe Richtung wie die der kritischen Positivisten. Die Moralphilosophie Horkhei­mers ist letztlich, wie Herbert Schnädel-bach gezeigt hat, eudaimonistisch; dezisio­nistischer Eudaimonismus ist aber auch die ethische Position Neuraths. Der einzige Unterschied besteht darin, daß der Eudai­monis­mus sich bei Neurath stärker auf handelnde Kollektive richtet, während der­jenige Neuraths (wie auch der von Schlick) mehr individualistisch ist.

Ein weiterer zentraler Punkt in Horkheimers Kritik bildete die Ideologiekritik. "Das Pro­blem ist mehr die gesellschaftliche Funktion des logischen Empirismus als philoso­phische Richtung und nicht so sehr die eine oder andere Einzelfrage der Wis­senschafts­logik", schrieb Horkheimer an Neurath, und fügte hinzu, das halte Carnap für belanglos. Neurath erwiderte: "Ich glau­be nicht, daß Carnap irgendeine wis­senschaftliche Frage für belanglos hält. Die Frage, die Sie an­schneiden, über die soziale Funktion unserer Bewegung, ist doch absolut wis­senschaft-lich", um dann hinzuzufügen: "Es fragt sich nur, wie gut sie beantwor­tet wird, und ob die Antwort in empiristischer Weise er­folgt." Dahms meint nun, daß gerade die ideologiekritische Arbeit Hork­heimers, auf die er soviel Wert gelegt hatte, gleichzeitig die inhaltlich dürftigste ist. So schreibt er in dem Aufsatz Der neueste Angriff auf die Metaphysik, der Positivismus gründe in der "traurigen Verfassung des Bürger­tums", ohne dies in irgendeiner Weise zu begrün­den. Gemeint war wohl eine willenlose Unterwerfung unter die "Herrschaft der kapitalkräftigsten Gruppen". Aber - so Dahms - in Wirklichkeit waren die kritisier­ten Positivisten vielfach Sozia­listen und mußten vor Faschismus und National­sozialismus in die Emigration flüchten.

Über diesen Aufsatz kam es im Sommer 1937 in Paris zu einer ausführlichen, sechs­stün­digen Aussprache zwischen Neurath, Carnap, Frank, Hempel, Lazarsfeld, Ben­jamin und Adorno. Adorno schrieb Horkhei­mer, sie hätten dabei nicht "die leiseste Nuance" preis­geben müssen, "während die anderen, und zwar besonders Neu­rath, im­merhin eine Menge zugaben". Die Diskus­sion wurde dann in einem Briefwechsel zwischen Horkheimer und Neurath fortge­setzt.

Neuraths Gegenangriff auf Horkheimers Konzept der "kritischen Theorie" zeichnete sich denn auch, so Dahms, "durch eine schon fast unfaßbare unpolemische Mäßi­gung" aus. Insbesondere kritisiert er: "Horkheimer deutet nirgendwo an, mithilfe welcher Kontrollen man feststellt, wann eine Ansicht 'richtig', wann sie 'unrichtig' ist" (was Horkheimer in seiner Erwiderung als den "wundesten Punkt meiner Arbeit" zugab - ein, wie Neurath sofort bemerkte, fatales Einverständnis, hat es doch zur Fol­ge, daß man die im Neuesten An­griff auf­ge­stellten Thesen genauso gut be­haupten wie negieren kann). Und die Beru­fung auf eine Dialektik schien ihm dubios. Weit davon entfernt, etwas zur Lösung wis­senschaftlicher Pro­bleme beizutragen, sei sie im Gegenteil das Ein­fallstor für jegliche Metaphysik.

