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Derrida über den "Geist" des Marxismus

 

Derridas Plädoyer für einen gewissen "Geist" des Marxismus

Als Derrida das Manifest und andere der Werke von Marx vor einiger Zeit wieder las, sagte er sich, er kenne wenige Texte (viel­leicht auch gar keinen) der ganzen philo­sophi­schen Tradition, deren Lektüre heute dringlicher sei. Kein anderer Text, so Derrida in seinem Buch

Derrida, Jacques: Marx' Gespenster. 283 S., kt., DM 19.90, Fischer Taschenbuch Zeit­Schriften 12380, 1995, Fischer Taschen­buchverlag, Frankfurt,

sei so hellsichtig in Bezug auf die statt­findende weltweite Ausdehnung des Politi­schen und den irreduziblen Anteil des Tech­nischen und Medialen am Fortgang noch des tief­schürfendsten Denkens - und zwar auch jenseits der Eisenbahn und der Zeitun­gen von damals, deren Macht das Manifest auf unvergleichliche Weise ana­lysierte. Und wenige Texte sagen Derrida zufolge so Erhellendes über das inter­nationale Recht und den Natio­nalismus.

Deshalb wird es immer ein Fehler sein, Marx nicht zu lesen, ihn nicht wieder­zulesen und ihn nicht zu diskutieren. Seit die Dogmenmaschinerie und die ideologi­schen Apparate des Marxismus verschwun­den sind, haben wir keine Entschuldigung mehr, nur noch Alibis, um uns davon ab­zuwenden.

Die Erfahrung des Marxismus, so berichtet Derrida, habe ihn und seine Generation ein halbes Leben lang begleitet, Marx sei für ihn beinahe eine väterliche Figur. Wir alle sind in einer Kultur zuhause, die in unaus­lotbarer Tiefe, ob sichtbar oder nicht, die Markie­rung dieses Erbes bewahrt. Auch muß man nicht Marxist oder Kommunist sein, um sich der Evidenz der mar­xi­sti­schen Interpre­tation zu öffnen.

Für die meisten von uns hat ein bestimmtes Ende des Marxismus schon zu Beginn der fünfziger Jahre angefangen und nicht erst nach dem Ende des Kommunismus. Ge­meint ist der "apokalyptische Ton in der Philosophie", die Rede vom "Ende", vom "Ende der Philosophie" oder vom "Ende des Menschen". Marx bildete mit Hegel, Nietz­sche, Heideg­ger den Kanon der Klassiker dieser Apokalypse. Untrennbar dazu gehört aber auch das Wissen über den totalitären Terror in allen Ländern des Ostens.

Diese Elemente sind es, worin sich das entwickelt hat, was man heute Dekonstruk­tivismus nennt. Es ist, besonders in Frank­reich, unmöglich, die Dekonstruktion zu begreifen, wenn man diesen historischen Zusammenhängen nicht Rechnung trägt. Eine Dekonstruktion, wie sie in den letzten Jahrzehnten als Dekonstruktion der Meta­physiken des Eigenen, des Logo­zentrismus oder der autonomischen Hegemonie der Sprache geleistet worden ist, wäre in einem prämarxistischen Raum unmöglich gewesen. Dekonstruktion hat immer nur Sinn in der Tradition eines gewissen Marxismus, in einem gewissen marxistischen Geist gehabt.

Alles, was heute in der Welt schlecht geht, mißt nur den Abstand zwischen einer em­piri­schen Realität und einem regulativen Ideal. Durch eine Nichtübereinstimmung zwischen diesem Ideal und der empirischen Realität werden der Wert und die Evidenz des Ideals kompromittiert. Um diesen Ab­stand aufzuzeigen und ihn soweit als mög­lich zu verringern, bleibt der Rekurs auf einen gewissen Geist der marxistischen Kritik dringlich. Wenn man die marxistische Kritik den neuen Umständen anzupassen weiß, wird sie auch fruchtbar bleiben, etwa wenn es sich um neue Produktionsweisen handelt, um die Aneignung von Machtpo­tentialen, oder um ökonomische oder wis­senschaftlich-technische Kenntnisse usw.

In einer zweiten Interpretation wird es darum gehen, jenseits von all dem, was dem Ideal nicht entspricht, den Begriff des ge­nannten Ideals in einigen seiner wesentli­chen Prädikate selbst in Frage zu stellen. Das würde sich zum Beispiel auf die libe­rale parlamentarische Demokratie, die Wahl- oder Repräsentationsmodi, die gän­gigen Begriffe von Freiheit und Gerechtig­keit und vor allem Brüderlichkeit (der pro­blematischsten aller Begriffe) bis auf den Begriff des Menschen selbst erstrecken. Auch in diesem Fall würde die Treue ge­gen­über dem Erbe eines gewissen marxisti­schen Geistes verpflichtend bleiben.

Diese beiden Gründe, einem Geist des Mar­xismus treu zu bleiben, dürfen nicht ne­beinan­der stehen, sie müssen sich vielmehr miteinander verflechten und sich im Verlauf einer komplexen und immer wieder neu abzuschätzenden Strategie gegenseitig im­plizieren. Hinzu kommt eine gewisse eman­zipatorische Affirmation, die man von jedem Messianismus zu be­freien versuchen kann.

Nun ist es leicht vorstellbar, so Derrida, daß die Marxisten keine Freude haben (und alle anderen erst recht nicht), wenn derartig auf dem Geist oder besser den Geistern des Mar­xismus beharrt wird. Aber unzeitgemäße Geister soll man nicht vertreiben, sondern kritisi­eren, bei sich behalten und wieder kommen lassen. Derrida: "Ich glaube an die politische Tugend der Unzeitigkeit".

Dieser Geist des Marxismus beerbt einen Geist der Aufklärung, auf den wir Derrida zu­folge nicht verzichten sollen. Und es ist die Dekonstruktion, die diesen Geist "in einer fast chemisch anmutenden Analyse" freilegt und deshalb kann Derrida sagen: "Die beste Über­setzung für 'Perestrojka' ist im­mer noch 'Dekon­struktion'".

 







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