Mehr als alle inhaltlichen Divergenzen führt aber schließlich die Weigerung Horkhei­mers, Neuraths Erwiderung in seiner Zeit­schrift abzudrucken, zum Abbruch des Kontaktes zwi­schen den beiden. Was aber an­dere logische Positivisten nicht daran hin­derte, die Beziehung zur Frankfurter Schule fortzusetzen oder sogar allererst anzu­knüpfen. Die letzten persön­lichen Kontakte zwischen logischen Empiristen und kriti­schen Theoretikern fanden in den vierziger Jahren an der amerikanischen Westküste statt. Um die Chancen eines eventuellen Umzugs seines Instituts dorthin auszuloten, wandte sich Horkheimer an Reichenbach, der seit 1938 als Philosophieprofessor in Los Angeles wirkte. Dabei war nach den polemi­schen Auseinandersetzungen der Tonfall erstaunlich: "Es ist ein wahrer Trost, daß es in dieser Zeit noch aufrichtige wis­senschaftliche und menschliche Solidarität gibt." Trotz der Bemühungen Reichenbachs ließ sich aber die Übersiedlung nicht be­werkstelligen. Den­noch kam es, wie sich Maria Reichenbach erinnert, in der psy­choanalytischen Gesell­schaft von Los An­geles zu hitzigen Diskussionen zwi­schen Reichenbach und Ador­no, Horkhei­mer so-wie Marcuse über Psychoanalyse. Dabei ist ihr in Erinnerung geblieben, daß Adorno "mit einem Dogmatismus sonder­gleichen" den Eindruck erweckt habe, er habe in Dingen der Psychoanalyse "die Weisheit mit Löffeln gefressen" und daß Marcuse der einzige der Frankfurter ge­wesen sei, mit dem man sich noch einiger­maßen vernünftig habe unterhalten können.

Im eigentlichen, berühmt gewordenen "Posi­tivismusstreit" der siebziger Jahre war diese Vorgeschichte mit Ausnahme von Adorno keinem der Beteiligten bekannt. Der Streit begann bei einer Veranstaltung der "Deut­schen Ge­sellschaft für Soziologie" in Tübin­gen, wozu Karl Popper eingeladen worden war. Pop­per hatte sich schon Jahrzehnte zuvor aus­drück­lich als Positivismuskritiker vorge­stellt. Daß er dennoch in der Ein­leitung zum Sammelband mit den Beiträgen zu diesem Streit als Positivist bezeichnet werden konn­te, hängt damit zu­sammen, daß der "logi­sche Po­sitivis­mus" und die "wis­senschaftliche Weltauffassung" im deut­schen Sprachraum inzwi­schen in Verges­senheit geraten waren. Denn während ein Teil der Frankfurter Schule nach dem Krieg zu­rückkehren konnte, war dies dem Wiener Kreis nicht möglich - die offizielle österrei- chische Politik hielt die Emigranten mög­lichst von ihrem Heimatland fern. Erst durch die Alpbacher Hochschulwochen, zu denen auch ehe­malige Mitglieder des Wie­ner Kreises eingeladen wurden, wurde man wieder auf den logischen Positivismus und die Philosophie Poppers aufmerksam. Das Institut der Frank­furter hingegen konnte mit groß­zügiger ad­ministrativer und finanzieller Hilfe der amerika­nischen Besatzungsmachtwieder aufgebaut werden. Dabei hatte sich insbesondere Adornos Einstellung verändert: bei ihm ist eine abnehmende Wertschätzung empirischer Sozial­forschung im Laufe der fünfziger Jahre zu konstatieren. Den Grund dazu sieht Dahms in einer zunehmenden Enttäuschung sowohl über die Entwick­lungstendenzen der Bundes­republik als auch über eine Soziologie, die diese Symp­tome der Re­stauration nur bestenfalls registrierte, im Nor­malfall aber guthieß. Zudem nahmen beide, Horkheimer und Adorno, wiederholt  ­ein Erstarken des An­tise­mitis­mus wahr und rea­gierten empfindlich darauf. So erlebte Ador­no nach seiner end­gültigen Rück­kehr aus den USA wiederholt an­tisemi­tische Res-sentiments in seiner Um­gebung. Er mußte einsehen, daß mit eigen­ständigen empiri­schen Ana­lysen kein kriti­sches Ein­wirken auf die Entwick­lung der Gesellschaft mög­lich war. Dies führte zu einem grund­sätzli­chen Zwei­fel am Wert empirischer Sozial­forschung, die schließlich in eine erneute scharfe Posi­tivis­muskritik mündete.

Der Konflikt, der mittelbar zum Positivis­musstreit geführt hat, ging aus von einer Or­ganisationskonkurrenz der beiden inter­nationalen Soziologenverbände, der 1949 gegrün­deten "International Sociological Association" (ISA), der die 1946 wieder­belebte Deutsche Gesellschaft für Sozio­logie beigetreten war, und dem "Institut International de Sociologie" (IIS), zu dem sich im April 1951 eine deutsche Sektion gebildet hatte. In letzterer sammel­ten sich kon­servative und z.T. durch ihre politische Vergangenheit belastete Kräfte, wäh­rend die ISA pro­gressiv war, was zu Spannungen unter den Soziologen führte. Auf Oktober 1961 wurde eine "interne Arbeitstagung" der DGS einberufen, um über die Dif­feren­zen innerhalb der deut­schen Soziologen zu diskutieren. Ralf Dah­rendorf, der Or­gani­sator, fand, eine "Erör­terung der wis­senschaftslogischen Grundla­gen der Sozio­logie könnte ein geeigneter Weg sein, um die vorhandenen Differenzen sichtbar her­vortreten zu lassen und damit für die For­schung fruchtbar zu machen". Er wählte Karl Popper als Kontrahent zu Adorno, da er den da­mals führenden deut­schen Soziolo­gen König und Schelsky nicht zutraute, eine starke Gegenposition zu Ador­no auf­zubauen. Popper hatte sich da­mals bereits einen Namen gemacht, aber vor allem in der angelsächsischen Welt, und er war Dahren­dorf persön­lich bekannt. Popper aber hatte keine Erfahrung mit den Pro­blemen em­pirischer Sozial­forschung und war mit der Methodendiskussion der bun­des­deut­schen Soziologie der Nach­kriegszeit nicht vertraut. In seiner Philosophie unter­schied er sich vom Positivismus nicht nur in vielen Punk­ten, sondern widersprach ihr sogar in ent­scheidenden Hinsichten. Man tut ihm des­halb unrecht, wenn man ihn als Positivist einordnet, wie dies während des Positivis­musstreites in Mode gekommen war. Aller­dings stand er dem logischen Positivis­mus näher als den im Nachkriegs­deutschland dominieren­den philosophischen Strömungen.

Poppers Tübinger Referat bestand nun zu einem großen Teil in einer kritischen Aus­einan­dersetzung mit dem Positivismus. Erkenntnis beginne nicht "mit Wahrneh­mungen oder Beobachtun­gen oder der Sammlung von Daten oder von Tatsachen", führte er aus, "son­dern sie be­ginnt mit Problemen". Auf spezifische Methodenpro­bleme der Sozialwis­senschaften ging er erst am Schluß seines Referates ein. Dabei sprach er sich für "eine rein objek­tive Me­thode" aus, die man am besten "als objek­tiv-verstehende Methode oder Situa­tions­logik bezeichnen kann". Dahinter, so Dahms, verstecke sich nichts anderes als die Methode der verstehenden Soziologie im Sinne Max Webers. Und auch hinter dieser These steht ein versteckter Angriff auf den Logischen Positivismus, lehnte doch Neu­rath die "verstehende Soziologie" von Max Weber entschieden ab, da sie nicht kontrol­lierbar sei. Adorno schien das auch so ver­standen zu haben, antwortete er doch: "Mit allem, was Popper gegen die falsche Trans­position naturwissenschaftlicher Methoden, gegen den 'verfehlten und mißverständli­chen methodologischen Naturalismus und Szientismus' sagt, bin ich einverstanden." Aber auch Horkheimer war noch bis weit in die sechziger Jahre hinein davon überzeugt, Popper sei ein Kritiker des Positivismus.

In Adornos 1969 veröffentlichten Einleitung zum Buch Der Positivismusstreit in der deut­schen Soziologie sieht das aber nun ganz anders aus. Schon in der ersten Fuß­note schreibt er: "Daß Popper und Albert vom spezifischen logischen Positivismus sich abgrenzen, sei vorweg wiederholt. Warum sie trotzdem als Positivisten be­trachtet werden, muß aus dem Text hervor­gehen." Den Unterschied sieht Adorno in diesem Text innerpositivistisch: "Die Pop­persche Theorie ist beweglicher als der übrige Positivismus." Daß Adorno seine Mei­nung über Popper geändert hatte, ist ver­mutlich - so Dahms - mit auf die inzwi­schen von Habermas publizierten Beiträge zum Positivismusstreit zurückzuführen, in denen Popper und Albert von Anfang an als Positivisten eingeordnet werden. Während eines von Adorno gemeinsam mit Ludwig von Friedeburg im Sommersemester 1967 veranstalteten Semi­nars zum Positivis­musstreit dürfte sich diese Tendenz durch ein Referat des damaligen Habermas-As­sistenten Albrecht Wellmer verstärkt haben, auf das Adorno in der Ein­leitung mehrfach zustimmend zu sprechen kommt.

Während der Studentenrevolution sind Adorno und Horkheimer in poli­tischer Hin­sicht auf die Kritische Theorie der dreißiger Jahre festgelegt worden. Genau dasselbe, so Dahms, sei auch hin­sichtlich der Wis­senschaftstheorie passiert, denn viele Pas­sagen der Einleitung rekapitulie­ren beinahe minutiös Passagen des damaligen Brief­wechsels zwischen Horkhei­mer und Adorno, insbesondere

n den Grundwiderspruch des logischen Positivismus, nämlich den zwischen Erfah­rung und Logik;

n die Kritik am restringierten und damit affirmativen positivistischen Erfahrungsbe­griff;

n den Verzicht der Positivisten auf die Unterscheidung von Wesen und Erschei­nung.

Auffallend an der Einleitung ist zudem der essayistische Duktus und die vielen auto­biogra­phischen Bemerkungen, die den Ein­druck erzeugen, Adorno habe sich sein Leben lang mit dem Positivismus beschäf­tigt. Das zeige, so Dahms, daß Adorno befürchtet habe, mit der Kraft seiner Ar­gumente allein nicht mehr gegen den Positi­vismus durchdringen zu können. Dafür spricht auch das relative späte Erscheinen des Buches (1969). Denn bereits 1965 hatte sich der damalige Lektor des Luchterhand-Ver­lages, Frank Benseler, an die Teilnehmer des Positivismus-Streites mit dem Plan gewandt, einen Sammelband unter dem Arbeitstitel "Positivismus und Dialek­tik" heraus­zugeben. Der Band, heraus­gegeben von Adorno, sollte die Diskus­sionen zwi­schen Popper und Adorno auf der genann­ten Tü­binger Tagung bein­halten, zudem Haber­mas' Beitrag zur Adorno-Fest­schrift, Alberts Auseinandersetzung mit diesem Artikel in der Kölner Zeitschrift für Sozio­logie und die Antwort von Habermas da­rauf. Adorno nutzte nun seine Heraus­geberschaft, um zwei weitere eigene Texte, näm­lich "So­ziologie und empirische For­schung" aus dem Jahr 1957 und eine "Ein­lei­tung", insgesamt 96 Seiten, hin­zuzufügen. Dagegen erlaubte er seinem Kontrahenten, Hans Al­bert, ledig­lich 44 Seiten, nämlich Alberts Erwiderung auf Habermas, "Im Rücken des Positivismus" sowie ein "Klei­nes, verwundertes Nachwort" hinzuzufügen. Dahms geht davon aus, daß Adorno durch die Aufnahme des älteren Beitrages von 1957 den Eindruck erwecken woll­te, er sei der Urheber der ganzen Auseinander­setzung, was den komplexen Hintergrund der Entstehungsgeschichte verfälscht. Weni­ge Tage nach dem Erscheinen des Positivis­musstreites ist Adorno gestorben.

Die zweite Runde des Positivismus-Streites, diesmal zwischen Jürgen Habermas und Hans Albert, markiert eine Zäsur in der Weiterentwicklung der Frankfurter Schule selbst.

Zwar erweckte Habermas mit seinem Bei­trag Analytische Wissenschaftstheorie und Dia­lektik zur Adorno-Festschrift den Ein­druck, als ginge es ihm hauptsächlich um die Ver­teidigung der Position Adornos, ist doch viel von dessen Lieblingsbegriff der Totalität die Rede. Habermas hat jedoch im weiteren Verlauf der Debatte zunehmend davon abgelas­sen. 1982 schreibt er rück­blickend im Vorwort zur Neuauflage der Logik der Sozialwis­senschaften: "Zwei der angeschlagenen Motive sind freilich unbear­beitet liegengeblieben: der Versuch, dem dialektischen Begriff der Totalität einen Platz in der sozialwis­senschaftlichen For­schung zu sichern, und das Bemühen, Typen einer nichtrestringierten Erfahrung in alternativen Formen der sozialwissenschaft­lichen Forschung nachzuweisen", zwei Motive, um deretwillen er die Diskus­sion überhaupt aufgenommen hatte.

Dahms vermutet, Habermas habe andere Ziele verfolgt (als Adorno zu verteidigen), näm­lich

n eine Präsentation von Vorstufen seiner während der Dauer des Positivismusstreites kon­zipierten Theorie der "erkenntnislei­tenden Interessen" und

n deren Verteidigung gegen den kritischen Rationalismus Poppers und Alberts.

Denn die Thematisierung des Zusammen­hanges von Erkenntnis und Interesse - so die These Dahms - speist sich aus ganz anderen Quellen als der kritischen Theorie - nämlich aus der Erkenntnistheorie seines philosophischen Lehrers Erich Rothacker. Habermas hat diese Anknüpfung niemals explizit gemacht, was das Verständnis sei­ner Position nicht gerade erleichtert hat. Horkheimer etwa steht mit seiner frontalen Ablehnung jedes Prag­matis­mus/Instrumenta­lismus, seinem Insistieren auf der Suche nach der Wahrheit um ihrer selbst willen und seiner Bestimmung der Wahrheit als einer "Übereinstimmung von Name und Ding" in wichtigen Aspekten der Pop­perschen Philosophie näher als derjenigen von Habermas.

Deshalb war es unvermeidlich, daß es im Verlaufe der Auseinandersetzung zu Miß­ver­ständnissen kommen mußte. So legte Habermas viel größeres Gewicht als Ador­no und Horkheimer auf die Kritik des einheitswissenschaftlichen Anspruchs des Positivismus. Aber weder Popper noch Al­bert hatten je das Programm einer Ein­heitswissenschaft vertre­ten, gegen das Ha­bermas sich wandte. Habermas kritisierte, die Positivisten würden die einseitige Fixie­rung auf die Naturwissenschaften im Sinne eines einheitswissenschaftlichen Methoden­imperialismus auf die übrigen Wissenschaf­ten ausdehnen. Damit werde das Interesse der Geschichtswissenschaften und erst recht der kritischen Sozialwissenschaften verfehlt. Zwar haben einige Positivisten, nicht aber Popper, die Naturwissenschaften im Sinne eines technisch erkenntnisleitenden Interes­ses gedeutet. Für Poppers Wis­senschafts­lehre ist vielmehr charakteristisch, von Anfang an den Instrumentalismus kriti­siert und diesem eine "realistische" er­kenntnis­theoretische Haltung gegenüberge­stellt zu haben.

Später hat Habermas allerdings in gewisser Hinsicht die Seiten des Disputs gewechselt: Seine Konsenstheorien der Wahrheit und Moral stützen sich zu großen Teilen auf die Vorarbeiten jener amerikanischen Prag­matisten und ihrer Nachfolger, die von den älteren kritischen Theoretikern noch als Verfechter eines positivistisch restringierten Ver­nunftbegriffs gescholten worden waren.

 

 







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